Probiotika: Schneller gesund bei Durchfall?

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Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 16. November 2021
Probiotika sind offenbar keine Hilfe bei Durchfall.
Verabschiedung von einer gängigen Annahme: Wahrscheinlich können Probiotika bei akutem Durchfall nicht helfen, indem sie die Krankheit verkürzen.
Frage:
Verkürzt die Einnahme von Probiotika die Dauer von akutem infektiösem Durchfall?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Laut aktueller Studienlage lässt sich die Krankheitsdauer durch die Einnahme von Probiotika nicht reduzieren. Diese Einschätzung ist einigermaßen gut abgesichert.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Infektiöse Durchfallserkrankungen sind häufig. Erwachsene stecken sich ungefähr ein Mal pro Jahr an, Kinder erwischt es öfter. Meistens dauert eine solche „Magen-Darm-Grippe“ einige Tage [6].

Probiotika sollen bewirken, dass infektiöser Durchfall rascher wieder vorbei ist. Über hundert Probiotika-Arten besiedeln natürlicherweise den Darm. Diese Mikroorganismen gelten als wichtige Gesundheitshelfer und sind als „Darmflora“ populär geworden – was sich auch in der Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln und Lebensmitteln, die Probiotika enthalten, spiegelt.

Theoretisch wirksam

Probiotika wirken, zumindest laut Theorie, als Konkurrenten gegen die Durchfall-auslösenden Krankheitserreger. Ihre Einnahme soll auch die Immunantwort verbessern und hemmt angeblich Entzündungen im Magen-Darm-Trakt [1].

Die Ergebnisse einiger ältere Studien [2] sahen auch durchaus so aus, als würden sich diese Überlegungen in der Praxis bestätigen. Doch kann auch die aktuelle Studienlage diese Hoffnung bestätigen?

Kein Einfluss auf Krankheitsdauer

Leider nicht. Eine Übersichtsarbeit [1] hat die besten verfügbaren Studien zum Thema ausgewertet. Demnach hat zumindest bei Kindern die Einnahme von lebenden Probiotika wahrscheinlich keinen Einfluss darauf, ob diese nach 48 Stunden noch krank sind. Die Einschätzung ist ziemlich gut abgesichert .

Immerhin deutet sich an, dass Probiotika bei ansteckendem Durchfall nicht auffällig häufig zu Nebenwirkungen führen.

Auch zu anderen Fragestellungen gibt es zwar viele Daten, etwa Dauer eines etwaigen Krankenhausaufenthalts. Hat hier die Einnahme von Probiotika einen günstigen Einfluss? Die Studien liefern, wenn man sie rechnerisch zusammenfassen möchte (Metaanalyse), leider keine konkreten Antworten. Demnach lässt sich hier ein positiver Effekt durch Probiotika weder bestätigen, noch können wir ihn ausschließen. Es haben sich auch keine Hinweise darauf ergeben, ob bestimmte Probiotika besser wirken als andere.

Übertragung ist vermeidbar

Auslöser von ansteckendem Durchfall (infektiöse Diarrhoe) sind weltweit ungefähr 20 verschiedene Viren, Bakterien und Parasiten. Dazu zählen Noroviren, Rotaviren, Salmonellen und Kolibakterien.

Die Übertragungswege sind vielfältig: Die Erreger kommen zum Beispiel über verschmutztes Wasser und verdorbenes Essen in den Körper. Oder über Hände, an denen Fäkalienreste haften.

Vorbeugend wirken etwa Händewaschen nach dem Toilettengang, Hygiene in der Küche und Abstandhalten zu Infizierten. Gegen manche Infektionen gibt es auch Impfungen (z. B. Rotavirus, Hepatitis, Typhus).

Krankheit verschwindet meist von selbst

Typisch für infektiöse Durchfallserkrankungen ist wässriger Stuhlgang, mindestens 3 Mal in 24 Stunden. Gleichzeitig können Bauchkrämpfe, Blähungen, Übelkeit und Fieber auftreten. Das ist zwar unangenehm, aber in der Regel nur vorübergehend und harmlos.

Nicht abwarten, sondern behandeln

Das gilt aber nicht immer. Akute infektiöse Durchfälle können in kurzer Zeit zu einem hohen Verlust von Wasser, lebensnotwendigen Mineralstoffe (Elektrolyte) und Nährstoffen führen.

Dies ist vor allem für kleine Kinder, ältere und geschwächte Personen durchaus gefährlich. Austrocknung und Kreislaufprobleme sind mögliche Folgen, bis hin zum tödlichen Ausgang. Deshalb ist eine rasche ärztliche Abklärung notwendig, wenn diese Personengruppen betroffen sind.

Im Jahr 2015 führte Durchfall weltweit bei 526.000 Kindern unter 5 zum Tod, die meisten Kinder starben in nicht-industrialisierten Ländern. Viele Infektionen und tödliche Verläufe wären mit einfachen Mitteln und Hygienemaßnahmen vermeidbar.

Flüssigkeit und Elektrolyte ersetzen

Durchfalltherapien haben zum Ziel, der Austrocknung (Dehydrierung) entgegenzuwirken und die Erholung zu beschleunigen. Sie sollen auch die Zeit zu verkürzen, in der Betroffene für andere ansteckend sind.

Als Therapie kommen Rehydrierungslösungen zum Trinken in Frage, die die WHO übrigens auf die „Liste der unentbehrlichen Arzneimittel“ gesetzt hat. Ihr Ziel ist es, die verlorene Flüssigkeit und Elektrolyte ersetzen [1, 3-6]. Dafür gibt es etwa in Säckchen abgepacktes Granulat zum Aufgießen.

Mehr Information

Über verschiedene Einsatzgebiete von Probiotika haben wir bereits berichtet: bei Reizdarm-Beschwerden, als vermeintliche Abnehmhilfe oder Gegenmittel bei Durchfall, der durch Antibiotika ausgelöst wird. Wir habe auch recherchiert, ob Heilerde bei Durchfall wirksam und sicher ist.

Mehr gesicherte Information zu infektiösem Durchfall, Reisedurchfall, Magen-Darm-Infektionen und die Funktionsweise des Darms finden Sie auf den Seiten von www.gesundheitsinformation.de

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Die Studien im Detail

Sind Probiotika wirklich eine verlässliche Hilfe bei infektiösen und akuten Durchfallserkrankungen? Ein Team des internationalen Cochrane-Forschungsnetzwerks hat analysiert, ob sich die Krankheit mit der Einnahme von Probiotika verkürzen lässt.

Die sieben Wissenchafterinnen und Wissenschafter aus Großbritannien, Neuseeland und den Philippinen wollten auch wissen, ob Probiotika das Risiko für eine Behandlung im Spital und die Dauer eines Spitalsaufenthaltes verringern oder ob sie länger andauernde Durchfälle von 14 Tagen und mehr verhindern. Ebenso hatten sie vor, die besten verfügbaren Daten zu Nebenwirkungen von Probiotika zu sammeln und zusammenzufassen. Ob Probiotika die Beschwerden lindern, unabhängig von ihrer Dauer, haben sie nicht gefragt.

Im Dezember 2019 haben sie dafür Literaturdatenbanken und andere Quellen umfassend nach allen Studien zu diesem Thema durchsucht. Nach genauer Bewertung blieben 82 prinzipiell aussagekräftige Studien übrig, veröffentlicht zwischen 1981 und 2019. Ziel war es, möglichst viele dieser Studien rechnerisch zusammenzufassen, also zu poolen, um einen aussagekräftigen Gesamteffekt zu erhalten.

Wir konnten keine aktuellere und bessere Übersichtsarbeit zu Probiotika bei infektiösem Durchfall finden. Daher gehen wir davon aus, dass die Cochrane-Übersichtsarbeit den aktuellen Wissensstand wiedergibt.

Durchfallstudien aus aller Welt

Die Studien enthielten die Daten von 11.526 Kindern und 412 Erwachsenen sowie 189 Personen, für die eine Altersangabe fehlte. Alle hatten zu Studienbeginn akuten infektiösen Durchfall. Studien zu Reisedurchfall oder zu durch Antibiotika ausgelöstem Durchfall sind nicht berücksichtigt.

Sonst gab es von Studie zu Studie viele Unterschiede, zum Beispiel Alter der Teilnehmenden, Krankheitserreger, Art des Probiotikums, Schwere der Erkrankung. Die geografischen Regionen hatten teils eine sehr hohe Sterblichkeit, teils eine sehr niedrige Sterblichkeit.

Besser als Placebo?

Aber es gab auch Gemeinsamkeiten: Alle Teilnehmenden waren nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) einer Probiotika- oder einer Kontrollgruppe zugeordnet.

  • Sie erhielten also entweder Tabletten, Kapseln, Joghurt oder fermentierte Nahrungsmittel mit bekannten Probiotika, meist mit Milchsäurebakterien und Bifidobakterien wie Lactobacillus oder Saccharomyces.
  • Oder sie bekamen ein Placebomittel bzw. gar keine Behandlung.

Der Vergleich der Gruppen sollte zeigen, ob die Probiotika einen Nutzen haben. In manchen Studien gab es für beide Gruppen gleichermaßen noch eine zusätzliche Therapie wie Antibiotika oder Zink.

Einnahmedauer und Dosis waren nicht immer bekannt.

Wahrscheinlich keine Verkürzung

Auch wenn viele Einzelstudien über Probiotika bei akutem infektiösem Durchfall berichtet haben – die meisten hatten Qualitätsmängel. Das Autorenteam entschied sich dafür, nur die verlässlichsten Studien in die Hauptanalyse einfließen zu lassen.

Demnach hat ein Probiotikum offenbar keinen klaren Einfluss auf das Abklingen der Erkrankung. Dies ergab die Zusammenfassung von zwei gut gemachten Studien mit 1170 Kindern. Bei ungefähr der Hälfte war der Durchfall nach 48 Stunden noch nicht überstanden, unabhängig von der Gruppenzuteilung. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass diese Studienergebnisse das Geschehen im echten Leben spiegeln.

Eine gewisse Einschränkung bei der Aussagekraft gibt es deshalb, weil die Studien nur in Hocheinkommensländern (Kanada, USA) stattfanden und nur zwei Probiotika (Lactobacillus rhamnosus und Lactobacillus helveticus) zum Einsatz kamen. Daher ist beim Verallgemeinern eine gewisse Vorsicht geboten. Vielleicht sind die Ergebnisse nicht auf andere Länder, Probiotika und Altersgruppen übertragbar.

Viele Daten, keine Klarheit

Trotz der vielen Daten waren weitere solide Einschätzungen nicht möglich, weil sich die Studien nicht vernünftig miteinander vergleichen ließen und teils auch Qualitätsmängel hatten.

Nicht einschätzen lässt sich der Effekt von Probiotika auf:

  • die gesamte Krankheitsdauer
  • Dauer eines Krankenhausaufenthaltes

Sehr vage deutet sich an, dass Probiotika keinen Einfluss haben auf:

  • die Dauer des Durchfalls von 14 Tagen und länger
  • das Risiko eines Krankenhausaufenthaltes

Keine Hinweise auf unerwünschte Effekte

Die Nebenwirkungen sind in den einzelnen Studien unterschiedlich gut erfasst. Insgesamt deutet die aktuelle Studienlage darauf hin, dass Probiotika keine ernsthaften unerwünschten Effekte haben. Allerdings ist auch diese Einschätzung als vorläufig zu betrachten.

Studien in Schublade verschwunden?

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass die Publikationslandschaft lückenhaft ist. Es dürften nicht alle Studien zum Thema veröffentlicht worden sein.

Möglicherweise sind Studien mit „unerwünschten“ Ergebnissen in der Schublade abgelegt worden – also solche, die Probiotika kein sonderlich gutes Zeugnis ausstellen. Für eine solide Einschätzung der Probiotika-Effekte ist aber die Veröffentlichung aller Studien unerlässlich. Und zwar unabhängig davon, ob die berichteten Effekte eventuell im Widerspruch mit den Interessen von Studiensponsoren und Herstellern stehen.

Alte Schlussfolgerung überholt

Der im Dezember 2020 erschienene Cochrane-Review [1] ist übrigens ein Update. Die Vorgängerversion aus dem Jahr 2010 [2] kam noch zu einer anderen Einschätzung. Damals deuteten die 63 Studien mit etwa 8000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf eine Krankheitsverkürzung durch Probiotika hin. Die aktuelle Studienlage und nachgeschärfte Auswahlkriterien veranlassten das Autorenteam jedoch, die einstigen Schlussfolgerungen zu korrigieren.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Collinson S, Deans A, Padua-Zamora A, Gregorio GV, Li C, Dans LF, Allen SJ. Probiotics for treating acute infectious diarrhoea. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Issue 12. Art. No.: CD003048.
Zusammenfassung (aktuelle Version)

[2] Allen SJ, Martinez EG, Gregorio GV, Dans LF. Probiotics for treating acute infectious diarrhoea. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 11. Art. No.: CD003048.
Zusammenfassung (alte Version)

Weitere Quellen

[3] UpToDate: Approach to the adult with acute diarrhea in resource-rich settings (kostenpflichtig, abgerufen am 22.9.2021)

[4] UpToDate: Approach to the child with acute diarrhea in resource-limited countries (kostenpflichtig, abgerufen am 22.9.2021)

[5] Dynamed: Probiotics (kostenpflichtig, abgerufen am 22.9.2021)

[6] Gesundheitsinformation.de: Durchfall (abgerufen am 22.9.2021)