Strophanthin: Hilfe für das Herz?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 6. September 2021
Strophantin: Lohnt sich die Reanimation?
Strophanthin zählte bis in die 1980er Jahre zu den Standardmitteln bei Herzschwäche. Heutzutage ist es aus den Medikamentenschränken nahezu verschwunden. Zu Recht?
Frage:
Ist Strophanthin ein wirksames Herz-Kreislauf-Medikament?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Wir haben zwei kleine mangelhafte Studien gefunden. Sie haben nur untersucht, ob sich Beschwerden kurzfristig verbessern, nicht aber die langfristige Wirkung auf Krankheitsverlauf und Todesfälle. Da die Studien schon ziemlich alt sind, lässt sich auch nicht abschätzen, wie Strophanthin im Vergleich mit modernen, gut untersuchten Medikamenten abschneidet.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit (KHK) oder Herzschwäche betreffen viele Menschen. Sie sind in Österreich die häufigste Todesursache [3].

Neben einem gesunden Lebensstil sollen auch Medikamente helfen, verschiedene Herz-Kreislauf-Krankheiten aufzuhalten, Komplikationen und Todesfälle zu vermeiden oder Beschwerden zu lindern. Dafür stehen inzwischen eine ganze Reihe gut erforschter Arzneimittel zur Verfügung [4,6].

Vergessenes Wundermittel oder alter Hut?

Allerdings wird vor allem im Internet ein angeblich besser wirksames und verträglicheres Mittel beworben: Strophanthin. Der Wirkstoff zählt zu den so genannten herzwirksamen Glykosiden und kommt in afrikanischen Schlingpflanzen der Gattung Strophanthus vor. Früher kam Strophanthin bei leichter Herzschwäche zum Einsatz.

Seit den 1980er Jahre hat es jedoch zunehmend an therapeutischer Bedeutung verloren. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Bei Einnahme in Tablettenform wird Strophanthin nur schlecht aufgenommen – und die Aufnahme ist von Mensch zu Mensch stark verschieden. Dadurch ist es schwierig, die richtige Dosis zu finden. Die Verabreichung per Spritze ist zwar möglich und umgeht das Problem, allerdings ist das bei einer Dauerbehandlung für Patientinnen und Patienten eher unpraktisch.

Diese Aspekte sprachen umso mehr gegen die Verwendung von Strophanthin, als in den 1980er Jahren besser untersuchte und wirksame Mittel auf den Markt kamen, die diese Nachteile nicht hatten. Daher wird Strophanthin heutzutage nicht mehr angewendet [8].

Lediglich einige homöopathische Mittel mit stark verdünntem Strophantin sind in Österreich und Deutschland erhältlich. Einige Apotheken fertigen auf ärztliches Rezept wohl auch individuell Kapseln mit Strophanthin an [7].

Was ist belegt?

Ist Strophanthin zu Recht keine Behandlungsoption mehr? Oder gibt es gute Gründe, wieder auf das alte Mittel zurückzugreifen? Das wollte ein Leser von uns wissen.

Um die Frage zu beantworten, sind gut gemachte Studien notwendig – also solche, die den Nutzen von Strophanthin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem Scheinmedikament oder besser noch mit heute gebräuchlichen Arzneimitteln vergleichen. Genau nach solchen Studien haben wir gesucht.

Nicht aussagekräftig

Unsere Ausbeute war allerdings relativ mager: Wir haben jeweils nur eine Studie mit Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit [1] und mit Herzschwäche [2] finden können. Beide sind zu klein und zu kurz, um daraus weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen.

Außerdem sind die laut Studien positiven Ergebnisse von Strophanthin wenig glaubwürdig. Denn die Teilnehmenden haben teils sehr unterschiedliche weitere Medikamente bekommen – das kann zu starken Verzerrungen führen.

Hinzu kommt: Beide Studien sind schon älter. Ob Strophanthin Beschwerden bei koronarer Herzkrankheit oder Herzschwäche besser lindert als die heutigen Standard-Medikamente, lässt sich aus diesen Studien also nicht ableiten.

Langfristige Effekte nicht untersucht

In beiden Studien geht es „nur“ um die Linderung von aktuellen Beschwerden.

Darüber hinaus hätte uns aber auch interessiert, ob Strophanthin den Krankheitsverlauf über längere Zeit günstig beeinflusst: Kann es zum Beispiel Herzinfarkte verhindern, den Krankheitsverlauf deutlich bremsen oder Todesfälle verhindern? Ob Strophanthin in dieser Hinsicht einen Nutzen hat, beantworten die beiden auffindbaren Studien nicht.

Auch die Verträglichkeit von Strophanthin lässt sich nicht sicher abschätzen. Denn die Angaben zu Nebenwirkungen in den Studien sind nur ungenau.

Wenn das Herz krank ist

Das Herz von Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit bekommt in manchen Situationen nicht genug Sauerstoff. Besonders bei körperlicher Belastung, aber auch in Ruhe, kann die mangelhafte Sauerstoffversorgung zu Brustschmerzen (Angina pectoris) führen.

Ursache sind Ablagerungen (Arteriosklerose) in den Herzkranzgefäßen, die eigentlich den Herzmuskel versorgen sollten. Wenn sich ein Herzkranzgefäß vollständig verschließt, kommt es zum Herzinfarkt. Rauchen, starkes Übergewicht, ein erhöhter Cholesterinspiegel, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes gelten als Risikofaktoren für die Entstehung der koronaren Herzkrankheit [4,5].

Bei einer Herzinsuffizenz hat der Herzmuskel Schwierigkeiten, das Blut kraftvoll durch den Körper zu pumpen. Diese Herzschwäche entsteht oft als Folge anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beispielsweise nach einem Herzinfarkt, durch eine koronare Herzkrankheit oder dauerhaften Bluthochdruck [6].

Die Studien im Detail

Bei unserer Suche haben wir uns auf Studien konzentriert, bei denen Patientinnen und Patienten nach dem Zufallsprinzip Vergleichsgruppen zugeordnet waren: die eine Gruppe sollte Strophanthin bekommen, die andere ein Scheinpräparat (Placebo) oder, noch besser, ein heute übliches Arzneimittel mit gut belegtem Nutzen.

Studien, die sich nur auf bestimmte Messwerte wie Veränderungen im EKG, in den Druckverhältnissen im Herz oder Kaliumwerte im Blut beschränkten, haben wir nicht berücksichtigt. Bei uns standen die für die Betroffenen merklichen Wirkungen im Vordergrund: Beschwerden, Krankheitsverlauf, Komplikationen und Sterblichkeit. Allerdings konnten wir trotz Suche in mehreren großen Datenbanken nur zwei solcher Studien finden.

Bei koronarer Herzkrankheit

Eine Untersuchung [1] schloss 30 Teilnehmende mit koronarer Herzkrankheit ein. Das Studienteam wollte unter anderem wissen, ob es mit g-Strophanthin in Kapselform seltener zu Angina-pectoris-Attacken kommt als mit Placebo.

In der Auswertung schnitt Strophanthin vermeintlich besser ab als ein Placebo. Allerdings sind die berichteten Ergebnisse nicht besonders überzeugend: Denn das Forschungsteam zählte nicht einfach die Angina-pectoris-Anfälle, sondern teilte die Häufigkeit in Kategorien ein, zum Beispiel „0 bis 4 Anfälle pro Woche“. Eine Begründung für diese Einteilung ist nicht berichtet. Wir konnten auch keine Angaben dazu finden, bei welchem Ausmaß von Belastung die Attacken aufgetreten sind. Diese Informationen wären aber wichtig für die Bewertung der Ergebnisse im Vergleich der beiden Gruppen.

Auch erscheint uns die Auswertung, wie viel Notfallmedikation die Teilnehmenden benutzt haben, eher willkürlich. Da die Studie nur über zwei Wochen lief, bleibt der langfristige Nutzen ohnehin unklar.

Außerdem fehlen in der Publikation einige Details, die wichtig wären, um die Aussagekraft der Ergebnisse sicher beurteilen zu können: So bleibt etwa unklar, ob die Teilnehmenden tatsächlich vergleichbar waren. Denn sie haben zusätzlich verschiedene Medikamente eingenommen. Hier ist es möglicherweise zu Verzerrungen gekommen.

Bei Herzschwäche

Zum Nutzen bei Herzschwäche haben wir ebenfalls nur eine kleine Studie [2] finden können. Daran haben 22 Patientinnen und Patienten teilgenommen. Bei ihnen war die Erkrankung stark ausgeprägt. Sie bekamen nicht g-Strophanthin in Kapselform, sondern die chemisch verwandte Substanz k-Strophanthin als Spritze. Verglichen wurde Strophanthin mit Digoxin, ebenfalls ein herzwirksames Glykosid, das heute nur mehr in speziellen Fällen bei Herzerkrankungen zum Einsatz kommt.

Die Teilnehmenden erhielten nach dem Zufallsprinzip über drei Monate entweder Strophanthin oder Digoxin, danach über den gleichen Zeitraum das jeweils andere Mittel. In der Veröffentlichung sind jedoch nur die Ergebnisse für die ersten drei Monate berichtet.

Demnach soll Strophanthin die körperliche Leistungsfähigkeit eher als Digoxin verbessern. Dieses Ergebnis ist aber nicht besonders aussagekräftig, da die Teilnehmenden teils sehr unterschiedliche weitere Medikamente bekommen haben, die das Ergebnis ebenfalls beeinflusst haben können.

Gut verträglich?

Mögliche Nebenwirkungen sind in beiden Studien nur oberflächlich berichtet: Laut Studie zur koronaren Herzkrankheit [1] haben 38 % der Personen in der Strophanthin-Gruppe und 21 % in der Placebo-Gruppe über Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Unruhe, Brennen des Mundes und Kopfschmerzen berichtet. Wie sich die einzelnen Beschwerden genau auf die Gruppen verteilten, ist nicht aufgeschlüsselt.

In der Studie bei Herzschwäche findet sich nur der Hinweis, dass keine Veränderungen der Nierenfunktion oder der Elektrolyt-Konzentrationen im Blut aufgefallen sind [2].

[Versionengeschichte: Wir haben im Februar 2015 erstmals zu diesem Thema berichtet. Für das Update (September 2021) haben wir noch einmal umfassend recherchiert, den Text neu verfasst und unsere Schlussfolgerung verändert.]

Wissenschaftliche Quellen


[1] Salz (1985)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 30 Teilnehmende mit koronarer Herzkrankheit
Fragestellung: Verringert Strophanthin im Vergleich zu Placebo Angina-pectoris-Beschwerden?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Salz H, Schneider B. Perlinguales g-Strophanthin bei stabiler Angina pectoris. Z. Allg. Med. 1985, 61, 1223-1228
(Freier Volltext)

[2] Agostini (1994)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie (cross-over)
Teilnehmer: 22 Teilnehmende mit Herzschwäche
Fragestellung: Verbessert Strophanthin im Vergleich zu Digoxin die körperliche Leistungsfähigkeit bei Herzschwäche?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Agostini P u.a. Long-Term Use of K-Strophanthin in Advanced Congestive Heart Failure Due to Dilated Cardiomyopathy: A Double-Blind Crossover Evaluation Versus Digoxin. Clin Cardiol 1994, 17, 536-541
(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Statistik Austria (2021). Todesursachen 2020. Abgerufen am 30.08.2021

[4] IQWiG (2017) Koronare Herzkrankheit. Abgerufen am 30.08.2021

[5] UpToDate (2021) Chronic coronary syndrome: Overview of care. Abgerufen am 25.08.2021

[6] IQWiG (2018) Herzschwäche. Abgerufen am 30.08.2021

[7] arznei-telegramm (2016) g-Strophanthin (Quabain) per os für Herzpatienten? Abgerufen am 30.08.2021

[8] Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, AVP 1/2003, S. 20