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Rosenwurz: Wirkung gegen Stress?

Stress lass nach! Mit Rosenwurz?

Stress lass nach! Mit Rosenwurz?

Stress kennt jeder. Aber oft fehlt eine wirksame Abhilfe. Können Mittel mit Rosenwurz Linderung verschaffen?


Frage:Haben Präparate mit Rosenwurz eine Wirkung gegen Stress und dessen Folgen, z. B. Erschöpfung?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Die Wirkung von Rosenwurz wurde in mehreren kleinen Studien untersucht. Diese Studien waren jedoch meist von sehr schlechter Qualität, und sie kamen zu uneinheitlichen Ergebnissen. Deshalb können wir nach derzeitigem Erkenntnisstand keine eindeutige Aussage treffen. Wir wissen nicht, ob Rosenwurz als Anti-Stress-Mittel taugt – oder wirkungslos ist.

Der Wecker klingelt nach einer zu kurzen Nacht, schnell Frühstück machen, die Kinder wecken und in die Schule schicken, wieder Stau auf dem Weg zur Arbeit. Dort machen die Kolleginnen und Kollegen Druck, ein Meeting nach dem anderen, einkaufen, rechtzeitig zu Hause sein, Abendessen, Englisch-Vokabeln abfragen, Haushalt, todmüde ins Bett fallen – und am nächsten Tag wieder von vorne…

Mit Stress haben wohl die meisten in der modernen Lebenswelt mehr oder weniger zu kämpfen. Das hat Folgen: Gibt es zu wenig Erholungsphasen, kann Stress die Leistungsfähigkeit einschränken oder sogar krank machen. Wer dauernd gestresst ist, konzentriert sich möglicherweise schlechter, hat vielleicht Schlafprobleme, leidet unter Verspannungen oder einem erhöhten Blutdruck [4].

Wirkung gegen Stress?

Einmal im Hamsterrad, ist es schwierig, wieder herauszukommen. Sehr verlockend dürfte es deshalb manchen erscheinen, wenn rezeptfreie Mittel eine lindernde Wirkung gegen die vielfältigen Stress-Probleme in Aussicht stellen. Dazu zählen Tabletten mit Rosenwurz –einer Pflanze mit vermeintlichem Anti-Stress-Effekt, die in der Alternativmedizin verwendet wird.

Die Rosenwurz wächst in den kalten Gegenden von Sibirien, China und Nordeuropa. Sie produziert Stoffe, die in
der volksmedizinischen Überlieferung als Adaptogene gelten.
Das sind Substanzen, die auch dem Menschen die Anpassung an eine stressige Umgebung erleichtern sollen.

Die Extrakte aus Rosenwurz seien wirksam gegen Stress und würden die geistige Leistungsfähigkeit verbessern [5] – mit Versprechen wie diesen werden in Apotheken und im Internet Rosenwurz-Mittel angeboten. Aber was ist tatsächlich dran an der stresslindernden Wirkung der Rosenwurz?

Keine handfesten Belege

Mit dieser Frage haben wir uns auf die Suche nach wissenschaftlichen Studien an gestressten Menschen gemacht. Tatsächlich ist die Rosenwurz auch in entsprechenden Untersuchungen getestet worden. Dabei erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip entweder ein Präparat mit Rosenwurz oder ein Scheinmedikament. Dann wurden nach einer bestimmten Zeit die geistige Leistungsfähigkeit beziehungsweise Erschöpfung gemessen [1-3].

Allerdings handelt es sich um allesamt sehr kleine Studien, die außerdem etliche Probleme hatten: Bei einigen wussten die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, zu welcher Behandlungsgruppe sie gehörten. Das kann sich in der Bewertung der Beschwerden niederschlagen haben. In anderen Untersuchungen analysierten die Forschungsteams die Ergebnisse nicht korrekt.

Hinzu kommt: Die Studien gaben teilweise widersprüchliche Bewertungen zur Rosenwurz ab. Aus diesem Grund lässt sich anhand der vorliegenden Untersuchungen keine sichere Einschätzung ableiten, ob die Rosenwurz tatsächlich eine Wirkung gegen Stress hat. Wir können aber auch kein klar negatives Urteil abgeben.

Nebenwirkungen wenig untersucht

Mögliche Nebenwirkungen von Rosenwurz wurden nur in wenigen Studien erfasst – wobei auch hier nicht klar ist, wie zuverlässig das passierte. Laut diesen eher unzuverlässigen Quellen traten unerwünschte Wirkungen nur in wenigen Fällen auf. Die Nebenwirkungen waren nicht sonderlich ernsthaft: z. B. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Schwindel.

Interessant ist, dass die Probleme sowohl in Rosenwurz-Gruppen als auch bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Scheinmedikament auftraten. Ob die Probleme tatsächlich auf die Einnahme von Rosenwurz zurückzuführen waren, bleibt somit unklar.

Europäische Bewertung

Zu einer ähnlichen Einschätzung wie wir kam übrigens auch ein wissenschaftliches Gremium der europäischen Zulassungsbehörde EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur). Es hat sich die Studienlage zu Präparaten mit Rosenwurz angesehen.

Laut EMA-Gremium ist die Wirkung der Rosenwurz nicht überzeugend belegt – das gilt übrigens nicht nur für Stress und Erschöpfung, sondern auch für andere Anwendungsgebiete wie körperliche Leistungsfähigkeit, Angststörungen oder Depressionen. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt [5].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche sind wir auf eine systematische Übersichtsarbeit [1], veröffentlicht 2012, gestoßen. Sie fasst fünf randomisiert-kontrollierte Studien zusammen.

Außerdem haben wir noch zwei neuere randomisiert-kontrollierte Untersuchungen [2,3] für unsere Beurteilung herangezogen. In allen diesen Studien wurde die Wirkung von Rosenwurz mit einem Scheinmedikament verglichen.

Die systematische Übersichtsarbeit [1] ist eine Zusammenfassung von fünf Studien zur Wirkung von Rosenwurz auf die geistige Leistungsfähigkeit. Die einzelnen Studien umfassten jeweils 40 bis 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und waren damit relativ klein. Die teilnehmenden Frauen und Männer waren verschiedenen Formen von Stress ausgesetzt, z.B. Schichtarbeit oder Prüfungen während des Studiums oder sie litten unter stressbedingter Ermüdung.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, wie sich nach zwei- bis vierwöchiger Einnahme das Stressempfinden und die Leistungsfähigkeit entwickelt hatten. Die Ergebnisse waren widersprüchlich: Drei Studien fanden einen Vorteil von Rosenwurz, zwei jedoch nicht. Zudem wurden in den Studien sehr unterschiedliche Messinstrumente verwendet, die teilweise als nicht zuverlässig gelten – unter anderem auch in zwei der positiven Studien.

Manche Untersuchungen haben noch weitere Probleme: So fehlen oft Details, die wichtig wären, um die methodische Zuverlässigkeit abzuschätzen. Bei einigen Studien war die zufällige Zuteilung der Patientinnen und Patienten auf Rosenwurz oder das Scheinmedikament auch nicht so „sauber“, dass möglicherweise keine fairen, vergleichbaren Ausgangsbedingungen bei den beiden Gruppen (Rosenwurz bzw. Scheinmedikament) herrschten. Hinzu kommt, dass die Studien sehr unterschiedliche Rosenwurz-Präparate und Dosierungen verwendethaben, sodass die Resultate nur bedingt vergleichbar sind.

Eine weitere Studie [2] untersuchte den Einsatz von Rosenwurz bei Pflegekräften im Schichtdienst mit 48 Personen, 32 davon Frauen. Auch hier war die Stichprobe relativ klein. Über einen Zeitraum von zehn Wochen bewerteten die Teilnehmenden mit Hilfe eines Fragebogens ihren Erschöpfungszustand.

Am Ende der Studie schnitt das Scheinmedikament besser ab als die Rosenwurz. Problematisch an dieser Untersuchung ist, dass nicht alle Daten tatsächlich in die Auswertung eingeflossen sind. Dieses Vorgehen führt meist dazu, dass der Effekt des Prüfpräparates, hier also die Rosenwurz, eher überschätzt wird.

Bei der neuesten von uns identifizierten Studie [3] waren Studierenden mit leichter Ängstlichkeit im Fokus. Sie wurden 14 Tage lang beobachtet: Wie entwickelten sich nach Einnahme der Mittel Ängstlichkeit und empfundener Stress?

Rein rechnerisch schnitt die Rosenwurz in beiden Punkten besser ab als das Scheinmedikament. Allerdings wussten die Teilnehmenden, ob sie das „echte“ Mittel oder nur ein Scheinmittel einnahmen. Das könnte ihre Wahrnehmung und damit das Ausfüllen der verwendeten Fragebögen beeinflusst haben. Das Forschungsteam diskutierte auch nicht, ob der berechnete Unterschied zwischen der Rosenwurz- und der Scheinmedikament-Gruppe groß genug war, um für Patientinnen und Patienten tatsächlich bedeutungsvoll zu sein.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ishaque u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5 randomisierte kontrollierte Studien zu geistiger Erschöpfung durch Stress mit insgesamt 337 Teilnehmenden
Fragestellung: Welchen Nutzen und welche Risiken haben Zubereitungen aus Rosenwurz (Rhodiola rosea) bei körperlicher und geistiger Erschöpfung?
Interessenskonflikte: Review wurde von verschiedenen Stiftungen und Regierungsorganisationen finanziert, keine Interessenkonflikte nach Angaben des Autorenteams

Ishaque S u.a. (2012) Rhodiola rosea for physical and mental fatigue: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2012 May 29;12:70. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Punja u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer insgesamt: 48 Pflegekräfte in Ausbildung im Schichtdienst, davon 32 Frauen
Interessenskonflikte: Studie wurde von einem Projekt finanziert (initiiert von der Regierung der kanadischen Provinz Alberta), das die Kommerzialisierung von Rosenwurz-Extrakt zum Ziel hat.

Punja S u.a. (2014) Rhodiola rosea for mental and physical fatigue in nursing students: a randomized controlled trial. PLoS One. 2014 Sep 30;9(9):e108416. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Cropley u.a. (2015)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie etc.
Teilnehmer insgesamt: 81 Studierende mit leichter Ängstlichkeit
Fragestellung: Welche Auswirkungen hat ein Rosenwurz-Extrakt auf mentale Symptome wie Ängstlichkeit oder Stress?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde vom Hersteller des Rosenwurz-Extraktes finanziert.

Cropley M u.a. (2015) The Effects of Rhodiola rosea L. Extract on Anxiety, Stress, Cognition and Other Mood Symptoms. Phytother Res. 2015 Dec;29(12):1934-9. (Zusammenfassung)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Öffentliches Gesundheitsportal Österreich
Stress und Erholung www.gesundheit.gv.at/leben/stress/ (abgerufen am 21.03.2018)

[5] Committee on Herbal Medicinal Products
Assessment report on Rhodiola rosea L., rhizoma et radix (2012) PDF (abgerufen am 21.03.2018)