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Putz-Sprays & Raumdeos: eine Gefahr für das Herz?

Gefahr aus der Putzmittelflasche?

Gefahr Putzmittelflasche?

Haushaltsreiniger und Raumerfrischer in Sprayform sollen bei regelmäßiger Anwendung das Herz schädigen, berichtet Vorarlberg Online. Einen Zusammenhang zu Auffälligkeiten des Herzrhythmus ohne Krankheitssymptome gibt es zwar – ob diese aber zu einer Herzerkrankung führen und Haushaltssprays die tatsächliche Ursache dafür sind, muss erst durch umfassendere Studien geklärt werden.


 

Zeitungsartikel: Haushaltsreiniger in Sprayform schadet dem Herz (24. 4. 2012)
Frage:Bewirken Haushaltsreiniger und Raumerfrischer in Sprayform eine Schädigung des Herzens?
Antwort:Es gibt Anzeichen dafür, dass Personen, die oft Haushaltssprays anwenden, öfter symptomlose Auffälligkeiten des Herzrhythmus aufweisen. Ob diese Auffälligkeiten allerdings später zu einer Erkrankung führen werden und die Ursache dafür tatsächlich bei Haushaltssprays liegt, muss erst durch größere und längere Studien geklärt werden. In vielen, aber nicht allen Untersuchungen ist zudem ein Zusammenhang zwischen dem häufigen Gebrauch von Reinigungsmitteln und einem erhöhten Asthma-Risiko zu sehen – auch wenn andere Ursachen für diese Atemwegserkrankung nicht völlig ausgeschlossen werden können.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Haushaltsreiniger sollen nicht nur die Atemwege schädigen, einer neuen Studie zufolge sind Reiniger in Sprayform auch gefährlich für das Herz, schreibt Vorarlberg Online. Besonders Raumfrische-Sprays sollen die Funktionstüchtigkeit des Herzens deutlich verschlechtern und somit das Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkte erhöhen.

Viele Haushaltsreiniger beinhalten auch gesundheitschädliche Chemikalien wie Bleichmittel oder organische Lösungsmittel. Auf der Rückseite warnen die Hersteller meist vor direktem Augenkontakt oder dem Verschlucken, und oft wird auch von der Anwendung des Produkts ohne Handschuhe oder dem Einatmen des Sprays abgeraten. Diese Hinweise sind aber zumeist unauffällig platziert und in unleserlich kleiner Schrift gedruckt.

Täglich verwenden Millionen von Menschen solche Reinigungsmittel – besteht hier tatsächlich selbst bei sachgemäßer Anwendung ein erhöhtes Gesundheitsrisiko?

Risiko für das Herz wenig untersucht

Die Auswirkung von Reinigungsmitteln oder Haushaltssprays auf das Herz-Kreislauf-System wurde bisher nur wenig erforscht. Lediglich die von Vorarlberg Online erwähnte Studie [1] untersuchte einen möglichen derartigen Zusammenhang. Einen ganzen Tag und eine Nacht lang zeichneten Forscher den Herzrhythmus von über 50-jährigen Frauen auf, die zuvor angegeben hatten, regelmäßig mit Putzmittel- oder anderen Haushalts-Sprays in Kontakt gewesen zu sein. Dabei stellten sie fest, dass Frauen, die solche Sprays mehrmals pro Woche eingesetzt hatten, ein besonders auffälliges Herzschlagmuster (EKG, Abkürzung für „Elektro-Kardiogramm“) hatten. Im Speziellen zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen Auffälligkeiten des Herzrhythmus und der Verwendung von Reinigungs- und Raumfrische-Sprays, während die regelmäßige Anwendung anderer parfümierter Haushaltsprodukte mit keinem ungewöhnlichen Herzschlagmuster einherging.

Bei den festgestellten EKG-Auffälligkeiten handelt es sich um einen ungewöhnlich gleichmäßigen Herzschlag, der auch über lange Zeit nur wenig Veränderung zeigt. Da sich der Herzrhythmus bei gesunden Menschen im Laufe des Tages öfters ändert, um sich an verschiedene Situationen (Ruhe oder körperliche Tätigkeit, Entspanntheit oder Stress) anzupassen, gilt eine eingeschränkte Herzryhthmus-Veränderung als Risikofaktor für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa Herzinfarkt [4].

Ob Haushaltssprays allerdings direkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen können, lässt sich daraus nicht mit Sicherheit ableiten. So müssen etwa EKG-Auffälligkeiten nicht zwingend zu einem Herzinfarkt oder anderen Erkrankungen führen. Zudem könnte der Zusammenhang zwischen Spraygebrauch und Herzrhythmus-Auffälligkeiten theoretisch andere Ursachen haben, auch wenn die Studienautoren offensichtliche Gründe wie etwa Rauchen ausschließen können.

Haushaltsreiniger und Asthma

Etwas besser untersucht ist der Zusammenhang zwischen der Anwendung von Reinigungsmitteln und dem Risiko, Asthma zu entwickeln. In zwei systematischen Übersichtsarbeiten [2, 3] zeigt sich, dass ein großer Teil der Studien zu dieser Fragestellung tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der der regelmäßigen Putzmittel-Anwendung und der späteren Entwicklung von Asthma findet.

Die Ergebnisse von Untersuchungen an einer großen Gruppe von Personen, die von Berufs wegen viel Kontakt zu Putzmitteln hatten, deutet auf ein deutlich erhöhtes Asthmarisiko hin [3]. Über den langen Zeitraum von 11 Jahren entwickelte sich bei ca. 5 von 100 Personen mit sehr häufiger Reinigungsspray-Anwendung (mehr als 3 mal pro Woche) eine Asthmaerkrankung, während unter den Personen, die nie oder höchstens einmal pro Woche Spraykontakt hatten, nur etwa 2 von 100 erkrankten. Andere Untersuchungen finden ein zumindest eineinhalb- bis zweifach erhöhtes Risiko, was rund 3 bis 4 Asthma-Erkrankungen unter 100 Personen entspräche [3, 4].

Dieser Zusammenhang zeigt sich allerdings nicht in allen relevanten wissenschaftlichen Untersuchungen, daher ist das Ausmaß des wahrscheinlich erhöhten Asthma-Risikos nicht völlig klar. Um weiters ausschließen zu können, dass nicht etwa andere Ursachen für die Asthmaerkrankung verantwortlich sind, müsste eine streng durchgeführte randomisiert-kontrollierte Studie durchgeführt werden. Dabei würden die Teilnehmer per Zufall entweder einer Versuchsgruppe zugeteilt, die regelmäßig Haushaltsreinigern ausgesetzt ist, oder aber einer Vergleichsgruppe ohne Kontakt zu Reinigungsmitteln.

Schlussfolgerung

Ob Haushaltsreiniger die Herzgesundheit beeinträchtigen können, lässt sich zur Zeit noch nicht mit Sicherheit sagen, dazu bräuchte es eine Studie, die nicht nur EKG-Auffälligkeiten untersucht, sondern die tatsächliche Häufigkeit des Auftretens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach regelmäßigem Haushaltsreiniger-Gebrauch.

Dass der mehrmals wöchentliche Gebrauch von Haushaltsreinigern Asthma auslösen kann, ist zwar wahrscheinlich, aber nicht nicht hundertprozentig sicher. Die vielen deutlichen Hinweise darauf sollten jedoch zu denken geben.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Mehta u.a. (2012)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 581 > 50 Jahre (515 Haushaltssprays und -Reinigersprays ausgesetzt, davon 90% Frauen) sowie 66 in der Vergleichsgruppe, davon 86% Frauen)
Fragestellung: Besteht zwischen der regelmäßigen Verwendung von Haushaltssprays bzw. Reinigungssprays und Herzrhythmusstörungen ein Zusammenhang?

Titel: „Heart Rate Variability in Association with Frequent Use of Household Sprays and Scented Products in SAPALDIA”. Environ Health Perspect. 2012 Apr 22. (Studie im Volltext)

[2] Jaakkola & Jaakkola (2006)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit (nur für den Zeitraum 2003 – 2005)
Eingeschlossene Studien: 6 Beobachtungsstudien
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Langzeit-Anwendung von Haushaltsreinigern und der Entstehung von Asthma?

Titel: “Professional cleaning and asthma”. Curr Opin Allergy Clin Immunol. 2006 Apr;6(2):85-90. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Zock u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit (nur für den Zeitraum 2006 – 2009)
Eingeschlossene Studien: 15 Beobachtungsstudien
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Langzeit-Anwendung von Haushaltsreinigern und der Entstehung von Asthma?

Titel: “Update on asthma and cleaners“. Curr Opin Allergy Clin Immunol. 2010 Apr;10(2):114-20. (Übersichtsarbeit im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Stein P K, Mietus J E, Goldberger A L (2012). Heart rate variability: Uses other than after myocardial infarction. In Downey B C (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 10. 5. 2012