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Selen: kein Schutz vor Krebs

Bunt aber nutzlos: Selen zur Krebsvorbeugung

Bunt aber nutzlos: Selen zur Krebsvorbeugung

Selen als Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken schützt nicht vor Krebs. In hohen Dosen könnte Selen sogar schaden.

Frage:Kann die Einnahme von Selen Krebs vorbeugen?
Antwort:Nein
Erklärung:Die zusammengefassten Ergebnisse bisher durchgeführter Studien zeigen verlässlich, dass Selen-Präparate nicht vor Krebs schützen. Unzureichend erforscht ist jedoch die Dosis, ab der Selen schädlich für den Körper wird.

Regalmeter um Regalmeter: In Drogeriemärkten sind mittlerweile schier unzählige Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Mehr Vitalität wird da beispielsweise auf den Packungen versprochen oder auch ein besseres Immunsystem. Ganz schön verlockend. Doch wissenschaftlich belegt ist ein spürbarer Nutzen für die Käuferinnen und Käufer oft nicht. Manche Nahrungsergänzungsmittel sind sogar gefährlich.

Behauptungen rund um Selen

Unter den rezeptfrei erhältlichen Kapseln, Tabletten und Säften gibt es auch solche, die Selen enthalten. Das extra eingenommene Spurenelement soll einen ganz besonderen schützenden Effekt haben. Selen kann, so kühn anmutende Behauptungen in Büchern und im Internet, vor Krebs schützen. Eine chronische Unterversorgung mit Selen hingegen soll anfälliger für Krebs machen. Angeblich.

Wir haben recherchiert, was dran ist an derartige Aussagen rund um Selen. Ist es wirklich wirksam bei der Vorbeugung von Krebserkrankungen?

Kein vorbeugender Effekt

Tatsächlich hat diese Frage auch in der Wissenschaft viel Interesse hervorgerufen. In den letzten Jahren wurden deswegen einige gut durchgeführte Studien zu Selen und Krebsvorbeugung veröffentlicht.

In der Übersicht kommen die Arbeiten zu einem klaren und vertrauenswürdigen Ergebnis: Selen schützt nicht davor, an Krebs zu erkranken. Es ist also kein wirksames Mittel zur Vorbeugung – so sehr wir uns dieses auch wünschen mögen [1].

Dass weitere Studien zu anderen Ergebnissen kommen werden, halten wir für unwahrscheinlich. Der aktuelle Stand des Wissens basiert auf gut gemachten Studien.

Aber wozu brauchen wir Selen?

Selen ist – und zumindest damit haben die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln recht – ein für den Körper lebenswichtiges Spurenelement. Der menschliche Körper kann Selen selbst nicht herstellen und muss es mit Essen und Trinken aufnehmen.

Welche Aufgaben Selen im Körper hat, ist noch nicht vollständig geklärt. Es kann aggressive chemische Verbindungen namens freie Radikale abfangen. Dies hat Selen für die Krebsforschung interessant gemacht. Denn freie Radikale bzw. der durch sie ausgelöste „Stress“ in den Zellen wird oftmals mit erhöhtem Krebsrisiko gleichgesetzt [2].

Allerdings ist unklar, ob freie Radikale wirklich an der Krebsentstehung beteiligt sind. Wir haben bereits in der Vergangenheit darüber berichtet.

In Innereien und Trinkwasser

Selen kommt in großen Mengen in Meeresfrüchten und Innereien wie Leber und Niere vor, aber genauso in Trinkwasser, Getreide, Nüssen und tierischen Produkten. Der Selengehalt in Wasser und Lebensmitteln variiert weltweit sehr stark je nach Bodenbeschaffenheit [2]. Informationen dazu, wieviel Selen in Österreich über die Nahrung aufgenommen wird, konnten wir bei unserer Recherche nicht finden.

Zu wenig? Zu viel?

Uneinig sind sich Expertinnen und Experten bezüglich der empfohlenen Tagesdosis des Spurenelements. Die offizielle Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO lautet 20 Mikrogramm für Kinder und 55 Mikrogramm für Erwachsene [2].

Dabei ist alles andere als geklärt, welche Dosis wirklich sicher ist. So haben manche Studien einen Anstieg von Diabetes und Entzündungen der Haut bei Menschen beobachtetet, die Selen in damals als unbedenklich geltenden Dosen einnahmen [3]. Ein komplett harmloses Nahrungsergänzungsmittel scheint es also nicht zu sein.

Von Mäusen und Menschen

Die Idee, Selen könne sich als eines der lang erhofften Wundermittel gegen Krebs entpuppen, kam schon in den 1960ern auf. Damals zeigten Laborstudien einen günstigen Effekt des Spurenelements auf die natürlichen Reparaturmechanismen von Körperzellen. Auch bei Mäusen konnten Forscherinnen und Forscher diese Anti-Krebs-Effekte beobachten [2].

Doch wir sind keine Labormäuse, und Zellen in Petrischalen verhalten sich anders als im menschlichen Körper. Der Schluss auf eine positive Wirkung von Selen beim Menschen folgte daher vorschnell.

Nichtsdestotrotz griffen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln die Idee von Selen als vermeintliches Wundermittel gegen Krebs auf und begannen es zu vermarkten. Der Optimismus war groß und der Schutz vor Krebs ein medien- und werbewirksames Versprechen.

Auf der falschen Fährte

Es folgten zahlreiche Studien, die vor allem in den 1980er und 1990er nahelegten, dass eine hoher Selenzufuhr vor Krebserkrankungen schützen könnte. Diese Studien waren Beobachtungsstudien. Dabei dokumentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einerseits die Häufigkeit von Krebs bei diversen Personengruppen, andererseits deren Selenversorgung.

Allerdings können Beobachtungsstudien ein verzerrtes Bild liefern. Denn sie blenden den Einfluss von Lebensstil, Gesundheitsbewusstsein oder Ernährungsweise nicht immer verlässlich aus. So kann es zum Beispiel sein, dass eben jene Menschen, die zusätzlich Selen einnehmen auch ein bestimmtes Ernährungs- und Bewegungsverhalten haben, und deshalb seltener an bestimmten Krebsformen erkranken.

 

Die Studien im Detail

In einer systematischen Übersichtsarbeit [1]. des unabhängigen Wissenschaftsnetzwerks Cochrane aus dem Jahr 2018 sind alle gut gemachte Studien zum Thema Selen und Krebsrisiko zusammengefasst. Das Forschungsteam fand insgesamt 80 Studien zum Zusammenhang zwischen Selen und dem Auftreten von Krebserkrankungen sowie Todesfällen durch Krebs: Davon waren 70 Beobachtungsstudien.

Die restlichen zehn waren randomisiert-kontrollierte Studien. Mit diesem Studiendesign lassen sich prinzipiell Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung nachweisen.

Randomisiert-kontrollierte Studien

Von den 10 randomisiert-kontrollierten Studien untersuchten fünf das Risiko, an irgendeiner Art von Krebs zu erkranken. Die übrigen beschäftigten sich mit dem Risiko für einzelne Arten von Krebs, etwa Darm- oder Prostatakrebs.

In den fünf Studien zum allgemeinen Krebsrisiko erhielten insgesamt 11.210 Probandinnen und Probanden zusätzliches Selen, meist in Form von Kapseln oder Tabletten zum Schlucken. 10.650 Personen bekamen ein Scheinpräparat ohne Selen. Im Beobachtungszeitraum von bis zu sieben Jahren erkrankten in der Selen-Gruppe 108 von 1.000 an Krebs. In der Kontrollgruppe (ohne extra Selen) waren es 106 von 1.000.

Der Unterschied ist einerseits sehr klein und andererseits wahrscheinlich zufallsbedingt. Das Fazit daher: Die Einnahme von Selen als Nahrungsergänzungsmittel kann das Krebsrisiko nicht verringern.

Diesem Ergebnis schenken wir großes Vertrauen. Die Studien waren gut durchgeführt und die Qualität der Evidenz ist hoch. Zum Einen, da die Probandinnen und Probanden nach Zufallsprinzip auf die Gruppen verteilt wurden. Zum Anderen, da weder die Testpersonen noch das Forschungsteam darüber Bescheid wussten, wer Selen bzw. ein Scheinpräparat erhielt. Auch die „statistische Power“ war bei diesen Studien gegeben: Mit Daten von insgesamt 21.860 Testpersonen sind ihre Ergebnisse sehr verlässlich.

Beobachtungsstudien

Von den 70 Beobachtungsstudien haben sieben das Risiko untersucht, an jeglicher Art von Krebs zu erkranken, die übrigen beschäftigten sich mit bestimmten Arten von Krebs. Zusammengefasst ergab sich in diesen Untersuchungen ein verringertes Risiko, an Krebs zu erkranken bzw. auch daran zu versterben. Die Sicherheit, dass dieses Ergebnis die Realität abbildet, ist allerdings als eher gering einzustufen.

Beobachtungsstudien sind fehleranfällig, weil sie den Effekt von Faktoren wie Lebensstil, Gesundheitsbewusstsein und Ernährung auf das Ergebnis nicht ausschließen können. Besonders der Effekt von Ernährung oder bestimmten Nährstoffen auf die Gesundheit lässt sich deshalb mit Beobachtungsstudien schwer erforschen.

(AutorIn: J. Meixner, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Vinceti u.a. (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 10 randomisiert kontrollierte Studien (sowie 73 Kohortenstudien)
Teilnehmende insgesamt: 27.232 Personen in den randomisiert kontrollierten Studien
Fragestellung: Senkt die Einnahme von Selen-Präparaten das Krebs-Risiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Vinceti M, Filippini T, Del Giovane C, Dennert G, Zwahlen M, Brinkman M, Zeegers MP, Horneber M, D’Amico R, Crespi CM. Selenium for preventing cancer. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Jan 29;1:CD005195. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] UpToDate (2018)
Pazirandeh S, Burns DL, Griffin IJ. Overview of dietary trace minerals. In Hoppin AG (ed.). UpToDate. Abgerufen am 14. 11. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/overview-of-dietary-trace-minerals

[3] Lippman u.a. (2009)
Lippman SM, Klein EA, Goodman PJ, et al. Effect of selenium and vitamin E on risk of prostate cancer and other cancers: the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). JAMA. 2009 Jan 7;301(1):39-51. (Studie in voller Länge)