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Sport gegen Depression

Sport als Therapie: der Depression einfach davonlaufen?

Sport als Therapie: der Depression einfach davonlaufen?

Wer unter Depressionen leidet, hat selten Lust auf Sport. Dabei kann regelmäßige Bewegung unter Umständen helfen, zeigen bisherige Studien.


Frage:Ist Sport eine wirksame Maßnahme zur Bekämpfung von Depression?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die aktuelle wissenschaftliche Beweislage deutet darauf hin, dass Sport die Beschwerden bei einer Depression lindern kann. Allerdings ist der positive Effekt nur mäßig ausgeprägt. Sport wirkt nicht besser als gängige Behandlungen (Antidepressiva, Psychotherapie).

„Raff dich doch auf! Mach Sport! Die Bewegung wird dir guttun.“ Tipps wie diese bekommen depressive Menschen häufig zu hören. Doch was ist dran an diesen Ratschlägen?

Aktivitäten gegen Depression

Dass körperliches Training Beschwerden bei einer Depression positiv beeinflussen könnte, klingt stichhaltig: Schließlich bringt das Erreichen von sportlichen Zielen Erfolgserlebnisse und führt zu einer Stärkung des Selbstwerts.

Darüber hinaus lenkt Bewegung von quälenden Grübeleien sowie Schuldgefühlen ab, und Sporteln in der Gruppe schafft sozialen Rückhalt. Auch durch Sport verursachte Stoffwechselvorgänge wie die Ausschüttung von Glückshormonen könnten eine Depression abschwächen [1].

Und so ist es nicht verwunderlich, dass Ärzte Menschen mit einer Depression gerne sportliche Aktivitäten empfehlen. Spezielle Bewegungsangebote sind allerdings kein fixer Baustein der Depressionstherapie. Viel stärker kommen psychotherapeutische Behandlungen (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) und Medikamente (Antidepressiva) zum Einsatz [5-8]. Zu diesen gängigen und wirksamen Therapien wünschen sich allerdings viele Patienten Alternativen, etwa weil sie selbst aktiv zu Wohlbefinden und Genesung beitragen möchten [1]. Ist Sport also ein angemessenes und wirksames Mittel gegen Depression?

Mäßige Linderung durch Sport

Tatsächlich zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien [1-4], dass Sport eine Depression wahrscheinlich etwas lindern kann. Allerdings darf man von gezielter Bewegung keine Wunder erwarten. Im Durchschnitt kann regelmäßiger Ausdauer- oder Kraftsport die Beschwerden von depressiven Menschen wahrscheinlich um einen Punkt auf einer Skala von eins bis zehn verbessern [1-3]. Dieser Effekt könnte bei manchen größer, bei anderen aber auch kleiner sein.

Sport kann den anerkannten Therapieformen keineswegs den Rang ablaufen oder sie ersetzen. Regelmäßiges Training scheint eine Depression nicht besser bekämpfen zu können als Psychotherapie oder Medikamente. Ob Sport jedoch ähnlich effektiv ist wie diese gängigen Behandlungen, lässt sich derzeit nicht sagen. Zudem scheint die Wirkung nachzulassen, wenn man mit dem Sport aufhört.

Details noch unklar

In einigen der Studien haben die Teilnehmenden regelmäßiges Ausdauertraining wie Joggen oder Walken betrieben, in anderen waren es Krafttraining oder eine Mischung beider Trainingsarten. Welche Form von Sport am besten bei einer Depression hilft, können bisherige Studienergebnisse jedoch nicht beantworten, hier sind weitere Untersuchungen notwendig.

Warum die bereits vorliegenden und qualitativ hochwertigen Studien in ihrer Gesamtheit nicht mehr griffige Argumente brachten? Bei einem Teil der Untersuchungen war die Anzahl der Studienabbrecher hoch – ein Hinweis darauf, dass es den Patienten schwerfiel, ihr Sportprogramm durchzuziehen. Ebenfalls ein Problem bei der Auswertung: Die Studien hatten nur wenige Teilnehmer, was die Aussagekraft der Ergebnisse abschwächt.

Künftige wissenschaftliche Arbeiten liefern hoffentlich Belege zu folgenden Aspekten:

  • Welche Sportarten und Trainingsformen zeigen (die größte) Wirkung?
  • Ist es besser, in der Gruppe, unter professioneller Anleitung oder allein zu trainieren?
  • Wie lange, wie intensiv und wie oft muss gesportelt werden, bis sich erste Erfolge einstellen?
  • Was tun, damit die positive Wirkung auch langfristig anhält?
  • Welche Risiken, beispielsweise Überforderung, bringt dieser Therapieansatz mit sich?
  • Und: Gelten dieselben Empfehlungen für alle Patienten mit Depression – unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung?

Was tun in der Zwischenzeit?

Viele Details zu möglichen Nutzen und Risiken von Sport bei Depressionen sind also noch offen. Daher sollten sich depressive Menschen mit ihren Ärzten und Psychotherapeutinnen absprechen. Das Ziel: Eine individuelle Abklärung, ob und welche Sportarten sich eignen – und welche Erwartungen realistisch sind.

Es wäre durchaus wünschenswert, mit Hilfe von Sportangeboten weitere wirksame Therapiebausteine zu entwickeln. Immerhin erkrankt etwa jede fünfte Person [9] im Laufe ihres Lebens an einer Depression; oft kommt es zu Rückfällen. Zu den typischen Anzeichen zählen Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und innere Unruhe.

Obwohl Depressionen viel Leid verursachen und bis in den Selbstmord führen können, bekommen viele Betroffene keine Behandlung. Einer der Gründe: Noch immer ist Depression – auch wenn diese Erkrankung so häufig auftritt – tabuisiert, was es Betroffenen schwermacht, professionellen Rat und Hilfe einzuholen.

 

Die Studien im Detail

Bei einer Suche in medizinischen Publikationsdatenbanken konnten wir drei systematische Übersichtsarbeiten finden, welche die Studienlage zu Sport zur Behandlung von Depression objektiv zusammenfassen [1-3]. Die aktuellste dieser drei Arbeiten umfasst Studien, die bis August 2015 veröffentlicht wurden [3], die älteste nur Studien bis Februar 2013 [1].

Dennoch kommen die drei Übersichtsarbeiten zu einer ähnlichen Einschätzung: Sport kann Beschwerden einer Depression kurzfristig wahrscheinlich um rund einen Punkt auf einer zehnstufigen Skala lindern. In den Studien wurden dabei Sportprogramme über eine Dauer von einer bis zu 16 Wochen untersucht. Die Teilnehmenden trainierten dabei zwischen zweimal in der Woche und täglich.

Diese Studien sind in ihrer Aussagekraft allerdings etwas eingeschränkt. So wurden sie überwiegend an nur wenigen Teilnehmenden durchgeführt. Weiters unterscheiden sie sich in der Art ihrer Durchführung stark voneinander, etwa in der Art der untersuchten Sportarten, in der Art und Schwere der Depression bei den Teilnehmenden oder darin, mit welcher Bedingung (keine Therapie, verschiedene Standardtherapien) die Sport-Behandlung verglichen wurde. Eine statistische Analyse deutet zudem darauf hin, dass es einige kleine Studien geben müsste, die keinen Effekt von Sport nachweisen konnten. Diese scheinen jedoch nie veröffentlicht worden zu sein. All dies und die niedrige, wissenschaftliche Qualität vielder Studien erschwert die exakte Einschätzung der Wirksamkeit [1-3].

Dass Sport wirksam eine Depression zu lindern scheint, zeigt sich allerdings auch dann, wenn lediglich die Ergebnisse von Studien hoher Qualität zusammengefasst werden. Dabei scheint die Wirkung allerdings schwächer zu sein [1-3].

Wie gut regelmäßige Bewegung im Vergleich zu gängigen Antidepressiva wirkt, haben nur zwei aussagekräftige Studien untersucht. Zusammengefasst scheint sich kein deutlicher Unterschied zwischen beiden Behandlungsformen zu zeigen [4]. Ob Sport und Antidepressiva ähnlich gut wirken, lässt sich aufgrund der unsicheren Ergebnisse allerdings nicht beantworten.

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht am 11.2.2014: Zwei aktuellere systematische Übersichtsarbeiten [2,3] ändern unsere grundsätzliche Einschätzung jedoch nicht.]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cooney u.a. (2013)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 39 randomisierte kontrollierte Studien, die bis Februar 2013 veröffentlicht wurden
Teilnehmer insgesamt: 2326 erwachsene Patienten mit Depressionen
Fragestellung: Wie gut hilft Sport, die Symptome einer Depression zu verbessern – im Vergleich zu gar keiner Behandlung, zu Psychotherapie oder Antidepressiva?
Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Cooney GM, Dwan K, Greig CA, Lawlor DA, Rimer J, Waugh FR, McMurdo M, Mead GE. Exercise for depression (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 9. Art. No.: CD004366. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Kvam u.a. (2016)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 23 randomisiert-kontrollierte Studien, die bis November 2014 veröffentlicht wurden
Teilnehmer insgesamt: 977 Personen mit Depression
Fragestellung: Kann Sport die Symptome einer Depression lindern?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren

Kvam S, Kleppe CL, Nordhus IH, Hovland A. Exercise as a treatment for depression: A meta-analysis. J Affect Disord. 2016 Sep 15;202:67-86. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Schuch u.a. (2016)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 25 randomisiert-kontrollierte Studien, die bis August 2015 veröffentlicht wurden
Teilnehmer insgesamt: 1487 Personen mit Depression
Fragestellung: Kann Sport die Symptome einer Depression lindern?
Interessenskonflikte: keiner laut Autoren

Schuch FB, Vancampfort D, Richards J, Rosenbaum S, Ward PB, Stubbs B. Exercise as a treatment for depression: A meta-analysis adjusting for publication bias. J Psychiatr Res. 2016 Jun;77:42-51. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Gartlehner u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: unter anderem 2 systematische Übersichtsarbeiten zu Sport und Depression
Teilnehmer insgesamt: u.a. 254 Personen für den Vergleich Sport mit Antidepressiva
Fragestellung: Wie gut hilft u.a. Sport im Vergleich zu Antidepressiva bei einer Depression?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Gartlehner G, Wagner G, Matyas N, Titscher V, Greimel J, Lux L, Gaynes BN, Viswanathan M, Patel S, Lohr KN. Pharmacological and non-pharmacological
treatments for major depressive disorder: review of systematic reviews. BMJ Open. 2017 Jun 14;7(6):e014912. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Ciprani A. u.a. (2011)
Ciprani A, Barbui C, Butler R, Hatcher S, Geddes J. Depression in adults: drug and physical treatments. Clinical Evidence. 2011;05:1003 (Artikel in voller Länge)

[6] Butler R. u.a. (2007)
Butler R, Hatcher S, Price J, Von Korff M. Depression in adults: psychological treatments and care pathways. Clinical Evidence. 2007;08:1016 (Artikel in voller Länge)

[7] IQWIG (2016)
Depression. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens – IQWiG. Gesundheitsinformation.de www.gesundheitsinformation.de/depression.2125.de.html Zugriff am 11. 9. 2017

[8] Robert-Koch-Institut (2010)
Depressive Erkrankungen (Hg.)Depressive Erkrankungen(2010). Heft 51. Gesundheitsberichterstattung des Bundes

[9] UpToDate (2017)
Simon G (2017). Unipolar major depression in adults: Choosing initial treatment. In Solomon D (ed.). UpToDate. www.uptodate.com/contents/unipolar-major-depression-in-adults-choosing-initial-treatment Zugriff am 11. 9. 2017