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Wärmepflaster für den Rücken: kurzfristige Hilfe bei Kreuzschmerzen

Hilft ein Wärmepflaster für den Rücken bei Kreuzschmerzen?

Hilft ein Wärmepflaster für den Rücken bei Kreuzschmerzen?

Ob Pflaster mit Chili-Extrakt oder selbstwärmende Pflaster – beide Arten von Wärmepflastern können Schmerzen im unteren Rücken wahrscheinlich ein wenig lindern.

Frage:Helfen Wärmepflaster bei Schmerzen im unteren Rücken?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Wärmepflaster erzeugen mittels chemischer Reaktion Wärme. Sie können Kreuzschmerzen wahrscheinlich kurzfristig etwas lindern. Untersucht ist das jedoch nur für Beschwerden, die seit maximal 3 Monaten bestehen.

Wärmepflaster mit Chili-Extrakt (Capsaicin) erzeugen ein Wärmegefühl auf der Haut, ohne selbst warm zu werden. Chronische Kreuzschmerzen können sie wahrscheinlich kurzfristig etwas bessern.

Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten Schmerzen. Etwa 8 von 10 Menschen sind zumindest einmal im Leben davon betroffen [5].

Normalerweise treten die Schmerzen in unteren Rücken plötzlich auf und verschwinden innerhalb von Tagen oder Wochen wieder von alleine. Manchmal halten die Beschwerden aber länger als drei Monate an. Dann spricht man von chronischen Kreuzschmerzen.

Linderung verspricht die Werbung mit Hilfe von Wärmepflastern, die auf den Rücken geklebt werden:

  • Manche dieser Produkte erwärmen sich durch eine chemische Reaktion auf 40°C und geben rund acht Stunden lang Wärme ab.
  • Andere Rückenpflaster enthalten Capsaicin aus der Chilischote. Dieser Stoff erzeugt auf der Haut ein Wärmegefühl, wird aber selbst nicht warm. Dennoch bezeichnen Hersteller auch diese Produkte als Wärmepflaster.

Kleiner Effekt

Wir wollten wissen, ob solche Wärmepflaster tatsächlich bei Rückenschmerzen helfen können. Dazu suchten wir nach den besten vorhandenen Studien.

Insgesamt sind wir auf neun Studien gestoßen [1-4]. Ihren Ergebnissen zufolge ist es wahrscheinlich, dass beide Arten von Wärmepflastern Schmerzen im unteren Rücken lindern können. Der Effekt scheint jedoch nicht allzu groß zu sein.

Selbstwärmende Pflaster

Für selbstwärmende Pflaster ist das nur bei einmalig aufgetretenen (akuten) Kreuzschmerzen untersucht [1-3]. Die Studien deuten alle in dieselbe Richtung.

In zwei Untersuchungen [1] trug die Hälfte der erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer drei Tage lang für je acht Stunden ein selbstwärmendes Pflaster am Rücken. Die andere Hälfte schluckte stattdessen Placebo-Tabletten. Zwei Tage später bewerteten sie ihre Schmerzen auf einer Skala von 0 (keine) bis 100 (größtmögliche Schmerzen).

  • Ohne selbstwärmendes Pflaster beurteilten sie die Kreuzschmerzen durchschnittlich mit 42 Punkten auf der 100er-Skala.
  • Mit selbstwärmendem Pflaster beurteilten sie die Kreuzschmerzen durchschnittlich mit 24 Punkten auf der 100er-Skala.

Drei Tage selbstwärmende Pflaster zu tragen hat die Schmerzen im unteren Rücken im Schnitt also um 18 Punkte auf der 100er-Skala gebessert [1]. Das ist eine spürbare Verbesserung, wenn auch nicht sehr groß.

Auch zusätzlich zu Bewegungsübungen oder Schmerzmitteln wirken die Wärmepflaster wahrscheinlich schmerzlindernd [1,3].

Die Studien wurden alle von derselben Herstellerfirma finanziert und sind daher nicht unabhängig. Zudem haben sie einige Mängel in der Durchführung. Das schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse etwas ein.

Wärmepflaster mit Capsaicin

Zwei Studien haben die Wirkung von Wärmepflastern mit dem Chili-Wirkstoff Capsaicin untersucht [4]. Die teilnehmenden Personen hatten chronische Kreuzschmerzen. Für die Untersuchungen trugen sie die Pflaster drei Wochen lang nahezu täglich.

  • Ohne Capsaicin-haltiges Wärmepflaster berichteten 24 von 100 Personen von deutlich verringerten Schmerzen.
  • Mit Capsaicin-haltigem Wärmepflaster berichteten 45 von 100 Personen von deutlich verringerten Schmerzen.

Die Pflaster bewirkten also bei 21 von 100 Teilnehmenden eine deutliche Schmerzlinderung im unteren Rücken. Mängel in der Studiendurchführung schränken die Aussagekraft dieser Ergebnisse jedoch etwas ein.

Nebenwirkungen: Juckreiz, Brennen, Rötungen

Die Pflaster sind nicht ohne Nebenwirkungen. Bei den Capsaicin-haltigen Pflastern kam es häufig zu Juckreiz und einem Brennen auf der Haut [4]. Bei den „echten“ Wärmepflastern hatten rund 5 von 100 Personen Hautrötungen [1]. Ernste Nebenwirkungen sind in den Studien keine aufgetreten. Bei rund 5 von 100 Personen verursachte das Wärmepflaster Hautrötungen [1].

Wenn der Rücken schmerzt

Viele Menschen gehen wegen ihrer Kreuzschmerzen zu einer Ärztin oder einem Arzt. In den meisten Fällen lässt sich keine konkrete Ursache für die Beschwerden herausfinden. Die Schmerzen können den Alltag gehörig einschränken.

In den meisten Fällen gehen Kreuzschmerzen nach einigen Tagen oder Wochen von alleine wieder vorbei. Studien zeigen, dass dies schneller gehen kann, wenn man in Bewegung bleibt, anstatt sich in einer liegenden Haltung zu schonen [5,6].

Um die Schmerzen kurzfristig unter Kontrolle zu bekommen, helfen auch entzündungshemmende Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen [6]. Fachleute empfehlen diese Medikamente nur vorübergehend. Sie können zu Magenbeschwerden und anderen Nebenwirkungen führen [5,6].

Wiederkehrende Kreuzschmerzen lassen sich am besten durch regelmäßige Bewegung und Stärkung der Rumpfmuskulatur vorbeugen [5].

Ursache für plötzliche Schmerzen im unteren Rücken können verspannte Muskeln und Fehlbelastungen sein – verursacht etwa durch langes Sitzen oder einseitige bzw. schwere körperliche Arbeit. Auch Bewegungsmangel oder psychische Belastungen erhöhen das Risiko für Kreuzschmerzen [5].

Weitere wissenschaftlich gesicherte Informationen zu Kreuzschmerzen und deren Behandlung und Vorbeugung finden Sie auf der Seite Gesundheitsinformation.de des Deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

 

Die Studien im Detail

Eine australische Forschungsgruppe wollte wissen, ob Wärme bei Schmerzen im unteren Rücken helfen kann. Für ihre systematische Übersichtsarbeit [1] durchforsteten sie im Jahr 2005 mehrere wissenschaftliche Datenbanken nach den besten verfügbaren Studien.

Das größte Potenzial für diese Fragestellung haben randomisiert-kontrollierte Studien. In einer randomisiert-kontrollierten Studie werden zwei Gruppen miteinander verglichen. In unserem Fall: Eine Gruppe bekommt Wärmepflaster, die andere nicht – sie ist die Kontrollgruppe. Welche der teilnehmenden Personen in der Wärmepflaster-Gruppe und wer in der Kontrollgruppe landet, bestimmt der Zufall (Randomisierung).

Das australische Team fand vier randomisiert-kontrollierte Studien zu Wärmepflastern. Sie wurden bis 2005 veröffentlicht.

Die Pflaster-Wirkung wurde entweder mit wirkstofflosen Scheinmedikamenten, gängigen Schmerzmitteln oder mit Bewegungsübungen verglichen. Insgesamt wurden in diesen Studien 584 Männer und Frauen mit akuten Kreuzschmerzen untersucht.

Um Studien zu finden, die nach dem Erscheinen der australischen Übersichtsarbeit 2005 veröffentlicht wurden, führten wir eine eigene Suche in zwei Forschungsdatenbanken durch. Dabei fanden wir zwei weitere Arbeiten. Eine verglich die Kombination aus Wärmepflaster und Rückenschulprogramm mit der Wirkung von Rückenschulung ohne Pflaster [2]. In der zweiten Studie bekam eine Gruppe Schmerzmittel, während die andere Gruppe Schmerzmittel in Kombination mit Wärmepflaster erhielt [3].

Eingeschränkte Aussagekraft

Alle Vergleiche weisen auf eine leichte schmerzlindernde Wirkung der Wärmepflaster hin. Die Studien haben allerdings Schwächen. So war sowohl Teilnehmenden wie Studienleitung bewusst, wer der Wärme-Gruppe zugeteilt war und wer nicht. Die dadurch entstandenen Erwartungshaltungen könnten das Ergebnis verzerrt haben.

Unklar ist, ob die Gruppenzuteilung tatsächlich streng nach dem Zufallsprinzip erfolgte. War das nicht der Fall, haben sich die beiden Gruppen vielleicht schon zu Studienbeginn unterschieden, etwa hinsichtlich Dauer und Stärke der Schmerzen. Der Vergleich wäre in diesem Fall nicht fair.

Die Studien zu den Wärmepflastern wurden alle von derselben Herstellerfirma finanziert oder unterstützt. Unabhängige Untersuchungen fehlen.

Capsaicin-Pflaster

Ein internationales Forschungsteam aus den Niederlanden, USA und Kanada fasste in einer systematischen Übersichtsarbeit [1] die Studienlage zu pflanzlichen Mitteln gegen Rückenschmerzen zusammen. Im Jahr 2014 durchsuchte es zahlreiche Forschungsdatenbanken nach randomisiert-kontrollierten Studien – und fanden dabei zwei Studien zu Capsaicin-haltigen Wärmepflastern.

Aktuellere Studien, die nach 2014 veröffentlicht wurden, konnten wir trotz aufwändiger Suche in zwei Datenbanken nicht finden.

Auf Basis der Ergebnisse beider Studien halten wir es für wahrscheinlich, dass Wärmepflaster mit Capsaicin chronische Schmerzen im unteren Rücken etwas lindern können [1]. Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich anhand der unvollständigen Daten jedoch nicht genau sagen. Daher ist unser Vertrauen in diese Ergebnisse etwas eingeschränkt und unsere Einschätzung mit etwas Unsicherheit behaftet.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] French u.a. (2006)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: u.a. 4 randomisiert-kontrollierte Studien zu Wärmepflastern
Teilnehmende insgesamt: 584 Männer und Frauen mit Kreuzschmerzen, die seit weniger als drei Monaten bestanden
Untersuchungsdauer: 4 bis 7 Tage
Fragestellung: Hat Wärme einen schmerzlindernden Effekt bei Kreuzschmerzen im Vergleich zu Placebo-Tabletten oder keiner Wärme?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren. Studien zu Wärmepflaster finanziert durch Herstellerfirma.

French SD, Cameron M, Walker BF, Reggars JW, Esterman AJ. Superficial heat or cold for low back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2006 Jan 25;(1):CD004750. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Tao u.a. (2005)
Studientyp: kontrollierte Studie
Teilnehmende: 43 Personen mit akuten Kreuzschmerzen
Untersuchungsdauer: 14 Tage
Fragestellung: Lindert ein Wärmepflaster in Kombination mit Aufklärung Schmerzen im unteren Rücken besser als Aufklärung alleine?
Interessenskonflikte: Studie finanziert durch Herstellerfirma

Tao XG, Bernacki EJ. A randomized clinical trial of continuous low-level heat therapy for acute muscular low back pain in the workplace. J Occup Environ Med. 2005 Dec;47(12):1298-306. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Kettenmann u.a. (2007)
Studientyp: kontrollierte Studie
Teilnehmende: 38 Personen mit akuten Kreuzschmerzen
Untersuchungsdauer: 4 Tage
Fragestellung: Lindert ein Wärmepflaster in Kombination mit schmerzstillenden Tabletten Schmerzen im unteren Rücken besser als Schmerzmittel alleine?
Interessenskonflikte: Studie finanziert durch Herstellerfirma

Kettenmann B, Wille C, Lurie-Luke E, Walter D, Kobal G. Impact of continuous low level heatwrap therapy in acute low back pain patients: subjective and objective measurements. Clin J Pain. 2007 Oct;23(8):663-8. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Oltean u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: u.a. 2 randomisiert-kontrollierte Studien zu Capsaicin-haltigen Wärmepflastern
Teilnehmende insgesamt: 474 Männer und Frauen mit chronischen Kreuzschmerzen
Untersuchungsdauer: 3 Wochen
Fragestellung: Haben Capsaicin-haltige Pflaster einen schmerzlindernden Effekt bei Kreuzschmerzen im Vergleich zu Placebo-Pflastern?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit. Unklare Finanzierung der analysierten Einzelstudien.

Oltean H, Robbins C, van Tulder MW, Berman BM, Bombardier C, Gagnier JJ.
Herbal medicine for low-back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Dec
23;(12):CD004504. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] AWMF (2016)
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz. Abgerufen am 15. 10 2019 unter www.awmf.org

[6] IQWIG (2019)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Rücken- und Kreuzschmerzen. Abgerufen am 16. 10. 2019 unter www.gesundheitsinformation.de