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Zimt: Wirkung gegen Diabetes unwahrscheinlich

Zimt ist als Diabetes-Medikament ungeeignet

Zimt ist als Diabetes-Medikament ungeeignet

Zimt verfeinert nicht nur Süßspeisen. Das Gewürz soll auch bei Diabetes helfen. Bisherigen Studien zufolge ist an dieser Behauptung jedoch nichts dran.

Frage:Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Diabetes?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen, dass Zimt den Blutzuckerspiegel bei Diabetikerinnen und Diabetikern wahrscheinlich nicht beeinflusst.

Zimt und Zucker – sie veredelt Zimtsterne und Glühwein genauso wie Apfelstrudel und Grießbrei. Doch manche denken bei der Kombination Zimt und Zucker nicht (nur) an süß-aromatische Speisen und Getränke.

Denn Zimt soll den Zuckerspiegel angeblich senken, wenn dieser aufgrund von Diabetes zu hoch ist. Das behaupten zumindest viele Internetseiten, die Zimtkapseln als gesundheitsförderndes Nahrungsergänzungsmittel für eine „natürliche“ Blutzuckerregulierung bewerben.

Diabetes ist eine der häufigsten chronischen Krankheiten. In Österreich sind rund 600.000 Menschen betroffen, in Deutschland 6,7 Millionen Erwachsene [7,8]. Ob und in welchem Ausmaß Zimt hier helfen kann, beantworten die Internetseiten jedoch genauso wenig wie die Frage nach wissenschaftlichen Belegen. Wir haben nachgeforscht.

Kein Effekt auf Blutzucker

Dazu haben wir mehrere wissenschaftliche Datenbanken nach entsprechenden Forschungsarbeiten durchforstet. Insgesamt konnten wir elf einigermaßen aussagekräftige Studien finden [1-6]. Ihre zusammengefassten Ergebnisse sind enttäuschend: Zimt kann den Blutzuckerspiegel von Diabetes-Betroffenen wahrscheinlich nicht günstig beeinflussen, also senken.

In den Studien waren über 900 Menschen mit Diabetes per Zufall einer von zwei Gruppen zugelost worden. Eine Gruppe nahm täglich Nahrungsergänzungsmittel mit Zimt ein, die andere Gruppe ein wirkstoffloses Scheinpräparat. Zu Studienende unterschieden sich die Blutzuckerwerte in Summe nicht zwischen beiden Gruppen.

Die Studien liefen allerdings nur über eine Dauer von zwei bis vier Monaten. Eine langfristigere Wirkung von Zimt – etwa auch auf gesundheitliche Folgen durch eine Diabeteserkrankung – ist bisher gar nicht untersucht.

Unerforschte Nebenwirkungen

Das gilt auch für mögliche Gesundheitsprobleme, die durch die regelmäßige Einnahme von Zimt entstehen könnten. Zwar berichteten die Testpersonen nach der Einnahme von Zimt nicht häufiger von Nebenwirkungen [1,5,6]. Etliche Studien haben das jedoch gar nicht erhoben. Für eine Einnahmedauer von über vier Monaten sind unerwünschte Auswirkungen nicht untersucht.

Die Dosis macht das Gift

Cassia-Zimt ist die bei uns am häufigsten erhältliche Zimtart. Sie enthält gesundheitsschädliches Cumarin. Für diesen Stoff ist gesichert, dass er in höheren Mengen Leberschäden verursachen kann. Fachleuten des Bundesinstituts für Risikoforschung in Deutschland zufolge sollte eine erwachsene Person mit 60 Kilo auf Dauer nicht mehr als zwei Gramm Cassia-Zimt pro Tag essen. Das entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel Zimtpulver [9]. Für eine 90 Kilo schwere Person wäre eine tägliche Menge von bis zu drei Gramm unbedenklich.

Die in den Studien untersuchte Zimt-Dosis reicht von 0,5 bis 6 Gramm pro Tag, übersteigt teilweise also den als sicher geltenden Grenzwert für die Langzeitaufnahme deutlich.

Für Kinder wird Zimt im Übrigen bereits in deutlich geringeren Mengen bedenklich. Bei einem Kleinkind mit einem Gewicht von 15 Kilo wäre die tägliche Obergrenze bereits bei 0,5 Gramm erreicht [9].

Der teurere Ceylon-Zimt enthält im Gegensatz zu Cassia-Zimt kaum Cumarin [9].

Zuckerkrankheit Diabetes

Diabetes ist eine häufige Stoffwechselkrankheit. Sie führt dazu, dass der Blutzuckerspiegel erhöht ist. Etwa 9 von 10 Betroffenen haben Diabetes vom Typ 2. Diese Diabetesart wird auch „Altersdiabetes“ bezeichnet, sie kann aber auch in jungen Jahren auftreten.

Es gibt mehrere Faktoren, die das Risiko erhöhen, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Dazu gehören unter anderem Übergewicht und zu wenig Bewegung, Rauchen und eine einseitige Ernährung [10]. Der seltenere Typ-1-Diabetes hingegen tritt meist schon in der Kindheit oder Jugend auf und hat andere Ursachen.

Eine Diabetes-Erkrankung kann gravierende Folgen haben: Sie reichen von schwer heilenden Wunden an den Beinen bis zu Nervenschäden und Nierenproblemen. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ist erhöht [10].

Wie sich Diabetes vorbeugen und behandeln lässt, beschreibt die unabhängige, wissenschaftsbasierte Plattform Gesundheitsinformation.de

 

Die Studien im Detail

In einer systematischen Übersichtsarbeit fassten ein Forscher und eine Forscherin aus Australien die Studienlage zu Zimt und Diabetes bis Jänner 2012 zusammen [1]. Insgesamt fand das Wissenschafts-Duo zehn randomisiert-kontrollierte Studien an 577 Personen mit Typ 1 oder Typ 2 Diabetes.

In diesen Studien waren die Testpersonen per Zufall (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeteilt worden. Eine Gruppe erhielt Kapseln oder andere Präparate mit Zimt. Die andere Gruppe bekam ein gleich aussehendes Placebomittel ohne Zimt. Die Zimt-Dosis reichte von 0,5 bis 6 Gramm Zimt pro Tag. Die Einnahmedauer war ein bis vier Monate. Die Teilnehmenden stammten vorwiegend aus wohlhabenden Staaten wie den USA, Deutschland oder Großbritannien, aber auch aus Ländern wie Thailand, Pakistan oder dem Libanon.

Sechs der zehn Untersuchungen verglichen zu Studienende eine Maßzahl für den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel innerhalb der vergangenen drei Monate – den HbA1c-Wert. Er steht für den Anteil des Blutfarbstoffs Hämoglobin, an den der im Blut vorkommende Zucker Glucose gebunden ist. Fachleute betrachten ihn bei der Behandlung von Diabetes als aussagekräftiger als eine einmalige Messung des Blutzuckers. Zu Studienende unterschied sich der HbA1c-Wert praktisch nicht zwischen Zimt- und Placebo-Gruppe.

Dies gilt auch für den zu Studienende gemessenen Nüchtern-Blutzucker. Diesen haben sechs Studien erhoben.

Neuere Studien

Da die Übersichtsarbeit nur Studien bis Jänner 2012 berücksichtigt hat, haben wir uns in Forschungsdatenbanken auf die Suche nach aktuelleren wissenschaftlichen Ergebnissen gemacht.

Insgesamt haben wir dabei sieben weitere randomisiert-kontrollierte Studien gefunden, die den HbA1c-Wert bei den untersuchten Personen erhoben haben. Zwei dieser Arbeiten waren äußerst mangelhaft in der Durchführung, sodass wir sie als nicht aussagekräftig einstufen [11,12].

Die restlichen fünf Studien [2-6] stammen alle aus dem Iran und haben 359 Männer und Frauen mit Diabetes untersucht. Als wir ihre Daten mit den älteren aus der systematischen Übersichtsarbeit zusammenfassten, bestätigte sich das Ergebnis des australischen Forschungsduos von 2012: Zimt kann den HbA1c-Wert von Diabetikerinnen und Diabetikern wahrscheinlich nicht verbessern.

Wahrscheinlich?

„Wahrscheinlich“ deshalb, weil wir nicht völlig in die Korrektheit der einzelnen Studienergebnisse vertrauen. Einerseits spiegeln sie die Wirkung von Zimt nur über eine Dauer von maximal vier Monaten wider. Es lässt sich also nicht völlig ausschließen, dass Zimt über einen längeren Zeitraum doch noch eine kleine Wirkung zeigt.

Anderseits lässt die Qualität der meisten Studien zu wünschen übrig. Beispielsweise ist nicht immer ausgeschlossen, dass sich Zimt- und Placebogruppe in einzelnen Punkten bereits vor Studienbeginn unterschieden. Das macht es schwieriger, die beiden Gruppen zu Studienende zu vergleichen. In etlichen Fällen könnte das Ergebnis verzerrt sein, weil Testpersonen vorzeitig aus der Studie ausgeschieden sind. Auch ist die Anzahl der Teilnehmenden in den meisten Studien sehr klein.

Trotz allem weichen die Ergebnisse der Einzelstudien nicht stark voneinander ab und deuten in dieselbe Richtung. Das heißt, die Ergebnisse der Übersichtsarbeit wurden bestätigt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Leach u.a. (2012)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 577 Personen mit Typ 1 oder Typ 2 Diabetes
Studiendauer: 4 bis 16 Wochen
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Leach MJ, Kumar S. Cinnamon for diabetes mellitus. Cochrane Database Syst Rev. 2012 Sep 12;(9):CD007170. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Hasanzade u.a. (2013)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 70 Erwachsene mit Typ 2 Diabetes aus dem Iran
Studiendauer: 2 Monate
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Hasanzade F, Toliat M, Emami SA, Emamimoghaadam Z. The Effect of Cinnamon on Glucose of Type II Diabetes Patients. J Tradit Complement Med. 2013 Jul;3(3):171-4. (Studie in voller Länge)

[3] Mirfeizi u.a. (2016)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 105 Erwachsene mit Typ 2 Diabetes aus dem Iran, davon u.a. 30 in der Zimt-Gruppe und 45 in der Placebo-Gruppe
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren und Autorinnen

Mirfeizi M, Mehdizadeh Tourzani Z, Mirfeizi SZ, Asghari Jafarabadi M, Rezvani HR, Afzali M. Controlling type 2 diabetes mellitus with herbal medicines: A triple-blind randomized clinical trial of efficacy and safety. J Diabetes. 2016 Sep;8(5):647-56. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Talaei u.a. (2017)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 44 Erwachsene mit Typ 2 Diabetes aus dem Iran
Studiendauer: 8 Wochen
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren und Autorinnen

Talaei B, Amouzegar A, Sahranavard S, Hedayati M, Mirmiran P, Azizi F. Effects of Cinnamon Consumption on Glycemic Indicators, Advanced Glycation End Products, and Antioxidant Status in Type 2 Diabetic Patients. Nutrients. 2017 Sep 8;9(9). pii: E991. (Studie in voller Länge)

[5] Vafa u.a. (2012)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 44 Erwachsene mit Typ 2 Diabetes aus dem Iran
Studiendauer: 8 Wochen
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren und Autorinnen

Vafa M, Mohammadi F, Shidfar F, Sormaghi MS, Heidari I, Golestan B, Amiri F. Effects of cinnamon consumption on glycemic status, lipid profile and body composition in type 2 diabetic patients. Int J Prev Med. 2012 Aug;3(8):531-6. (Studie in voller Länge)

[6] Zare u.a. (2018)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 140 Erwachsene mit Typ 2 Diabetes aus dem Iran
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Placebo?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren und Autorinnen

Zare R, Nadjarzadeh A, Zarshenas MM, Shams M, Heydari M. Efficacy of cinnamon in patients with type II diabetes mellitus: A randomized controlled clinical trial. Clin Nutr. 2018 Mar 11. pii: S0261-5614(18)30114-6. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] BMGF (2017)
Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Österreichische Diabetes-Strategie. Abgerufen am 18. 10. 2018 unter https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/2/7/2/CH1075/CMS1460386129805/diabetesstrategie.pdf

[8] Robert Koch Institut (2018)
Diabetes-Surveillance in Deutschland. Journal of Health Monitoring· 2018-3(S3) DOI 10.17886/RKI-GBE-2018-061 (Arbeit in voller Länge)

[9] Bundesinstitut für Risikobewertung – BfR (2012)
Neue Erkenntnisse zu Cumarin in Zimt. Stellungnahme Nr. 036/2012 des BfR vom 27. September 2012. Abgerufen unter: http://www.bfr.bund.de/cm/343/neue-erkenntnisse-zu-cumarin-in-zimt.pdf

[10] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG. Diabetes Typ 2. Abgerufen am 17. 10. 2018 unter https://www.gesundheitsinformation.de/diabetes-typ-2.2486.de.html

[11] Azimi u.a. (2014)
Azimi P, Ghiasvand R, Feizi A, Hariri M, Abbasi B. Effects of Cinnamon, Cardamom, Saffron, and Ginger Consumption on Markers of Glycemic Control, Lipid Profile, Oxidative Stress, and Inflammation in Type 2 Diabetes Patients. Rev Diabet Stud. 2014 Fall-Winter;11(3-4):258-66. (Studie in voller Länge)

[12] Sahib u.a. (2016)
Sahib AS. Anti-diabetic and antioxidant effect of cinnamon in poorly controlled type-2 diabetic Iraqi patients: A randomized, placebo-controlled clinical trial. J Intercult Ethnopharmacol. 2016 Feb 21;5(2):108-13. (Studie in voller Länge)