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Wie wirksam ist neuartiges Multiple Sklerose – Medikament?

Multiple Sklerose bewirkt eine Schädigung von Nervenzellen

Multiple Sklerose bewirkt eine Schädigung von Nervenzellen

Der Wirkstoff Fingolimod wird als neue Alternative zur Behandlung der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose (einer chronischen Nervenentzündung in Gehirn oder Rückenmark) angepriesen. Fingolimod wurde vor kurzem durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen. Hersteller-finanzierte Studien bescheinigen dem Medikament eine hemmende Wirkung auf das Fortschreiten der Multiplen Sklerose. Das in Tablettenform einzunehmende Mittel wirkt demnach besser als bisher angewandte Interferon-Injektionen. Allerdings stellen mögliche Herzprobleme, Flüssigkeitsansammlungen im Auge sowie ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs und schwere Herpesviren-Infektionen ernste Nebenwirkungen dar. (aktualisiert 26.5.2014)

Zeitungsartikel: Neues Behandlungsprinzip bei Multipler Sklerose (Der Standard, 4. 5. 2011), Neues Behandlungsprinzip bei Multipler Sklerose (Die Presse, 6. 5. 2011)
Frage:Reduziert der Wirkstoff Fingolimod das Fortschreiten der schubförmig-remittierenden Multiplen Sklerose ähnlich oder besser als bisherige Medikamente?
Antwort:Zwei Hersteller-finanzierte klinische Studien bescheinigen Fingolimod eine derartige Wirksamkeit, welche die einer Interferon-Beta Therapie übersteigt. Das Medikament kann aber auch ernste Nebenwirkungen hervorrufen.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

[Aktualisierte Version vom 26.5.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Multiple Sklerose ist eine chronische Entzündung des Zentralnervensystems, bei der die Isolierschicht der Nervenbahnen in Gehirn oder Rückenmark geschädigt wird. Die bis heute nicht heilbare Krankheit betrifft rund 1 von 1000 Menschen, wobei die schubförmig verlaufende Form (schubförmig-remittierende Multiple Sklerose) die häufigste darstellt. Die gängigen Behandlungen zielen auf eine Verlangsamung des Krankheitsfortschritts durch eine Unterdrückung der Entzündungsprozesse ab. Der vor kurzem in Europa neu zugelassene Wirkstoff Fingolimod bewirkt ein Zurückhalten von weißen Blutkörperchen (T-Zellen) in den Lymphknoten, was diese daran hindert, durch Einwandern in das Gehirn Entzündungen auszulösen.

Mittels systematischer Literaturrecherche wollten wir herausfinden, ob Fingolimod ähnlich beziehungsweise besser als bisherige Multiple Sklerose – Medikamente das Fortschreiten der Krankheit hemmen kann.

Ergebnis

Zu dieser Fragestellung konnten wir zwei randomisiert-kontrollierte klinische Studien mit jeweils mehr als 1000 TeilnehmerInnen finden.

So zeigte eine Studie mit zweijähriger Laufzeit, dass Fingolimod bei einer täglichen Dosierung von 0,5mg die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Schüben im Vergleich zu einem Placebo deutlich verringerte. Die zweite Studie erstreckte sich nur über ein Jahr, ergab aber zumindest für diesen Zeitraum eine deutliche Verminderung der Schubhäufigkeit für die Dosis von 0,5 mg Fingolimod im Vergleich zur gängigen Interferon-Beta-Behandlung. Über einen Zeitraum, der über zwei Jahre hinausgeht, kann allerdings noch keine Aussage gemacht werden.

Anteil an schubfreien PatientInnen:
Vergleich Fingolimod – Placebo (Kappos 2010):
0.5 mg Fingolimod:  70 von 100 Personen schubfrei über 2 Jahre
Placebo:  46 von 100 Personen schubfrei über 2 Jahre
Vergleich Fingolimod – Interferon-beta (Cohen 2010):
0.5 mg Fingolimod: 83 von 100 Personen schubfrei über 1 Jahr
30 µg/Woche Interferon-beta-1a intramuskulär:     69 von 100 Personen schubfrei über 1 Jahr

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen (mehr als 10 von 100 Personen) bei einer Dosierung von 0,5mg Fingolimod stellten Grippevirus-Infektionen, Kopfschmerzen, Husten, Durchfall, Rückenschmerzen sowie eine Erhöhung bestimmter Leberenzymwerte (Alanin-Aminotransferase).

An ernsten, aber weniger häufigen Nebenwirkungen wurden unter anderem schwere Herpesinfektionen, Makula-Ödeme (Flüssigkeitsansammlung im Bereich des schärftsten Sehens im Auge) sowie verschiedene Arten von Hautkrebs festgestellt. Weitere unerwünschte Wirkungen stellten Atemnot sowie Probleme des Herz-Kreislauf-Systems dar. Darunter waren erhöhter Blutdruck, verlangsamter Herzschlag (Bradykardie) sowie Herzrhythmus-Störungen (Atrioventrikuläre Blocks).

In einer Studie gab es bei einer höheren Dosierung von Fingolimod von 1,25mg 2 Todesfälle durch Herpes-Enzephalitis. In der zweiten Studie kam es bei Fingolimod-Dosierungen von 0,5mg und 1,25mg bei je einer Person zu schweren Herpes-Infektionen, aber nicht bei Plazebo-behandelten Personen. Die empfohlene Behandlungsdosis liegt bei 0,5mg.

Interpretation und Bewertung

Die beiden randomisiert-kontrollierten klinischen Studien wiesen keine groben methodischen Mängel auf, sind eventuell aber aufgrund der Finanzierung durch den Hersteller nicht unabhängig. Da die Studien allerdings nur auf ein bzw. zwei Jahre ausgelegt waren, lässt sich keine Aussage über die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von Fingolimod machen. Dies wäre speziell aufgrund der ernsten Nebenwirkungen relevant. Auffällig war in einer Studie, dass schwere Nebenwirkungen in der Placebo-Gruppe häufiger waren als in der Gruppe, die mit Fingolimod behandelt wurde. Weiters war in beiden Studien die Art und Schwere der Herpesinfektionen als Nebenwirkung unklar, die sich theoretisch von einer Fieberblase bis zur Encephalitis erstrecken könnte.

Wir bewerten die wissenschaftliche Beweislage für die Wirksamkeit von Fingolimod bei der Behandlung von schubhaft-remittierender Multipler Sklerose als moderat (2 von 3 Punkte).

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Unsere Bewertung kam durch eine systematische Literaturrecherche in der wissenschaftlichen Datenbank The Cochrane Library zustande. Dabei fanden wir zwei randomisiert kontrollierte klinische Studien.

Studie von Cohen und Kollegen (2010):
Studientyp: randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Vergleich: Fingolimod gegen Interferon
Teilnehmer: 1292, davon 89% bis zum Ende
Studiendauer: 1 Jahr

Studie von Kappos und Kollegen (2010):
Studientyp: randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Vergleich: Fingolimod gegen Placebo
Teilnehmer: 1272, davon 81,2% bis zum Ende
Studiendauer: 2 Jahre

Wissenschaftliche Quellen

Cohen, J. A., F. Barkhof, et al. (2010) Oral fingolimod or intramuscular interferon for relapsing multiple sclerosis. The New England Journal of Medicine 402-415 (Studie im Volltext)

Kappos, L., E. W. Radue, et al. (2010) A placebo-controlled trial of oral fingolimod in relapsing multiple sclerosis. The New England Journal of Medicine 387-401 (Studie im Volltext)