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Winterdepression: Lichttherapie als Hoffnung

Licht als Therapie

Licht als Therapie

Neue Forschungsergebnisse helfen laut Kleiner Zeitung die therapeutische Wirkung von Licht bei Winterdepressionen zu verstehen. Auch wenn etliche kleine Studien die Wirksamkeit von Lichttherapie zu bestätigen scheinen, sind diese Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen. (aktualisiert 18.3.2014)

 

Zeitungsartikel: Zu wenig Licht macht krank (16. 12. 2011, Kleine Zeitung)
Frage:Kann Lichttherapie die Symptome einer Winterdepression lindern?
Antwort:Die Ergebnisse mehrerer kleiner Studien deuten auf die Wirksamkeit von Lichttherapie zur Behandlung einer Winterdepression hin, sind aber mit Vorsicht zu genießen. Lichttherapie scheint zudem ähnlich wirksam zu sein wie das Antidepressivum Fluoxetin, für dieses selbst die Wirksamkeit bei Winterdepression aber unklar ist.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

[Aktualisierte Version vom 18.3.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Wenig Sonnenlicht sowie trübe und kurze Wintertage drücken vielen Menschen aufs Gemüt. Bei manchen ist der Einfluss so stark, dass sie Anzeichen einer Winterdepression entwickeln: sie fühlen sich müde und erschöpft, schlafen länger als gewöhnlich und haben zugleich vermehrten Appetit, besonders auf süße und Stärke-haltige Speisen. Die Verbreitung der Winterdepression ist unterschiedlich, sie betrifft in den Wintermonaten aber zwischen 4 und 29 von 1000 Einwohnern, wobei sie in nördlichen Ländern noch häufiger auftreten kann [4].

Der Kleinen Zeitung zufolge (16. 12. 2011) sei es nun durch eine neue Studie erwiesen, dass die verminderte Lichteinstrahlung in den Wintermonaten psychische Veränderungen auslösen könne. Weiters sei in anderen Studien bewiesen worden, dass Lichttherapie die Symptome einer Winterdepression bessern könne und sogar besser wirke als bestimmte antidepressiv wirkende Medikamente.

Dass Lichtmangel depressive Zustände auslösen kann, ist schon lange bekannt. Zudem gibt die angesprochene Studie [5] der Medizinischen Universität Wien keine Antwort auf diese Frage. In ihr wurde nur untersucht, ob sich bestimmte biochemische Vorgänge im Gehirn gesunder Probanden vom Ausmaß der täglichen Sonnenscheindauer beeinflussen lassen. Patienten mit Winterdepression oder gar die Auswirkung von Lichttherapie wurden in dieser Studie nicht erforscht.

Was ist Lichttherapie?

Spezielle Lichttherapie-Lampen, die zuhause aufgestellt werden können, sollen helfen, den Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit auszugleichen. Diese Lampen strahlen sehr helles, weißes Licht aus, das mit bis zu 10.000 lux (die Maßeinheit der Beleuchtungsstärke) etwa 1000 mal stärker ist als eine herkömmliche Glühbirne mit einer Helligkeit von rund 100 lux. Die Lichtintensität einer solchen Lichttherapie-Vorrichtung kommt damit ungefähr an die Helligkeit indirekter Sonneneinstrahlung an einem sonnigen Tag im Freien heran.

Meist wird Patienten empfohlen, sich täglich mit geöffneten Augen für eine gewisse Zeit vor der Lichttherapie-Lampe aufzuhalten, ohne jedoch direkt in die Lichtquelle zu blicken [6].

Mögliche Nebenwirkungen wurden bisher nur wenig untersucht, allerdings existieren Berichte über erhöhte Lichtempfindlichkeit der Augen, Kopfschmerzen, Reizbarkeit und eventuell Schlaflosigkeit, wenn die Therapiesitzung zu spät am Tag vorgenommen wird.

Kleine Studien geben Hoffnung

Die zusammengefassten Ergebnisse von insgesamt 8 kleinen Studien [1] deuten darauf hin, dass Lichttherapie die Symptome der Winterdepression tatsächlich mindern kann. Dabei wurde untersucht, ob eine tägliche Behandlung von zumindest einer Stunde mit einer Lichtintensität von 3000 Lux oder mehr über mindestens 4 Tage besser wirkt als eine Scheintherapie mit relativ gedämpftem Licht von nicht mehr als 300 Lux.

Allerdings scheint Lichttherapie nicht bei allen Betroffenen gleich wirksam zu sein. Ähnlich den Ergebnissen einer weiteren Studie [2], die erst nach dieser Übersichtsarbeit [1] veröffentlicht wurde, ließ sich nicht in allen Untersuchungen auf einen Depressions-mildernden Effekt schließen. Insgesamt zeigte sich jedoch in der neueren Studie [2] sowie den zusammengefassten Ergebnissen der 8 älteren [1], dass die Beschwerden bei deutlich mehr Betroffenen zurückgingen, wenn sie sich einer Lichttherapie unterzogen.

Vergleich mit antidepressiv wirkenden Medikamenten

Den Autoren der angesprochenen Übersichtsarbeit [1] zufolge zeigen die analysierten Studien einen ähnlich großen Effekt wie etwa Untersuchungen zur Wirksamkeit von antidepressiv wirkenden Medikamenten.

Auch zwei kleine Studien, die Lichttherapie bei Winterdepression mit Fluoxetin, einem bekannten Antidepressivum, vergleichen, lassen auf eine vergleichbare Wirksamkeit schließen. Beide Behandlungsmethoden dürften bei rund zwei Drittel der Betroffenen eine Besserung bewirken [3].

Der Vergleich hat allerdings einen Haken – abgesehen davon, dass er nur auf zwei kleinen Studien basiert. Denn die Wirksamkeit von Fluoxetin ist zwar bei gewöhnlichen Depressionen gut belegt, für die Behandlung von Winterdepressionen fehlt jedoch ein eindeutiger Nachweis [3].

Resumée

Insgesamt scheint Lichttherapie eine durchaus wirksame Therapiemethode zur Behandlung von Winterdepressionen zu sein. Zur besseren Absicherung sind jedoch größere Studien an mehreren Teilnehmern nötig, die die Wirkung von Lichttherapie mit der einer Schein-Lichtbehandlung vergleichen. Denn gerade bei Depressionen zeigt sich oft, dass bereits eine Scheinbehandlung zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome führen kann – man spricht vom sogenannten Placebo-Effekt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Golden u. a. (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der inkludierten Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien (für Lichttherapie bei Winterdepression)
Teilnehmer insgesamt: 228 Patienten mit Winterdepression
Vergleich: Wirksamkeit von Lichttherapie bei Winterdepression gegen Placebo

Titel: “The efficacy of light therapy in the treatment of mood disorders: a review and meta‐analysis of the evidence”. American Journal of Psychiatry.2005;162(4):656‐662. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Flory u.a. (2010)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 35 für Vergleich von Lichttherapie mit Placebo
Dauer: 12 Tage
Vergleich: Wirksamkeit von Lichttherapie bei Winterdepression gegen Placebo

Titel: „A randomized, placebo-controlled trial of bright light and high-density negative air ions for treatment of Seasonal Affective Disorder.“ Psychiatry Res 177(1-2): 101-108. (Zusammenfassung der Studie)

[3]Thaler u. a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 204 Patienten mit Winterdepression
Vergleich: Wirksamkeit von Lichttherapie bei Winterdepression gegen Placebo oder Fluoxetin

Titel: “Second-generation antidepressants for seasonal affective disorder”. Cochrane
Database Syst Rev. 2011 Dec 7;12:CD008591. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] DynaMed. (2011, 21. Dezember). Seasonal affective disorder. Ipswich, MA:EBSCO Publishing. Abgerufen am 21. Dezember 2011 auf http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&db=dme&AN=114880&site=dynamed-live&scope=site (Anmeldung erforderlich)

[5] Spindelegger C, Stein P, Wadsak W, Fink M, Mitterhauser M, Moser U, Savli M, Mien LK, Akimova E, Hahn A, Willeit M, Kletter K, Kasper S, Lanzenberger R. Light-dependent alteration of serotonin-1A receptor binding in cortical and
subcortical limbic regions in the human brain. World J Biol Psychiatry. 2011 Nov 23. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Saeed SA, Bruce TJ (2011). Seasonal affective disorder. In Roy-Byrne PP (ed.). UpToDate. Abgerufen auf http://www.uptodate.com am 21. 12. 2011