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Propolis für den Mund: Wirkung kaum erforscht

In ihrem Stock produzieren Bienen neben Honig und Wachs auch Propolis

In ihrem Stock produzieren Bienen neben Honig und Wachs auch Propolis

Propolis gilt als natürliches Mittel bei Aphthen und Entzündungen im Mund. Beweise für eine heilende Wirkung des Bienenprodukts gibt es bisher jedoch keine.

Frage:Hat Propolis eine heilende oder lindernde Wirkung bei Entzündungen im Mund (bei ansonsten gesunden Menschen)?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisherige Studien zu Aphthen, Candidose und Entzündungen im Mund bei ansonsten gesunden Menschen sind mangelhaft durchgeführt. Eine Einschätzung der Wirkung von Propolis ist auf dieser Basis nicht möglich.

Bienen sind faszinierende Tiere. Sie stellen nicht nur Honig und Wachs her, sondern produzieren auch Propolis. Das ist ein Kittharz, mit dem Bienen beispielsweise Ritzen im Bienenstock abdichten. Mit Propolis umhüllen und konservieren Bienen auch fremde Insekten, die in den Stock eindringen und dort sterben [3,4].

Fachleute vermuten, dass Propolis nicht nur für seine Produzentinnen, die Bienen, wertvoll ist. Propolis soll auch für eine bessere Mundgesundheit beim Menschen sorgen. Entsprechend groß ist das Produktsortiment zur Selbstbehandlung. Dazu zählen Tinkturen, Salben oder Lippenbalsam mit Propolis.

Gesunder Mund mit Propolis?

Etliche Propolis-Produkte sollen gegen Entzündungen im Mund wirken, zum Beispiel spezielle Zahncremes mit Propolis zur Vorbeugung von Zahnfleischproblemen. Es gibt auch alkoholhaltigen Propolis-Extrakte, die so genannte Aphthen bekämpfen sollen; das sind schmerzhafte weißliche Bläschen auf der Mundschleimhaut.

Wir wollten wissen, ob es für eine solche Wirkung auch wissenschaftlich fundierte Hinweise oder sogar Belege gibt. Unterstützen Propolis-Produkte die Mundgesundheit? Zu dieser Frage haben wir medizinische Forschungsdatenbanken nach aussagekräftigen Studien durchsucht.

Keine Belege für entzündungshemmende Wirkung

Das Ergebnis unserer Recherche war enttäuschend. Zwar haben wir zahlreiche Studien gefunden, die sich mit Propolis bei Entzündungen und anderen Beschwerden im Mund auseinandergesetzt haben. Die bisher veröffentlichten Arbeiten [1,2] wurden jedoch nicht nach strengen wissenschaftlichen Regeln durchgeführt. Diese Forschungsergebnisse sind daher leider nicht vertrauenswürdig.

Die Themen in diesen Studien waren durchaus vielfältig. So haben sich Forscherinnen und Forscher etwa untersucht, ob Propolis eine Wirkung bei Aphthen hat, ob es sich zur Behandlung eines Pilzbefalls der Mundhöhle (Candidose) eignet oder bei verschiedenen anderen Mundschleimhautentzündungen helfen kann [1,2].

Auch Studien zur Behandlung von Zahnfleischentzündungen mit Propolis-Zahncremes haben wir bei unserer Recherche gefunden. Ob Propolis nun heilend wirken kann oder nicht, können die Studien aufgrund ihrer mangelhaften Qualität jedoch nicht beantworten.

Allergie auf Propolis

Neben theoretischen Vorteilen hat Propolis auch Nebenwirkungen. So kann der Extrakt aus dem Bienenharz allergische Reaktionen auslösen [4,5]. In ausgewählten Studien reagierten zwischen 1 und 6 von 100 Testpersonen allergisch auf Propolis [6,7]. Diese Zahlen sind allerdings nur eine grobe Schätzung. Wir können nicht ausschließen, dass sie in anderen Studien geringer oder höher sind.

Chronisch Kranke nicht berücksichtigt

Bei unserer Suche nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen haben wir uns ausschließlich auf die mögliche Wirkung bei Gesunden beschränkt. Für Menschen mit einer schweren oder chronischen Krankheit wie Diabetes oder AIDS sowie für Personen nach einer Operation oder Krebsbehandlung haben wir uns keine Studien angesehen. Auch haben wir nicht recherchiert, ob es aussagekräftige Forschungsergebnisse bei anderen Beschwerden gibt, zum Beispiel Infektionskrankheiten oder Wunden außerhalb des Mundes.

Wirkung auch außerhalb vom Reagenzglas?

Laborexperimente haben gezeigt, dass Propolis, zumindest im Reagenzglas, eine Wirkung gegen Bakterien, Pilze und Viren hat [1]. Diese Erreger können beim Menschen Entzündungen verursachen, beispielsweise auf der Haut oder auf Schleimhäuten. Deswegen wird vermutet, dass Propolis bei etlichen Erreger-bedingten Beschwerden ein hilfreiches Gegenmittel sein könnte.

Wodurch Aphthen verursacht werden, ist nicht geklärt. Etwa jede fünfte Person ist zumindest gelegentlich davon betroffen. Die schmerzhaften Bläschen auf der Mundschleimhaut heilen für gewöhnlich nach ein bis zwei Wochen auch ohne Behandlung wieder ab. Eine erwiesenermaßen gut wirksame Anti-Aphthen-Therapie ist bisher nicht bekannt [8].

Bei einer Zahnfleischentzündung sind die besten Behandlungsmöglichkeiten auf der wissenschaftsbasierten Webseite Gesundheitsinformation.de beschrieben. Das ist das Patienteninformationsservice des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in Deutschland.

Pilzinfektionen im Mund lassen sich mit pilzhemmenden Mitteln behandeln. Daneben gibt es viele weitere Ursachen für eine Entzündungen der Mundschleimhaut – und dementsprechend viele unterschiedliche Therapiemethoden [9].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Suche nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen sind wir auf einige Studien gestoßen, die sich mit der Wirkung von Propolis Zahnfleischentzündungen und andere Beschwerden wie beispielsweise Aphthen oder Pilzinfektionen im Mund beschäftigt haben. In allen Studien wurden die Teilnehmenden in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe bekam eine Behandlung mit Propolis, die andere Gruppe eine Vergleichsbehandlung.

Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch nicht verlässlich, weil es einige methodische Mängel gibt:

  • In etlichen Untersuchungen wussten die teilnehmenden Personen und das Forschungsteam genau, wer Propolis und wer die Vergleichsbehandlung bekam. Die Beteiligten waren also nicht verblindet. Erwartungen zur Wirkung von Propolis können das Studienergebnis verzerrt haben.
  • Teilweise wurden deutlich weniger als 100 Versuchspersonen pro Studie beziehungsweise pro Fragestellung untersucht. Eine geringe Anzahl an Teilnehmenden erhöht zum Beispiel die Gefahr, dass sich die Studienergebnisse nicht auf den Großteil der Betroffenen übertragen lassen. Erst eine Mindestanzahl rund 400 Versuchspersonen gilt als aussagekräftig [10].
  • Die Zuteilung der Teilnehmenden zu Behandlungs- und Vergleichsgruppe war in vielen Studien nicht zufällig, also nicht randomisiert. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass die beiden untersuchten Personengruppen nicht mit vergleichbaren „fairen“ Ausgangsbedingungen gestartet sind, sondern sich bereits von vornherein unterschieden. Es bleibt somit unklar, ob Unterschiede zwischen den Gruppenergebnissen zu Studienende wirklich dem Einsatz von Propolis geschuldet sind – oder nur auf den grundlegenden Unterschieden zwischen den Gruppen fußen.

Unsere Quellen

Insgesamt haben wir zwei systematische Übersichtsarbeiten zu unserer Fragestellung gefunden und ausgewertet. In der aktuelleren fasste ein koreanisches Wissenschaftsteam alle bis Sommer 2016 veröffentlichten Studien zusammen, die Propolis zur Behandlung von Haut und Schleimhäuten untersucht haben [1]. Zur Anwendung im Mund fanden die Teammitglieder unter anderem drei Arbeiten zur Wirkung bei Aphthen und eine zur Behandlung eines Pilzbefalls der Mundhöhle (Candidose). Allerdings fehlen in der Übersichtsarbeit Detailergebnisse. Wir haben uns die darin zusammengefassten Einzelstudien näher angesehen und als nicht aussagekräftig eingestuft.

Die taiwanesischen Autoren der älteren systematischen Übersichtsarbeit [2] haben versucht, alle bis 2012 veröffentlichten Studien zusammenzufassen. Unter anderem haben sie zwei kleine, mangelhafte Studien zur äußerlichen Behandlung von Entzündungen im Mund gefunden.

Um neuere Forschungsergebnisse zu finden, haben wir medizinische Datenbanken nach Einzelstudien durchforstet, die seit 2012 veröffentlicht worden sind. Wir fanden etliche Studien, etwa zu Behandlung von Zahnfleischentzündungen mit Propolis-Zahncreme oder zur Behandlung von Aphthen. Keine der gefundenen Studien war jedoch aussagekräftig genug, um unsere Frage zu beantworten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Sung u.a. (2017)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: u.a. 5 randomisiert-kontrollierte Studien zu Entzündungen im Mund
Teilnehmende insgesamt: 426 (davon 216 in 3 Studien zu Aphthen, 90 in 1 Studie zu Candidose und 120 in 1 Studie zu Mucositis)
Fragestellung: Hat die äußerliche Anwendung von Propolis eine lindernde Wirkung bei Entzündungen und anderen Beschwerden im Mund?
Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Sung SH, Choi GH, Lee NW, Shin BC. External Use of Propolis for Oral, Skin, and Genital Diseases: A Systematic Review and Meta-Analysis. Evid Based Complement Alternat Med. 2017;2017:8025752 (Systematische Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Hwu und Lin (2013/2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: u.a. 3 randomisiert-kontrollierte Studien zu Entzündungen im Mund
Teilnehmende insgesamt: 67 in diesen 3 Studien
Fragestellung: Hat die äußerliche Anwendung bzw. Einnahme von Propolis eine lindernde Wirkung bei Entzündungen und anderem Beschwerden im Mund?
Interessenskonflikte: Keine laut Autoren

Hwu YJ, Lin FY. Effectiveness of propolis on oral health: a systematic review. Jbi Database of Systematic Reviews and Implementation Reports 11.5 (2013): 28-61. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Hwu YJ, Lin FY. Effectiveness of propolis on oral health: a meta-analysis. J Nurs Res. 2014 Dec;22(4):221-9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[3] Huang u.a. (2014)
Huang S, Zhang CP, Wang K, Li GQ, Hu FL. Recent advances in the chemical composition of propolis. Molecules. 2014 Nov 26;19(12):19610-32. (nicht-systematische Übersichtsarbeit in voller Länge)

[4] BfR (2008)
Bundesinstitut für Risikobewertung. Einschätzung von Propolis und Gelée Royale. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 002/2009 des BfR vom 20. November 2008. Abgerufen am 19. 5. 2018 unter http://www.bfr.bund.de/cm/343/einschaetzung_von_propolis_und_gelee_royal.pdf

[5] UpToDate (2018)
Schalock PC (2018). Common allergens in allergic contact dermatitis. In Corona R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30.5.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/common-allergens-in-allergic-contact-dermatitis

[6] Walgrave u.a. (2005)
Walgrave SE, Warshaw EM, Glesne LA. Allergic contact dermatitis from propolis. Dermatitis. 2005 Dec;16(4):209-15. (Zusammenfassung der nicht-systematischen Übersichtsarbeit)

[7] Uter u.a. (2016)
Uter W, Spiewak R, Cooper SM, Wilkinson M, Sánchez Pérez J, Schnuch A,
Schuttelaar ML. Contact allergy to ingredients of topical medications: results of the European Surveillance System on Contact Allergies (ESSCA), 2009-2012. Pharmacoepidemiol Drug Saf. 2016 Nov;25(11):1305-1312. (Zusammenfassung der Studie)

[8] UpToDate (2018)
Brice S (2018). Recurrent aphthous stomatitis. In Corona R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30. 5. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/recurrent-aphthous-stomatitis

[9] UpToDate (2018)
Goldstein BG, Goldstein AO (2018). Oral lesion. In Corona R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30. 5. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/oral-lesions

[10] Murad u.a. (2017)
Murad MH, Mustafa RA, Schünemann HJ, Sultan S, Santesso N. Rating the certainty in evidence in the absence of a single estimate of effect. Evid Based Med. 2017 Jun;22(3):85-87. (Artikel in voller Länge)