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Unfruchtbar durch Drahtlos-Internet am Laptop?

Laptop am Schoß bedenklich?

Laptop am Schoß bedenklich?

WLAN-Strahlung tötet Spermien ab und macht unfruchtbar, so Krone und Österreich. Müssen Männer in Zukunft auf Laptops mit Drahtlos-Internet verzichten, oder werden hier aus Studienergebnissen übertriebene Schlussfolgerungen gezogen? (aktualisiert 14.4.2014)

 

 

Zeitungsartikel: WLAN tötet laut neuer Studie Spermien ab (29. 11. 2011, Krone),
WLAN-Strahlen können Sperma schädigen (29. 11. 2011, Österreich)
Frage:Beeinträchtigt die Nutzung von Laptops mit aktivem WLAN (drahtlosem Internetzugang) die Spermienqualität von Männern?
Antwort:Die zugrundeliegende Studie ist nicht aussagekräftig genug, um eine solche Auswirkung feststellen zu können. Momentan existiert keine wissenschaftlich hochwertige Studie, die diese Fragestellung untersucht hat.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 14.4.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Argentinische Forscher raten Männern nach Veröffentlichung ihrer neuen Studie angeblich dringend davon ab, mit einem WLAN-Laptop auf dem Schoß zu arbeiten, schreiben Krone und Österreich am 29. 11. 2011. Die Krone behauptet sogar, die Funkstrahlung eines mobilen Computers mit drahtlosem Internetzugang (WLAN) töte „schnell und effektiv“ Spermien ab.

Müssen sich Männer also Sorgen um ihre Fruchtbarkeit machen, wenn sie öfters auf mobilen Computern mit Drahtlos-Internet auf dem Schoß arbeiten?

Samenzellen im Glasschälchen…

In der erwähnten Studie [1] untersuchten die Forscher Spermienproben von 29 jungen Männern in Glasschälchen mit künstlicher Nährlösung, 2 Schälchen je Probe. Eines davon stellten sie für 4 Stunden unter einen Laptop-Computer mit aktiviertem WLAN, während das andere im Nebenraum ohne Laptop aufbewahrt wurde. Da Laptops viel Wärme abgeben, überwachten die Forscher die Temperatur aller Proben und hielten sie konstant auf 25°C Raumtemperatur.

Nach Ablauf der 4 Stunden zeigte sich, dass diejenigen Samenzellen, die unter dem Laptop gestanden hatten, weniger beweglich waren als die aus dem Nachbarraum ohne Laptop. Zudem schien das Erbgut der dem Computer ausgesetzten Spermien stärker beschädigt. Einen Unterschied in der Anzahl der abgestorbenen Samenzellen beider Probengruppen konnten die Forscher aber nicht entdecken – auch wenn die Kronenzeitung von der „schnellen und effektiven“ Abtötung von Spermienzellen berichtet.

…und die Wirklichkeit

Die Studie weist allerdings mehrere Schwachpunkte auf. Um die Auswirkung der WLAN-Strahlung glaubwürdig nachweisen zu können, hätten auch die Vergleichsproben unter einen Laptop gestellt werden müssen, allerdings diesmal ohne das WLAN zu aktivieren.

Weiters waren die Schälchen nur 3 cm unter dem Laptop plaziert, eine Entfernung, die um einiges geringer ist als der Abstand zu den Hoden eines am Schoß plazierten Computers. Nach den Gesetzen der Physik wäre die Strahlung im doppelten Abstand – also bei 6 cm Entfernung – nur mehr ein Viertel so stark und hätte vielleicht gar keine derartigen Auswirkungen mehr gezeigt.

Vor allem aber lassen sich Samenzellen, die in einem Glasschälchen mit künstlicher Nährlösung bei Raumtemperatur schwimmen, nicht mit den natürlichen Bedingungen im Inneren des männlichen Hoden vergleichen. Denn dort, in ihrer natürlichen Umgebung, sind sie vor Beschädigung weitaus besser geschützt als im Reagenzglas. Zudem würde nur ein geringer Teil der elektromagnetischen WLAN-Strahlung das umliegende Gewebe durchdringen und so die Spermien erreichen können.

Um die Auswirkung von WLAN-Strahlung auf die männliche Fruchtbarkeit feststellen zu können, wäre eine Studie direkt an Menschen statt an Glasschälchen geeigneter gewesen. Beispielsweise hätten die Forscher zwei Gruppen von Männern untersuchen können, von denen eine mit Laptops und aktiviertem WLAN am Schoß arbeiten, während bei der anderen Gruppe das Drahtlos-Internet bei sonst gleichen Bedingungen ausgeschalten bliebe. Hätten die Wissenschaftler anschließend beim Vergleich von Spermienproben beider Gruppen Unterschiede in der Samenqualität festgestellt, wäre dies ein deutlicherer Hinweis auf eine fruchtbarkeitsschädigende Wirkung von WLAN gewesen.

Eine solche oder ähnliche Studie wurde bisher aber nicht durchgeführt – für eine Samenzellen-schädigende Wirkung von WLAN-Strahlung gibt es daher zurzeit keinen Hinweis.

Laptop-Wärme und Fruchtbarkeit

Laptop-Computer sorgten aber in einem ähnlichen Zusammenhang bereits nach der Veröffentlichung einer Untersuchung im Jahr 2004 [2] für Aufsehen. Die bedeutende Hitzeentwicklung von tragbaren Computern veranlasste eine Gruppe US-amerikanischer Wissenschaftler dazu, die Auswirkungen der Laptop-Abwärme auf die männlichen Geschlechtsorgane näher zu untersuchen.

Da die Funktionsfähigkeit von Spermien eine im Vergleich zur gewöhnlichen Körpertemperatur um 2 bis 4 Grad kühlere Umgebung erfordert, befinden sich die männlichen Hoden im Gegensatz zu den Eierstöcken der Frau nicht im 37°C – warmen Körperinneren. Daher mutmaßte die Forschergruppe, dass das Arbeiten mit Wärme-abgebenden Laptop-Computern am Schoß die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen könnte.

In ihrer Studie zeigten die Wissenschaftler zwar, dass die häufige Arbeitshaltung bei der Verwendung von tragbaren Computern am Schoß zu einem starken Anstieg der Hodentemperatur um 2.6 bis 2.8 °C führt. Allerdings stieg die Hodentemperatur auch in einer Vergleichsgruppe stark an, die dieselbe Sitzposition ohne Laptop eingenommen hatte – wenn auch um etwa ein halbes Grad weniger. Da jedoch nur die Hodentemperatur gemessen wurde, nicht aber die Auswirkung auf die Spermienqualität, ist auch die Aussagekraft dieser Studie darüber gering.

Schlussfolgerung

Auch wenn sich die argentinischen Forscher in ihrer WLAN-Untersuchung der Hitzeentwicklung durch Laptops bewusst waren und die Temperatur der Spermienproben in ihren Glasschälchen konstant niedrig hielten – unmittelbare Hinweise auf die akute Gefährdung der männlichen Fruchtbarkeit durch die Verwendung von Laptops – mit oder ohne WLAN – gibt es bislang nicht. Zumindest, solange, bis eine nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Studie diesem Verdacht nicht ernsthaft auf den Grund zu gehen versucht.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Avendaño 2011
Studientyp: Laborstudie
Teilnehmer: Spermienproben von 29 gesunden Männer
Dauer: 4 Stunden
Vergleich: Auswirkung eines über den Proben stehenden Laptops mit aktiviertem WLAN auf Absterben, Beweglichkeit und Erbgutschädigung von Spermienzellen im Vergleich zu keinem Laptop.

Titel: “Use of laptop computers connected to internet through Wi-Fi decreases human sperm motility and increases sperm DNA fragmentation”. Fertil Steril. 2011 Nov 22. [Epub ahead of print] (Zusammenfassung der Studie)

[2] Sheynkin u. a. (2004)
Studientyp: Laborstudie
Teilnehmer: 29 gesunden Männer
Dauer: 1 Stunde
Vergleich: Hodentemperatur-Veränderung während dem Arbeiten mit einem eingeschalteten Laptop-Computer auf dem Schoß im Vergleich zur selben Sitzposition ohne Laptop.

Titel: “Increase in scrotal temperature in laptop computer users. Hum Reprod. 2005 Feb;20(2):452-5. Epub 2004 Dec 9. (Studie im Volltext)