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Spermidin: Anti-Aging-Effekt unklar

Unbeschwert ein hohes Alter erreichen: wer möchte das nicht?

Unbeschwert ein hohes Alter erreichen: wer möchte das nicht?

Würmer und Fliegen scheinen durch Spermidin in der Nahrung länger zu leben. Ob das beim Menschen auch funktioniert, ist noch zu wenig erforscht.

Frage:Kann die Einnahme von Spermidin das Leben verlängern?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Ob die Einnahme von Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel die Lebenszeit von Menschen verlängert, hat bisher keine Studie untersucht. Zum Einfluss einer Ernährung mit Spermidin-reichen Nahrungsmitteln auf die Lebenserwartung gibt es zwei Beobachtungsstudien, deren Ergebnisse aber nicht aussagekräftig sind.

Ewiger Traum der Menschheit: das Altern aufhalten oder zumindest verlangsamen. Klar, wer möchte kein langes Leben und viele Jahre in Gesundheit?

Medienberichten zufolge soll das auch ganz einfach gehen. Die Lösung heißt demnach Spermidin. Das ist eine Substanz, die natürlicherweise in vielen Nahrungsmitteln vorkommt: in Weizenkeimen, gereiftem Käse, Pilzen sowie zahlreichen Früchten und Gemüsesorten. Mittlerweile gibt es Spermidin auch als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform zu kaufen.

Von Würmern und Menschen

Den Berichten zufolge soll die Anti-Aging-Wirkung wissenschaftlich in Studien bewiesen sein. Doch sind diese Studien vertrauenswürdig? Können sie belegen, dass Spermidin für ein längeres Leben sorgt?

Bei Hefezellen, Würmern und Fliegen scheint das tatsächlich zu funktionieren, darauf deuten Laborexperimente hin [2]. Ob Spermidin auch beim Menschen eine solche Wirkung hat, können solche Versuche allerdings nicht beantworten – zu sehr unterscheiden sich der menschliche Körper und Stoffwechsel von jenem der kriechenden und krabbelnden Versuchstiere.

Herausfinden lässt sich das nur in Studien mit menschlichen Testpersonen. Doch die sind Mangelware.

Kapseln oder Ernährungsweise?

Zur Wirkung von Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel haben wir überhaupt keine Studien gefunden. Was die regelmäßige Einnahme von Spermidin-Kapseln für die Lebenserwartung bringt, wissen wir also nicht.

Ob eine Ernährung mit vielen Spermidin-reichen Nahrungsmitteln eine lebensverlängernde Wirkung hat, können wir ebenfalls nicht sicher beantworten. Eine Beobachtungsstudie mit über 800 Personen [1] scheint diese Vermutung zwar zu unterstützen. Sie ist jedoch zu wenig aussagekräftig, und kann keine handfesten Belege liefern.

In dieser Studie [1] waren am Ende 50 Prozent der Personen verstorben, die sich eher Spermidin-arm ernährten. Bei jenen mit relativ Spermidin-reicher Ernährung waren es nur 30 Prozent. Zu den Spermidin-reichen Nahrungsmitteln in dieser Studie zählten Vollkorn-Produkte, Äpfel, Birnen, Salat, Sprossen und Kartoffeln.

Es ist aber gut möglich, dass gar nicht das Spermidin für die höhere Lebenserwartung verantwortlich war, sondern die generell gesündere Ernährung – unabhängig vom Spermidin-Gehalt der Nahrungsmittel. Zudem nahmen an der Studie nur 829 Frauen und Männer eines einzigen Südtiroler Ortes teil – zu wenig und zu speziell, um die Ergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung übertragen zu können.

Wir sind noch auf die Erwähnung einer zweiten Untersuchung gestoßen [1] – mit 1770 Einwohnerinnen und Einwohnern aus dem österreichischen Salzburg. Dem Wissenschaftsteam zufolge sind die Ergebnisse ähnlich und sprechen für eine Spermidin-reiche Ernährung. Da die Studienergebnisse jedoch nicht vollständig berichtet sind, lassen sich für unsere Bewertung wichtige Einzelheiten nicht gut nachvollziehen.

Ob es etwas nützt, seine Ernährung umzustellen, haben die beiden Beobachtungsstudien nicht untersucht. Schließlich haben sich die Testpersonen während der Studienlaufzeit weiter so ernährt, wie sie es auch zuvor gewohnt waren.

Verjüngung für Zellen

Was ist Spermidin eigentlich? Der eiweißähnliche Stoff wird natürlicherweise in vielen Körperzellen gebildet. Wir nehmen ihn aber auch mit verschiedenen Nahrungsmitteln zu uns.

Seine genaue Funktion ist noch nicht vollständig erforscht. Körpereigenes Spermidin scheint eine wichtige Rolle beim Erneuern alter Zellbestandteile zu spielen – es verschafft Zellen also eine „Verjüngungskur“. Fachleute vermuten, dass diese Funktion auch den Alterungsprozess beeinflusst. Ob mit der Nahrung aufgenommenes Spermidin eine ähnliche Wirkung hat, ist unklar.

Seinen Namen hat Spermidin übrigens daher, dass es erstmals in Sperma entdeckt wurde – denn dort kommt es in großer Menge vor.

 

Die Studien im Detail

Wir wollten beurteilen, ob die Einnahme von Spermidin eine lebensverlängernde Wirkung beim Menschen hat. Dafür haben wir wissenschaftliche Studiendatenbanken nach aussagekräftigen Forschungsergebnissen durchforstet.

Die ideale Studie

In einem idealen Szenario würde diese Frage in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht. Dabei wird eine große Anzahl an Testpersonen nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeteilt.

In unserem Idealszenario nimmt die erste Gruppe regelmäßig und über lange Zeit Kapseln mit Spermidin ein. Die zweite Gruppe ist die Kontrollgruppe. Auch sie nimmt regelmäßig Kapseln ein, die von den „echten“ Kapseln äußerlich nicht zu unterscheiden sind. Diese Kapseln enthalten jedoch kein Spermidin, es sind Placebo-Kapseln ohne Wirkstoff. Um das Ergebnis nicht durch Erwartungen zu beeinflussen, wissen weder Testpersonen noch die an der Studie beteiligten Forschenden, wer welcher Gruppe zugeteilt ist.

Nach vielen Jahren wird erhoben: wer ist wann gestorben? Wenn sich zeigt, dass die Menschen aus der Spermidin-Gruppe deutlich länger leben als die Kontrollgruppe, wäre die einzig plausible Erklärung dafür das Spermidin. Denn durch die zufällige Zuteilung ist unwahrscheinlich, dass sich die Gruppen in anderen Merkmalen unterscheiden.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat bisher niemand eine solche Studie durchgeführt. Wir konnten auch keine randomisiert-kontrollierte Studie finden, die eine mögliche Wirkung von Spermidin auf ernste Krankheiten erforscht hat – etwa auf Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Beobachten statt Zuteilen

Doch wir stehen nicht komplett ohne Studien da; allerdings sind es die nicht ganz so aussagekräftigen, aber viel praktikableren Beobachtungsstudien: Eine solche hat eine internationale Forschungsruppe mit österreichischer Beteiligung durchgeführt [1]. Dazu befragte das Forschungsteam 829 Frauen und Männer im Alter von 40 bis 79 aus dem Südtiroler Ort Bruneck zu deren Ernährungsgewohnheiten. Wie viel Spermidin-haltige Nahrungsmittel nahmen sie zu sich? Die Ernährungsbefragung wiederholte sich alle fünf Jahre.

20 Jahre später zeigte die Auswertung; von den ursprünglich Befragten waren mittlerweile 341 Menschen gestorben: In der Gruppe mit Spermidin-armer Ernährung waren etwa 50 Prozent der Teilnehmenden verstorben. In der Gruppe mit Spermidin-reicher Ernährung waren es hingegen nur 30 Prozent – also deutlich weniger.

Keine Aussage über Spermidin

Mag ein wenig danach klingen, als ob Spermidin-reiche Ernährung zu einem längeren Leben verhilft. Doch so einfach ist es leider nicht. Ob der geringere Anteil an Todesfällen wirklich auf mehr Spermidin zurückzuführen ist, kann die Studie nicht zeigen. Schließlich enthalten die am häufigsten von den Studienteilnehmenden verzehrten Spermidin-reichen Nahrungsmittel wie Vollkorn-Produkte, Äpfeln, Birnen, Salat, Sprossen und Kartoffeln auch viele andere Bestandteile, die gesundheitsförderlich sein können.

Oder es können ganz andere Einflussfaktoren hinter den Unterschieden bei der Lebensdauer stecken: In Frage kommen etwa Unterschiede hinsichtlich Lebensstil, sozialer Sicherheit, Gesundheitsversorgung oder erblicher Veranlagung.

Zudem haben an der Studie zu wenige Menschen teilgenommen, die noch dazu aus nur einem einzigen Ort stammten. Dies lässt es nicht zu, die Ergebnisse auf die breite Bevölkerung zu übertragen.

Zweite Studie mit Datenlücken

Die Autorinnen und Autoren der Bruneck-Studie erwähnen in ihrer Publikation [1] noch eine zweite Studie. Für diese wurden 1770 Männer und Frauen zwischen 39 und 67 Jahren aus Salzburg zu ihrer Ernährung befragt. Anschließend wurden sie durchschnittlich 12,8 Jahre lang beobachtet.

Der Publikation zufolge soll sich auch bei dieser Studie ein Zusammenhang zwischen Spermidin-reicher Ernährung und verringertem Sterberisiko gezeigt haben. Insgesamt sind jedoch lediglich 48 Todesfälle aufgetreten – zu wenige für die Berechnung von robusten Ergebnissen mit allgemeiner Gültigkeit. Zudem fehlen wichtige Daten, um alle Angaben und Arbeitsschritte im Detail unabhängig nachvollziehen zu können. Das lässt uns an der Aussagekraft der Ergebnisse zweifeln.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, J. Meixner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kiechl u.a. (2018)
Studienart: 2 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmende in Studie 1: 829 Männer und Frauen (Alter 40 – 79) aus Bruneck, Südtirol
Teilnehmende in Studie 2: 1770 Männer und Frauen (Alter 39 – 67) aus Salzburg
Studiendauer Studie 1: 20 Jahre
Studiendauer Studie 2: 12,8 Jahre
Fragestellung: Erhöht eine Spermidin-reiche Ernährungsweise die Lebenserwartung?
Interessenskonflikte: Drei der Autoren besitzen Anteile an einem Unternehmen, welches Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel vertreibt

Kiechl S, Pechlaner R, Willeit P, et al. Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. Am J Clin Nutr. 2018 Aug 1;108(2):371-380. (Zusammenfassung der Studie) (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[2] Eisenberg u.a. (2009)
Eisenberg T, Knauer H, Madeo F et al. Induction of autophagy by spermidine promotes longevity. Nat Cell Biol. 2009 Nov;11(11):1305-14. (Zusammenfassung der Studie)