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Chronische Rückenschmerzen: Yoga hilft, aber nur wenig

Wie gut hilft der Trendsport Yoga gegen Rückenschmerzen?

Wie gut hilft der Trendsport Yoga gegen Rückenschmerzen?

Anhaltende Rückenschmerzen können den Alltag zur Qual machen. Yoga scheint ein wenig zu helfen. Groß dürfte der Effekt jedoch nicht sein.

Frage:Verringert Yoga die Beeinträchtigung im Alltag durch anhaltende (chronische) Rückenschmerzen?
Antwort:wahrscheinlich Ja
 
Frage:Lindert Yoga die Stärke der anhaltenden Rückenschmerzen?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Mit Yoga fühlen sich Betroffene nach sechs Monaten wahrscheinlich etwas weniger durch ihre Rückenschmerzen beeinträchtigt und können im Alltag besser „funktionieren“. Es sieht jedoch so aus, dass die Schmerzen an sich durch die Yoga-Einheiten nicht merklich schwächer werden.

Schmerzen im unteren Bereich des Rückens sind ein verbreitetes Leiden. Rund 8 von 10 Menschen sind zumindest einmal im Laufe ihres Lebens davon betroffen [3,4].

Rücken- oder Kreuzschmerzen kommen häufig plötzlich, sind aber meistens unbedenklich. Sie verschwinden in der Regel innerhalb von ein paar Tagen oder Wochen wieder. Manchmal bleiben sie jedoch über Monate oder sogar noch länger bestehen. Dann ist von chronischen Kreuz- oder Rückenschmerzen die Rede.

Einschränkungen im Alltag

Chronische Rückenschmerzen können sehr belastend sein. Alltägliche Bewegungsabläufe fallen deutlich schwerer, etwa von einem Stuhl aufstehen, Treppen steigen oder das Bücken beim Ankleiden. Auch das Stehen oder Schlafen kann durch Schmerz beeinträchtigt sein.

Verständlich, dass Betroffene etwas tun wollen, um die Schmerzen wieder los zu werden oder die Beschwerden zumindest so gut wie möglich zu lindern. Manche Menschen setzen dabei auf Yoga.

Bestandteil von Yoga sind verschiedene Kräftigungs- und Dehnungsübungen, aber auch Meditation sowie Entspannungs- und Atemtechniken, die Ruhe und Ausgeglichenheit fördern sollen. Wir wollten wissen, ob sich durch Yoga chronische Rückenschmerzen lindern lassen.

Etwas weniger Probleme im Alltag

Nach unserer Recherche der besten verfügbaren Studien gehen wir davon aus, dass regelmäßige Yoga-Übungen bei chronischen Rückenschmerzen wahrscheinlich helfen. Der Effekt scheint aber nicht groß zu sein [1,2]: Die Betroffenen können alltägliche Bewegungen leichter ausführen und „funktionieren“ etwas besser. Im Gegensatz dazu scheinen sich, so widersprüchlich es klingen mag, die Schmerzen nicht merklich zu verbessern.

Zwischen unterschiedlichen Formen von Yoga (z.B. Iyengar, Hatha) scheint es keinen Unterschied zu geben – sie waren alle ähnlich wirksam [1].

Offene Fragen

Yoga-Fans haben sich möglicherweise einen deutlicheren Effekt erhofft. Könnte es sein, dass die Testpersonen im Rahmen der Studien ihre Yoga-Übungen einfach nicht oft genug durchgeführt haben?

Die teilnehmenden Frauen und Männer haben meist ein bis drei Yoga-Einheiten pro Woche besucht. Eine Einheit dauerte dabei zwischen 45 und 90 Minuten, wobei ausgebildete Yogalehrerinnen und -lehrer die Gruppe anleiteten [1]. Ob häufigere Yoga-Einheiten einen größeren Effekt haben, lässt sich leider nicht beantworten.

Überhaupt weisen die bisher durchgeführten Studien einige Mängel auf, sodass die Ergebnisse nur eingeschränkt vertrauenswürdig sind. Besser gesicherte Erkenntnisse können nur zukünftige Studien mit höherer Qualität liefern.

Gänzlich ungeklärt ist die Frage, wie gut Yoga im Vergleich zu anderen Bewegungsprogrammen abschneidet. Denn die wenigen Studien dazu sind nicht aussagekräftig [1].

Nicht ohne Risiko

Etwa 7 von 100 teilnehmenden Personen klagten nach den Yoga-Übungen über Nebenwirkungen – meistens in Form von einer Verschlimmerung der Rückenschmerzen. Bei jenen, die keine Yoga-Übungen machten, betraf das nur 1 von 100 Personen [1].

Immerhin gab es keine Hinweise, dass Yoga riskanter ist als andere Bewegungsprogramme für den Rücken [1].

Behandlung und Vorbeugung

Wer an Rückenschmerzen leidet, möchte sich vielleicht gar nicht bewegen und am liebsten einfach nur liegen bleiben. Fachleute sind sich jedoch einig, dass durch starke Schonung die Schmerzen nicht besser werden. Im Gegenteil, Bewegungsmangel kann die Rückenmuskulatur schwächen, und die Schmerzen können sogar zunehmen [3].

Bewegung zur Vorbeugung

Dass sich wiederkehrende Rückenschmerzen durch regelmäßigen Sport vorbeugen lassen, ist wissenschaftlich gut belegt. In Studien dazu konnte Krafttraining, Ausdauersport oder Gymnastik eine von drei betroffenen Personen vor neuerlichen Schmerzen bewahren [4]. Ob Yoga sich dazu genauso gut zur Vorbeugung eignet wie andere Sportarten, haben wir uns zwar gefragt – aber keine Übersichtsarbeit zum Thema gefunden.

Sport als Therapie?

Inwiefern sich sportliche Bewegung zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen eignet, ist weniger gut belegt.

Mehr Information

Welche Möglichkeiten es gibt, mit chronischen Rückenschmerzen umzugehen, finden Sie auf der unabhängigen, wissenschaftlich geprüften Seite Gesundheitsinformation.de des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Deutschland.

 

Die Studien im Detail

Eine internationale Forschungsgruppe des unabhängigen Wissenschaftsnetzwerks Cochrane hat die Studienlage zu Yoga bei chronischen Rückenschmerzen zusammengefasst [1]. Insgesamt konnte sie 12 relevante Studien dazu finden, deren Ergebnisse bis März 2016 veröffentlicht worden waren.

Bei diesen Studien handelt es sich um randomisiert-kontrollierte Studien. Darin wurden insgesamt 1080 Betroffene aus den USA, Großbritannien oder Indien per Los einer von zwei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe sollte regelmäßig Yoga betreiben. Die andere Gruppe nahm entweder an keiner Behandlung teil, bekam Informationen über Rückenschmerzen oder eine übliche Standardbehandlung oder sollte Rückenübungen durchführen, die nicht in Yoga vorkommen.

Zu Beginn und Ende der Studien beurteilten die Betroffenen, wie sehr sie sich bei Alltagstätigkeiten durch ihre chronischen Rückenschmerzen eingeschränkt fühlten. Vor der ersten Yoga-Einheit schätzten sie den Grad ihrer Einschränkung auf einer Skala von 0 (keine Einschränkung) bis 24 (größtmögliche Einschränkung) ein. Im Durchschnitt beurteilten die Testpersonen ihre Einschränkungen mit etwa „8“. Sechs Monate später lag ihre Einschätzung bei „6“, also zwei Punkte niedriger [1]. Das heißt, dass Yoga möglicherweise einen kleinen spürbaren Unterschied bewirkt.

Auch wenn die Betroffenen einerseits im Alltag von Verbesserungen berichteten, gab es andererseits in Summe keine Hinweise darauf, dass sich die Schmerzen verbesserten [1,2]. Zwar gab es rein rechnerisch einen positiven Effekt – aber dieser ist wohl für Betroffenen nicht spürbar. Der Nutzen von Yoga dürfte also begrenzt sein.

Die meisten Studien dauerten zwischen drei und sechs Monaten. Nur wenige liefen ein ganzes Jahr lang. Daher sind für uns die Ergebnisse nach sechs Monaten am aussagekräftigsten.

Eingeschränkte Aussagekraft

Die Aussagekraft der Studien ist eingeschränkt. Denn die Erwartungshaltung von Teilnehmenden und Forschenden könnte die Ergebnisse verzerrt haben. Schließlich war allen bewusst, wer Teil der Yoga-Gruppe bzw. der Vergleichsgruppe war. Vor den Testpersonen lässt sich das nicht verheimlichen. Es wäre aber möglich gewesen, jene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Daten auswerten, darüber in Unkenntnis zu lassen. Dass dies nicht passiert ist, werten wir als Manko.

Manche Studien sind auch aus anderen Gründen nur bedingt vertrauenswürdig: In einigen ist nicht klar, ob die Autorinnen und Autoren wirklich alle erhobenen Daten veröffentlicht haben. In manchen ist zudem unklar, ob nicht schon vor Studienbeginn relevante Unterschiede zwischen der Yoga-Gruppe und der Vergleichsgruppe bestanden haben.

Anderes Forschungsteam – gleiches Ergebnis

Eine US-amerikanische Forschungsgruppe der Agency for Healthcare Research and Quality stellte sich dieselbe Aufgabe wie die Gruppe des Cochrane-Netzwerks [2]. Sie fasste die Studienlage bis Oktober 2017 zusammen.

Ihre Analyse umfasste nur acht randomisiert-kontrollierte Studien – darunter zwei aus dem Jahr 2017, die nicht in der Cochrane-Arbeit [1] enthalten sind.

An unserer grundsätzlichen Einschätzung der Wirksamkeit von Yoga ändert das nichts. In ihren Analysen stimmen die beiden Forschungsgruppen weitgehend überein: Durch regelmäßige Yoga-Übungen fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach sechs Monaten im Alltag weniger durch ihre Rückenschmerzen beeinträchtigt. Die Schmerzen selbst scheinen sich durch Yoga aber nicht merklich abzuschwächen.

[Aktualisiert am 7. 12. 2018. Erstmals veröffentlicht am 8.11.2011, danach aktualisiert am 10.6.2014. Neue Studien ändern unsere Einschätzung]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wieland u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 12 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 1080 (zwischen 60 bis 313 pro Studie)
Studiendauer: 4 bis 24 Wochen (insg. 4 bis 48 Bewegungseinheiten)
Fragestellung: Hilft (unter anderem) Yoga bei (unter anderem) chronischen Kreuzschmerzen?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Wieland LS, Skoetz N, Pilkington K, Vempati R, D’Adamo CR, Berman BM. Yoga treatment for chronic non-specific low back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Jan 12;1:CD010671. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Skelly u.a. (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 1.446 (zwischen 60 bis 313 pro Studie)
Studiendauer: 4 bis 24 Wochen (insg. 4 bis 48 Bewegungseinheiten)
Fragestellung: Hilft (unter anderem) Yoga bei (unter anderem) chronischen Kreuzschmerzen?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Skelly AC, Chou R, Dettori JR, Turner JA, Friedly JL, Rundell SD, Fu R, Brodt ED, Wasson N, Winter C, Ferguson AJR. Noninvasive Nonpharmacological Treatment for Chronic Pain: A Systematic Review [Internet]. Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality (US); 2018 Jun. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere Quellen

[3] IQWIG (2015)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Rücken- und Kreuzschmerzen. Gesundheitsinformation.de Abgerufen am 26.11.2018 unter https://www.gesundheitsinformation.de/kreuzschmerzen.2378.de.html

[4] UpToDate (2018)
Wheeler SG, Wipf JE, Staiger TO, Deyo RA, Jarvik JG. Evaluation of low back pain in adults. In Kunins L & Lee SI (ed.). UpToDate. Abgerufen am 3. 12. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/evaluation-of-low-back-pain-in-adults