Vitamin D gegen Corona: Wirksamkeit noch unklar

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2021
Präparate mit Vitamin D werden häufig als Mittel gegen Corona beworben
Mit Vitamin D einer Corona-Infektion vorbeugen? Oder eine Covid-19-Erkrankung lindern? Ob das möglich ist, kann die Wissenschaft derzeit noch nicht beantworten.
Frage:
Beugt Vitamin D einer Covid-19-Erkrankung vor? Mildert Vitamin D den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Bisherige Studien zur Behandlung von Covid-19 können nicht beantworten, ob Vitamin D die Erkrankung lindern kann. Zu einer möglichen vorbeugenden Wirkung sind bisher keine Studien veröffentlicht worden.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Ob im Internet, in Gesundheitszeitschriften oder in der Zeitung: Immer wieder liest man, dass Vitamin D das Immunsystem stärken soll. Auf diese Weise schützt die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten – angeblich – vor zahlreichen ansteckenden Krankheiten.

Bei herkömmlichen Erkältungen und Grippe scheint diese Behauptung nicht zu stimmen – zumindest für die meisten Menschen. Bisherigen Studien zufolge können Vitamin-D-Präparate das Erkrankungsrisiko lediglich bei einem schweren Vitamin-D-Mangel verringern. Details dazu haben wir bereits in einem eigenen Beitrag veröffentlicht.

Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass dies beim Coronavirus anders ist als bei Erkältungs- und Grippeviren. Wir haben nach Studien gesucht, die die Wirkung von Vitamin-Präparaten auf Coronavirus-Infektionen erforscht haben, einerseits als Vorbeugung, andererseits als Therapie.

Unklarheit für Behandlung

Eine Vitamin-D-Behandlung von Covid-19 haben bisher drei Studien untersucht [1]. Doch Antworten können sie keine geben – etwa, ob es den Erkrankten mit Vitamin D nach vier Wochen besser geht als ohne extra Vitamin D. Es ist auch unklar, ob die Behandlung Todesfälle verhindern kann.

Ein Grund für die enttäuschende Datenlage ist die geringe Anzahl der Studienteilnehmenden. Dadurch sind die Ergebnisse so unsicher, dass sie eine Verbesserung genauso möglich erscheinen lassen wie die Wirkungslosigkeit oder sogar eine Verschlechterung. Ein weiterer Grund sind Mängel und Ungenauigkeiten in der Durchführung der Studien [1].

Studien zu Vorbeugung fehlen

Hat die vorsorgliche Einnahme von Vitamin D einen Schutzeffekt? Eine mögliche vorbeugende Wirkung ist noch unerforscht. Hier sind allerdings Studien in Planung [z. B. 4-6], in denen Gesunde entweder Vitamin D oder ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo) einnehmen. Nach einiger Zeit soll dann verglichen werden, ob in der Vitamin-D-Gruppe weniger Studienteilnehmende an Covid-19 erkranken als in der Placebo-Gruppe.

Möglicherweise gibt es in absehbarer Zeit also neue Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Vitamin D gegen das Coronavirus.

Nebenwirkungen unwahrscheinlich

In bisherigen Studien zur Vorbeugung von Erkältungen und anderen Atemwegsinfekten wurden keine auffälligen Nebenwirkungen beobachtet [8]. Sehr große Mengen können jedoch zu einer Überdosierung führen. Als gesundheitsschädlich gelten mehr als 120 nmol/l Vitamin D im Blut [9].

Niedriger Vitamin-D-Spiegel als Risiko?

Doch woher kommt eigentlich die Vermutung, dass Vitamin D bei Covid-19 helfen kann? Daten von Covid-19-Erkrankten deuten darauf hin, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel häufiger mit einem schweren Krankheitsverlauf einhergeht [2,3]. Das muss allerdings nicht heißen, dass der niedrige Vitamin-D-Spiegel die Ursache ist, also anfälliger macht. Er könnte auch einfach eine Begleiterscheinung sein.

Denn einige Personengruppen mit erhöhtem Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung sind seltener draußen in der Sonne oder ernähren sich einseitig – und haben dadurch auch öfters einen erniedrigten Vitamin-D-Spiegel. Das betrifft beispielsweise gebrechliche, alte Menschen oder solche mit Diabetes, starkem Übergewicht oder Bluthochdruck.

Ob die Einnahme von Vitamin D das Risiko für eine Erkrankung bei diesen Menschen verringert, können die Beobachtungsstudien nicht beantworten.

15 Minuten in der Sonne

Nur ein kleiner Teil des benötigten Vitamin D kommt aus der Nahrung, zum Beispiel aus Fisch, Eiern oder Leber.

Den Großteil stellt der Körper selbst her – und zwar mithilfe der UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht. Im Sommer genügt es, 5 bis 15 Minuten pro Tag im Sonnenlicht zu verbringen. Im Frühling und Herbst sind 10 bis 25 Minuten nötig. Solange Gesicht und Hände unbedeckt sind, bildet sich in der Haut genügend Vitamin D. Der Körper kann genug Vitamin D speichern, um auch im Winter ausreichend versorgt zu sein [7].

Ab welcher Menge im Blut die Versorgung mit Vitamin D ausreichend ist, können Fachleute nicht eindeutig beantworten. Dies und welche Aufgabe Vitamin D im Körper hat, haben wir in einem anderen Beitrag zu Vitamin D beleuchtet.

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Die Studien im Detail

Bei unserer umfangreichen Recherche zur Rolle von Vitamin D bei der Vorbeugung oder Behandlung von Covid-19 sind wir auf eine wöchentlich aktualisierte Übersichtsarbeit der „Covid NMA Initiative“ [1] gestoßen. Ziel dieser unabhängigen Forschungsinitiative ist es, die jeweils aktuelle Studienlage zu Covid-19-Behandlungen und vorbeugenden Maßnahmen zusammenzufassen und objektiv zu analysieren.

Behandlung mit Vitamin D

Bisher hat die Initiative drei randomisiert-kontrollierte Studien gefunden, in denen Vitamin D zur Behandlung von Covid-19 überprüft wurde. Diese Studienform ist am besten geeignet, um belastbare Aussagen zur Wirksamkeit zu treffen.

An den Studien nahmen insgesamt 356 Personen mit leichter bis schwerer Covid-19-Erkrankung teil. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die Behandlungsgruppe bekam zusätzlich zur üblichen Standardbehandlung Vitamin D in unterschiedlichen Dosen. Die Kontrollgruppe erhielt neben der Standardbehandlung entweder ein wirkstoffloses Scheinmedikament (Placebo) oder gar kein zusätzliches Mittel.

Nach zwei bis vier Wochen verglichen die Forschungsteams, ob in der Behandlungsgruppe weniger Erkrankte gestorben waren. Sie werteten auch aus, ob es den Erkrankten in der Behandlungsgruppe besser ging als jenen in der Kontrollgruppe.

Leider können die Studien keine der beiden Fragen klar beantworten. Für eine der drei Studien fehlen noch wichtige Daten, um die Ergebnisse einordnen zu können. Für die Zusammenfassung konnte die NMA-Initiative daher nur zwei Studien mit insgesamt 313 Teilnehmenden berücksichtigen. Nur bei einer davon ist der Vitamin-D-Spiegel der Teilnehmenden bekannt: er lag im Durchschnitt um 20 ng/ml. Die meisten Expertinnen und Experten erachten erst Werte unter 20 ng/ml als unzureichend für die Gesundheit [3].

In dieser Studie war die Anzahl der Todesfälle in der Vitamin-D-Gruppe geringfügig höher, während sie in der Studie mit fehlendenden Angaben zum Vitamin-D-Spiegel etwas niedriger waren. Die Ergebnisse widersprechen sich also. Insgesamt ist die Anzahl der Todesfälle in beiden Studien mit 16 jedoch viel zu gering für aussagekräftige Ergebnisse – die Wahrscheinlichkeit für Zufallsschwankungen ist hier hoch. Mängel in der Studiendurchführung mindern die Aussagekraft der Ergebnisse weiter.

Daten zur Schwere des Krankheitsverlaufs wurden überhaupt nur in einer Studie erhoben. Wie gut die Versorgung mit Vitamin D vor Behandlungsbeginn war, hat ebenfalls nur eine Studien berichtet. Auch darum sind die Ergebnisse wenig verlässlich.

Vorbeugende Wirkung

Auch zu einer möglichen vorbeugenden Wirkung haben wir nach randomisiert-kontrollierten Studien gesucht. Dabei haben wir drei Forschungsdatenbanken durchforstet: Pubmed, Cochrane Library und Epistemonikos. Doch vergebens, bisher scheinen keine Vorbeugungsstudien zu Vitamin D und Corona veröffentlicht worden zu sein.

Das könnte sich in Zukunft jedoch ändern. Denn in internationalen Studienregistern sind mehrere randomisiert-kontrollierte Studien angemeldet, die eine mögliche Covid-19-vorbeugende Wirksamkeit von Vitamin D untersuchen wollen [4-6]. Wir gehen davon aus, dass sich die Studienlage wie bei so vielen Fragen rund um Covid-19 rasch ändern kann.

Wissenschaftliche Quellen


[1] The COVID-NMA Initiative (2020)
Studienart: laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse (living systematic review)
Analysierte Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 356 Erwachsene mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 21 bis 40 Tage
Fragestellung: Gibt es einen Effekt der Einnahme von Vitamin D auf Sterblichkeit und Symptomverbesserung verglichen mit der üblichen Behandlung von Covid-19?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

The COVID-NMA initiative – A living mapping and living systematic review of Covid-19 trials. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter https://covid-nma.com

Juul u.a. (2020)
Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll)

[2] Pereira u.a. (2020)
Pereira M, Dantas Damascena A, Galvão Azevedo LM, de Almeida Oliveira T, da Mota Santana J. Vitamin D deficiency aggravates COVID-19: systematic review and meta-analysis. Crit Rev Food Sci Nutr. 2020 Nov 4:1-9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] UpToDate (2020)
Bouillon R. Vitamin D and extraskeletal health. In Mulder JE (ed.) UpToDate. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter www.uptodate.com (kostenpflichtig)

[4] Clinicaltrials.gov (2020)
Efficacy of Vitamin D Supplementation to Prevent the Risk of Acquiring COVID-19 in Healthcare Workers (COVID-19). NCT04535791. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter clinicaltrials.gov

[5] Clinicaltrials.gov (2020)
Reducing Asymptomatic Infection With Vitamin D in Coronavirus Disease (RAID-CoV-2). NCT04476680. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter clinicaltrials.gov

[6] Clinicaltrials.gov (2020)
PRevention of COVID-19 With Oral Vitamin D Supplemental Therapy in Essential healthCare Teams (PROTECT). NCT04483635. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter clinicaltrials.gov

[7] IQWIG (2018)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Osteoporose. Welche Rolle spielt Vitamin D? Abgerufen am 5. 1. 2021 unter www.gesundheitsinformation.de

[8] Martineau u.a. (2019)
Martineau, A. R., Jolliffe, D. A., Greenberg, L., Aloia, J. F., Bergman, P., Dubnov-Raz, G., … & Grant, C. C. (2019). Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory infections: individual participant data meta-analysis. Health Technol Assess. (Studie in voller Länge)

[9] UpToDate (2020)
Dawson-Hughes B. Vitamin D deficiency in adults: Definition, clinical manifestations, and treatment. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 5. 1. 2021 unter www.uptodate.com (kostenpflichtig)