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Schlaganfall: Rehabilitation mit Musik

Musiktherapie nach Schlaganfall?

Musiktherapie nach Schlaganfall?

Eine eigens entwickeltes Musiktherapieprogramm hilft Schlaganfall-Patienten wieder auf die Beine, so die Salzburger Nachrichten. Eine systematische Literaturrecherche zeigt, dass musiktherapeutische Programme allgemein die Erholung nach einem Schlaganfall in bestimmten Fällen fördern können.

Zeitungsartikel: Regelmäßiges Singen nach Schlaganfall hilft (23. 9. 2011, Salzburger Nachrichten)
Frage:Verbessert Musiktherapie die Möglichkeiten der Rehabilitation nach einem Schlaganfall?
Antwort:Vor allem beim Wiedererlernen des Gehens scheinen Rehabilitationsprogramme, die mit Musiktherapie kombiniert werden, wirksamer als herkömmliche Rehabilitationsprogramme zu sein. Zur Rehabilitation bei anderen Bewegungseinschränkungen sowie bei Sprachausfällen gibt es Hinweise auf einen Nutzen, der aber nicht ausreichend belegt ist.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Ein Schlaganfall ist ein ernstes Ereignis, das noch immer in einem von 10 bis 15 Fällen zum Tod führt. Zwar ist über die letzten 30 Jahre die Sterblichkeit stark gesunken, doch auch Überlebende tragen nicht selten schwere, langfristige Folgeerscheinungen davon. Diese reichen von Sprachausfällen über Lähmungen und Bewegungseinschränkungen bis zu Beeinträchtigungen geistiger Teilfähigkeiten oder Sinneswahrnehmungen.

Ursachen sind entweder Hirnblutungen oder – ähnlich wie bei einem Herzinfarkt – ein Verschluss von Blutgefäßen im Gehirn durch ein Gerinnsel, das die Versorgung von Hirnzellen mit Sauerstoff unterbricht. In beiden Fällen kommt es zum Absterben von Zellen im betroffenen Hirnareal – mit weitreichenden Folgen.

Betroffen sind in Österreich pro Jahr rund 200 bis 300 von 100 000 Einwohnern. Langfristiges Ziel bei Schlaganfallpatienten ist es, aufgrund der Hirnschädigung verlorengegangene Fähigkeiten zumindest teilweise wiederherzustellen. Dabei sind Rehabilitationsprogramme von großer Wichtigkeit. Je nach Einschränkung der betroffenen Patienten kommen dabei unterschiedliche Therapieprogramme zum Einsatz, die von Physiotherapie über Sprachtraining bis zu Ergotherapie und anderen Therapieformen reichen.

Einem Artikel in den Salzburger Nachrichten zufolge kann auch Musiktherapie einen wertvollen Beitrag zur Rehabilitation nach einem Schlaganfall leisten. Demnach bewirkt ein eigens an den Universitäten von Magdeburg und Hannover entwickeltes Musiktherapieprogramm laut einer Studie [1] eine deutliche Milderung der Bewegungseinschränkungen von Schlaganfallpatienten. Ob sich Belege für eine entsprechende Wirksamkeit von musiktherapeutischen Rehabilitationsprogrammen im Allgemeinen finden, erfährt man in den Salzburger Nachrichten allerdings nicht.

Sanfte Hinweise auf Förderung der Beweglichkeit

Die Schlagzeile des Salzburger Nachrichten-Artikel „Regelmäßiges Singen nach Schlaganfall hilft“ ist etwas irreführend – denn in der angeführten wissenschaftlichen Untersuchung [1] spielten Patienten nämlich nur auf Instrumenten. Dennoch zeigt die Studie, dass 15 Musiktherapie-Sitzungen innerhalb von 3 Wochen zusätzlich zu konventioneller Rehabilitation zu deutlichen Therapieerfolgen führen können. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die nur ein konventionelles Therapieprogramm absolvierte, verbesserten sich die gezielte Beweglichkeit von Armen und Fingern deutlich.

In einer weiteren kleinen Studie [2] wurde die Wirksamkeit von rhythmischer Musiktherapie auf die Beweglichkeit von Fuß- und Schultergelenken untersucht. Auch hier konnten die Forscher nach einem 8-wöchigen Gruppen-Therapieprogramm zu mindestens 2 Stunden pro Woche eine deutliche Verbesserung feststellen.

Ob Musiktherapie allerdings tatsächlich immer eine Verbesserung der Beweglichkeit erzielen kann, ist nicht eindeutig gesichert. Zur Verbesserung der Ellbogenbeweglichkeit beispielsweise existieren zwei Studien, die zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen [3]. Die untersuchte Methode – Rhythmisch-Auditorische Stimulation (RAS), bei der rhythmische Musik zur Förderung gleichmäßiger Bewegungen eingesetzt wird, konnte nur in einer der beiden Studien eine Verbesserung erzielen.

Allen Studien gemeinsam ist allerdings, dass sie an nur wenigen Teilnehmern durchgeführt wurden. Daher zeigen die teils auch widersprüchlichen Ergebnisse noch kein klares Bild von der Wirksamkeit musiktherapeutischer Ansätze zur Beweglichkeitsförderung.

Hilfreich bei Rehabilitation des Gehens

Deutlichere Hinweise für die Wirksamkeit von musiktherapeutischer RAS gibt es für Patienten, deren Geh-Fähigkeit durch einen Schlaganfall beeinträchtigt ist. Die zusammengefassten Ergebnisse zweier Studien [3] zeigen, dass fünf 30-minütige Musiktherapie-Einheiten über zumindest 3 Wochen die Gehgeschwindigkeit, die Schrittlänge sowie die Gleichmäßigkeit der Schritte deutlich verbessern kann.

Obwohl beide Studien nach hohen wissenschaftlichen Standards durchgeführt wurden, handelt es sich jedoch ebenfalls um Untersuchungen an verhältnismäßig wenigen Patienten. Daher sollte die Aussagekraft dieser Ergebnisse nicht überschätzt werden.

Auch bei Sprach-Beinträchtigungen interessant

Auch zur Verbesserung von Sprachverständnis und Sprechfähigkeit bei entsprechend beeinträchtigten Patienten könnten sich musiktherapeutische Programme eignen. Eine sehr kleine Studie mit 13 Teilnehmern zeigt die mögliche Wirksamkeit der sogenannten SIPARI-Methode [3]. Dieses Therapieprogramm macht sich die stimmlichen Restfähigkeiten der sprachlich beeinträchtigten Patienten zunutze und setzt Sing-, Intonations- und Atemübungen ein. Dabei zeigte sich eine deutliche Verbesserung verschiedener Sprech- und Sprachverständnis-Fähigkeiten, auch wenn das Ergebnis aufgrund der geringen Teilnehmerzahl noch durch größere Studien abgesichert werden müsste.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Altenmüller u. a. (2009)
Studientyp: kontrollierte klinische Studie mit Pseudo-Randomisierung
Teilnehmer: 62
Dauer: 3 Wochen (15 Musiktherapie-Einheiten à 30 min.)
Vergleich: Auswirkung von konventioneller Schlaganfall-Rehabilitation in Kombination mit Musiktherapie im Vergleich zu konventioneller Rehabilitation auf die Beweglichkeit von Schlaganfall-Patienten

Titel: „Neural reorganization underlies improvement in stroke-induced motor dysfunction by music-supported therapy.“ Ann N Y Acad Sci 1169: 395-405. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Jeong u. a. (2007)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 36
Dauer: 8 Wochen (mind. 2 Stunden pro Woche)
Vergleich: Auswirkung von Musiktherapie im Vergleich zu Beratung ohne Behandlung auf die Beweglichkeit von Schlaganfall-Patienten

Titel: „Effects of a theory-driven music and movement program for stroke survivors in a community setting.“ Appl Nurs Res 20(3): 125-131. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Bradt u. a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 7
Fragestellung: Wirksamkeit von Musiktherapie nach erworbenen Hirnschädigungen

Titel: “Music therapy for acquired brain injury”. Cochrane Database Syst Rev. 2010 Jul 7;(7):CD006787.
Review. (Zusammenfassung der Studie)