Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Weisheitszahn-OP: Vorbeugende Entfernung sinnvoll?

Stay or go? Die Wissenschaft ist unschlüssig.

Stay or go? Die Wissenschaft ist unschlüssig.

Gesunde Weisheitszähne raus! Diese häufige Operation soll Zahn-Probleme im späteren Leben verhindern. Für die Wirksamkeit der OP fehlen allerdings Belege.


Frage: Sollten nicht oder nicht vollständig aus Kiefer und Zahnfleisch herausgewachsene Weisheitszähne vorsorglich entfernt werden? Auch dann, wenn die „retinierten“ Zähne momentan keine Beschwerden verursachen und krankhafte Veränderungen nicht unmittelbar zu erwarten sind?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung: Es gibt laut aktuellem Wissensstand keine Antwort darauf, ob die vorsorgliche Entfernung von retinierten Weisheitszähnen hilft, Probleme im späteren Leben zu vermeiden. Es ist also ungeklärt, wie mit diesen letzten Backenzähnen umzugehen ist, wenn sie nicht oder nur teilweise aus dem Kiefer und Zahnfleisch ragen, frei von Krankheitsanzeichen sind und auch Nachbarzähne nicht schädigen.

Weisheitszähne brechen normalerweise im Alter von 17 bis 26 Jahren durch. Dann ist das Erwachsenengebiss komplett.

Weisheitszähne können aber auch ganz oder teilweise im Kiefer und unter dem Zahnfleisch bleiben. Das geschieht hier häufiger als bei anderen Zähnen. Fachleute sprechen bei diesen „versteckten“ Zähnen von „retinierten“ Weisheitszähnen [1].

Vier Unruhestifter im Mund

Ein retinierter Weisheitszahn hat im Mund keine Funktion. Er hat aber, auch wenn beschwerdefrei, ein höheres Risiko für Karies, Wurzelschäden oder Parodontitis, also eine Entzündung an der Verankerung des Zahns im Knochen.

Ein retinierter Weisheitszahn kann auch den benachbarten Backenzahn schädigen. So können etwa durch schwer zu reinigende Schlupfwinkel Karies am Nachbarzahn oder eine Entzündung des Zahnfleischs entstehen.

Eventuell bildet sich eine Zyste. Das ist eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase, die sich im Kieferknochen unbemerkt ausdehnen und ihn dabei zerstören kann. Zudem können je nach Lage des Weisheitszahns der Zahnschmelz oder die Zahnwurzel des Nachbarzahns geschädigt werden [1,7,9].

Vorsorgliche OP besser als Abwarten?

Klingt also plausibel, dass die Entfernung retinierter Weisheitszähne lange Zeit als übliches medizinisches Vorgehen galt – auch dann, wenn diese beschwerdefrei waren. Ziel war es, mögliche spätere Probleme schon im Vorfeld zu vermeiden, und zwar durch die kleine OP. Die Entfernung der Weisheitszähne ist eine der häufigsten Operationen beim Zahnarzt [7].

Gängiger Eingriff mit Risiken

Doch das vorsorgliche Entfernen von retinierten Weisheitszähnen ist nicht ohne Risiko. Zu den möglichen unerwünschten Nebenwirkungen direkt nach der OP gehören Schwellungen und Schmerzen oder Schwierigkeiten, den Mund zu öffnen. Ebenso kann eine Entzündung auftreten.

Auch der Nachbarzahn kann durch die Weisheitszahn-OP geschädigt werden. Verletzungen von Nerven sind ebenfalls möglich, diese können mitunter länger anhalten. Leider fehlen verlässliche Angaben dazu, wie häufig diese Komplikationen auftreten [1].

Entfernung oft in jungen Jahren

Die Operation gilt als risikoärmer bei eher jüngeren Patientinnen und Patienten, wohingegen die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen mit dem Alter zu steigen scheint [1,4]. Das war zumindest bislang ein gängiges Argument dafür, den Eingriff möglichst schon im jungen Erwachsenenalter durchzuführen.

Routine verändert

Auch wenn sie vielfach praktiziert wird: Die gängige OP ist nicht ohne Kritik. Und so wird seit Jahren diskutiert, ob beschwerdefreie Weisheitszähne, die ganz oder teilweise unter dem Zahnfleisch liegen, vorsorglich entfernt werden sollten.

In einigen Ländern wie den USA und Großbritannien [5,6] wird die OP nur mehr dann durchgeführt, wenn aktuell Beschwerden oder Krankheitsanzeichen vorliegen – etwa Karies, eine drohende Fehlstellung, Probleme beim Zubeißen oder eine Entzündung des Gewebes um den teilweise sichtbaren Zahn. Wenn sich die Weisheitszähne problemlos in das Gebiss einreihen oder wenn sie tief im Kiefer verankert sind, „dürfen“ sie bleiben [7].

Nur zwei Studien

Wir haben im Rahmen unserer Recherche überprüft, wie der aktuelle Stand des Wissens dazu ist. Soll man retinierte Weisheitszähne entfernen lassen, auch wenn diese im Moment gar keine Beschwerden verursachen? Gibt es ordentliche Belege für die Wirksamkeit dieser vielfach praktizierten Vorsorgemaßnahme?

Wir sind auf eine Arbeit des unabhängigen Cochrane-Netzwerks [1] aus dem Jahr 2018 gestoßen. Das Forschungsteam hat letztlich nur zwei Untersuchungen [2,3] mit 493 Teilnehmenden auswerten können. Weil diese zum Teil gravierende Mängel haben, bleibt unklar, ob sich Karies, Entzündungen (Parodontitis) und Fehlstellungen anderer Zähne durch das vorsorgliche Entfernen von Weisheitszähnen beeinflussen lassen.

Was ist besser? Keine Antwort!

Insgesamt ist die Studienlage also unzureichend und die zahnmedizinische Forschung kann bislang keine Antwort darauf geben, ob symptomfreie retinierte Weisheitszähne eher entfernt werden oder im Mund belassen werden sollten. In Anbetracht der Tatsache, dass der Eingriff häufig durchgeführt wird, mitunter Schäden nach sich zieht und dem Gesundheitssystem Kosten verursacht, ist das natürlich unbefriedigend.

Besonders wichtig erscheinen Fragen rund um die Lebensqualität der Betroffenen [1]. Auch belastbare Daten rund um Nebenwirkungen und Risiken fehlen.

Gemeinsam entscheiden

Was also tun, wenn die Wissenschaft derzeit keine klaren Antworten liefern kann? Das Forschungsteam des unabhängigen Cochrane-Netzwerks [1] rät Betroffenen dazu, die Entscheidung für oder gegen eine Weisheitszahn-OP gemeinsam mit Zahnärztin und -arzt bzw. Kieferchirurgin und -chirurg abzuwägen.

Manche Fachleute schlagen vor, die retinierten Weisheitszähne in regelmäßigen Abständen kontrollieren zu lassen. So ist es möglich, ungünstige Entwicklungen an den Weisheitszähnen und den Nachbarzähnen frühzeitig zu erkennen.

Weiterführende Information

Mehr rund ums Thema Weisheitszähne bzw. deren Entfernung finden Sie auf den Informationsseiten des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) [7].

Veränderte Praxis in Großbritannien und den USA

In Großbritannien wurde schon vor Jahren die Praxis der vorsorglichen Weisheitszahn-OP gestoppt. Im britischen Gesundheitssystem kommen retinierte Weisheitszähnte nur mehr unter bestimmten Umständen raus: zum Beispiel bei unbehandelbarer Karies, unbehandelbarer Nerven- oder Wurzelschädigung, Entzündungen des Knochenmarks sowie bei bestimmten Abszessen und Zysten [5].

Ähnlich verhält es sich in den USA: Hier werden Weisheitszähne nur dann entfernt, wenn bereits krankhafte Veränderungen vorliegen oder ein hohes Risiko für gesundheitliche Probleme besteht. Die Weisheitszähne, die „bleiben dürfen“, werden stattdessen regelmäßig kontrolliert, zum Beispiel mit Hilfe von Röntgenaufnahmen [6].

 

Die Studien im Detail

Die beste vorliegende Untersuchung zu vorsorglichen Weisheitszahn-OPs ist eine systematische Übersichtsarbeit des unabhängigen Cochrane-Netzwerks [1]. Dieses Netzwerk erarbeitet nach strengen Kriterien eine klare Fragestellung und durchsucht u.a. mehrere Datenbanken nach allen verfügbaren Studien zum Thema. Ergebnis dieser systematischen Übersichtsarbeit („systematic review“) ist eine objektive Zusammenfassung und Bewertung der aktuellen Studienlage.

Im Falle der fraglichen Weisheitszahn-OPs filterte ein Cochrane-Forschungsteam über 2400 Studien, von denen letztlich nur zwei [2,3] für die Auswertung übrig blieben: eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 1998 und eine prospektive Kohortenstudie aus dem Jahr 2013.

Diese Studien haben auch wir für unsere Bewertung herangezogen. Zusätzlich haben wir selbst noch eine Literatursuche nach randomisiert-kontrollierten Studien durchgeführt, aber keine weiteren aussagekräftigen Studien gefunden. Wir gehen daher davon aus, dass die Cochrane-Übersichtsarbeit [1] den aktuellen Stand des Wissens widerspiegelt.

Demnach ist unklar, ob Nutzen oder Risiken überwiegen. Beides wurde nicht ausreichend in gut gemachten Studien untersucht. Wir wissen daher nicht, ob es sinnvoll ist, beschwerdefreie retinierte Weisheitszähne im Sinne der Vorsorge mittels Routine-OP zu entfernen, um spätere Probleme zum Beispiel mit Karies oder Fehlstellungen zu vermeiden. Die aktuelle Studienlage ist dürftig und kann sich weder dafür noch dagegen aussprechen.

Kein Vertrauen in Ergebnisse

Die vom Cochrane-Forschungsteam bewertete prospektiven Kohortenstudie [2] stammt aus den USA. Sie startete mit über 1.231 Männern im Alter von 24 bis 84. Die Teilnehmer wurden drei bis 25 Jahre lang beobachtet. Eigenschaften der Teilnehmer wie Alter, Raucherstatus und Bildung wurden erfasst und in die Auswertung miteinbezogen.

Das Studienteam fokussierte sich auf die Nachbarzähne der Weisheitszähne. Das Forschungsteam berichtete, dass die Nachbarzähne eher von Parodontitis (entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats) betroffen seien, wenn die Weisheitszähne belassen werden. Von Karies würden die Nachbarzähne aber nicht häufiger befallen.

Mit der Durchführung dieser Studie gibt es allerdings mehrere gröbere Probleme, sodass wir diesen Resultaten kein Vertrauen schenken können. So wurden etwa wichtige Daten zur Mundgesundheit (Mundhygiene, Nutzung zahnärztlicher Checkups) nicht erfasst – und damit möglicherweise wichtige Einflussfaktoren vernachlässigt. Außerdem wurden nur die Daten von einem Drittel (416 Personen) der ursprünglichen Teilnehmer ausgewertet.

Da die Studienteilnehmer sich selbst zur Teilnahme gemeldet hatten, sind die Ergebnisse nicht unbedingt auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar. Möglich ist durchaus, dass diese Freiwilligen ein höheres Gesundheitsbewusstsein hatten und in punkto Zahnpflege motivierter waren als der Durchschnitt.

Unklar: OP gegen Fehlstellungen?

Auch in der randomisierten kontrollierten Studie [3], durchgeführt in Großbritannien, wurde verglichen, welchen Effekt das Belassen oder chirurgische Entfernen von symptomfreien retinierten Weisheitszähnen hat. Die 164 teilnehmenden Jugendlichen waren vor Studienbeginn mit Zahnregulierungen behandelt worden. Per Los wurden sie einer von zwei gleich großen Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe sollte sich einer Weisheitszahn-OP unterziehen, bei der anderen blieben zwecks Vergleich die Weisheitszähne im Kiefer.

Fraglich war, ob diese OP einen Einfluss darauf hatte, wie eng die Zähne im Unterkiefer standen. Laut Studienautoren gab es nach fünf Jahren keinen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Das heißt, demnach war die OP nicht wirksam, um einem Gedränge im Kiefer entgegenzuwirken.

Auch dieses Ergebnis ist leider nicht vertrauenswürdig, weil die Studienmethodik zu viele Schwachstellen zeigt. Ein großes Manko ist, dass letztlich nur die Daten von 77 Personen ausgewertet werden konnten.

(AutorIn: T. Wolf, Review: J. Harlfinger, B. Kerschner, C. Christof)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ghaeminia u.a. (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: eine randomisierte kontrollierte Studie und eine prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: 493 männliche und weibliche Erwachsene
Fragestellung: Welche Effekte hat das Entfernen von retinierten, symptomfreien Weisheitszähnen verglichen mit dem Belassen derselben bei Heranwachsenden und Erwachsenen?
Interessenskonflikte: keine relevanten laut Autorinnen und Autoren

Ghaeminia H, Perry J, Nienhuijs MEL, Toedtling V, Tummers M, Hoppenreijs TJM, Van der SandenWJM, Mettes TG. Surgical removal versus retention for themanagement of asymptomatic disease-free impacted wisdomteeth. Cochrane Database Syst. Rev. 2016 Aug 31:CD003879.
Zusammenfassung

[2] Nunn u.a. (2013)
Studientyp: Prospektive Kohortenstudie
Analysierte Studien:
Teilnehmende: 416 männliche Erwachsene (24 bis 84 Jahre)
Fragestellung: Wie wirken sich gesunde retinierte Weisheitszähne auf das Krankheitsrisiko des Nachbarzahns (Karies oder Parodontitis) aus?
Interessenskonflikte: Keine relevanten laut Autorinnen und Autoren

Nunn ME, Fish MD, Garcia RI, Kaye EK, Figuerosa R, Gohel A, et al. Retained asymptomatic third molars and risk for second molar pathology. Journal of Dental Research 2013;92(12):1095–9.
Zusammenfassung

[3] Harradine u.a. (1998)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 164 männliche und weibliche Erwachsene
Fragestellung: Welchen Effekt hat das Entfernen der Weisheitszähne auf eine spätere Fehlstellung der unteren Schneidezähne?
Interessenskonflikte: keine Angabe dazu

Harradine NW, Pearson MH, Toth B. The effect of extraction of third molars on late lower incisor crowding: a randomized controlled trial. British Journal of Orthodontics 1998;25(2):117–22.
Zusammenfassung
Volltext

Weitere Quellen

[4] Chuang u.a. (2007)
Chuang SK, Perrott DH, Susarla SM, Dodson TB. Age as a risk factor for third molar surgery complications. Journal of Oral and Maxillofacial Surgery 2007;65(9):1685–92.
Zusammenfassung

[5] National Institute for Health and Care Excellence, NICE (2000)
Guidance on the Extraction of Wisdom Teeth

[6] AAOMS Whitepaper (2016)
Management of Third Molar Teeth

[7] IQWIG (2018)
Weisheitszähne Abgerufen am 12.10.2018

[8] Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, DGZMK (2012)
Operative Entfernung von Weisheitszähnen S2k-Leitlinie (Gültigkeit ist abgelaufen)

[9] Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, DGZMK (2012)
Patienteninformation Operative Entfernung von Weisheitszähnen (Gültigkeit ist abgelaufen)