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Kernspinresonanztherapie: Schmerzlinderung fraglich

Ob Schmerzen im Rücken oder in den Gelenken - helfen soll eine Kernspinresonanztherapie

Ob Schmerzen im Rücken oder in den Gelenken – helfen soll eine Kernspinresonanztherapie

Ob Bandscheibenvorfall oder schmerzhafte Gelenke bei Arthrose: helfen soll eine Kernspinresonanztherapie. Studien sprechen eher gegen einen schmerzlindernden Effekt.

Frage:Bessert eine Kernspinresonanz-Therapie Beschwerden bei einer Kniearthrose oder bei einem Bandscheibenvorfall (z. B. Schmerzen)?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:In bisherigen Studien zur MBST-Kernspinresonanztherapie hat sich kein Unterschied zu einer Scheinbehandlung gezeigt – was dafür spricht, dass die Behandlung nicht hilft. Allerdings lässt sich dieses Urteil aufgrund mangelnder Aussagekraft der Studien nicht gut untermauern.

Einkaufen, Stiegensteigen oder Spazierengehen – solche Alltagstätigkeiten können mit einer Arthrose beschwerlich und belastend sein. Der Grund ist, dass die stoßdämpfende Knorpelschicht im Gelenk abgenutzt ist. Eine Heilung gibt es bisher nicht, und Behandlungen zur Symptomlinderung helfen oft nicht zufriedenstellend.

Auch Probleme mit den Bandscheiben können Einschränkungen im Alltag verursachen. Und auch hier gibt es kein Mittel, das die Beschwerden schnell, einfach und dauerhaft „wegzaubert“.

Hoffnung machen in beiden Fällen Behauptungen rund um die Kernspinresonanztherapie. Die Behandlung wird auch „Multibiosignaltherapie“ genannt, die Abkürzung „MBST“ ist als Markenname registriert.

Mithilfe von Magnetfeldern und elektromagnetischen Wellen soll diese Behandlung heilende Prozesse im Gewebe auslösen. Sie stellt in Aussicht, bei Arthrose die abgenutzte Knorpelschicht wieder aufzubauen und so die Beschwerden zu lindern. Bei einem Bandscheibenvorfall soll die Kernspinresonanztherapie die Regeneration der Bandscheiben beschleunigen und so die Schmerzen lindern.

Auch bei anderen Gesundheitsproblemen kann die Kernspinresonanztherapie angeblich helfen, etwa bei Rückenschmerzen, Sportverletzungen oder Osteoporose. Wir wollten herausfinden, ob es für diese Behauptungen wissenschaftliche Belege gibt.

Keine Hoffnung für Knie und Bandscheiben

Bei unserer umfassenden Recherche haben wir drei eingeschränkt aussagekräftige Studien [1-3] zur MBST-Kernspinresonanztherapie gefunden: zwei zu Knie-Arthrose und eine bei schmerzhaftem Bandscheibenvorfall. Ihre Ergebnisse lassen Zweifel an der Wirkung von Kernspinresonanztherapie gegen Schmerz und andere Beschwerden aufkommen.

In jeder der Studien nahmen rund 100 Personen mit Arthrose oder Bandscheibenproblemen teil. Die Hälfte erhielt je nach Studie fünf bis zehn einstündige Behandlungen mit einem Kernspinresonanztherapie-Gerät. Die andere Hälfte war die Kontrollgruppe und bekam Scheinbehandlungen.

Ein schmerzlindernder Effekt zeigte sich in keiner der Studien. Nach drei [1,3] beziehungsweise sechs [2] Monaten waren die Schmerzen genauso stark wie in der Kontrollgruppe. Auch die Beweglichkeit oder die Lebensqualität haben sich nicht deutlich gebessert.

Bei gut gemachten Untersuchungen würde unser Fazit nun lauten, dass die Behandlung wohl keine Wirkung hat. Doch die zugrunde liegenden – und besten verfügbaren – Studien haben einige Mängel. Außerdem wurden die Tests nur an recht wenigen Personen durchgeführt. Daher muss die sich hier andeutende Wirkungslosigkeit erst durch größere und strenger durchgeführte Studien bestätigt werden.

Alle drei Studien erwähnen, dass keine Nebenwirkungen aufgetreten sind [1-3]. Auch dieser Hinweis ist mit einiger Unsicherheit behaftet; und es braucht auch zu den unerwünschten Effekten der Kernspinresonanztherapie noch aussagekräftigere Untersuchungen.

Unklarheit bei Osteoporose und Sportverletzungen

Das Unternehmen, das den Markennamen „MBST“ registrieren hat lassen, listet auf seiner Webseite www.mbst.de etliche Studien auf, etwa zu Osteoporose und chronischen Kreuzschmerzen. Diese entsprechen jedoch nicht den Anforderungen an aussagekräftige wissenschaftliche Studien. Sie können daher nicht beantworten, ob die Kernspinresonanztherapie helfen kann.

Zur vermeintlichen Wirksamkeit bei Sportverletzungen konnten wir gar keine Studien finden. Hier fehlen ebenfalls Belege für eine Wirksamkeit.

Heilsame Magnetfelder?

Kernspinresonanz ist ein anderer Begriff für Magnetresonanz. Dieses Wort kennen viele von medizinischen Untersuchungen: Bei einer Magnetresonanz-Tomografie liegt man in einer engen Röhre und wird „durchleuchtet“. Mithilfe von starken Magnetfeldern und elektromagnetischen Wellen erstellt das Gerät dreidimensionale Bilder vom Körperinneren.

Ein Kernspinresonanztherapie-Gerät für die MBST-Behandlung ist kleiner und verwendet Magnetfelder, die viel schwächer sind. Dabei entstehen keine Bilder. Stattdessen soll die Behandlung verschiedene heilende Prozesse im Gewebe auslösen. Wie das genau funktionieren soll? Darauf haben wir auf der Webseite der Herstellerfirma der MBST-Geräte keine Antworten gefunden.

Auf der unabhängigen Seite Gesundheitsinformation.de finden Sie weitere wissenschaftlich gesicherte Informationen zu Arthrose und Bandscheibenvorfall.

 

Die Studien im Detail

Auf der Suche nach Wirkbelegen durchforsteten wir zwei Forschungsdatenbanken und die Webseite der Herstellerfirma www.mbst.de nach randomisiert-kontrollierten Studien. Das ist der aussagekräftigste Studientyp, um die Wirksamkeit einer Behandlung zu untersuchen.

Zufall und Kontrolle

Das ideale Szenario wäre in unserem Fall: Eine große Anzahl an Teilnehmenden wird per Los auf zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe bekommt Kernresonanztherapie-Behandlungen, die Kontrollgruppe wird nur zum Schein behandelt – mit einem ausgeschalteten Gerät.

Die zufällige (randomisierte) Zuteilung soll sicherstellen, dass Merkmale wie die Art und Intensität der Beschwerden, Krankengeschichte, Alter oder Geschlecht in beiden Gruppen insgesamt gleich verteilt sind. Zu Studienbeginn gibt es also keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Gruppen. Wichtig ist, dass weder die Teilnehmenden noch die Forschungsleitung wissen, wer welcher Gruppe zugeteilt wurde. Auf diese Weise können Erwartungshaltungen das Ergebnis nicht beeinflussen.

Einige Monate später vergleicht das Forschungsteam die Beschwerden der beiden Gruppen. Wenn die Kernspinresonanztherapie wirksam ist, hat die behandelte Gruppe deutlich weniger Schmerzen als die Kontrollgruppe.

Knie-Arthrose

Zur Wirksamkeit bei einer Knie-Arthrose fanden wir zwei randomisiert-kontrollierte Studien. In einer Studie untersuchte die britische Gesundheitsbehörde NHS 100 Knie-Arthrose-Betroffene [1]. Die Hälfte erhielt an fünf aufeinanderfolgenden Tagen Kernspinresonanztherapie-Behandlungen von jeweils einer Stunde. Die verbleibende Kontrollgruppe wurde ebenso lang und häufig mit ausgeschaltetem Kernspinresonanztherapie-Gerät scheinbehandelt.

Sechs Monate später zeigte sich kein Unterschied, was Schmerzen und andere Beschwerden wie Bewegungseinschränkungen angeht. Das Forschungsteam veröffentlichte die Ergebnisse allerdings nur in zusammengefasster Form. Dadurch lässt sich die Datenauswertung nicht im Detail nachvollziehen. Außerdem war trotz randomisierter Zuteilung in der Kontrollgruppe der Frauenanteil deutlich höher als in der Behandlungsgruppe, wodurch die Vergleichbarkeit geschmälert ist. Aufgrund dieser Mängel halten wir die Studienergebnisse nur für eingeschränkt aussagekräftig.

Die zweite Studie zur Knie-Arthrose führte eine türkische Forschungsgruppe mit ebenfalls 100 Betroffenen durch [2]. Die Hälfte erhielt innerhalb von zwei Wochen zehn Behandlungen von jeweils einer Stunde, die Kontrollgruppe bekam eine Scheinbehandlung.

Zwölf Wochen später gab es laut Autorenteam zwischen Behandlungsgruppe und Kontrollgruppe keine Unterschiede hinsichtlich Schmerzen, Alltagseinschränkungen und Lebensqualität.

Ein handfester Beweis dafür, dass die Kernspinresonanztherapie nicht wirkt? Nein. Denn auch dieser Studie mangelt es an Aussagekraft. Der Hauptgrund sind deutliche Anfangs-Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. So waren die Schmerzen in der Behandlungsgruppe bereits zu Studienbeginn höher als in der Kontrollgruppe. Die Forscherinnen und Forscher haben zwar versucht, das in der Auswertung rechnerisch zu berücksichtigen. Trotzdem können die ungleichen Startbedingungen die Ergebnisse zu Studienende verzerrt haben.

Schmerzhafter Bandscheibenvorfall

108 Personen mit einer schmerzhaften Nervenwurzel-Irritation aufgrund eines Bandscheibenvorfalls nahmen an der Studie eines Wiener Forschungsteams teil [3]. Sie bekamen je sieben einstündige Behandlungen beziehungsweise Scheinbehandlungen innerhalb von zwölf Tagen. Zusätzlich durften sie weiterhin ihre Schmerzmittel wie üblich einnehmen.

Zwölf Wochen später waren weder Schmerzen noch Bewegungseinschränkungen, Anzahl der eingenommenen Schmerzmittel oder Lebensqualität in der Behandlungsgruppe besser als in der Kontrollgruppe.

Dies würde eigentlich dafür sprechen, dass die Kernspinresonanztherapie keine Wirkung zeigt. Doch wir haben aufgrund einiger Mängel nicht viel Vertrauen in diesen Befund.

In den drei Monaten vor Studienbeginn waren die Teilnehmenden aus der Behandlungsgruppe mit 17 Tagen deutlich länger im Krankenstand als die Kontrollgruppe mit 7 Tagen. Vielleicht also „hinkte“ der Vergleich von Anfang an.

Zudem fehlen die Daten von 13 Prozent der Versuchspersonen, die die Studie abgebrochen und vorzeitig verlassen haben. Diese Datenlücke könnte das Ergebnis verzerrt haben.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Peehal u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 100 Personen mit Knie-Arthrose
Untersuchungsdauer: 5 aufeinanderfolgende Tage zu je einer Stunde Behandlung, Nachfolgeuntersuchung 6 Monate später
Fragestellung: Lindert eine Kernresonanztherapie Arthrose-Beschwerden besser als eine Scheinbehandlung?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Peehal, J. P., Smith, F. W., & Barker, S. L. (2011, July). NUCLEAR MAGNETIC RESONANCE THERAPY FOR KNEE JOINT OSTEOARTHROSIS: IS THERE ANY CLINICAL OR RADIOLOGICAL BENEFICIAL EFFECT? A DOUBLE BLIND RANDOMISED CONTROL STUDY. In Orthopaedic Proceedings (Vol. 93, No. SUPP_III, pp. 308-308). The British Editorial Society of Bone & Joint Surgery. (Zusammenfassung der Studie) (Studienprotokoll)

[2] Gökşen u.a. (2016)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 100 Personen mit Knie-Arthrose
Untersuchungsdauer: Behandlung 2 Wochen lang jeweils eine Stunde an Werktagen, Nachfolgeuntersuchung nach 12 Wochen
Fragestellung: Lindert eine Kernresonanztherapie Arthrose-Beschwerden besser als eine Scheinbehandlung?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Gökşen N, Çaliş M, Doğan S, Çaliş HT, Özgöçmen S. Magnetic resonance therapy for knee osteoarthritis: a randomized, double blind placebo controlled trial. Eur J Phys Rehabil Med. 2016 Aug;52(4):431-9. (Studie in voller Länge)

[3] Salfinger u.a. (2015)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 108 Personen mit Bandscheibenvorfall
Untersuchungsdauer: 7 Behandlungen zu je einer Stunde innerhalb von 12 aufeinanderfolgenden Tagen, Nachfolgeuntersuchung nach 12 Wochen
Fragestellung: Lindert eine Kernresonanztherapie Schmerzen durch einen Bandscheibenvorfall besser als eine Scheinbehandlung?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde durch die Herstellerfirma finanziert

Salfinger H, Salomonowitz G, Friedrich KM, Hahne J, Holzapfel J, Friedrich M. Nuclear magnetic resonance therapy in lumbar disc herniation with lumbar
radicular syndrome: effects of the intervention on pain intensity, health-related quality of life, disease-related disability, consumption of pain medication, duration of sick leave and MRI analysis. Eur Spine J. 2015 Jun;24(6):1296-308. (Zusammenfassung der Studie)