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Prostatakrebs: Stoppt Lymphknoten-Entfernung Ausbreitung?

Patienten-Beratung bei Prostata-Krebs

Patienten-Beratung bei Prostata-Krebs

Befinden sich im ersten Lymphknoten nach dem von Krebs befallenen Organ bereits bösartige Tumorzellen, können sie sich über die Lymphgefäße auch auf andere Körperregionen ausbreiten. Eine operative Untersuchung dieser ersten Lymphknoten verhindere angeblich die weitere Ausbreitung von Prostatakrebs, so das Wiener Bezirksblatt. Auch wenn es bei Brust- und Hautkrebs dafür klare Hinweise gibt, kann dies für Prostatakrebs aufgrund der geringen Anzahl an wissenschaftlichen Studien nicht bestätigt werden.

Zeitungsartikel: Einzigartiges Prostatazentrum: Neue und international anerkannte Methode (Wiener Bezirksblatt Aktiv & Vital, S. 16, 17. 3. 2010 )
Frage:Verbessert die Entfernung und Untersuchung der ersten Lymphknoten nach der von Krebs befallenen Prostata (Wächter-Lymphknoten bzw. Sentinel-Lymphknoten) die Heilungschancen? (Leser-Anfrage)
Antwort:Die Entfernung und Untersuchung der Wächter-Lymphknoten hilft bei der Einschätzung des Fortschritts von Prostatakrebs. Ob sie allerdings die Heilungschancen verbessert, lässt sich aufgrund der niedrigen wissenschaftlichen Beweislage nicht sagen.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Prostatakrebs trifft laut Angaben der Statistik Austria jeden 10. Mann in Österreich bis zum 75. Lebensjahr, immerhin jeder 100. männliche Österreicher stirbt daran. Befindet sich der Krebs in einem frühen Stadium, lässt er sich meist erfolgreich behandeln. Bleibt er aber länger unentdeckt, besteht die Möglichkeit, dass bösartige Krebszellen aus der Prostata über die Lymphgefäße in andere Körperregionen wandern und dort weitere Krebsgeschwulste (Metastasen) bilden.

Lymphknoten und Krebs

Das Lymphsystem ist ein weit verzweigtes Netzwerk – ähnlich dem Blutgefäßsystem – und dient dem Transport von sich im Gewebe befindlicher Flüssigkeit (der Lymphe). Lymphknoten dienen als Filterstationen der Lymphflüssigkeit. Außerdem beherbergen sie eine große Zahl an weißen Blutkörperchen, die sich als wichtiger Teil des Immunsystems um die Abwehr von Bakterien, Viren und die Entfernung körperfremder Teilchen kümmern. Der Mensch hat rund 500 Lymphknoten, die an bestimmten Stellen wie Achseln, Leistengegend, Hals, Brust und Bauchraum gehäuft auftreten und ½ bis 2 cm groß sind.

Haben sich in einem Organ bösartige Krebszellen gebildet, kann es geschehen, dass diese Krebszellen nach einiger Zeit durch das Lymphsystem wandern und schließlich in anderen Körperregionen Krebsgeschwulste, sogenannte Metastasen, bilden. Solche Tochtergeschwüre bilden sich oft zuerst in denjenigen Lymphknoten, die dem vom Krebs befallenen Organ am nächsten sind, den sogenannten Wächter- oder Sentinel-Lymphknoten.

Wächter-Lymphknoten-Untersuchung

Durch die Injektion einer radioaktiven Substanz und/oder einer speziellen Farbe in die Region, in der sich der Tumor befindet, lassen sich diese Wächter-Lymphknoten gezielt markieren. Die radioaktive Substanz beziehungsweise die injizierte Farbe wandert vom Ort des Krebsbefalls zuerst in die nächstgelegenen Lymphknoten. Mit einer radioaktiven Sonde oder aufgrund ihrer Gefärbtheit lassen sich die so markierten Wächter-Lymphknoten dann in einer Operation auffinden und entnehmen.

Anschließend werden die herausoperierten Wächter-Lymphknoten unter dem Mikroskop auf Metastasen untersucht. Finden sich dabei keine Krebsgeschwüre, nehmen Ärzte an, dass auch andere Lymphknoten oder Körperregionen nicht weiter befallen sind.

Sind die untersuchten Wächter-Lymphknoten allerdings bereits von Krebszellen besetzt, werden dem Patienten zur Sicherheit meist alle Lymphknoten in einem größeren Gebiet um die Tumor-Region entfernt, um das Risiko für eine weitere Ausbreitung durch ebenfalls betroffene Lymphknoten zu minimieren. Eine solche großflächige Entfernung von Lymphknoten hat meist aber viele unerwünschte Nebenwirkungen, wie etwa Lymphödeme (Ansammlungen von Lymphflüssigkeit), Schwellungen, Blutgerinnsel und andere.

Das Wiener Bezirksblatt stellte in seinem Artikel vom 17. 3. 2010 die Behauptung auf, dass durch eine Entfernung und Untersuchung der Wächter-Lymphknoten das Risiko für die Bildung weiterer Metastasen bei Patienten mit Prostata-Krebs gesenkt werden kann. Zudem wird gezielt ein Wiener Privatkrankenhaus genannt, in dem diese Operationsmethode angeboten würde.

Gibt es aber wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Entfernung und Untersuchung der Sentinel-Lymphknoten bei einer Prostata-Krebs-Operation die Heilungschancen tatsächlich verbessert?

Ergebnis: erhöhte Heilungschancen unklar

Zurzeit wurden noch keine randomisiert-kontrollierten Studien zu diesem Thema durchgeführt. In einer Fallserie an rund 2000 Prostatakrebs-Patienten [1] lagen die Chirurgen in 94 von 100 Fällen richtig in der Annahme, dass Krebszellen-freie Wächter-Lymphknoten das Fehlen weiterer Metastasen bedeutete. Bei 6 von 100 Fällen traten allerdings in anderen Lymphknoten dennoch Metastasen auf, obwohl die Untersuchung der Wächter-Lymphknoten keinen Hinweis darauf gegeben hatte.

Eine andere Fallserie an etwas über 1000 Patienten [2] zeigte, dass in rund zwei Drittel der Prostatakrebs-Fälle mit der Wächter-Lymphknoten-Untersuchung befallene Knoten gefunden wurden, die bei einer herkömmlichen Entfernung der meisten umliegenden Lymphknoten nicht beachtet worden wären.

Beide Fallserien lassen jedoch keinen Schluss auf eine erhöhte Heilungschance im Vergleich mit herkömmlichen Behandlungs- und Operationsmethoden (wie etwa Bestrahlung und Entfernung von Prostata und umliegenden Lymphknoten ohne Wächter-Lymphknoten-Untersuchung) zu.

Brust- und Hautkrebs

Für andere Krebsarten hingegen gibt es deutlichere Hinweise auf einen Vorteil der Wächter-Lymphknoten-Untersuchung. Bei Brustkrebs zeigt eine Meta-Analyse [3] eine gleichwertige Erfolgsrate beim Auffinden befallener Lymphknoten im Vergleich zur Entfernung aller Achsel-Lymphknoten, aber deutlich weniger Nebenwirkungen wie Wundinfektionen, Flüssigkeitsansammlungen sowie Schwellungen und Taubheit der Arme. In einer anderen Meta-Analyse [4] wiesen unter 1000 Patientinnen nur 3 trotz negativer Wächter-Lymphknoten-Untersuchung in den Folgemonaten dennoch Metastasen im Bereich der Achseln auf.

Für Hautkrebs zeigte eine Meta-Analyse [5] ein deutlich geringeres Sterberisiko für Patienten, denen im Falle Metastasen-hältiger Wächter-Lymphknoten umliegende Knoten entfernt wurden, verglichen mit einer Entfernung umliegender Knoten ohne einer solchen Untersuchung. Von 10 Patienten, die trotz Entfernung aller umliegender Lymphknoten verstarben, könnte eine zuvor durchgeführte Wächter-Lymphknoten-Untersuchung vieren das Leben retten.

Von den Ergebnissen für Brust- oder Hautkrebs lässt sich allerdings nicht automatisch auf die Wirksamkeit der Wächter-Lymphknoten-Untersuchung schließen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Holl u.a. (2009)
Studientyp: Fallstudie
Teilnehmer: 2020 Prostatakrebs-Patienten
Fragestellung: Feststellung der Falsch-Negativ Rate für die Entdeckung von Metastasen in Lymphknoten durch vorhergehende Wächter-Lymphknoten-Untersuchung

Titel: „Validation of sentinel lymph node dissection in prostate cancer: experience in more than 2,000 patients“. Eur J Nucl Med Mol Imaging. 2009 Sep;36(9):1377-82. Epub 2009 May 9. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Weckermann u. a. (2007)
Studientyp: Fallstudie
Teilnehmer: 1055 Prostatakrebs-Patienten
Fragestellung: Häufigkeit und Erfassung der Lage positiver Wächter-Lymphknoten bei Prostatakrebs

Titel: „Sentinel lymph node dissection for prostate cancer: experience with more than 1,000
patients“. J Urol. 2007 Mar;177(3):916-20. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Kell u. a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 7
Teilnehmerinnen insgesamt: 9698 Brustkrebs-Patientinnen
Vergleich: Entdeckungsrate positiver Lymphknoten bei ohne oder mit vorheriger Wächter-Lymphknoten-Untersuchung

Titel: „Outcome of axillary staging in early breast cancer: a meta-analysis“. Breast Cancer Research and Treatment 2010 Apr;120(2):441-447 (Zusammenfassung der Studie)

[4] van der Ploeg u. a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 48
Teilnehmerinnen insgesamt: 14 959 Brustkrebs-Patientinnen mit Metastasen-freien Wächter-Lymphknoten
Fragestellung: Häufigkeit des Auftretens von Metastasen in der Achsel-Region, nachdem eine Wächter-Lymphknoten-Untersuchung keine Metastasen finden konnte.

Titel: Axillary recurrence after a tumour-negative sentinel node biopsy in breast cancer patients: a systematic review and meta-analysis of the literature. European Journal of Surgical Oncology 2008 Dec;34(12):1277-1284 (Zusammenfassung der Studie)

[5] Pasquali u. a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 6
Teilnehmerinnen insgesamt: 2633 Hautkrebs-Patienten mit Metastasen-freien Wächter-Lymphknoten
Vergleich: Überlebensrate nach Entfernung umliegender Lymphknoten mit oder ohne vorherige Untersuchung der Wächter-Lymphknoten bei Melanomen.

Titel: „Early (sentinel lymph node biopsy-guided) versus delayed lymphadenectomy in melanoma patients with lymph node metastases: personal experience and literature meta-analysis“. 2010 Mar 1;116(5):1201-1209 (Studie im Volltext)