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Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs mit Imiquimod bekämpfen?

Können Zäpfchen mit Imiquimod Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs bekämpfen?

Können Zäpfchen mit Imiquimod Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs bekämpfen?

Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs werden häufig durch eine Operation entfernt. Ob sich auch Zäpfchen mit Imiquimod zur Behandlung eignen, ist nicht gut abgesichert.

Frage:Lassen Scheidenzäpfchen mit dem Wirkstoff Imiquimod Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs zurückgehen oder verschwinden?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:In der einzigen Studie dazu war die Behandlung bei einem Teil der Betroffenen erfolgreich. Da die Studie mangelhaft ist und nur wenige Frauen darin teilgenommen haben, ist die Aussagekraft eingeschränkt.

Bei etwa 3 von 1000 Frauen im Jahr kommt es am Gebärmutterhals zu auffälligen Veränderungen, die durch Humane Papilloma-Viren (HPV) verursacht werden [3]. Aus diesen Veränderungen kann im Laufe der Zeit Gebärmutterhalskrebs entstehen. Im Rahmen von Früherkennungsuntersuchungen ist es möglich, solche Vorstufen zu erkennen und nötigenfalls zu behandeln.

Wird eine hochgradige Krebsvorstufe entdeckt, wird das betroffene Gewebestück üblicherweise in einer Operation aus dem Gebärmutterhals herausgeschnitten. Ziel ist es, die Entstehung von Krebs zu verhindern.

Wir haben zu einer neuen Behandlungsmethode eine Anfrage erhalten: Scheidenzäpfchen mit dem Wirkstoff Imiquimod. Sie sollen die Krebs-Vorstufen zurückgehen oder sogar verschwinden lassen.

Imiquimod ist zur Behandlung von ungefährlichen Feigwarzen zugelassen. Feigwarzen werden vor allem durch HP-Viren vom Niedrigrisiko-Typ verursacht. An Gebärmutterhalskrebs und dessen Vorstufen sind meistens andere Typen von HP-Viren beteiligt. Wirkt Imiquimod auch gegen diese Viren?

Zu früh für sichere Beurteilung

Wir wollten es genauer wissen und haben nach wissenschaftlichen Belegen gesucht. Gefunden haben wir nur eine kleine Studie [1]. Sie deutet darauf hin, dass die Methode prinzipiell wirksam sein dürfte. Wie gut Imiquimod Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs (auch langfristig) bekämpft, kann sie jedoch nicht genau beantworten.

In dieser Studie nahmen 59 Teilnehmerinnen mit Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs (Grad CIN 2 oder CIN 3) teil. Die Hälfte bekam Scheidenzäpfchen mit Imiquimod, die andere Hälfte Zäpfchen ohne Wirkstoff.

Nach 16 Wochen zeigte sich:

  • Mit Imiquimod bildeten sich die Vorstufen bei 73 Prozent der Frauen ganz oder teilweise zurück
  • Ohne Wirkstoff bildeten sich die Vorstufen bei 39 Prozent der Frauen ganz oder teilweise zurück

Das klingt vorerst recht viel versprechend. Doch diese Ergebnisse sind nicht gut abgesichert.

  • Für eine solide Aussagekraft haben zu wenige Frauen teilgenommen.
  • Es fehlen Angaben, ob Imiquimod bei hochgradigen Vorstufen (CIN 3) ähnlich wirkt wie bei mittelgradigen Vorstufen (CIN 2).
  • Unklar ist, ob der Vorteil von Imiquimod auch noch nach einem oder mehreren Jahren bestehen bleibt – oder ob die Vorstufen wieder zurückkommen.

Auf Basis der kleinen Studie [1] ist es also noch zu früh, um die Wirksamkeit von Imiquimod sicher beurteilen zu können. Unklar ist auch, wie gut Imiquimod im Vergleich mit der Operation (Konisation) – das ist die derzeitige Standardtherapie – abschneidet. Derzeit läuft eine größere Studie, die hoffentlich für mehr Gewissheit sorgen wird [2].

Nebenwirkungen von Imiquimod

Die Behandlung mit Imiquimod soll schonender sein als die übliche Operation, bei der die Krebs-Vorstufen weggeschnitten werden. Das klingt erstmal plausibel. Doch die Substanz ist nicht frei von Nebenwirkungen. Bei einem Großteil der Studienteilnehmerinnen [1] kam es zu:

  • Schmerzen oder Juckreiz am Scheideneingang
  • Rötungen
  • Wasseransammlungen unter der Haut
  • vorübergehenden oberflächlichen Schleimhautschädigungen

Das Medikament reizt nicht nur die Haut, sondern löst auch Nebenwirkungen im ganzen Körper aus. Die meisten der teilnehmenden Frauen berichten während der Behandlung von

  • Grippe-ähnlichen Symptomen wie Fieber und Abgeschlagenheit
  • Kopfschmerzen
  • Muskelschmerzen

Welche Vorstufen gibt es?

In Österreich empfiehlt das Gesundheitsministerium allen Frauen ab 18, einmal im Jahr eine Untersuchung zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs machen zu lassen. Dabei nimmt die Ärztin oder der Arzt mit einem Spatel oder Bürstchen Schleimhautzellen ab – einmal vom Muttermund und einmal vom Gebärmutterhals. Der Fachbegriff dafür heißt Pap-Abstrich.

Eine Untersuchung unter dem Mikroskop zeigt, ob sich in dem Abstrich auffällige Zellen finden. Gibt es einen Verdacht auf Krebsvorstufen, erfolgt – je nach Schweregrad – eine Gewebeentnahme (Biopsie). Dadurch lässt sich genauer feststellen, wie weit die Vorstufen fortgeschritten sind.

Gebärmutterhalskrebs-Vorstufen können sich von alleine wieder zurückbilden. Das gilt vor allem für leichte und mittelgradige Gewebeveränderungen (Grad CIN 1 beziehungsweise CIN 2).

Anders sieht es bei hochgradigen Gewebeveränderungen (Grad CIN 3) aus: Aus diesen Vorstufen entwickelt sich bei der Hälfte der betroffenen Frauen nach einiger Zeit Gebärmutterhalskrebs [5].

Operation als Standardbehandlung

Um die Vorstufen zu entfernen, wird ein etwa kirschgroßes kegelförmiges Gebewebestück aus dem Gebärmutterhals entfernt. Der Fachbegriff für diese Operation ist Konisation.

In den Tagen nach dem Eingriff kann es zu leichten Schmerzen und Blutungen kommen. Weil eine Konisation den Muttermund schwächt, erhöht sich dadurch im Falle einer späteren Schwangerschaft das Risiko für eine Frühgeburt.

Weitere wissenschaftlich gesicherte Informationen zum Thema Gebärmutterhalskrebs hat die unabhängige Seite Gesundheitsinformation.de veröffentlicht.

 

Die Studien im Detail

Wir haben in drei Forschungsdatenbanken recherchiert. Wir konnten nur eine Studie zur Behandlung von Gebärmutterhalskrebs-Vorstufen mit Imiquimod in Form von Scheidenzäpfchen finden [1].

Bei dieser Studie handelt es sich um eine randomisiert-kontrollierte Studie. Darin nahmen 59 Frauen teil, die einer Krebsvorstufe vom Grad CIN 2 oder CIN 3 hatten.

Die Teilnehmerinnen wurden per Zufall (randomisiert) in zwei Gruppen eingeteilt: 16 Wochen lang nahmen sie täglich ein Scheidenzäpfchen, das entweder Imiquimod oder keinen Wirkstoff enthielt. Wer in welcher Gruppe landete, blieb bis zum Studienende geheim.

Am Ende der 16-wöchigen Behandlung entnahm das Forschungsteam bei allen Teilnehmerinnen Gewebeproben. Die Untersuchung dieser Proben zeigte:

  • Mit Imiquimod waren die Vorstufen bei 47 Prozent der Teilnehmerinnen vollständig zurückgegangen
  • Ohne Imiquimod waren die Vorstufen bei 14 Prozent vollständig zurückgegangen

Bei mehreren Frauen waren die Gewebsveränderungen zwar nicht verschwunden. Sie hatten sich jedoch auf den Grad CIN 1 zurückgebildet. Das war in beiden Gruppen ähnlich häufig der Fall:

  • Mit Imiquimod haben sich die Vorstufen bei 26 Prozent auf Grad CIN 1 zurückgebildet
  • Ohne Imiquimod haben sich die Vorstufen bei 25 Prozent auf Grad CIN 1 zurückgebildet

Eingeschränkte Aussagekraft

Die geringe Anzahl der Teilnehmerinnen schmälert die Aussagekraft der Studie. Für klarere Ergebnisse sind einer Daumenregel zufolge mindestens 300 bis 400 Personen notwendig [4].

Unklar ist auch, ob die Behandlung mit Imiquimod bei Vorstufen vom Grad CIN 3 ähnlich wirkt wie bei solchen vom Grad CIN 2 – dazu finden sich in der Studie keine Angaben. Zudem waren die Schweregrade der Vorstufen bereits zu Studienbeginn ungleich zwischen beiden Gruppen verteilt.

Der Beobachtungszeitraum von 16 Wochen ist zu kurz, um den langfristigen Erfolg der Methode einschätzen zu können. So ist unklar, ob die Gewebsveränderungen nach einiger Zeit wiederkehren.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Grimm u.a. (2012)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmerinnen: 59 Frauen mit Gewebsveränderungen der Stufe CIN 2 oder CIN 3 im Gebärmutterhals
Untersuchungsdauer: 16 Wochen
Fragestellung: Lassen Scheidenzäpfchen mit Imiquimod Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs eher zurückgehen als Placebo-Zäpfchen?
Interessenskonflikte: Medikamente für die Studie sowie Forschungsgelder wurden vom Unternehmen Meda Pharmaceuticals zur Verfügung gestellt, das Imiquimod produziert

Grimm C, Polterauer S, Natter C, Rahhal J, Hefler L, Tempfer CB, Heinze G, Stary G, Reinthaller A, Speiser P. Treatment of cervical intraepithelial neoplasia with topical imiquimod: a randomized controlled trial. Obstet Gynecol. 2012 Jul;120(1):152-9. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[2] van de Sande u.a. (2018)
van de Sande AJM, Koeneman MM, Gerestein CG, Kruse AJ, van Kemenade FJ, van Beekhuizen HJ. TOPical Imiquimod treatment of residual or recurrent cervical intraepithelial neoplasia (TOPIC-2 trial): a study protocol for a randomized controlled trial. BMC Cancer. 2018 Jun 15;18(1):655. (Studienprotokoll in voller Länge)

[3] S3-Leitlinie (2017)
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Prävention des Zervixkarzinoms, Langversion1.0, 2017, AWMF Registernummer: 015/027OL. Abgerufen am 15. 11. 2019 unter www.leitlinienprogramm-onkologie.de

[4] Guyatt u.a. (2011)
Guyatt GH, Oxman AD, Kunz R, et al. GRADE guidelines 6. Rating the quality of evidence–imprecision. J Clin Epidemiol. 2011 Dec;64(12):1283-93. (Zusammenfassung)

[5] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Gewebeveränderungen am Muttermund (Dysplasien). Abgerufen am 14. 11. 2019 unter www.gesundheitsinformation.de