Wirkung nicht belegt: Tryptophan gegen Depression

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Julia Harlfinger, Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2020
Tryptophan: steckt in der Schokolade, aber auch in Pillen. Ob es die Stimmung wirklich hebt, ist unklar.
Tryptophan ist die Vorstufe des Glückshormons Serotonin. Ob es die Beschwerden einer Depression lindern kann, ist jedoch nicht belegt. Aussagekräftige Studien fehlen.
Frage:
Kann zusätzliches Tryptophan, als Nahrungsergänzungsmittel oder mit der Nahrung eingenommen, bei einer Depression helfen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Aminosäure Tryptophan taucht immer wieder als mögliche Behandlung bei Depressionen auf. Eine Wirkung konnte bisher wissenschaftlich jedoch nicht belegt werden. Aussagekräftige Studien zu Tryptophan gegen Depressionen fehlen.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Tryptophan ist eine Aminosäure. Über Eiweiß in der Nahrung gelangt es in den Körper und wird dort unter anderem zu Serotonin umgewandelt. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff des Gehirns, der landläufig auch als „Glückshormon“ bekannt ist.

Ein Mangel an Serotonin wird als mögliche Ursache der Depression angesehen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass man bereits vor über 40 Jahren versuchte, von Depression betroffenen Menschen mit zusätzlichem Tryptophan zu helfen.

Auch heute kann man Tryptophan in der Apotheke rezeptfrei in Form von Nahrungsergänzungsmitteln kaufen. Es soll Stimmung und Schlaf verbessern und das Gedächtnis unterstützen. Auch der Verzehr von besonders Tryptophan-reichen Nahrungsmitteln soll diesen Effekt haben.

Doch auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen diese Annahmen?

Seit langem beforscht, doch nicht belegt

Ob sich eine Ernährung mit vielen Tryptophan-reichen Nahrungsmitteln bei einer Depression günstig auswirkt, können wir nicht sagen. Wir haben keine Studien dazu gefunden.

Wir konnten allerdings drei Übersichtsarbeiten [1,2,3] auswerten, die die Einnahme von Tryptophan als Nahrungsergänzungsmittel untersucht haben. Hier sind die Ergebnisse von insgesamt 13 Studien zusammengefasst.

Der Großteil der wissenschaftlichen Studien zu Tryptophan und Depression stammt aus den 1970er und 1980er Jahren. Seit damals hält sich die Hypothese von der anti-depressiven Wirkung der Aminosäure.

Zu einem Ergebnis konnten wir auf Basis dieser Arbeiten jedoch nicht gelangen. Die Studien waren klein bzw. wurden mangelhaft durchgeführt und sind zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen. Egal ob aus Nahrungsmitteln oder in Form von Pillen: Ob Tryptophan tatsächlich die Beschwerden einer Depression lindert, kann die Wissenschaft mangels guter Studien (derzeit) nicht beantworten.

Auch wenn künftige Studien möglicherweise ein deutlicheres Bild zeichnen können: Wir halten es für nicht sonderlich wahrscheinlich, dass Tryptophan alleine große Effekte haben kann. Als einzelner Faktor ist die Aminosäure wahrscheinlich weder Ursache noch Lösung der komplexen Erkrankung Depression. Es könnte allerdings ein Puzzlestein sein.

Ohne Tryptophan geht gar nichts

Tryptophan ist eine von 21 Aminosäure und gehört zu den Bausteinen, aus denen sich Eiweiß zusammensetzt. Mit der Nahrung gelangt Tryptophan in den Körper.

Im Gehirn entsteht aus Tryptophan zum Beispiel Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Auch einige Enzyme, die für grundlegende Abläufe im Körper verantwortlich sind, bestehen zum Teil aus Tryptophan.

Tryptophan ist auch notwendig für die Bildung von Serotonin. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, landläufig auch als „Glückshormon“ bekannt. Ohne Tryptophan geht im Körper also nichts.

Mehr Tryptophan = bessere Laune?

Ein Serotoninmangel gilt als eine mögliche Ursache für Depressionen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass man bereits vor über 40 Jahren mit Tryptophan experimentierte, um depressiven Menschen zu helfen.

Und tatsächlich: Wer mehr Tryptophan zu sich nimmt, hat auch einen höheren Serotoninspiegel im Gehirn [4,5]. Umgekehrt dürfte der Serotoninspiegel sinken, wenn die Aufnahme von Tryptophan künstlich unterdrückt wird. Ob diese biochemischen Prozesse im Gehirn auch spürbare Auswirkungen auf Stimmung oder sogar die Beschwerden bei einer Depression haben, ist aber nicht erwiesen [6].

Überhaupt sind viele Aspekte zur Aufnahme und Wirkung von Tryptophan bzw. Serotonin noch ungeklärt.

Ständige Zufuhr nötig

Die Aminosäure Tryptophan kommt in der Natur nur in sehr geringen Mengen vor. Auch im menschlichen Körper gibt es immer nur so viel Tryptophan wie gerade benötigt.

Speicher kann der Körper keine anlegen. Er ist also auf die ständige Zufuhr von Tryptophan mittels eiweißreicher Nahrung angewiesen.

Etwa 250 bis 425 Milligramm pro Tag sollten es für Erwachsene sein [7]. Zum Vergleich: In 100 Gramm Sojabohnen sind etwa 590 Milligramm Tryptophan enthalten. In reinem Kakaopulver sind es etwa 290 Milligramm pro 100 Gramm.

Mangel unwahrscheinlich

Wer sich abwechslungsreich ernährt, braucht sich vor einem Mangel an Tryptophan nicht zu fürchten. Es kommt in fast allen eiweißreichen Nahrungsmitteln vor, in tierischen wie pflanzlichen.

So ist die Aminosäure in Fleisch, Milchprodukten und Eiern enthalten. Aber auch in pflanzlichen Eiweißquellen, wie Soja, Kichererbsen, Bananen und Nüssen. Besonders viel Tryptophan findet sich in der Kakaobohne. Das hat der Schokolade vermutlich ihren Ruf als Stimmungsaufheller eingebracht [5,7].

Nebenwirkung Serotonin-Syndrom

Auch wenn Tryptophan ein natürlicher Bestandteil unserer Nahrung ist: In größeren Mengen kann die Aminosäure unerwünschte Reaktionen auslösen, nämlich einen Überschuss an Serotonin im Körper.

Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn zusätzlich zu Tryptophan-Nahrungsergänzungsmitteln noch Medikamente eingenommen werden, die den Serotoninspiegel erhöhen. Die Folgen des sogenannten Serotonin-Syndroms: Blutdruckanstieg, Übelkeit, Schwitzen, Zittern, Unruhe und Durchfall [8].

Depression – eine häufige Erkrankung

Depression ist eine häufige Erkrankung. Etwa 20 von 100 Menschen sind zumindest einmal in ihrem Leben davon betroffen.

Manchmal trifft die Erkrankung einen Menschen aus heiterem Himmel, ohne einen ersichtlichen Auslöser. Man geht davon aus, dass Depressionen durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren entstehen. Genetische Veranlagung, belastende Erlebnisse und die eigene Persönlichkeit dürften eine Rolle spielen, ebenso körperliche Erkrankungen und biochemische Veränderungen im Gehirn [4,9].

Die Betroffenen leiden beispielsweise unter Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, verlieren das Interesse am Leben und sind antriebslos. Helfen können zum Beispiel Psychotherapie oder Medikamente, so genannte Antidepressiva.

Häufig kommen sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, kurz SSRI, zum Einsatz. Sie sollen die Menge an Serotonin im Gehirn erhöhen. Wirkung zeigen sie nicht immer. Wir haben bereits in einem anderen Artikel dazu recherchiert.

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Die Studien im Detail

Bei unserer Recherche haben wir in drei Datenbanken gesucht. Aussagekräftige Studien zu Tryptophan aus der Nahrung haben wir nicht gefunden.

Aber wird konnte drei Übersichtsarbeiten auswerten, die die besten verfügbaren Studien zu Tryptophan zusammenfassen. Diese Übersichtsarbeiten untersuchten Tryptophan-Präparate entweder als alleinige Therapie einer Depression [1] oder als Zusatz zu einer Therapie mit Antidepressiva [2] oder zur Behandlung der Herbst-Winter-Depression [3].

Alle drei Übersichtsarbeiten weisen große Mängel auf. Die Ergebnisse können eine Wirkung von Tryptophan gegen Depression weder zeigen, noch widerlegen.

Keine aussagekräftigen Studien seit Jahrzehnten

Die erste Übersichtsarbeit fasste die Ergebnisse von zwei randomisierten kontrollierten Studien mit nur 46 Teilnehmenden zusammen [1]. Die Einzelstudien wurden in den 1970er und 1980er Jahren durchgeführt. Seitdem wurden keine weiteren Studien zu Tryptophan als Behandlung der Depression veröffentlicht.

Das Fazit des Forschungsteams: Eine Aussage zur Wirksamkeit von Tryptophan ist nicht möglich.

Nicht mehr zeitgemäß

Die zweite Übersichtsarbeit umfasst Studien zu verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln zusätzlich zu einer Therapie mit Antidepressiva [2]. Darunter waren acht Studien zu Tryptophan mit insgesamt 336 Teilnehmenden.

Die Studien verglichen die Wirksamkeit von Antidepressiva alleine mit der Wirksamkeit von Antidepressiva plus Tryptophan.

Auch hier wurden sämtliche Studien vor 1985 durchgeführt. Die in den Studien verwendeten Medikamente, die Trizyklika, gelten als nicht mehr zeitgemäß. Sie kommen heute nur noch selten zum Einsatz.

Zudem waren die Studien allesamt sehr unterschiedlich und kamen zu keinen eindeutigen Ergebnissen. Ob Tryptophan eine Therapie mit Antidepressiva wirksamer machen kann oder nicht, bleibt somit unklar.

Fazit: unklar

Die dritte Arbeit untersuchte verschiedene Behandlungsmöglichkeiten der Herbst-Winter-Depression [3]. Diese spezielle Form der Depression tritt in der dunklen Jahreshälfte auf und kehrt oft jährlich wieder.

Drei der eingeschlossenen Studien untersuchten die Wirkung von Tryptophan im Vergleich zu Lichttherapie oder zu einem Scheinmedikament. Dafür wurden insgesamt 42 Personen zwei bis vier Wochen behandelt.

Die Ergebnisse waren zum Teil widersprüchlich, deuteten aber darauf hin, dass Tryptophan nicht besser wirkte als ein Scheinmedikament. Sowohl die eingeschlossenen Studien als auch die Übersichtsarbeit wurden äußerst mangelhaft durchgeführt und sind daher nicht aussagekräftig.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Shaw u.a. (2002)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 2 randomisierte kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 46 Personen
Fragestellung: Kann L-Tryptophan oder 5-Hydroxytryptophan in Form von Nahrungsergänzungsmittel die Beschwerden einer unipolaren Depression lindern?
Interessenskonflikte: nicht angegeben

Shaw, K. A., Turner, J., & Del Mar, C. (2002). Tryptophan and 5‐Hydroxytryptophan for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, (1).
(Studie in voller Länge)

[2] Sarris u.a. (2016)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 7 randomisierte kontrollierte und 1 kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 336 Personen
Fragestellung: Können Tryptophan oder 5-Hydroxytryptophan in Form von Nahrungsergänzungsmittel die Wirkung von Antidepressiva bei unipolarer Depression lindern?
Interessenskonflikte: Alle bis auf einen Autor haben berufliche oder finanzielle Verbindungen zu Nahrungsergänzungsmittel herstellenden Unternehmen

Sarris, J., Murphy, J., Mischoulon, D., Papakostas, G. I., Fava, M., Berk, M., & Ng, C. H. (2016). Adjunctive nutraceuticals for depression: a systematic review and meta-analyses. American Journal of Psychiatry, 173(6), 575-587.
(Studie in voller Länge)

[3] Cools u.a. (2018)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 1 randomisierte kontrollierte Studie, 2 open-label Studien
Teilnehmende insgesamt: 42 Personen
Fragestellung: Kann Tryptophan in Form von Nahrungsergänzungsmittel die Beschwerden einer Herbst-Winter-Depression lindern?
Interessenskonflikte: zwei der Autorinnen und Autoren erhielten finanzielle Unterstützung von pharmazeutischen Unternehmen

Cools, O., Hebbrecht, K., Coppens, V., Roosens, L., De Witte, A., Morrens, M., … & Sabbe, B. (2018). Pharmacotherapy and nutritional supplements for seasonal affective disorders: a systematic review. Expert opinion on pharmacotherapy, 19(11), 1221-1233.
(Zusammenfassung der Studie)

Andere Quellen

[4] Jans, L. A. W., Riedel, W. J., Markus, C. R., & Blokland, A. (2007). Serotonergic vulnerability and depression: assumptions, experimental evidence and implications. Molecular psychiatry, 12(6), 522-543.

[5] Richard, D. M., Dawes, M. A., Mathias, C. W., Acheson, A., Hill-Kapturczak, N., & Dougherty, D. M. (2009). L-tryptophan: basic metabolic functions, behavioral research and therapeutic indications. International Journal of Tryptophan Research, 2, IJTR-S2129.

[6] Bell, C., Abrams, J., & Nutt, D. (2001). Tryptophan depletion and its implications for psychiatry. The British Journal of Psychiatry, 178(5), 399-405.

[7] Palego, L., Betti, L., Rossi, A., & Giannaccini, G. (2016). Tryptophan biochemistry: structural, nutritional, metabolic, and medical aspects in humans. Journal of Amino Acids, 2016.

[8] Ciprian-Ollivier, J., Cetkovich-Bakmas, M., Albin, J., & Vazquez, G. (1996). SSRI, L-tryptophan and serotonin syndrome. Experience with 75 patients. European Neuropsychopharmacology, 6, 143.

[9] Informationen zur Depression auf Gesundheitsinformation.de
https://www.gesundheitsinformation.de/behandlungsmoeglichkeiten-bei-einer-depression.2125.de.html?part=behandlung-f4
Abgerufen am 17.5.2020