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Verkrümmte Fingerglieder durch Spritze lösen?

Morbus Dupuytren am Ringfinger

Morbus Dupuytren am Ringfinger

Durch Morbus Dupuytren verkrümmte Finger betreffen vorwiegend ältere Menschen. Der Kronenzeitung (21. 9. 2011, Printausgabe) zufolge kann mit einer Spritze eine sonst notwendige Handoperation schnell und unkompliziert umgangen werden. Dass die Behandlung nicht immer Erfolg hat und kaum frei von Nebenwirkungen ist, bleibt in dem Artikel unerwähnt. (Bild: Frank C. Müller)

Zeitungsartikel: Steife Gliedmaßen ohne operativen Eingriff „lösen“ (Krone, 21. 9. 2011, Printausgabe, Rubrik Gesundheit)
Frage:Können Injektionen mit dem Enzym Kollagenase durch Morbus Dupuytren verkrümmte Finger ohne Operation begradigen? (Leser-Anfrage)
Antwort:Kollagenase-Injektionen können eine Begradigung der Finger bewirken, der Erfolg tritt jedoch nicht immer ein und ist meist – wie aber auch bei der bisher üblichen Operation – nicht von Dauer. Beinahe alle Patienten zeigen dabei unerwünschte Nebenwirkungen, die in Einzelfällen auch schwerwiegend sein können.
Beweislage:
Hohe wissenschaftliche Beweislagefür die teilweise Wirksamkeit

Bei Morbus Dupuytren (auch Dupuytren-Kontraktur) handelt es sich um eine für gewöhnlich schmerzlose Verdickung von kollagenhältigem Bindegewebe der Handfläche. Ein über Jahre bis Jahrzehnte immer stärker werdende Bindegewebsstrang führt zu einer Krümmung des betroffenen Fingers Richtung Handfläche, so dass dieser immer weniger ausgestreckt werden kann.

Die zwar gutartige, aber Alltagstätigkeiten stark einschränkende Krankheit tritt meist erst über 40 Jahren auf und betrifft mehr Männer als Frauen. Ihr Auftreten steigt mit dem Alter stark an, die Zahl der Betroffenen variiert allerdings stark. So sind in Europa je nach Land zwischen 4 und 31 von 100 Menschen betroffen. [1]

Die Ursache für die Erkrankung ist nicht bekannt, neben einer erblichen Veranlagung scheint aber auch schwere körperliche Arbeit ein Risikofaktor zu sein. Arbeiter, die mit den Händen sich ständig wiederholende Arbeiten verrichten oder Vibrationen ausgesetzt sind, haben ein 3 bis 5-faches Risiko, Morbus Dupuytren zu entwickeln. Unter anderem tritt die Krankheit auch bei Diabetikern gehäufter auf als in der Normalbevölkerung.

Behandlungsmethoden

Eine Operation stellt bei fortgeschrittenem Morbus Dupuytren die gängigste Behandlung dar. Die operativ entfernten Bindegewebsstränge können allerdings nach einiger Zeit wiederkehren, eine dauerhafte Heilung ist daher oft nicht möglich. Alternativ kann auch eine teilweise Zerstörung des verdickten Bindegewebes mittels Nadeln erzielt werden, die ebenfalls nicht dauerhaft anhält und unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt.

Gegen das Fortschreiten der Krankheit scheinen auch Röntgen-Bestrahlungen der Handinnenfläche angezeigt. Diese kommen vor allem bei geringem bis mittlerem Fortschritt zum Einsatz.

Ein Artikel in der Kronenzeitung (vom 21. 9. 2011) beschreibt Injektionen mit Kollagenase, einem Bindegewebs-auflösenden Enzym (reaktionsfreudiger Eiweißstoff) als unkomplizierte Alternative zu einer Operation:

„[…] Mittels einer neuen Injektionstherapie spritzt man nun ein gewebeauflösendes Enzym (Eiweiß) in den Strang, um die Bindegewebsfasern aufzulösen. Am nächsten Tag nimmt der Arzt noch eine Folgedehnung vor.“ Diese Behandlung erfordert weder Vollnarkose, Spitalsaufenthalt noch langwierige Rehabilitation. Der Patient kann die Hand nach zwei Wochen wieder voll belasten.

Zur Überprüfung der Wirksamkeit dieser Kollagenase-Injektionsmethode führte das Team von Medizin-Transparent eine systematische Literaturrecherche durch.

Ergebnis: Kollagenase mit zeitlich begrenzter Wirksamkeit…

3 kleinere [2, 4, 5] und eine größere randomisiert-kontrollierte Studien (letztere mit rund 300 Teilnehmern [6]) belegen die prinzipielle Wirksamkeit von Kollagenase-Injektionen bei fortgeschrittenem Morbus Dupuytren.

Die Behandlung war in allen Studien relativ ähnlich. Einen Tag, nachdem Kollagenase in den beengenden Bindegewebsstrang injiziert wurde, führte der behandelnde Arzt eine passive Dehnung des betroffenen Fingers durch, um den Kollagenstrang endgültig aufzubrechen. Zusätzlich erhielten die Patienten die Anweisung, nachts eine Dehnungsschiene zu tragen und selbständig Fingerdehnungsübungen durchzuführen.

Innerhalb eines Monats wurden je nach Bedarf bis zu 3 Injektionen verabreicht und danach der Erfolg beurteilt. Je nach Studie konnten nach einem Monat aber nur zwischen 44 und 76 von 100 Patienten den betroffenen Finger wieder vollständig ausstrecken. (für Details siehe Tabelle am Ende des Textes) Über die Langzeitwirkung ist zudem wenig bekannt. Einzig zu einer kleinen Studie [2] wurde nach 8 Jahren eine Folgeuntersuchung durchgeführt, an der 8 Patienten teilnahmen [3]. Von diesen 8 Patienten war die Erkrankung nur bei zweien nicht wieder zurückgekehrt.

… und sehr häufigen Nebenwirkungen

Unerwünschte Nebenwirkungen traten nahezu bei allen Patienten auf [5, 6]. Mehr als die Hälfte aller Behandelten hatte Ödeme (Flüssigkeitsansammlungen) in der Hand oder Blutergüsse. Bei mindestens 2 von 10 Patienten zeigten sich Schmerzen in der Hand, oder es kam zu Lymphknotenschwellungen oder Blutungen – etwa durch Hautrisse.

Schwere Nebenwirkungen traten in einer Studie [6] bei 3 von 308 Patienten auf: bei 2 Behandelten kam es zu Sehnenrissen, bei einem zum sogenannten komplexen regionalen Schmerzsyndrom. In einer weiteren Studie [5] kam es in zwei von 45 Fällen zu schweren Nebenwirkungen, davon bei einer Person zu einem Bänderriss in der Hand.

Zusätzlich sollte das Risiko für ernsthafte allergische Reaktionen nicht unterschätzt werden. Nach 3 Injektionen hatten alle auf Nebenwirkungen untersuchten Patienten Antikörper gegen Kollagenase entwickelt [5, 6] – eine Grundvoraussetzung für allergische Reaktionen. Bei immerhin 11 von 100 davon kam es zu allergiebedingtem Juckreiz. Auch wenn in den 4 Studien keine schwerwiegenden allergischen Reaktionen berichtet wurden, besteht doch ein erhöhtes Risiko bis hin zum möglichen Auftreten eines allergischen Schocks.

Detaillierte Ergebnisse

Folgende Tabelle stellt die Anzahl der Patienten hochgerechnet pro 100 Teilnehmer dar, die nach ein bis drei Injektionen innerhalb eines Monats den betroffenen Finger wieder vollständig ausstrecken konnten. In Klammern stehen die tatsächlich in der jeweiligen Studie untersuchten Patientenzahlen.

StudieKollagenase-Injektionen
(Erfolge pro 100 Patienten)
Placebo-Injektionen
(Erfolge pro 100 Patienten)
 Badalamente (2002) [2] 76 von 100 (insg. 25 Patienten) 8 von 100 (insg. 24 Patienten)
 Badalamente (2007) [4] 70 von 100 (insg. 23 Patienten) 0 von 100 (insg. 12 Patienten)
 Gilpin (2007) [5] 44 von 100 (insg. 45 Patienten) 5 von 100 (insg. 21 Patienten)
 Hurst 2009 [6] 64 von 100 (insg. 204 Patienten) 7 von 100 (insg. 104 Patienten)

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[2] Badalamente u.a. 2002
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 49
Dauer: 1 Monat (eigentliche randomisiert-kontrollierte Studie) + mehrere Monate Fortsetzung ohne Placebo-Gruppe für zusätzliche Kollagenase-Injektionen
Finanzierung: Advance Biofactures Corporation (Hersteller von Kollagenase)
Vergleich: 1 Kollagenase-Injektion innerhalb 1 Monat gegen Placebo-Injektion bei Morbus Dupuytren + weitere Kollagenase-Injektionen in der Phase ohne Placebo-Gruppe

Titel: „Collagen as a clinical target: nonoperative treatment of Dupuytren’s disease.“ J Hand Surg Am 27(5): 788-798. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Watt u.a. 2010
(Nachfolgeuntersuchung von [2])
Teilnehmer: 8 Patienten, die in Studie [2] Kollagenase-Injektionen erhalten hatten
Dauer: 8 Jahre
Fragestellung: Wiederauftreten von Morbus Dupuytren 8 Jahre nach Kollagenase-Injektionen

Titel: „Collagenase injection as nonsurgical treatment of Dupuytren’s disease: 8-year follow-up.“ J Hand Surg Am 35(4): 534-539, 539 e531. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Badalamente u.a. 2007
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 35
Dauer: 1 Monat (eigentliche randomisiert-kontrollierte Studie) + mehrere Monate Fortsetzung ohne Placebo-Gruppe für zusätzliche Kollagenase-Injektionen
Finanzierung: Auxilium Pharmaceuticals sowie BioSpecifics Technologies Corp (Hersteller von Kollagenase)
Vergleich: 1 bis 3 Kollagenase-Injektionen innerhalb 1 Monat gegen Placebo-Injektion bei Morbus Dupuytren + weitere Kollagenase-Injektionen in der Phase ohne Placebo-Gruppe

Titel: „Efficacy and safety of injectable mixed collagenase subtypes in the treatment of Dupuytren’s contracture.“ J Hand Surg Am 32(6): 767-774. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Gilpin u.a. 2007
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 66
Dauer: 1 Monat (eigentliche randomisiert-kontrollierte Studie) + 9 Monate Fortsetzung ohne Placebo-Gruppe für zusätzliche Kollagenase-Injektionen
Finanzierung: Auxilium Pharmaceuticals (Hersteller von Kollagenase)
Vergleich: 1 bis 3 Kollagenase-Injektionen innerhalb 1 Monat gegen Placebo-Injektion bei Morbus Dupuytren + weitere Kollagenase-Injektionen in der Phase ohne Placebo-Gruppe

Titel: „Injectable collagenase Clostridium histolyticum: a new nonsurgical treatment for Dupuytren’s disease.“ J Hand Surg Am 35(12): 2027-2038 e2021. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Hurst u.a. 2009
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 308
Dauer: 90 Tage
Finanzierung: Auxilium Pharmaceuticals (Hersteller von Kollagenase)
Vergleich: 1 bis 3 Kollagenase-Injektionen innerhalb 1 Monat gegen Placebo-Injektion bei Morbus Dupuytren

Titel: „Injectable collagenase clostridium histolyticum for Dupuytren’s contracture.“ N Engl J Med 361(10): 968-979. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen:

[1] Hindocha S, McGrouther DA, Bayat A. (2009). Epidemiological evaluation of Dupuytren’s disease incidence and prevalence rates in relation to etiology. Hand (N Y). Sep;4(3):256-69. (Studie im Volltext)