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Diabetesrisiko: Zuckerkrank durch Süßstoffe?

Kaloriensparer unter Verdacht: Süßstoffe fördern angeblich Diabetes.

Gar nicht süß: Kaloriensparer fördern angeblich Diabetes.

Laut Medienberichten erhöhen Süßstoffe möglicherweise das Risiko für Diabetes. Was ist dran an diesem Verdacht?


Frage:Erhöhen Süßstoffe das Risiko für Typ-2-Diabetes oder für Störungen des Zuckerstoffwechsels?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die Frage wurde in mehreren großen Bevölkerungsstudien mit langer Beobachtungzeit untersucht. Dennoch ist keine klare Aussage möglich: Die besten Schätzungen deuten vorsichtig einen kleinen Effekt an. Er könnte allerdings auch leicht durch andere Einflüsse entstanden sein. Ein weiteres Problem: In den meisten Studien wurden lediglich süßstoffhaltige Limonaden und andere Getränke untersucht. Belastbare Informationen zu Menge, Süßstoffart und Speisen mit Süßstoffen fehlen.

Süßstoffe stecken in Limonade und Säften mit dem Zusatz „light“. Süßstoffe gibt es auch in Tabletten-, Pulver- oder flüssiger Form. Ihre Aufgabe: heiße Getränke wie Kaffee und Tee oder verschiedene Speisen süß machen – aber bitte zuckerfrei und somit kaloriensparend.

Weniger Zucker, mehr Diabetes?

Seit einigen Jahren gibt es aber immer wieder Medien-Berichte zu Studien, wonach Süßstoffe das Diabetesrisiko erhöhen könnten. Uns erreichte dazu die Anfrage eines Lesers, der wissen wollte, welche gesicherten Erkenntnisse es zu dieser Hypothese gibt.

Was der Süßstoff-Konsum von 460.000 verrät

Wir haben nach entsprechenden Studien gesucht und sind tatsächlich fündig geworden. In insgesamt elf Studien wurden rund 460.000 Testpersonen aus der Allgemeinbevölkerung bis zu 24 Jahre lang beobachtet [1,2,3].

In dieser Zeit haben die Forschungsteams einerseits erhoben, wie häufig die Teilnehmenden Süßstoffe konsumierten: nie? selten? häufig? Gleichzeitig wurde dokumentiert, bei welchen Testpersonen sich im Laufe der Zeit ein Typ-2-Diabetes entwickelte oder sich andere Auffälligkeiten im Zuckerstoffwechsel zeigten.

Leider keine klare Aussage

In den meisten von uns analysierten Studien deutete sich zwar ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Konsum von Süßstoffen und einem erhöhten Diabetes-Risiko an. Dieser Effekt wurde aber umso kleiner, je mehr Informationen über die Testpersonen (zum Beispiel Körpergewicht, verzehrte Kalorien, Ernährungsstil) in die Auswertung einflossen. Letztlich ist unklar, ob das rechnerisch ein wenig erhöhte Risiko tatsächlich nur auf Süßstoff-Konsum zurückzuführen ist.

Unser Fazit lautet daher: Dass Süßstoffe das Risiko für einen Typ-2-Diabetes erhöhen, lässt sich auf Basis des aktuellen Stands der Wissenschaft weder belegen noch ausschließen. Falls sich tatsächlich ein Zusammenhang bestätigen sollte, dürfte die Risikosteigerung durch Süßstoffe wohl eher klein ausfallen.

In (fast) aller Munde

Weil Süßstoffe weltweit in großen Mengen konsumiert werden und ein gegebenenfalls gesteigertes Risiko sehr viele Menschen betreffen würde, sind sichere Erkenntnisse auf Basis guter Studien mehr als wünschenswert.

Lebenswichtiges Insulin

Insulin ist lebenswichtig; das Hormon wird von der Bauchspeicheldrüse hergestellt. Bei Gesunden sorgt Insulin dafür, dass Zucker korrekt vom Körper um- und abgebaut wird.

Bei einem Typ-2-Diabetes –auch Zuckerkrankheit genannt – sorgt zwar die Bauchspeicheldrüse weiterhin für genügend Insulin, aber der Körper reagiert immer schlechter auf die „Befehle“ des Insulins. In weiterer Folge wird der Zucker nicht ausreichend in die Körperzellen transportiert und dort zur Energiegewinnung verwendet. Dementsprechend ist dann der Blutzucker zu hoch.

Warum das ungünstig ist? Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte begünstigen Herz- und Gefäßkrankheiten sowie Schäden an der Netzhaut des Auges, an den Nerven und der Niere [7].

Viele Wege in die Zuckerkrankheit

Ein erhöhtes Risiko für die Zuckerkrankheit haben zum Beispiel Menschen mit wenig körperlicher Bewegung oder ungesunder Ernährung, etwa mit zu wenig Ballaststoffen, zu viel Fett oder Zucker . Ebenso können genetische Faktoren oder bestimmte Medikamente den Ausbruch der Krankheit begünstigen [7].

Mögliche Diabetes-Vorboten

Als weitere Risikofaktoren gelten erhöhte Blutzuckerwerte im nüchternen Zustand oder nach einer Mahlzeit, die aber noch nicht die Kriterien eines Typ-2-Diabetes erfüllen. Sie werden als „gestörter Nüchternblutzucker“ bzw. „gestörte Glucosetoleranz“ bezeichnet.

Diese Stoffwechselstörungen führen nicht zwangsläufig zu Diabetes – lediglich die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. So erkrankt etwa jeder Vierte mit einer diesen beiden Stoffwechselstörungen im Laufe der nächsten drei bis fünf Jahre tatsächlich an einem Typ-2-Diabetes [8].

Zuerst Übergewicht, dann Diabetes

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Diabetes zählt Übergewicht – ein globales Phänomen. Auch in Österreich und Deutschland ist etwa jeder zweite Erwachsene übergewichtig oder sogar fettleibig [4,5,6].

In den meisten Fällen ist die Ursache für das Übergewicht recht eindeutig: Die Energiebilanz stimmt nicht. Die Betroffenen nehmen mehr Kalorien zu sich als sie verbrauchen.

Leichte Limos unter Verdacht

Zum weit verbreiteten Übergewicht tragen nach aktuellem Stand der Wissenschaft auch stark gezuckerte Getränke wie Limonaden wesentlich bei. Denn mit süßen Softdrinks nimmt man in kurzer Zeit quasi unmerklich eine Menge Kalorien auf [6].

Abhilfe versprechen Light-Getränke und andere Produkte, die Süßstoffe statt Zucker enthalten. Allerdings gibt es auch den Verdacht, dass gerade diese Getränke und Speisen zuckerkrank machen könnten.

Wie Süßstoffe zu Diabetes führen könnten

Für einen möglichen Zusammenhang zwischen Süßstoff-Konsum und erhöhtem Diabetes-Risiko sind mehrere Mechanismen denkbar [1,2]:

  • Diskutiert wird etwa, ob Süßstoffe den Appetit anregen und so zu einer höheren Energiezufuhr und schließlich Übergewicht beitragen. Letzteres wiederum macht anfälliger für Diabetes.
  • Der Geschmack „süß“ führt möglicherweise zu einer erhöhten Insulinausschüttung. Dies könnte bei langfristigem Konsum von Süßstoffen die Zellen unempfindlicher für das Hormon machen. „Insulinresistenz“ wird diese Entwicklung im Fachjargon genannt.
  • Der langfristige Verzehr von Süßstoffen könnte sich auf den Bakterienbestand im Darm auswirken und auf diesem Weg den Zuckerstoffwechsel negativ beeinflussen.

Langzeit-Studien notwendig

Einige dieser Theorien sind in Studien untersucht worden, oft in Tierversuchen oder mit gesunden Freiwilligen über einen relativ kurzen Zeitraum. Allerdings waren die Ergebnisse insgesamt nicht eindeutig [1,2].

Und selbst wenn entsprechende Mechanismen im Rahmen von Experimenten belegt wären, müsste sich das noch lange nicht im Alltag oder über einen längeren Zeitraum auswirken. Deshalb ist es notwendig, solche Effekte in langfristigen Studien zu untersuchen.

 

Die Studien im Detail


Zu unserer Frage haben wir eine systematische Übersichtsarbeit [1] mit insgesamt neun Einzelstudien gefunden. Außerdem konnten wir zwei weitere Einzelstudien [2,3] identifizieren, die wegen ihres aktuellen Publikationsdatums in der Übersichtsarbeit nicht mehr berücksichtigt werden konnten.

Bei den insgesamt elf Untersuchungen handelt es sich um Beobachtungsstudien. Hier wurden Menschen aus der Allgemeinbevölkerung nach ihrem Konsum von Süßstoffen bzw. süßstoffhaltigen Getränken befragt und dann für einen längeren Zeitraum im Blick behalten: Wer von ihnen entwickelte im Laufe der Zeit Diabetes vom Typ 2? Waren Menschen mit höherem Süßstoff-Konsum eher betroffen?

Meist Softdrinks

An allen Studien zusammen waren rund 460.000 Testpersonen beteiligt. Die mittlere Altersspanne reichte von 25 bis 60 Jahren, im Durchschnitt waren die Menschen normalgewichtig oder höchstens leicht übergewichtig.

In den meisten Studien wurde nach dem Konsum von Getränken wie Limonaden bzw. Softdrinks gefragt, die verschiedene Arten von Süßstoffe in unterschiedlichen Mengen enthielten. Eine Untersuchung [2] widmete sich ausschließlich Süßstoffen in Form von Pulver oder Tabletten, wie sie zum Süßen von Kaffee oder Tee gebräuchlich sind. Dabei handelte es sich meist um den Süßstoff Aspartam.

Essbares wie Desserts oder Süßigkeiten mit künstlichen Süßstoffen wurden in keiner der von uns ausgewerteten Studien berücksichtigt.

Viele Details unklar

Die Testpersonen wurden in den Studien über einen Zeitraum von 4 bis 24 Jahren beobachtet.

Sehr unterschiedlich war, wie oft die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Hilfe von Ernährungstagebüchern ihre Ernährungsgewohnheiten inklusive Süßstoffkonsum protokollierten – in einer Studie [2] war das etwa nur einmalig im Laufe von 18 Jahren der Fall, in anderen nur selten. Weil sich Ernährungsgewohnheiten durchaus verändern können und sich Selbstauskünfte schlecht kontrollieren lassen, kommt durch die Erhebungsmethode Unsicherheit hinzu.

Grundlegende Details zu den verzehrten Süßstoffen fehlen, sodass sich keine sicheren Aussagen zu eventuell unbedenklichen Mengen und Arten treffen lassen. Damit kann man also zum Beispiel nicht ableiten, ob etwa Aspartam riskanter ist als Cyclamat oder ob es unbedenkliche Mengen gibt.

Was beeinflusst Konsum?

Nichtsdestotrotz: Die Studienlage sah auf den ersten Blick sehr gut aus. Doch bei näherem Hinsehen entpuppte sie sich als nicht ausreichend, um zuverlässige Aussagen ableiten zu können.

Das hängt vor allem mit der Art der Studien zusammen, bei denen die Testpersonen jahrelang „im echten Leben“ beobachtet wurden. Derartige Beobachtungsstudien können zwar viele Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Süßstoff-Konsum und Diabetesrisiko geben.

Bekannte und unbekannte Einflüsse

Es bleibt aber ein gewisses Maß an Restunsicherheit. Denn andere Faktoren, zum Beispiel eine als „ungesund“ geltende Ernährung, Bewegungsmangel oder Übergewicht, können sich ebenfalls auswirken – auf das Diabetes-Risiko einerseits, auf den Süßstoff-Konsum andererseits.

Es ist zum Beispiel denkbar, dass bevorzugt Menschen zu Süßstoffen greifen, die bereits übergewichtig sind und daher ein ohnehin schon erhöhtes Diabetes-Risiko haben. Etliche solcher Faktoren konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Auswertung zwar berücksichtigen. Aber es passierte nicht immer sonderlich rigoros (wie in einigen Einzelstudien [in 1]) bzw. gibt es keine Garantie auf Vollständigkeit.

Viele Unsicherheiten

Die Studien kommen auch zu keinen einheitlichen Ergebnissen. Die Zusammenfassung der systematischen Übersichtsarbeit [1] ermittelte zwar im Durchschnitt ein leicht erhöhtes Risiko, wobei die einzelnen Studien allerdings sehr unterschiedliche Resultaten hatten. Das Forschungsteam weist außerdem darauf hin, dass Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Süßstoffen und Typ-2-Diabetes finden, möglicherweise nicht veröffentlicht worden sind und aufgrund von Datenlücken eventuell ein verzerrtes Bild entsteht.

Eine der Einzelstudien [2] stellte einen Zusammenhang zwischen Süßstoffkonsum und Typ-2-Diabetes fest, der mit zunehmender Gebrauchsdauer und -menge stärker wurde. Berücksichtigt man jedoch weitere Einflussfaktoren, nimmt der Zusammenhang wieder ab. Er ist zwar noch sichtbar, bleibt aber relativ klein.

In der kleinsten Studie [3] konnte das Forschungsteam keinen Zusammenhang zwischen Süßstoff und Diabetes oder Störungen des Zuckerstoffwechsels feststellen. Allerdings wurden die Testpersonen lediglich zu ihrem Konsum von Diät-Limonade befragt. Das umfasste sowohl zuckerreduzierte Sorten als auch Getränke mit Süßstoffen. Und es ist unklar, welche Süßstoffe in welchen Mengen enthalten waren – und ob es darüber hinaus noch Süßstoff-Konsum gab, zum Beispiel in Tee oder Kaffee.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Azad u.a. (2017)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 9 Studien mit rund 400.000 Testpersonen für den Endpunkt Typ-2-Diabetes
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Süßstoffen das Risiko für ein metabolisches Syndrom oder Typ-2-Diabetes?
Interessenskonflikte: Einer der Autoren hat Vortragshonorare von einem Hersteller von Medizinprodukten (u.a. Insulinpumpen für die Diabetesbehandlung) erhalten; die anderen geben an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Azad MB u.a. Nonnutritive sweeteners and cardiometabolic health: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials and prospective cohort studies. CMAJ. 2017;189(28):E929-E939
Zusammenfassung
Freier Volltext

[2] Fagherazzi u.a. (2017)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: Rund 60.000 Frauen im Alter von etwa 50 Jahren zu Studienbeginn
Fragestellung: Erhöht der Verzehr von Süßstoffen in Form von Tabletten oder Pulver das Risiko für einen Typ-2-Diabetes?
Interessenskonflikte: Keine nach Angaben der Autorinnen und Autoren

Fagherazzi G u.a. Chronic Consumption of Artificial Sweetener in Packets or Tablets and Type 2 Diabetes Risk: Evidence from the E3N-European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition Study. Ann Nutr Metab. 2017;70:51-58
Zusammenfassung

[3] Ma u.a. (2017)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: Rund 1700 Menschen im Alter von etwa 50 Jahren zu Studienbeginn
Fragestellung: Erhöht der Konsum von Soft Drinks mit Süßstoffen das Risiko für einen Prä-Diabetes?
Interessenskonflikte: Keine nach Angaben der Autorinnen und Autoren

Ma J u.a. Sugar-Sweetened Beverage but Not Diet Soda Consumption Is Positively Associated with Progression of Insulin Resistance and Prediabetes. J Nutr. 2016; 146:2544-2550
Zusammenfassung
Freier Volltext

Weitere Quellen

[4] Schienkiwitz u.a. (2017)
Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2017, 2(2). Abgerufen am 12.12.2018

[5] Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (2017)
Österreichischer Ernährungsbericht 2017. Abgerufen am 12.12.2018

[6] IQWiG (2018)
Starkes Übergewicht (Adipositas). Abgerufen am 12.12.2018

[7] IQWiG (2017)
Diabetes Typ 2. Abgerufen am 12.12.2018

[8] UpToDate (2018)
Risk factors for type 2 diabetes mellitus. Abgerufen am 12.12.2018