Dieser Beitrag ist älter als vier Jahre, möglicherweise hat sich die Studienlage inzwischen geändert.

Soja-Lebensmittel: Riskant für die Schilddrüse?

Soja gilt als Inbegriff bewusster Ernährung. Doch sind die asiatischen Hülsenfrüchte tatsächlich so gesund? Oder verschlimmert Sojakonsum möglicherweise eine ‚schlummernde’ Schilddrüsenunterfunktion?

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Sind Soja-Lebensmittel riskant für Personen mit einer unauffälligen, also subklinischen Schilddrüsenunterfunktion?

Aufgrund der Studienlage ist unklar, ob Lebensmittel aus Sojabohnen bei empfindlichen Personen eine unauffällige Schilddrüsenunterfunktion so weit verschlechtern können, dass Beschwerden auftreten. Eine Studie gibt zwar einige Hinweise in diese Richtung. Doch es ist mehr belastbare Forschung notwendig, um den Sachverhalt besser zu klären.

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© Jiri Hera - fotolia.com Die Sojabohne: Saulus oder Paulus?"
© Jiri Hera – fotolia.com

Sojabohnen stehen in Asien schon viele Jahrhunderte lang auf dem Speisezettel. Auch in Nordamerika und Europa sind diverse Sojaprodukte seit geraumer Zeit beliebt, zum Beispiel in Form von Drinks, Tofu (‚Bohnenkäse’), Sojasauce, Miso oder als Sojaöl. Außerdem sind die eiweißreichen Hülsenfrüchte als Zutat in Backwaren, Käse und Pasta zu finden. [7]

Ist Soja so bekömmlich wie sein Ruf?

Sojaprodukte gehören oft zu einer bewussten Ernährungsweise; die Bohnen aus dem Osten gelten als gesunde Kost. So wird etwa damit geworben, dass die im Soja enthaltenen Pflanzenhormone (‚Phytoöstrogene’) Hitzewallungen lindern, unter denen Frauen häufig während der Wechseljahre leiden.

Doch die Begeisterung für die Sojabohne ist nicht ungeteilt. Vor allem in den USA gibt es seit einigen Jahren Bedenken. Sind die ‚Wunderbohnen’, hinter denen immerhin ein Milliardengeschäft steckt, tatsächlich unbedenklich?

So wird immer wieder der Verdacht geäußert, dass sich der Konsum von Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln aus Soja negativ auf die Schilddrüse auswirken könnte, indem er die Hormonproduktion beeinflusst. Die kritischen Stimmen stützen sich beispielsweise auf Beobachtungen aus Tier- und Zellstudien [2] [3] [5] [6].

Wir sind einer dieser Befürchtungen im Detail nachgegangen: Demnach sollen Lebensmittel aus Sojabohnen bei gewissen empfindlichen Personen förderlich für die negative Weiterentwicklung einer Schilddrüsenunterfunktion sein.

Wenn die Schilddrüse schwächelt…

Zum Hintergrund: Schätzungen zufolge haben circa fünf von 100 Personen eine subklinische Unterfunktion der Schilddrüse. Normalerweise sind keine Krankheitszeichen spürbar. Deswegen ahnen die Betroffenen oft nichts von dieser sehr milden Ausprägung der Unterfunktion.

Etwa jede dritte bis zweite Person mit dieser subklinischen bzw. latenten Schilddrüsenunterfunktion entwickelt im Laufe der Zeit eine klinische bzw. manifeste Form der Erkrankung. Dann machen sich leichte bis schwere Beschwerden bemerkbar, zum Beispiel Konzentrationsprobleme und Müdigkeit [4] [10] [11].

Übeltäterin Sojabohne?

Mehrere Fachleute haben den Verdacht geäußert, dass Soja bei dieser ungünstigen Entwicklung eine gewisse Rolle spielen könnte. Gut gemachte Langzeitstudien zur Schilddrüsen-Gesundheit von Leuten, die regelmäßig Soja konsumieren, fehlen allerdings.

Eine kleine Untersuchung an 60 Personen erscheint in diesem Zusammenhang jedoch beachtenswert [1]: Darin hatten alle Probanden und Probandinnen zu Beginn eine unauffällige, subklinische Schilddrüsenunterfunktion. Einige entwickelten just während jener Phase, in der sie hoch dosierte Sojasubstanzen einnahmen, eine klinische Schilddrüsenunterfunktion.

Das ist eine durchaus interessante Beobachtung. Sie gibt aber noch keine eindeutige Antwort darauf, ob es tatsächlich der Konsum von Soja war, der das ungünstige Fortschreiten einer Unterfunktion anregen kann. Es ist damit weder bewiesen noch auszuschließen, dass ein hoher Konsum von Soja-Lebensmitteln bzw. die Einnahme von Soja-Nahrungsergänzungsmitteln bei gewissen anfälligen Personen möglicherweise das Fass zum Überlaufen bringt.

Wie so oft braucht es mehr Studien mit besserem Design. Dabei sollte beispielsweise geklärt werden:

  • Hat die gezielte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit isolierten Soja-Substanzen die gleichen Effekte, die durch das Essen und Trinken von Soja-Lebensmitteln entstehen?
  • Spielt die Verarbeitung und Zubereitung von Sojaprodukten eine Rolle für die mögliche Wirkung auf die Gesundheit?
  • Wenn es Effekte gibt: Welche Mechanismen und Substanzen – es gibt z.B. mehrere Pflanzenhormone (Phytoöstrogene) in Soja-Lebensmitteln – sind dafür verantwortlich, und ab welcher Dosis käme es zu negativen Effekten?
  • Wie steht es um die Langzeitsicherheit einer Soja-reichen Ernährung?

Bedeutung der Klärung

Eine Untersuchung dieser Fragen erscheint jedenfalls sinnvoll: Denn ältere Frauen sind besonders häufig von einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion betroffen, von der viele nichts ahnen [3] [6]. Doch gerade diese Personengruppe greift besonders häufig zu Soja-Lebensmitteln und -Nahrungsergänzungsmitteln, denn sie versprechen, typische Wechseljahresbeschwerden zu lindern.

Für die Allgemeinbevölkerung scheint es unwahrscheinlich, dass es durch einen maßvollen Konsum von Lebensmitteln mit Soja zu deutlichen negativen Effekten für die Schilddrüse kommt [2]. Die Durchführung von Ernährungsstudien, die über einen langen Zeitraum laufen, liefern dazu hoffentlich in Zukunft weitere wertvolle Daten.

Unser Fazit zu Soja und Schilddrüsenunterfunktion:

Es gehört besser untersucht, ob bestimmte Substanzen aus Soja die Produktion von Schilddrüsenhormonen bei Gesunden negativ beeinflussen können. Es gibt dazu einander widersprechende Hinweise und Studien unterschiedlicher Qualität. Auf dieser Basis ist es schwierig, mögliche negative Effekte für die Bevölkerung oder bestimmte Personengruppen zu identifizieren oder diese auszuschließen [2] [3] [6].

Schmetterling, Walnuss und Toastbrot

Die Schilddrüse des Menschen hat die Größe einer Walnuss. Sie wiegt gerade so viel wie eine Scheibe Toastbrot, ihre Form erinnert an einen Schmetterling. Klingt ganz schön niedlich! Doch die Schilddrüse, die am Hals unter dem Kehlkopf sitzt, beeinflusst wichtige Vorgänge in vielen Organen und ist wesentlich für Gesundheit und Wohlbefinden.

So produziert die Schilddrüse die Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4), auch Tetrajodthyronin genannt, die mit dem Blutkreislauf im Körper umhertransportiert werden. Wie wichtig T3 und T4 für Energiehaushalt und Stoffwechsel sind, zeigt sich, wenn die ansonsten unscheinbare Schilddrüse nicht richtig arbeitet [4] [8].

Bei einer Unterfunktion, im Fachjargon Hypothyreose genannt, erzeugt die Schilddrüse nicht genug stimulierende Hormone. Dieser Mangel kann leichte bis starke oder sogar lebensbedrohliche Beschwerden auslösen.

Zu den möglichen Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion zählen:

  • Müdigkeit
  • Verstopfung
  • Teilnahmslosigkeit
  • Gedächtnisprobleme
  • Atemnot
  • Kälteempfindlichkeit
  • Zyklus- und Fruchtbarkeitsstörungen
  • Kropfbildung
  • Gewichtszunahme

Auch Haut und Haare oder das Herz-Kreislauf-System sind eventuell betroffen. Die Verlangsamung des Stoffwechsels schleicht sich oft über einen längeren Zeitraum ein [4] [8] [11].

Das Phänomen geht viele Menschen an. In den USA sind beispielsweise knapp fünf von 100 Personen ab 12 Jahren mehr oder weniger stark von einer Schilddrüsenunterfunktion betroffen. Unter ihnen befinden sich deutlich mehr Frauen als Männer und eher ältere Personen als jüngere.

Hormonmangel erkennen und behandeln

Es gibt also etliche, wenn auch nicht unbedingt eindeutige Symptome, die auf eine Schilddrüsenunterfunktion hindeuten. Eine klare Diagnose lässt sich durch Hormonmessungen im Blut stellen. Auch eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse kann gewisse Anhaltspunkte liefern.

In der Regel ist eine Schilddrüsenunterfunktion bei Erwachsenen chronisch. Das heißt, sie lässt sich nicht heilen. Die Hypothyreose ist aber meistens gut zu behandeln: und zwar mit künstlichen T4-Hormonen in Form von Tabletten. Die Ersatz-Botenstoffe normalisieren die Hormonwerte und lassen die Beschwerden schwinden [4] [8] [11].

Auffällig unauffällig

Bei einer subklinischen Unterfunktion treten noch keine unangenehmen Symptome auf. Allerdings gibt es bereits gewisse hormonelle Veränderungen, die sich bei einer Blutanalyse zeigen: Das Thyroidea-stimulierende Hormon (TSH) wird vermehrt von der Hirnanhangsdrüse produziert, wenn die Schilddrüse schwächelt [4] [10] [11]. Ist der TSH-Wert im Blut erhöht, deutet das auf die beginnende Unterfunktion hin.

Frühzeitig abfangen?

Bei einer subklinischen bzw. latenten Schilddrüsenunterfunktion ist sich die Fachwelt nicht einig darüber, ob oder ab welchen Hormonwerten mit Ersatzhormonen behandelt werden soll. Eine frühzeitige Tabletteneinnahme kann nach Ansicht mancher Fachleute vermeiden, dass die Unterfunktion weiter fortschreitet und später Probleme bereitet. Es braucht allerdings noch mehr gute Studien zur Beurteilung der möglichen Vor- und Nachteile einer frühen Behandlung.

Tatsächlich entwickeln viele Personen mit einer subklinischen Unterfunktion früher oder später eine richtige Schilddrüsenunterfunktion samt behandlungsbedürftigen Beschwerden. Es gibt allerdings auch Betroffene, bei denen sich eine subklinische Unterfunktion nicht verschlechtert [4] [11].

Attacken gegen das Selbst

Der häufigste Auslöser einer Schilddrüsenunterfunktion bei Erwachsenen ist die Hashimoto-Krankheit. Bei dieser Autoimmunerkrankung wendet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper und zerstört im Laufe der Zeit körpereigene Zellen in der Schilddrüse. Dies löst eine Entzündung aus, und die Hormonproduktion kann mehr oder weniger stark beeinträchtigt sein [8] [9].

Schlüsselfaktor Jod

Wie oder ob man einer Schilddrüsenerkrankung gezielt vorbeugen kann, ist ungeklärt. Ganz allgemein spielt jedoch für die Schilddrüsen-Gesundheit eine ausreichende, jedoch nicht übermäßige Versorgung mit Jod (z. B. in jodiertem Kochsalz) eine wichtige Rolle [4]. Darüber haben wir bereits in der Vergangenheit berichtet: [www.medizin-transparent.at/jod-im-salz].

Die Studien im Detail

Eine 2011 veröffentlichte randomisiert-kontrollierte Studie untersuchte mögliche Auswirkungen von Soja-Nahrungsergänzungsmitteln auf Personen mit einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion [1]. Das heißt, die 52 Frauen und 8 Männer im Alter von 44 bis 70 Jahren hatten bereits zu Beginn erhöhte TSH-Werte – ein Anstieg des Thyroidea-stimulierenden Hormons aus der Hirnanhangsdrüse ist typisch für eine unauffällige Unterfunktion.

Die Hälfte der Teilnehmenden erhielt täglich ein Nahrungsergänzungsmittel mit einer hohen Dosis von Soja-Proteinen und Soja-Phytoöstrogenen. Diese Mischung sollte einer typischen vegetarischen Ernährung entsprechen. Bei den anderen 30 Personen wurde eine westliche Diät mit deutlich weniger Soja-Substanzen simuliert.

Auf den Einnahmezeitraum von acht Wochen folgte eine ebenso lange Ruhephase ohne jegliche Einnahme. Dann tauschten die zwei Gruppen ihre Rollen für wiederum acht Wochen. Aufgrund der doppelten Verblindung war weder den Probanden und Probandinnen noch dem betreuenden medizinischen Personal bekannt, was in den verabreichten Mitteln steckte.

Sechs Überläuferinnen

Bei sechs Probandinnen entwickelte sich während der Studie die unauffällige subklinische Schilddrüsenunterfunktion zu einer auffälligen klinischen Form. Dies passierte ausgerechnet während der Einnahme der hohen Dosis, die eine vegetarische, Soja-reiche Ernährung spiegeln sollte.

Diese Anzahl an – ausschließlich weiblichen – ‚Überläuferinnen’ vom subklinischen zum klinischen Status ist drei Mal höher als die Autoren und Autorinnen der Studie erwartet hatten. Weil die Studie mit nur 60 Personen sehr klein war, ist das Ergebnis allerdings mit Vorsicht zu genießen. Das eindeutig wirkende Ergebnis könnte auch dem Zufall oder anderen, unbekannten Faktoren zuzuschreiben sein.

Eine 2011 veröffentlichte randomisiert-kontrollierte Studie untersuchte mögliche Auswirkungen von Soja-Nahrungsergänzungsmitteln auf Personen mit einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion [1]. Das heißt, die 52 Frauen und 8 Männer im Alter von 44 bis 70 Jahren hatten bereits zu Beginn erhöhte TSH-Werte – ein Anstieg des Thyroidea-stimulierenden Hormons aus der Hirnanhangsdrüse ist typisch für eine unauffällige Unterfunktion.

Die Hälfte der Teilnehmenden erhielt täglich ein Nahrungsergänzungsmittel mit einer hohen Dosis von Soja-Proteinen und Soja-Phytoöstrogenen. Diese Mischung sollte einer typischen vegetarischen Ernährung entsprechen. Bei den anderen 30 Personen wurde eine westliche Diät mit deutlich weniger Soja-Substanzen simuliert.

Auf den Einnahmezeitraum von acht Wochen folgte eine ebenso lange Ruhephase ohne jegliche Einnahme. Dann tauschten die zwei Gruppen ihre Rollen für wiederum acht Wochen. Aufgrund der doppelten Verblindung war weder den Probanden und Probandinnen noch dem betreuenden medizinischen Personal bekannt, was in den verabreichten Mitteln steckte.

Sechs Überläuferinnen

Bei sechs Probandinnen entwickelte sich während der Studie die unauffällige subklinische Schilddrüsenunterfunktion zu einer auffälligen klinischen Form. Dies passierte ausgerechnet während der Einnahme der hohen Dosis, die eine vegetarische, Soja-reiche Ernährung spiegeln sollte.

Diese Anzahl an – ausschließlich weiblichen – ‚Überläuferinnen’ vom subklinischen zum klinischen Status ist drei Mal höher als die Autoren und Autorinnen der Studie erwartet hatten. Weil die Studie mit nur 60 Personen sehr klein war, ist das Ergebnis allerdings mit Vorsicht zu genießen. Das eindeutig wirkende Ergebnis könnte auch dem Zufall oder anderen, unbekannten Faktoren zuzuschreiben sein.

Die ursprüngliche Version dieses Artikels erschien am 21.06.2015. Eine neuerliche Literatursuche brachte keine neuen Ergebnisse.

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