Pille und Sport: Weniger leistungsfähig durch Verhütung?

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 2022-06-27
Pille und sportliche Höchstleistungen vertragen sich nicht – stimmt das wirklich?
Die Pille könnte die sportliche Leistungsfähigkeit von Frauen etwas verringern. Ob der Effekt auch tatsächlich spürbar ist, bleibt unklar.
Frage:
Beeinträchtigen hormonelle Verhütungsmittel zum Schlucken (die „Pille“) die Ausdauerleistung von Frauen?
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Frage:
Beeinträchtigt die Pille die Muskelkraft von Frauen?
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Erklärung:
Die Einnahme der Pille könnte Ausdauerleistung beim Sport möglicherweise etwas beeinträchtigen. Hinweise auf weniger Muskelkraft durch die Pille gibt es aber keine. Diese - etwas widersprüchlichen - Erkenntnisse sind allerdings alles andere als sicher. Ob die etwas verringerte Ausdauerleistung gegen eine Verhütung mit der Pille spricht, muss wohl jede Sportlerin für sich selbst entscheiden – je nachdem wie wichtig sportliche Bestleistung für sie ist.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)
Hormonelle Verhütungsmittel zum Schlucken – meist Antibabypille oder einfach nur „die Pille“ genannt - sind das beliebteste Verhütungsmittel in Österreich. Das zeigte eine Umfrage im Jahr 2019 [3]. Knapp ein Drittel der Frauen in Österreich verhütet demnach mit der Pille.

Beliebtheit der Pille sinkt

In den vergangenen zehn Jahren ist die Beliebtheit der Pille und anderer hormoneller Verhütungsmethoden allerdings stetig gesunken [3]. Ein Grund dafür könnten tatsächliche oder befürchtete Nebenwirkungen sein: Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, wenig Lust auf Sex und Gewichtszunahme zum Beispiel. Hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille können auch das Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen) geringfügig erhöhen [5].

Leistungsknick durch die Pille: Fakt oder Gerücht?

Eine weitere befürchtete Nebenwirkung: weniger Leistungsfähigkeit beim Sport durch die Pille. Die mit der Pille zugeführten Geschlechtshormone sollen Theorien zufolge Fitness und Muskelaufbau hemmen. Können wissenschaftliche Untersuchungen das bestätigen oder handelt es sich um ein unbelegtes Gerücht?

Schneller außer Atem

Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasste alle aussagekräftigen Studien zusammen, die den Einfluss der Pille auf die körperliche Leistungsfähigkeit und den Muskelaufbau untersucht haben [1]. Das Fazit der Arbeit: Frauen, die die Pille einnehmen, könnten tatsächlich einen geringfügigen Nachteil beim Sport haben. Bei regelmäßigem Training scheinen sie etwas weniger Kondition und Ausdauer aufzubauen als Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmittel verwenden. Konkret können Frauen mit Pille während des Trainings möglicherweise weniger Sauerstoff aufnehmen und sind dadurch schneller außer Atem. In den Studien wurde das über die Zusammensetzung der Atemluft gemessen. Wie spürbar der Effekt für die Probandinnen tatsächlich war, lässt sich nicht genau beziffern. Für Spitzensportlerinnen könnte der vermutlich eher kleine Effekt relevant sein, für Hobbysportlerinnen vielleicht weniger. Das Vertrauen in dieses Ergebnis ist außerdem gering. Die Studien sind schlecht durchgeführt und hatten nur wenige Teilnehmerinnen.

Weniger Muskelaufbau durch die Pille?

Hat die Pille auch Auswirkungen auf die Muskelkraft? Auf einen solchen Effekt liefern die verfügbaren Studien keine Hinweise. Verlässliche Schlüsse sind jedoch derzeit nicht möglich. Am Ende muss wohl jede Sportlerin für sich ausprobieren, ob und welche Auswirkungen die Pille auf ihre Leistung hat. Und ob die Vorteile, die eine Verhütung mit der Pille mit sich bringt, den Nachteil der möglichen Leistungseinbußen beim Sport überwiegen.

Die Pille: Meist Kombination aus Östrogen und Gestagen

Die meisten Antibabypillen enthalten eine Kombination aus zwei Hormonen: Östrogen sowie Gestagen (Gelbkörperhormon). Pillen, die nur ein Gestagen enthalten, werden als Minipille bezeichnet. In Kombination verhindern Östrogen und Gestagen eine Schwangerschaft auf verschiedenen Wegen: Sie unterdrücken den Eisprung, machen den Schleim im Gebärmutterhals dickflüssiger und undurchdringlicher für Spermien und verhindern den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, der für das Einnisten einer befruchteten Eizelle notwendig wäre [4,5].

Weniger Testosteron = weniger Kraft?

Manche Pillen enthalten eine Form von Gestagen, die zusätzlich die Wirkung von männlichen Sexualhormonen wie dem Testosteron blockieren kann. Und hier kommt die sportliche Leistungsfähigkeit ins Spiel. Denn männliche Sexualhormone wie das Testosteron gelten generell als förderlich für den Muskelaufbau. Testosteron ist auch im Körper von Frauen zu finden, allerdings in weitaus geringeren Mengen als bei Männern. Werden die männlichen Hormone nun durch Gestagene blockiert, könnte sich das in der Theorie negativ auf die Muskelkraft von Frauen auswirken. Die derzeit verfügbaren Studienergebnisse können diese Annahme jedoch nicht mit Sicherheit bestätigen [1,2].

Die Studien im Detail

Nach welchen Studien haben wir gesucht?

Ob die Pille die sportliche Leistungsfähigkeit beeinflusst, können am besten randomisiert-kontrollierte Studien beantworten. In der idealen Studie würde eine möglichst große Gruppe von Frauen im gebärfähigen Alter per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe nimmt die Pille ein, die andere ein gleich aussehendes Scheinmedikament (Placebo). Die Teilnehmerinnen wissen idealerweise nicht, in welcher Gruppe sie sich befinden – man spricht auch von einer „verblindeten“ Studie. Beide Gruppen nehmen anschließend eine Zeitlang an demselben standardisierten Training teil. Währenddessen misst das Forschungsteam die Leistungsfähigkeit der Probandinnen beider Gruppen und vergleicht diese. Weil es in unserer Fragestellung allerdings um Verhütung geht, sind solche verblindeten randomisiert-kontrollierten Studien schwierig durchzuführen. Schließlich sind jene Teilnehmerinnen, die ein Placebo einnehmen für die Zeit der Studie nicht vor einer ungewollten Schwangerschaft geschützt. Wir müssen uns hier also mit Studien zufriedengeben, die ohne Placebo auskommen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit [1] fasste insgesamt 8 solcher Studien zusammen, 3 zur Ausdauerleistung und 5 zur Muskelkraft bei Frauen, die mit Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparate verhüten.

So kommen wir zu unserer Einschätzung

Aus folgenden Gründen sind die Ergebnisse der Studien allerdings nicht sehr verlässlich:
  • An den Studien zur Ausdauerleistung nahmen insgesamt nur sehr wenige Frauen teil, nämlich 73.
  • Die zusammengefassten Studien haben teilweise große Mängel in der Durchführung.
  • Die Zuteilung zur Pillen- und Vergleichs-Gruppe erfolgte in 6 der 8 Studien nicht zufällig. Die Teilnehmerinnen entschieden sich selbst für oder gegen die Pille. Durch diese ungleichen Voraussetzungen sind die Gruppen nicht gut miteinander vergleichbar.
  • In den Studien zur Ausdauerleistung wurde während des Trainings die Ausatemluft der eilnehmerinnen untersucht und so die maximale Sauerstoffaufnahme gemessen. Diese Messungen liefern indirekte Hinweise auf eine verringerte Leistungsfähigkeit. In welchem Ausmaß die Teilnehmerinnen diesen Effekt beim Training bemerkt haben, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Möglicherweise eine etwas geringere Leistungsfähigkeit durch die Pille - zu diesem Schluss kam auch eine weitere aktuelle Übersichtsarbeit [2]. Deren Autorenteam war weniger streng bei der Studien-Auswahl und fasste die Ergebnisse von 42 Studien unterschiedlichster Art und Qualität zusammen. Die Aussagekraft dieser Übersichtsarbeit schätzen wir allerdings als gering ein.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Moser (2022) Moser I., Glechner A., Ledinger D., Klerings I., Einfluss von Kontrazeptiva auf die sportliche Leistungsfähigkeit: Rapid Review. EbM Ärzteinformationszentrum; Mai 2022. (Übersichtsarbeit in voller Länge) [2] Elliott-Sale (2020) Elliott-Sale, K. J., McNulty, K. L., Ansdell, P., Goodall, S., Hicks, K. M., Thomas, K., ... & Dolan, E. (2020). The effects of oral contraceptives on exercise performance in women: a systematic review and meta-analysis. Sports Medicine, 50(10), 1785-1812. (Studie in voller Länge) [3] Österreichischer Verhütungsreport 2019 Abgerufen am 15.6.2022 unter www.verhuetungsreport.at [4] UpToDate (2022) Patient education: Hormonal methods of birth control (Beyond the Basics). Abgerufen am 15.6.2022 unter www.uptodate.com (Zugang kostenpflichtig) [5] Gesundheit.gv.at (2019) Abgerufen am 15.6.2022 unter www.gesundheit.gv.at