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Pilz gegen Krebs: Wirkung von Reishi nicht erwiesen

Kein Wunder, dieser Pilz.

Kein Wunder, dieser Pilz.

Bei Krebs ist die Verzweiflung oft groß. Die Betroffenen greifen dann nach jedem Strohhalm – etwa zum „Heilpilz“ Reishi. Heilt der Pilz tatsächlich?


Frage:Nützt die Einnahme von einem Pilz namens Reishi bei Krebs?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Die Frage zur Wirkung von Reishi gegen Krebs wurde in einigen Studien erforscht. Diese waren aber klein und hatten teilweise schweren methodische Mängel. Da außerdem eine Vielzahl von Krebserkrankungen, Behandlungsformen und Reishi-Präparaten untersucht wurde, sind Vergleiche schwer möglich. Somit lässt sich die Frage nach der Anti-Krebs-Wirkung des Pilzes nicht zuverlässig beantworten.

Wenn man an Krebs denkt, wird es im Hals auf einmal ganz eng. Eine Diagnose ist für viele ein großer Schock. Und dann geht eine ganze Maschinerie los: Untersuchungen, Chemotherapie, Bestrahlung, Operation. Trotz allen medizinischen Fortschritts gibt es keine Garantie dafür, dass die Behandlung tatsächlich anschlägt, und viele Therapien bringen erhebliche Nebenwirkungen mit sich.

Diese Situation macht viele Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung empfänglich für Verfahren fernab der konventionellen Therapien, die Linderung oder sogar Heilung versprechen. Zum Beispiel verschiedene Pilzarten, die als „Vitalpilze“ oder „Heilpilze“ angepriesen werden und die bei Krebs helfen sollen [3].

Ein Pilz mit märchenhaften Versprechungen

Besonders der Glänzende Lackporling, auch unter den Namen Reishi, Ganoderma lucidum oder Lingzhi bekannt, soll wahre Superkräfte haben. Er wird sogar als „Pilz des ewigen Lebens“ bezeichnet.

Bei Krebs soll er das Tumorwachstum hemmen und Nebenwirkungen der Behandlung lindern. Vertrieben werden entsprechende Mittelchen mit Reishi hauptsächlich über Internet-Shops. Dabei kann es sich um ganz unterschiedliche Präparate handeln. Sie enthalten zum Beispiel getrocknetes Pilzpulver, Sporen oder flüssige Extrakte aus Reishi.

Reishi: Traditionelles Heilmittel in Asien

Reishi wird in Asien traditionell als Heilmittel verwendet, das die Energie und das Immunsystem stärken soll. Die moderne Forschung hat inzwischen einige Reishi-Substanzen identifiziert, die in Laborversuchen das Wachstum von Krebszellen hemmen und Zellen des Immunsystems stimulieren [1]. Auch in einigen wenigen Tierversuche gab es positive Ergebnisse [4].

Das sind vielversprechende Befunde – aber ob Menschen tatsächlich davon profitieren, muss in klinischen Studien überprüft werden.

Wenig Aussagekraft zur Wirkung gegen Krebs

Tatsächlich konnten wir auch einige wenige Studien [1,2] zum Thema finden. Dabei erhielten krebskranke Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip entweder Reishi, eine andere oder keine Behandlung. Allerdings waren die Studien sehr unterschiedlich, was die Art der Krebserkrankung oder die verwendeten Präparate angeht. Das erschwert den Vergleich.

Da alle Studien mehr oder weniger große methodische Schwächen aufweisen, sind die Ergebnisse – selbst wenn sie nominell zugunsten von Reishi ausfallen – nicht aussagekräftig. Ob Reishi bei Krebserkrankungen etwas nützt, lässt sich nach derzeitigem Kenntnisstand also nicht sicher sagen. Auch zu möglichen Nebenwirkungen wurden in den Studien nur wenige Erkenntnisse zu Tage gefördert, falls sie überhaupt erhoben wurden.

Ist Reishi Arzneimittel oder Nahrungsergänzung?

Wie Reishi rechtlich einzustufen ist, ist übrigens sehr umstritten. Für die Hersteller wäre es günstig, wenn die Präparate als Nahrungsergänzungsmittel gelten – dann würden nämlich die weniger strengen Regularien des Lebensmittelrechts greifen.

Deutsche Behörden vertreten aber den Standpunkt [5], dass es sich bei Reishi-Produkten eigentlich um Arzneimittel handelt, weil die Mittelchen auf diversen Internetseiten mit der Wirksamkeit bei verschiedenen Erkrankungen beworben werden. So hat es für Verbraucherinnen und Verbraucher den Anschein, als sei Reishi tatsächlich ein Arzneimittel.

Da die Hersteller aber bisher nicht die für Arzneimittel notwendigen Zulassungsanträge gestellt haben, sind die Mittel nach dieser Auffassung eigentlich illegal auf dem Markt.

Ein Pilz mit Wechselwirkungen

Was die Werbeseiten im Internet übrigens nicht verraten: Die Einnahme von Reishi führt möglicherweise dazu, dass Krebsmedikamente nicht mehr richtig wirken oder dass sich deren Nebenwirkungen verstärken. Denn der Pilz beeinflusst Enzyme in der Leber, die für den Abbau der Krebsmedikamente zuständig sind [6].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche konnten wir eine systematische Übersichtsarbeit [1] und eine weitere randomisierte kontrollierte Studie [2] identifizieren. Diese Arbeiten haben sich mit dem Nutzen von Reishi bei Patientinnen und Patienten mit Krebs auseinandergesetzt.

In die systematische Übersichtsarbeit [1] wurden fünf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 373 Teilnehmenden mit verschiedenen Krebsarten eingeschlossen. Die meisten Studien waren relativ klein, nur eine umfasste mehr als 100 Patientinnen und Patienten. Alle Untersuchungen fanden in China statt. Das schränkt die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf europäische Verhältnisse möglicherweise ein.

Bei der Art der Behandlung gab es eine recht große Bandbreite: So kamen unterschiedliche Präparate zum Einsatz. Welche Auswirkungen das auf die wirksamen Inhaltsstoffe und damit die Vergleichbarkeit der Untersuchungen hatte, lässt sich nicht abschätzen.

In einigen Untersuchungen – dann in der Regel bei Erkrankungen in einem weit fortgeschrittenen Stadium – war Reishi die einzige Behandlung. In anderen wurde das Mittel zusätzlich zu Chemotherapie und/oder Bestrahlung verabreicht. Auch das macht es schwierig, den Nutzen zuverlässig abzuschätzen.

Das Autorenteam der systematischen Übersichtsarbeite wollte eigentlich die Auswirkungen der Reishi-Behandlung auf die Lebenszeit von Krebskranken zusammenfassen. Allerdings gab es dafür in keiner der fünf eingeschlossenen Studien ausreichend Daten. Das Ansprechen auf die Therapie wurde zwar in zwei Studien untersucht, doch fand sich für Reishi kein Vorteil gegenüber der Vergleichstherapie.

Immunsystem gestärkt?

Außerdem wurde getestet, ob die Einnahme von Reishi die Immunzellen beeinflusst. Hier fanden sich zwar Unterschiede zwischen dem Pilz und der Vergleichstherapie. Wie sich das auf die Gesundheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auswirkte, also ob sie etwa seltener an einer Infektion erkrankten, lässt sich mit den Ergebnissen nicht sagen.

Lebensqualität – keine Rückschlüsse möglich

Wenig aussagekräftig sind die Studien auch im Hinblick auf die Lebensqualität: Denn diese beurteilten die Patientinnen und Patienten selbst. Gleichzeitig wussten aber die meisten, ob sie Reishi erhielten oder etwas anderes. Das kann die eigene Wahrnehmung bzw. das Berichten über die Lebensqualität verzerren.

Nebenwirkungen unklar

Auch zu Nebenwirkungen von Reishi wissen wir wenig, denn die wurden nur in einer der fünf Untersuchungen ausgewertet.

Brustkrebs-Studie: keine Klarheit

Zusätzlich konnten wir noch eine weitere Studie [2] ausmachen: Hier erhielten 48 Brustkrebs-Patientinnen eine Anti-Hormon-Therapie sowie zusätzlich nach dem Zufallsprinzip dreimal täglich über vier Wochen entweder ein Reishi-Präparat mit Sporenpulver oder ein Scheinmedikament. Untersucht wurde, wie sich die Einnahme auf Erschöpfung (Fatigue) sowie Lebensqualität auswirkte.

In beiden Fällen mussten die Teilnehmerinnen mit Hilfe eines Fragebogens ihren Zustand einschätzen. Da sie aber wussten, ob sie Reishi oder das Scheinmedikament erhielten, sind die positiven Ergebnisse nicht aussagekräftig. Denn für die Erhebung von Lebensqualität und Fatigue spielt die Erwartungshaltung eine wichtige Rolle. Auch mit dieser Studie lässt sich also kein Nutzen von Reishi belegen.

Die häufigsten Nebenwirkungen in der Gruppe, die den Pilz einnahm, waren Schwindel und Mundtrockenheit. Es fehlen allerdings Angaben, wie häufig das in der Gruppe mit dem Scheinmedikament der Fall war. Somit ist wiederum kein Vergleich möglich, der aber für die Beurteilung der Sicherheit von Reishi so wichtig wäre.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J: Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jin u.a. (2016)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5 randomisierte kontrolliert Studien
Teilnehmer/innen insgesamt: 373 Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Fragestellung: Verbessert die Behandlung mit Ganoderma lucidum (Reishi) das langfristige Überleben, Ansprechen auf die Therapie, Immunfunktion oder Lebensqualität bei Krebspatienten?

Interessenskonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams

Jin X u.a. Ganoderma lucidum (Reishi mushroom) for cancer treatment. Cochrane Database Syst Rev. 2016: CD007731
Zusammenfassung auf Englisch
Zusammenfassung auf Deutsch

[2] Zhao u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Eingeschlossene Studien: XXX
Teilnehmerinnen insgesamt: 48 Brustkrebspatientinnen mit Hormontherapie
Fragestellung: Verringert die Einnahme von Reishi Fatigue und verbessert es die Lebensqualität?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams

Zhao H et al. Spore Powder of Ganoderma lucidum Improves Cancer-Related Fatigue in Breast Cancer Patients Undergoing Endocrine Therapy: A Pilot Clinical Trial. Evid Based Complement Alternat Med. 2012;2012:809614
Zusammenfassung

Weitere Quellen

[3] Krebsinformationsdienst (2018)
Alternative und komplementäre Krebsmedizin PDF (Zugriff 22.06.2018)

[4] National Cancer Institute (2017)
Medicinal Mushrooms (PDQ®) – Health Professional Version (Zugriff 22.06.2018)

[5] BVL / BfArM (2014)
Stellungnahme (Nr. 01/2014) der Gemeinsamen Expertenkommission BVL / BfArM. Einstufung bestimmter Vitalpilzprodukte (hier: Cordyceps sinensis, Coriolus versicolor und Ganoderma lucidum) PDF (Zugriff 22.06.2018)

[6] UpToDate (2018)
Complementary and alternative therapies for cancer. (Zugriff 22.06.2018)