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Schmerzlinderung durch Kernspinresonanz leere Behauptung

Kernspin gegen Rückenschmerzen?

Kernspin gegen Rückenschmerzen?

Durch zahlreiche Studien belegt sei die heilende Wirkung der Kernspinresonanz-Therapie bei Gelenksschmerzen, schreibt die „Presse“. Eine ernsthafte wissenschaftliche Überprüfung wurde in diesen Studien jedoch nicht vorgenommen. Was bleibt, ist heiße Luft.
 
 
 

 
 

Zeitungsartikel: Mit Kernresonanz Schmerzen lindern (6. 8. 2012, Die Presse)
Frage:Kann Kernspinresonanz-Therapie Schmerzen des Bewegungsapparats aufgrund von Gelenksabnützung lindern?
Antwort:Bisher durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen sind zu mangelhaft, um die Wirksamkeit der Kernspinresonanz-Therapie abschätzen zu können.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Die meisten Menschen kennen Magnetresonanz (MR) – mit einem anderen Wort auch Kernspinresonanz genannt – nur von medizinischen Untersuchungen. Ähnlich wie bei der Computertomografie liegt man als Patient während eines MR-Scans in einer engen Röhre. Allerdings ist im Falle der Magnetresonanz-Tomografie keine schädliche Röntgenstrahlung im Spiel. Bei der Erstellung der räumlichen Bilder aus dem Körperinneren hilft vielmehr ein magnetisches Feld, in welchem körpereigene Moleküle über Radiowellen angeregt werden.

Anstatt diagnostische Bilder zu liefern, sollen spezielle Magnetresonanzgeräte nun helfen, Gelenksschmerzen zu lindern, so die „Presse“. Diese Geräte sind kleiner und arbeiten mit weit schwächeren Magnetfeldern als die bildgebenden Apparate. Die vom Gerätehersteller als „Multibiosignaltherapie“ (kurz MBST®) bezeichnete Behandlung soll durch Aktivierung bestimmter Körperzellen gezielt bei der Regeneration von Knochen und Knorpelsubstanz helfen. Unter anderem soll so altersbedingter Knochen- und Gelenksabnutzung (Arthrose) entgegengewirkt werden, einem Leiden, das etwa jede zehnte Person über 60 betrifft. Auch auf den bei Frauen im Alter häufig auftretenden Schwund an Knochensubstanz (Osteoporose) soll sie sich positiv auswirken.

Viele angebliche „Studien“ nur heiße Luft

Zahlreiche wissenschaftlichen Experten und ihre Studien werden im „Presse“-Artikel aufgezählt, die alle die Wirksamkeit der Wundergeräte belegen sollen. Schon nach einigen Behandlungen sollen sich Rücken- und Gelenksschmerzen stark verbessert haben. Zweifel an der Behandlung gibt es keine – die einzige Ungewissheit scheint die Frage, welches Buch zur scheinbar gemütlichen Behandlung mitgenommen werden soll.

Ein Facharzt für Unfallchirurgie an einer Wiener Privatklinik habe die Wirksamkeit der Methode für Osteoporose „in einem unabhängigen Institut prüfen lassen“. Belegen kann er dies allerdings nicht, denn zu einer Veröffentlichung in einem Fachjournal, in welchem wissenschaftliche Kollegen seine Forschungen nachvollziehen hätten können, war es nie gekommen. Eine weitere angeführte Studie entpuppte sich als wissenschaftlich unzufriedenstellender Abdruck in einer orthopädischen Werbezeitung [5].

Wirksamkeit gegen Schmerzen nur unzureichend belegt

Doch auch die im Zeitungsartikel aufgeführten Studien, die es zu einer Veröffentlichung in einem solchen Fachjournal geschafft haben, helfen bei der Beantwortung der Frage nach der Wirksamkeit der Methode nicht unbedingt weiter.

Eine Studie der Salzburger Außenstelle des anerkannten Ludwig-Bolzmann-Instituts etwa soll die Wirksamkeit von Kernspinresonanz-Behandlungen bei Kreuzschmerzen belegen [1]. So seien in der Untersuchung nach 5 einstündigen Behandlungen die Schmerzen deutlich zurückgegangen und lagen auch nach 3 Monaten meist noch deutlich unter dem Anfangswert. Dass die Schmerzen aber auch in der Vergleichsgruppe, die nur eine Scheinbehandlung erhalten hatte, merkbar zurückgegangen waren, wird nicht erwähnt. Ob die Behandlung die Schmerzen nun stärker lindern konnte als die Scheintherapie, lässt sich aus den Untersuchungsergebnissen nicht näher ablesen.

In einer Untersuchung an Patienten mit Fingergelenks-Arthrose (einer krankhaften Abnützung der Gelenke) scheint die Kernspinresonanzbehandlung zu einer bis zu sechs Monaten anhaltenden Besserung der Schmerzen zu führen. Eine Scheinbehandlung führte im selben Zeitraum offenbar sogar zu einer deutlichen Verschlechterung [2]. Aufgrund fehlender Angaben zu diesen Daten ist die Vertrauenswürdigkeit dieser Untersuchung allerdings eingeschränkt.

Eine dritte im Artikel erwähnte Studie schließlich zeigt eine deutlich schmerzlindernde Auswirkung der Kernspin-Behandlung bei Kniegelenks-Arthrose selbst nach 4 Jahren[3]. Ob die Schmerzen innerhalb dieser Zeit allerdings nicht auch ohne Behandlung zurückgegangen wären, lassen die Verfasser dieser Arbeit unbeantwortet.

Fazit

Belegt ist die Wirksamkeit der Kernspinresonanz-Methode zur Schmerzlinderung bei Gelenks- und Rückenproblemen daher nur äußerst unzufriedenstellend. Verwandte Methoden, die mit Magnetfeld-„Pulsen“ Schmerzen von Patienten mit Kniegelenks-Arthrose beikommen wollen, sind sogar klar wirkungslos, wie die Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit zeigen [4].

Von den zahlreichen Behauptungen im „Presse“-Artikel stimmt wohl zumindest eine: der Preis für die Behandlung von bis zu 1000 Euro für eine Behandlungsserie, den auch die Krankenkasse nicht übernehmen will.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kullich u. a. (2006)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 62 Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen
Studiendauer: 5 Tage Behandlung + Nachfolgeuntersuchung nach 3 Monaten
Fragestellung: Kann Kernspinresonanz-Therapie chronische Kreuzschmerzen lindern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „The effect of MBST®-NuclearResonanceTherapy with a complex 3-dimensional electromagnetic nuclear resonance field on patients with Low Back Pain.“ Journal of Back and Musculoskeletal Rehabilitation. 2006; 19(2-3):79-87 (Studie im Volltext)

[2] Kullich & Ausserwinkler (2008)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 70 Patienten mit Fingergelenks-Arthrose
Studiendauer: 9 Tage Behandlung + Nachfolgeuntersuchung nach 6 Monaten
Fragestellung: Kann Kernspinresonanz-Therapie Schmerzen bei Fingergelenks-Arthrose lindern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „Functional improvement in finger joint osteoarthritis with therapeutic use of nuclear magnetic resonance. Orthopädische Praxis 2008 (6):287-290. (Studie im Volltext)

[3] Levers u.a. (2011)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 39 Patienten mit Kniegelenks-Arthrose
Studiendauer: bis zu 4 Jahre
Fragestellung: Kann Kernspinresonanz-Therapie chronische Schmerzen infolge einer Kniegelenks-Arthrose langfristig verringern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „Analyse der Langzeitwirkung der MBST® KernspinResonanzTherapie bei Gonarthrose“. Orthopädische Praxis 47(11). (Studie im Volltext)

[4] Vavken u.a. (2009)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 9 randomisiert-kontrollierte Studien (insg. 483 Teilnehmer)
Fragestellung: Kann eine Behandlung mit gepulsten elektromagnetischen Feldern die Symptome von Kniegelenks-Arthrose lindern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Titel: „Effectiveness of pulsed electromagnetic field therapy in the management of osteoarthritis of the knee: a meta-analysis of randomized controlled trials“. Journal of Rehabilitation Medicine.2009;41(6):406-411. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Handschuh T & Melzer C. (2008). The treatment of osteoporosis with MBST® Magnetic Resonance Therapy. Offprint from ORTHODOC 05/2008. (Text in voller Länge)