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Das große Gähnen: später Schulstart besser?

Leider nicht wissenschaftlich erwiesen: später Schulstart tut Morgenmuffeln (und ihren Familien) gut

Leider nicht wissenschaftlich erwiesen: später Schulstart tut pubertierenden Morgenmuffeln gut

Der Schulbeginn zeitig in der Früh ist für Teenager (und die ganze Familie) eine echte Plage. Sind Gesundheit und Lernerfolg besser, wenn der Unterricht erst später startet?

Frage:Verbessert ein späterer Schulbeginn Gesundheit, Lernerfolg und Lebensqualität bei Jugendlichen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die Fragestellung ist in mehreren großen Studien untersucht worden. Wegen methodischer Mängel und widersprüchlicher Ergebnisse lassen sich daraus keine sicheren Schlussfolgerungen ziehen. Das heißt, der aktuelle Stand der Wissenschaft kann sich weder für noch gegen einen Nutzen eines späteren Schulstarts aussprechen.

„Nur noch fünf Minuten!“ 6.20 Uhr, 6.25 Uhr, 6.30 Uhr – und immer noch ist der Teenie nicht am Frühstückstisch zu sehen. Und dabei muss der pubertierende Sprössling gleich aus dem Haus, um den Schulbus nicht zu verpassen – noch dazu, wo heute in der ersten Stunde der Physiktest ansteht…

In solchen Situationen ist in vielen Familien Streit vorprogrammiert und kulminiert dann meist in Diskussionen um Fernseh-, Handy- und WLAN-Zeiten am Abend. Aber sind die undisziplinierten Halbwüchsigen tatsächlich das Problem – oder doch eher der in vielen Schulen übliche frühe Unterrichtsbeginn? Würde sich die Situation nicht deutlich entspannen, wenn die Schule erst um 9 Uhr oder später beginnen würde?

Aus dem Rhythmus

Diese Frage stellen sich nicht nur genervte Jugendliche und deren in Mitleidenschaft gezogene Angehörige sowie immer wieder auch die Medien. Unterstützung bekommen entsprechende Forderungen auch durch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Aber gibt es für den Nutzen auch aussagekräftige Belege aus guten Studien?

Enttäuschendes Ergebnis

Diese Frage ist tatsächlich in einigen Studien untersucht worden [1]. Dabei wurde ein früher mit einem späten Schulbeginn verglichen – samt Auswertungen, wie sich die Schulstart-Uhrzeit auf Schulerfolg, seelische Gesundheit oder Wachheit der Jugendlichen auswirkt.

Allerdings müssen Teenager und Eltern jetzt ganz stark sein: Denn obwohl knapp 300.000 Testpersonen an den Untersuchungen mitwirkten, lassen sich aus der Forschung keine eindeutigen Ergebnisse ableiten. Sie können die Forderung nach einem späteren Schulbeginn nicht untermauern. Die Studien hatten oft methodische Probleme und kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Ein Funken Hoffnung

Allerdings schließt dies nicht aus, dass ein späterer Schulbeginn sinnvoll sein könnte – vielleicht lässt sich in Zukunft der Nutzen mit Hilfe besserer Untersuchungen zeigen.

Besser erforscht gehören auch eventuelle unerwünschte Effekte: etwa die Folgen, wenn Eltern früher als ihre Kinder zur Arbeit aufbrechen müssen und es etwa kein gemeinsames Frühstück mehr gibt. Oder, dass dann der Unterricht länger dauert und für Sport, Musikunterricht oder andere Nachmittagsaktivitäten weniger Zeit bleibt.

Bis bessere Forschungsergebnisse vorliegen, bleibt allen geplagten Jugendlichen und Eltern also nur die Option, sich weiterhin früh aus dem Bett zu quälen.

Von Lerchen zu Eulen

Die Grundlagenforschung zum biologischen Rhythmus lässt den Wunsch nach einem späteren Schulbeginn wissenschaftlich vernünftig erscheinen. Denn der Schlaf-Wach-Rhythmus von Teenagern ist offenbar nicht fürs frühe Aufstehen gemacht.

Anders als vor der Pubertät und im Erwachsenenalter scheint sich der Biorhythmus bei Jugendlichen zu verschieben – sie werden von früher aufstehenden „Lerchen“ zu morgenmuffeligen „Eulen“. Sie gehen am liebsten erst zu vorgerückter Stunde ins Bett und wachen entsprechend später auf. Auch sind sie eher später am Tag aufnahmebereit und lernfähig.

Da die Schule aber ziemlich früh beginnt, haben viele Jugendliche entsprechend nicht ausreichend geschlafen. Das macht es für sie schwierig, sich in den ersten Schulstunden ausreichend zu konzentrieren und mit dem Schulstoff zu beschäftigen [1].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche sind wir auf eine systematische Übersichtsarbeit [1] gestoßen, die insgesamt elf Studien zusammenfasst. Dabei sind Untersuchungen berücksichtigt, die bis Februar 2016 veröffentlicht wurden.

Wir haben zusätzlich nach neueren Arbeiten gesucht, aber keine relevanten gefunden, bei denen ein früher mit einem spätem Schulstart verglichen wurde. Deshalb gehen wir davon aus, dass die Übersichtsarbeit den aktuellen Stand der Forschung zu unserer Frage enthält.

An den Studien nahmen insgesamt knapp 300.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 19 Jahren teil. Sechs Studien wurden in den USA durchgeführt, jeweils eine in Kanada, Israel, Neuseeland, Kroatien und Brasilien. Die Untersuchungen waren methodisch recht unterschiedlich gestaltet, hatten jedoch eine Gemeinsamkeit: Es wurde ein früher Schulstart mit einem späteren Schulstart verglichen. Dabei mussten die Schülerinnen und Schüler in den meisten Untersuchungen 60 bis 90 Minuten später in der Schule erscheinen als bei frühem Unterrichtsbeginn.

Die Forschungsteams haben dann die Auswirkungen auf verschiedene Messgrößen untersucht. Dazu gehörten der Schulerfolg, etwa die Abschlussquote, die Menge und Qualität des Schlafs, seelische Gesundheit, verpasster Unterricht oder Wachheit. Gleichzeitig wurden auch negative Effekte untersucht.

Aus den eingeschlossenen Studien konnte das Forschungsteam jedoch für keine der Messgrößen eine eindeutige Aussage ableiten. Denn die Testpersonen wurden nur in einer der Studien nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen (früher bzw. später Schulbeginn) aufgeteilt.

Bei den anderen Studien handelte es sich in drei Fällen um Vorher-Nachher-Beobachtungen. Bei ihnen war nicht eindeutig auszuschließen, dass sich möglicherweise auch andere Faktoren auf die Messergebnisse ausgewirkt haben. Gleiches galt auch für die sieben Studien, bei denen die Jugendlichen nacheinander erst der einen, dann der anderen Gruppe zugeordnet wurden (Cross-over-Studien).

Hinzu kamen in vielen Studien weitere methodische Probleme: etwa dass nicht alle Daten ausgewertet oder veröffentlicht wurden. Teilweise kamen die Untersuchungen auch zu widersprüchlichen Ergebnissen.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Marx (2017)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 11 Studien mit knapp 300.000 Testpersonen
Fragestellung: Welchen Einfluss hat ein späterer Schulbeginn auf Gesundheit, Bildungserfolg und Lebensqualität von Jugendlichen?
Interessenkonflikte: Drei Mitglieder des Autorenteams waren an einer Studie beteiligt, die in die systematische Übersichtsarbeit eingeflossen ist.

Marx R u.a. Later school start times for supporting the education, health, and well-being of high school students. Cochrane Database Syst Rev. 2017:CD009467
Zusammenfassung der Studie