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Thymian gegen Husten: Wirksamkeit unklar

Ob als Tee, Sirup oder Lutschtablette - Thymian soll auf viele Arten gegen Husten helfen

Ob als Tee, Sirup oder Lutschtablette – Thymian soll auf viele Arten gegen Husten helfen

Thymian ist ein traditionelles Mittel gegen Husten. Ob Tee oder Präparate aus der Gewürzpflanze wirklich helfen können, ist jedoch unklar – wissenschaftliche Belege fehlen.

Frage:Hilft Thymian gegen Husten?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Ob Thymian gegen Husten wirkt, ist bisher nicht in aussagekräftigen Studien erforscht.

Mit seinem aromatischen Geschmack verfeinert Thymian viele Speisen aus dem Mittelmeerraum. Doch die Gewürzpflanze gilt auch als traditionelles Mittel gegen Husten, etwa aufgebrüht als Tee [4].

Auch zahlreiche Hustenmittel aus der Apotheke enthalten Thymian-Extrakt – sei es als Hauptbestandteil oder in Kombination mit anderen Pflanzenextrakten. Wir wollten wissen, ob Thymian wirksam gegen Husten ist.

Thymian unzureichend erforscht

Auf der Suche nach einer Antwort durchforsteten wir wissenschaftliche Datenbanken nach Forschungsergebnissen – jedoch ohne großen Erfolg. Wir konnten keine einzige klinische Studie finden, die ausschließlich Thymian auf eine Wirkung gegen Husten untersucht hat. Sei es als Tee, Saft oder Tablette – ob die Gewürzpflanze etwas gegen Husten ausrichten kann, bleibt also unklar.

Gut kombiniert?

Gefunden haben wir lediglich zwei Studien, in denen Thymian in Kombination mit anderen pflanzlichen Mitteln untersucht wurde. In einer Studie war dies ein Hustensaft aus Thymian und Efeu [1]. In der zweiten Studie wurden Tabletten mit einem Extrakt aus Thymian und Primeln analysiert [2].

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass beide Präparate Husten und andere Beschwerden bei Bronchitis ein wenig lindern könnten. Unser Vertrauen in diese Ergebnisse ist jedoch gering, weil beide Studien grobe Mängel haben.

Selbst wenn die Kombinations-Präparate tatsächlich Husten lindern können, ist unklar, welcher Bestandteil dafür verantwortlich ist: Thymian, Primel, Efeu oder eine Kombination daraus?

Nebenwirkungen möglich

Wie bei jedem Arzneimittel lassen sich auch bei Thymian-Extrakt unerwünschte Wirkungen nicht ausschließen. Diese sind nur schlecht erforscht. Der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zufolge können bei der Einnahme von Thymian-Extrakt Übelkeit und Bauchschmerzen auftreten. In seltenen Fällen sind auch allergische Reaktionen möglich [4].

Vermutungen ohne Belege

Dass Inhaltsstoffe des Thymians tatsächlich Husten lindern können, ist zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt. Experimente im Reagenzglas und an Versuchstieren liefern zumindest vorsichtige Hinweise für eine solche Wirkung. Demnach besteht die Vermutung, dass Thymian zähen Schleim lösen und so beim Abhusten helfen könnte. Allerdings gibt es bisher keine wissenschaftlichen Belege, dass das Schleimlösen an sich eine lindernde oder verkürzende Wirkung auf Husten hat [7,8].

Reagenzglas-Experimenten deuten außerdem darauf hin, dass Thymian eine keimtötende Wirkung gegen manche Bakterien, Pilze und Viren hat [4]. Vom Reagenzglas lässt sich aber nicht auf die Wirkung beim lebenden Menschen schließen. Obendrein wird Husten in den allermeisten Fällen durch bestimmte Viren ausgelöst. Inwiefern Bestandteile der Gewürzpflanze auch diese Viren bekämpfen können, ist weder im Reagenzglas noch bei erkrankten Menschen untersucht.

Häufiger Husten

Vorübergehender Husten tritt für gewöhnlich während oder nach einer Erkältung auf. Oft sind bei Husten die Luftwege in der Lunge (Bronchien) entzündet – dann handelt es sich um eine Bronchitis.
Husten als Folge einer Bronchitis ist häufig, etwa 5 von 100 Menschen suchen deswegen jährlich ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt auf [6]. Eine Bronchitis kann zwar lästig und hartnäckig sein, in der Regel ist der Husten nach ein paar Wochen aber auch ohne Medikamente wieder verschwunden [6].

Was tun bei Husten?

Neben schleimlösenden Mitteln mit unklarer Wirksamkeit gibt es auch Arzneien, die den Hustenreiz unterdrücken. Durch das Husten versucht der Körper jedoch, die Atemwege von unliebsamen Partikeln oder Krankheitserregern zu befreien.

Antibiotika sind gegen die viralen Erreger von Husten üblicherweise wirkungslos, da sie nur gegen Bakterien wirken.

Für rezeptfreie Hustensäfte im Allgemeinen ist bisher nicht geklärt, ob sie wirklich bei Husten helfen können, denn wissenschaftliche Belege dafür fehlen [5]. Zumindest bei Kindern scheint allerdings Honig bisherigen Studien zufolge etwas bei Husten zu helfen.

Weitere Informationen zu Husten und Bronchitis finden sich auf der Webseite Gesundheitsinformation.de des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).

 

Die Studien im Detail

Um die Wirksamkeit von Thymian gegen Husten einschätzen zu können, durchsuchten wir drei wissenschaftliche Datenbanken nach Forschungsergebnissen. Am aussagekräftigsten sind Studien, in denen das Thymian-Präparat mit einem gleichaussehenden und gleichschmeckenden Scheinpräparat (Placebo) verglichen wird.

Studien, die Thymian im Vergleich zu anderen rezeptfreien Hustenmitteln – etwa schleimlösenden oder auswurffördernden Mitteln – untersucht haben, haben wir nicht berücksichtigt. Denn bisher gibt es keine Belege dafür, dass solche Mittel den Husten lindern oder seine Dauer verkürzen können [7,8].
Studien, in denen ausschließlich Thymian untersucht wurde, konnten wir keine finden. Ob Thymian allein Husten lindern kann, lässt sich daher nicht direkt sagen.

Wir sind jedoch auf drei Studien [1-3] gestoßen, in denen Präparate aus Thymian-Extrakt in Kombination mit Efeu- beziehungsweise Primel-Extrakt untersucht wurden. Darin wurden Personen, die an Bronchitis erkrankt waren, per Los einer von zwei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhielt das jeweilige pflanzliche Kombinationspräparat, die andere ein Placebomittel. Laut Autorinnen und Autoren der Studien wusste niemand, wer das echte und wer das Placebomittel einnahm.

Zwei mangelhafte Studien berücksichtigt

Für zumindest teilweise aussagekräftig halten wir zwei [1,2] Studien. Sie haben denselben Hauptautor und wurden von derselben Herstellerfirma finanziert.

Die erste Studie [1] untersuchte einen Hustensaft mit Extrakten aus Thymian und Efeu an 361 Personen, die zweite [2] Tabletten mit Extrakten aus Thymian und Primeln an 362 Personen. Die Teilnehmenden sollten mit Hilfe eines mechanischen Zählers festhalten, wie oft sie zwischen Aufstehen und Schlafengehen einen Hustenanfall hatten – also mindestens drei Mal hintereinander husten mussten.

Anzahl an Hustenanfällen unklar

Hier setzt unsere Kritik an: In den Studien ist nirgends erwähnt, wann die teilnehmenden Personen aufgestanden und wann sie schlafen gegangen sind. So lässt sich nicht ausschließen, dass jene in der Placebogruppe länger wach waren (und eventuell nur deshalb mehr Hustenanfälle verzeichneten) als jene in der Versuchsgruppe. Zudem ist unklar, wie verlässlich die Teilnehmenden ihre Hustenanfälle als solche eingeschätzt und gezählt hatten.

Wir haben daher kein großes Vertrauen in die Ergebnisse, auch wenn die Studiendaten für beide Präparate eine hustenlindernde Wirkung andeuten. Demnach war die Anzahl der durchschnittlichen Hustenanfälle pro Tag zwischen siebtem und neuntem Tag in der Behandlungsgruppe geringer als in der Placebogruppe:

  • Mit Thymian-Efeu-Hustensaft hatten die Teilnehmenden durchschnittlich 8 Hustenanfälle am Tag
  • Mit Placebo-Hustensaft hatten die Teilnehmenden durchschnittlich 14 Hustenanfälle am Tag.
  • Zu Studienbeginn hatten alle Betroffenen durchschnittlich 26 bis 27 Hustenanfälle am Tag.

In der Studie mit Thymian-Primel-Tabletten waren die Ergebnisse ähnlich:

  • Mit Thymian-Primel-Tabletten hatten die Teilnehmenden durchschnittlich 9 Hustenanfälle am Tag
  • Mit Placebo-Tabletten hatten die Teilnehmenden durchschnittlich 13 Hustenanfälle am Tag.
  • Zu Studienbeginn hatten alle Betroffenen durchschnittlich 26 bis 27 Hustenanfälle am Tag.

Gesamtsymptome sagen nichts über Husten

Die Autoren beider Studien verwendeten zusätzlich einen Fragebogen namens „Bronchitis Severity Scale“. Mithilfe dieses Fragebogens schätzten die Untersuchungsleiter und -leiterinnen – nicht aber die Teilnehmenden selbst – den Grad der Bronchitis-Beschwerden ein. Die dabei erhobene Gesamtpunktezahl bezieht sich jedoch auf alle Symptome gemeinsam, also neben Husten etwa auch Brustschmerzen oder Atembeschwerden. Rückschlüsse auf Husten als Einzelsymptom lässt sie nicht zu.

Auch die dritte von uns gefundene Studie [3] hat diesen Fragebogen verwendet. Husten selbst untersuchte das Autorenteam jedoch nicht. Zudem ist unklar, ob alle Teilnehmenden das Mittel (Tropfen mit Extrakt aus Thymian und Primel) gleich lange eingenommen haben. In der Publikation selbst ist eine Dauer von sieben bis neun Tagen erwähnt, doch genauere Angaben fehlen. Daher halten wir diese Studie für nicht vertrauenswürdig.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kemmerich u.a. (2006)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 361 Personen, die seit höchstens 2 Tagen an Bronchitits erkrankt waren und mindestens 10 Hustenanfällen am Tag hatten
Untersuchungsdauer: 11 Tage
Fragestellung: Kann ein Hustensaft mit Extrakten aus Thymian und Efeu (Bronchipret® Saft) Husten bei akuter Bronchitis besser lindern als Placebo?
Interessenskonflikte: finanziert durch Bionorica AG, Herstellerfirma des in der Studie untersuchten Präparats

Kemmerich B, Eberhardt R, Stammer H. Efficacy and tolerability of a fluid
extract combination of thyme herb and ivy leaves and matched placebo in adults suffering from acute bronchitis with productive cough. A prospective, double-blind, placebo-controlled clinical trial. Arzneimittelforschung. 2006;56(9):652-60. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Kemmerich u.a. (2007)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 362 Personen, die seit höchstens 2 Tagen an Bronchitits erkrankt waren und mindestens 10 Hustenanfällen am Tag hatten
Untersuchungsdauer: 11 Tage
Fragestellung: Können Tabletten mit Extrakten aus Thymian (Bronchipret® TP FCT) und Primel Husten bei akuter Bronchitis besser lindern als Placebo?
Interessenskonflikte: finanziert durch Bionorica AG, Herstellerfirma des in der Studie untersuchten Präparats

Kemmerich B. Evaluation of efficacy and tolerability of a fixed combination of dry extracts of thyme herb and primrose root in adults suffering from acute bronchitis with productive cough. A prospective, double-blind, placebo-controlled multicentre clinical trial. Arzneimittelforschung. 2007;57(9):607-15.
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Gruenwald u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 150 Personen, die seit höchstens 2 Tagen an Bronchitits erkrankt waren
Untersuchungsdauer: 7 bis 9 Tage (keine genaueren Angaben)
Fragestellung: Kann eine Mischung aus den Extrakten von Thymian und Primel (Bronchicum® Tropfen) Beschwerden bei Bronchitis besser lindern als Placebo?
Interessenskonflikte: Keine Angaben zur Finanzierung. Studienautoren und -autorin arbeiten für Analyze & Realize AG / Phytopharm Research.

Gruenwald J, Graubaum HJ, Busch R. Efficacy and tolerability of a fixed
combination of thyme and primrose root in patients with acute bronchitis. A double-blind, randomized, placebo-controlled clinical trial. Arzneimittelforschung. 2005;55(11):669-76.
(Zusammenfassung)

Weitere Quellen

[4] EMA (2013)
European Medicines Agency. Assessment report on Thymus vulgaris L., vulgaris zygis L., herba. Abgerufen am 28.1.2019 unter https://www.ema.europa.eu/documents/herbal-report/final-assessment-report-thymus-vulgaris-l-vulgaris-zygis-l-herba_en.pdf

[5] UpToDate (2018)
File TM. Acute bronchitis in adults (kostenpflichtig). In Bond S (ed.). UpToDate. Zugriff am 29.1.2019 unter https://www.uptodate.com/contents/acute-bronchitis-in-adults

[6] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Akute Bronchitis. Zugriff am 29.1.2019 unter https://www.gesundheitsinformation.de/akute-bronchitis.2684.de.html

[7] UpToDate (2019)
Pappas DE. The common cold in children: Management and prevention (kostenpflichtig). In Torchia MM (ed.). UpToDate. Zugriff am 29.1.2019 unter https://www.uptodate.com/contents/the-common-cold-in-children-management-and-prevention

[8] UpToDate (2019)
Sexton DJ, McClain MT. The common cold in adults: Treatment and prevention (kostenpflichtig). In Kunins L. (ed.). UpToDate. Zugriff am 29.1.2019 unter https://www.uptodate.com/contents/the-common-cold-in-adults-treatment-and-prevention