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Radon bei Rheuma: geringe Schmerzlinderung für Geduldige

rheumatische Schmerzen

rheumatische Schmerzen

Eine Kur mit dem radioaktiven Gas Radon soll der „Presse“ zufolge Rheumaschmerzen lindern. Das Ausmaß einer eventuellen Besserung dürfte aber nur gering sein. Zudem scheint der Effekt erst 2 bis 6 Monate nach Behandlungsende einzusetzen.
 
 

 

Zeitungsartikel: Gasteiner Heilstollen: Tropisches Klima Radon gegen Rheuma (14. 8. 2012, Die Presse)
Frage:Kann eine Therapie mit dem radioaktiven Gas Radon Schmerzen bei rheumatischen Erkrankungen lindern?
Antwort:Möglicherweise wirkt Radon bei solchen Erkrankungen geringfügig schmerzlindernd, die Wirkung scheint jedoch frühestens 2 bis 6 Monate nach der Behandlung einzutreten und nicht sehr groß zu sein.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Geschwollene und entzundene Gelenke, Schmerzen, Steifheit am Morgen, Abgeschlagenheit – all das sind typische Kennzeichen für die sogenannte rheumatische Arthritis, von welcher bis zu 1 von 100 Personen betroffen sind. [3] Die Ursache für die chronischen Gelenksentzündungen ist unklar, unbehandelt führt die Krankheit zu Einschränkung der Beweglichkeit und Lebensqualität bis hin zur Zerstörung der betroffenen Gelenke.

Zur Behandlung dieser rheumatischen Erkrankung stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) (dazu zählen beispielsweise auch Ibuprofen oder Diclofenac), Cortison-artige Mittel (Steroide), sogenannte Basistherapeutika (die meist nur längerfristig wirken und schwere Nebenwirkungen haben können, z.B. Methotrexat) sowie „Biologica“, darunter versteht man gentechnisch hergestellte Eiweiße. [4] Doch auch sportliche Bewegung und physiotherapeutische Behandlungen können hilfreich sein. [5]

Radioaktives Gas als Heilmittel?

Einem Artikel in der Presse zufolge bewirkt eine Therapie in einem Gebirgsstollen mit Radon eine erhebliche Besserung der Schmerzen bei rheumatischen Krankheiten wie Arthritis oder Morbus Bechterew (einer rheumatischen Versteifung der Rückenwirbel).

Radon ist ein geruchsloses, radioaktives Gas, das natürlicherweise auch in manchen Gegenden Österreichs vorkommt und sich in Wohnhäusern ansammeln kann. Auch wenn die Beweisführung schwierig ist, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass der langfristige Aufenthalt in Gegenden mit hohen Radonkonzentrationen für etwa 2 von 100 Lungenkrebsfällen verantwortlich ist. [6] Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) stellt auf ihrer Webseite fundierte Informationen zur Radon-Belastung in Österreich sowie Ratschläge zu deren Verringerung zusammen.

Patienten, die sich einer Radon-Kur unterziehen, begeben sich für allerdings für gewöhnlich nur für rund 10 Sitzungen zu einer Stunde in eine Umgebung mit erhöhter Radonkonzentration. Die Belastung mit dem radioaktiven Gas ist daher geringer als bei ständigem Ausgesetztsein.

Schmerzlinderung durch Radon nur gering und verzögert

In einer systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2005 [1] wurden die Ergebnisse von fünf klinischen Studien an Patienten mit unterschiedlichen rheumatischen Beschwerden zusammengefasst. Untersucht wurde die schmerzlindernde Wirkung von Radongas auf rheumatische Arthritis, Morbus Bechterew oder anderen rheumatischen Erkrankungen der Wirbelsäule. Insgesamt zeigte sich jedoch keine schmerzlindernde Wirkung unmittelbar nach Beendigung der Radonkur. Erst nach 2 bis 3 Monaten scheint es zu einer leichten Verringerung der rheumatischen Schmerzen zu kommen, die noch geringfügig bis zu 6 Monate nach Therapieende anhalten dürfte.

Eine neuere randomisiert-kontrollierte Studie [2], die erst nach der systematischen Übersichtsarbeit veröffentlicht worden war, deutet auf ähnlich ernüchternde Ergebnisse hin. Erst nach 9 Monaten war es im Vergleich zur Kontrollgruppe, die eine Behandlung ohne Radon erhalten hatte, zu einer leichten Reduktion an benötigten Schmerzmitteln gekommen.

Insgesamt scheint es zwar Hinweise auf eine geringe, verzögerte Wirksamkeit von Radontherapien bei rheumatischen Schmerzen zu geben, die Ergebnisse der bisher durchgeführten Studien sind aufgrund der geringen Teilnehmerzahlen aber nur bedingt aussagekräftig. Zudem war in keiner Studie berücksichtigt worden, ob die Rheuma-Patienten nicht etwa bereits in ihrer ständigen Wohnumgebung erhöhten Konzentrationen an natürlich vorkommendem Radon ausgesetzt waren. Und auch wenn in keiner der Studien unerwünschte Nebenwirkungen berichtet wurden, sollte das möglicherweise erhöhte Lungenkrebsrisiko durch Radon nicht außer Acht gelassen werden.

(Autoren: B. Kerschner, M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Falkenbach u.a. (2005)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 338
Mögliche Interessenskonflikte: Erstautor steht in Verbindung mit Gasteiner Heilstollen Betriebs-GmbH
Fragestellung: Bewirkt Radon-Therapie eine Linderung rheumatischer Schmerzen?

Titel: „Radon therapy for the treatment of rheumatic diseases–review and meta-analysis of controlled clinical trials. Rheumatol Int. 2005 Apr;25(3):205-10. Epub 2003 Dec 12. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Franke u.a. (2007)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 134 Patienten mit rheumatischer Arthritis
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben
Fragestellung: Bewirkt Radon-Therapie eine Linderung rheumatischer Schmerzen?

Titel: „Long-term benefit of radon spa therapy in the rehabilitation of rheumatoid arthritis: a randomised, double-blinded trial“. Rheumatol Int. 2007 Jun;27(8):703-13. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Kvien TK. Epidemiology and burden of illness of rheumatoid arthritis. Pharmacoeconomics 2004;22(2 Suppl 1):1-12. (Zusammenfassung der Arbeit)

[4] Schur PH, Moreland MW (2012). General principles of management of rheumatoid arthritis. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 3. 9. 2012.

[5] Schur PH, Maini RN, Gibofsky A (2012). Nonpharmacologic and preventive therapies of rheumatoid arthritis. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 3. 9. 2012.

[6] Mannino DM (2012). Cigarette smoking and other risk factors for lung cancer. In Ross ME (ed.). UpToDate. UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 3. 9. 2012.