Sägepalme: Unwirksam bei Prostatabeschwerden

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2021
Bei den meisten Männern vergrößert sich im Zuge des Älterwerdens die Prostata.
Präparate mit der Sägepalme sollen die Beschwerden bei einer Prostatavergrößerung lindern. In gut gemachten Studien zeigt sich allerdings kein Effekt.
Frage:
Verbessern Sägepalmen-Präparate im Vergleich zu Placebo längerfristig die Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata (benigne Prostatahyperplasie)?
nein
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Laut aktueller Studienlage verbessern Mittel mit Sägepalme die Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata längerfristig nicht mehr als ein Scheinmedikament. Diese Einschätzung ist gut abgesichert.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Im Laufe des Älterwerdens vergrößert sich bei vielen Männer die Prostata. Im Fachjargon heißt das benigne Prostatahyperplasie, kurz BPH. Im Gegensatz zu Prostatakrebs ist diese Veränderung gutartig, also grundsätzlich harmlos. Sie kann aber zu Beschwerden führen. Denn die vergrößerte Prostata (Vorsteherdrüse) kann den Urinabfluss behindern und auf die Blase drücken. Starker Harndrang, nächtliche Toilettengänge, schwacher Harnstrahl und Nachträufeln sind mögliche Folgen [4].

Zur Linderung der Beschwerden werden häufig Mittel mit Sägepalme angepriesen. Darin enthalten ist meistens ein Extrakt aus den Früchten der Pflanze, die im Südosten der USA heimisch ist. Seit Anfang des 20. Jahrhundert setzt die Volksmedizin die Sägepalme bei Harnwegsbeschwerden ein. In der EU sind seit vielen Jahren unterschiedliche Mittel auf dem Markt.

Zu kaufen sind Sägepalmenmittel in der Apotheke. Es gibt aber auch Nahrungsergänzungsmittel, die in Drogerien oder Internet-Shops erhältlich sind. Ein Leser wollte von uns wissen, ob die Mittel tatsächlich helfen.

Mechanismus nicht vollständig geklärt

Wie die Inhaltsstoffe der Sägepalme bei einer gutartigen Prostatavergrößerung helfen sollen, ist nicht ganz geklärt. Eine Theorie, die sich plausibel anhört: In Laborversuchen können Sägepalmen-Extrakte in den Stoffwechsel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron eingreifen und dadurch vielleicht das Wachstum der Prostata aufhalten. Einen ähnlichen Wirkungsmechanismus haben Medikamente aus der Gruppe der 5-Alpha-Reduktase-Hemmer, die bei gutartiger Prostatavergrößerung zum Einsatz kommen. Außerdem stehen anti-entzündliche Effekte zur Debatte [5].

Allerdings reichen plausible Theorien nicht aus, um den Nutzen von Präparaten aus der Sägepalme verlässlich beurteilen zu können. Vielmehr sind gut gemachte Studien mit Patienten notwendig – und genau solche haben wir ausgewertet [1-3].

Klare Absage an Sägepalme

In diesen neun Studien waren Patienten mit BPH nach dem Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zugeteilt: Die eine Gruppe bekam ein Präparat mit Sägepalme, die andere erhielt ein Scheinmedikament (Placebo) oder ein etabliertes Medikament. Der Vergleich am Ende sollte u.a. zeigen, ob sich die Prostata-Beschwerden durch Sägepalmenmittel günstig beeinflussen lassen.

Die Ergebnisse sind allerdings enttäuschend:

  • Längerfristig gibt es keine größere Verbesserung der Beschwerden als mit einem Placebomittel. Dieses Ergebnis gilt als sehr gut abgesichert; wir konnten an den zugrunde liegenden Studien keine gröberen Mängel entdecken.
  • Für kürzere Zeit (ungefähr im ersten halben Jahr nach Beginn der Behandlung) gibt es offenbar einen kleinen positiven Effekt. Es ist aber unklar, ob er für Betroffene tatsächlich spürbar ist oder ob es sich um einen rein rechnerischen Effekt handelt, der nur auf dem Papier besteht [1,2].

Die Sägepalmen-Präparate scheinen aber relativ gut verträglich zu sein, zumindest zeigten sich in den Studien nicht mehr Nebenwirkungen als mit Placebo. Wir sind aber unsicher, wie zuverlässig Nebenwirkungen erfasst worden sind.

Gutartig, aber beschwerlich

Mit dem Alter steigt auch das Risiko einer benignen Prostatahyperplasie (BPH): In der Altersgruppe zwischen 50 und 60 Jahren sind etwa 20 Prozent der Männer betroffen. In der Altersgruppe ab 70 Jahren sind es bis zu 70 Prozent [4].

Warum manche Männer eine BPH entwickeln und andere verschont bleiben, ist noch unklar. Vermutlich spielen unter anderem genetische Faktoren eine Rolle [6].

Typischerweise nehmen die Beschwerden im Laufe der Zeit zu: zum Beispiel starker nächtlicher Harndrang, gleichzeitig aber schwacher Harnstrahl und unvollständige Blasenentleerung. Dadurch sind Harnwegsinfekte möglich [7]. Eher selten kommt es zum Harnverhalt – ein Notfall, bei dem plötzlich keine oder nur eine geringfügige Entleerung der Blase möglich ist [4]. Das Risiko für Prostatakrebs ist bei einer BPH nicht erhöht [7].

Wenn eine Behandlung mit Medikamenten nötig wird, kommen verschiedene Wirkstoffe in Frage, zum Beispiel Alpha-Blocker wie Tamsulosin oder 5-Alpha-Reduktase-Hemmer wie Finasterid, teilweise auch in Kombination. Alpha-Blocker sorgen dafür, dass die Schließmuskeln der Blase und die Muskulatur der Harnröhre weniger angespannt sind und erleichtern so das Wasserlassen. 5-Alpha-Reduktase-Hemmer drosseln über Umwege das Wachstum der Zellen in der Prostata [8].

Umfassende Information zur gutartigen Prostatavergrößerung finden Sie auf den Seiten von gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Bei unserer Recherche haben wir nach Studien gesucht, die Männer mit einer gutartigen Vergrößerung der Prostata („benigne Prostatahyperplasie“) nach dem Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zuteilten: Die eine Gruppe sollte ein Präparat mit Sägepalme bekommen. Die andere Gruppe nahm, zwecks Vergleich, entweder ein Scheinpräparat oder ein Medikament mit gut bekannten Effekten.

Den besten Überblick versprachen zwei gut gemachte systematische Übersichtsarbeiten [1,2]. Sie haben, teils überschneidend, insgesamt acht Einzelstudien zusammengefasst. Hier sind die Daten von insgesamt mit 5600 beziehungsweise 4800 Teilnehmern erfasst. Zusätzlich haben wir noch eine Einzelstudie mit rund 300 Männern ausgewertet [3].

Viele typische Patienten

An allen Einzelstudien waren typische Patienten beteiligt, also Männer im Alter von ungefähr 60 Jahren. Ihre Beschwerden beim Wasserlassen wie häufige nächtliche Toilettengänge oder eine unvollständige Blasenentleerung waren unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Anzahl der Teilnehmer lag je nach Studie zwischen 22 und über 1000 Männern.

In den Studien [1,2,3] kamen verschiedene Sägepalmen-Präparate zum Einsatz. Die meisten waren Extrakte, die aber teilweise mit unterschiedlichen Lösungsmitteln wie Alkohol oder Hexan hergestellt waren. Das kann Art und Menge der Inhaltsstoffe erheblich beeinflussen. Die Dosis lag in den meisten Untersuchungen bei 320 Milligramm pro Tag. Die Männer in den Vergleichsgruppen bekamen Placebomittel oder Tamsulosin bzw. Finasterid [1,3], beides etablierte Medikamente bei einer gutartig vergrößerten Prostata.

Die einzelnen Studien dauerten zwischen 4 Wochen und 14 Monaten. Die Forschungsteams untersuchten anhand der Angaben der Patienten auf einem Fragebogen, wie sich die Beschwerden in den Gruppen entwickelten, zum Beispiel wie häufig die Männer nachts zur Toilette mussten oder ob sie ihre Blase nur unvollständig entleeren konnten. Allerdings kamen unterschiedliche Fragebögen zum Einsatz, so dass sich nicht alle Studienergebnisse, sondern jeweils nur einige rechnerisch zusammenfassen lassen.

Nicht besser als Placebo

Die beiden systematischen Übersichtsarbeiten [1,2] kommen in der Zusammenfassung übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Sägepalmen-Präparate lindern die Prostatabeschwerden nicht besser als ein Scheinmedikament. Diese Aussage basiert in der neuesten Übersichtsarbeit [2] auf zehn Studien mit rund 1700 Teilnehmern und ist als sehr verlässlich einzustufen, da die Untersuchungen gut gemacht waren und zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Einer der Übersichtsarbeiten [2] hat separat nur die Kurzzeitstudien (maximal 6 Monate) ausgewertet und dabei einen winziger Vorsprung der Sägepalme-Gruppe errechnet. Der positive Effekt ist aber so klein, dass er im Alltag der Patienten keine Bedeutung haben dürfte, also wohl nur auf dem Papier existiert. Längerfristig über einen Zeitraum von 12 bis 17 Monaten findet sich aber eindeutig kein Nutzen. Auch diese Ergebnisse sind als sehr verlässlich einzustufen, da gut gemachte Studien mit vielen Teilnehmern zu einem übereinstimmenden Ergebnis kommen.

Das Forschungsteam hat auch untersucht, ob möglicherweise manche Extrakt-Arten besser helfen als andere. Es zeigte sich aber auch hier kein Unterschied.

So gut wie etablierte Medikamente?

Ob Sägepalmen-Präparate eine Alternative zu den etablierten Medikamenten Finasterid beziehungsweise Tamsulosin oder eine sinnvolle Zusatzbehandlung zu diesen Mitteln sein können, haben fünf Studien mit insgesamt rund 2.500 Teilnehmern [1,3] untersucht.

Allerdings sind die Ergebnisse widersprüchlich: So linderte Sägepalme laut einigen Studien [1] die Beschwerden genauso gut wie die etablierten Medikamente Finasterid oder Tamsulosin. In anderen Studien, die Sägepalme als Zusatz zu Tamsulosin testeten, brachte die zusätzliche Gabe von Sägepalme keinen extra Nutzen. In einer weiteren Untersuchung war Tamsulosin deutlich wirksamer als Sägepalme [3].

Die Interpretation wird außerdem dadurch erschwert, dass viele der Studien nicht besonders gut gemacht waren. Zum Beispiel wussten die Patienten, welches Mittel sie bekamen. Da sie ihre Beschwerden selbst einschätzen mussten, können die Selbstauskünfte die Ergebnisse verzerrt haben. In einigen Studienpublikationen fehlen genauere Angaben, um die Verlässlichkeit der Ergebnisse sicher einschätzen zu können.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Tacklind (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 32 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt rund 5.600 Teilnehmern
Fragestellung: Verbessert Sägepalmen-Extrakt im Vergleich zu Placebo oder etablierten Medikamenten die Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata?
Interessenkonflikte: keine laut Angaben der Autorinnen und Autoren

Tacklind J u.a. Serenoa repens for benign prostatic hyperplasia. Cochrane Database Syst Rev 2012; CD001423
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

[2] Trivisonno (2021)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 27 randomisierte kontrollierte Studien mit rund 4.800 Teilnehmern für Einzelpräparate
Fragestellung: Verbessert Sägepalmen-Extrakt im Vergleich zu Placebo die Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata?
Interessenkonflikte: keine laut Angaben der Autorinnen und Autoren

Trivisonno L u.a. Serenoa repens for the treatment of lower urinary tract symptoms due to benign prostatic enlargement: A systematic review and meta-analysis. Investig Clin Urol 2021; 62:520-534
(Zusammenfassung)
(Freier Volltext)

[3] Ali (2020)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 308 Männer mit gutartiger Prostatavergrößerung
Fragestellung: Verbessert Sägepalmen-Extrakt im Vergleich zu Tamsulosin die Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Ali L u.a. Comparison of phytotherapy with alpha adrenoceptor blockers in the treatment of symptomatic benign prostatic hyperplasia. J Postgrad Med Inst 2020; 34:2
(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] IQWiG (2018) Gutartige Prostatavergrößerung

[5] EMA (2016) Sabalis serrulatae fructus

[6] UpToDate (2021) Epidemiology and pathophysiology of benign prostatic hyperplasia. Abgerufen am 06.10.2021 unter https://www.uptodate.com/

[7] UpToDate (2021) Clinical manifestations and diagnostic evaluation of benign prostatic hyperplasia. Abgerufen am 06.10.2021 unter https://www.uptodate.com/

[8] UpToDate (2021) Medical treatment of benign prostatic hyperplasia. Abgerufen am 06.10.2021 unter https://www.uptodate.com/