Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Orthokin: Schmerzfreie Gelenke mit Eigenblut-Medikament?

Gelenksschmerzen als Volkskrankheit

Gelenksschmerzen als Volkskrankheit

Ein aus Eigenblut hergestelltes Medikament erleichtert den OÖ Nachrichten zufolge Patienten mit krankhafter Gelenksabnutzung (Arthrose) angeblich das Leben. Klinische Studien zeigen jedoch etwas anderes: zu einer nennenswerten Schmerzlinderung scheint die Orthokin-Therapie nicht zu führen.
 


 

Zeitungsartikel: Persönliches Medikament (17. 7. 2012, OÖ Nachrichten)
Frage:Kann die Injektion von Orthokin die Symptome einer Arthrose merkbar verbessern?
Antwort:Nein, die Orthokin-Behandlung führt wahrscheinlich nicht zu einer relevanten Besserung der Schmerzen und anderer Symptome.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Nicht-Wirksamkeit

Durch Überbeanspruchung verursachte Gelenksschmerzen sind besonders im Alter ein weitverbreitetes Leiden. Von der krankhaften Gelenksabnutzung, auch Arthrose genannt, ist immerhin jede zehnte Person über 60 Jahren betroffen. Dabei kommt es zu Knorpelschäden und Knochenabnützungen, die oft mit schmerzhaften Gelenksentzündungen einhergehen und die Bewegungsfähigkeit stark einschränken können. Am häufigsten betroffen sind Knie- und Hüftgelenke, doch Arthrose kann auch Handgelenke oder die Wirbelsäule erfassen. Übergewichtige Personen haben dabei ein besonders hohes Erkrankungsrisiko [3].

Die in den OÖ Nachrichten beschriebene Therapiemethode klingt dabei vielversprechend und revolutionär. Ein entzündungshemmender Stoff, der nicht etwa im Chemielabor einer Pharmafirma, sondern direkt aus dem Blut des betroffenen Patienten hergestellt wird, soll zu einer deutlichen Besserung der Arthrosesymptome führen.

Dem Patienten wird dabei mit einer speziellen Spritze Blut abgenommen. Eigens vorbehandelte Glaskügelchen, die sich in dem Blutabnahmeröhrchen befinden, veranlassen Blutzellen zur Produktion eines entzündungshemmenden Eiweißstoffes. Dieser wird schließlich in einem Speziallabor von den restlichen Blutbestandteilen abgetrennt. Das Endprodukt ist eine in Ampullen abgefüllte Injektionslösung mit einer hohen Konzentration an körpereigenen Entzündungshemmern.

Nutzen der Orthokin-Therapie fraglich

Insgesamt konnten nur zwei klinische Studien zur Wirksamkeit des so hergestellten Arzneimittels bei Arthrose des Kniegelenks gefunden werden. Die Wirksamkeit auf andere Gelenke wurde bisher nicht erforscht.

In einer der Studien [1] verglich ein Forscherteam die Wirkung der Orthokin-Therapie mit der Injektion von Hyaluronsäure (einem körpereigenen Bestandteil der Gelenksschmier-Flüssigkeit) oder einem Scheinmedikament (Salzlösung) in das betroffene Kniegelenk. Verabreicht wurden 6 Orthokin-Spritzen über einen Zeitraum von drei Wochen. Nach 6 Monaten berichteten die Wissenschaftler tatsächlich von einer leichten Besserung der Schmerzen, die selbst nach 2 Jahren noch nachweisbar war. Die Schmerzreduktion war allerdings relativ gering, so dass sie für die meisten Arthrosepatienten keine wesentliche Rolle spielen dürfte. Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem, dass einer der Wissenschaftler vor Beginn der Studie ein Beratungshonorar der Herstellerfirma Orthogen AG (Düsseldorf) erhalten hatte.

Die Verfasser der zweiten klinischen Studie [2], die in keiner Beziehung zur Herstellerfirma standen, konnten bei derselben Therapie auch nach 12 Monaten keine schmerzlindernde Wirkung feststellen.

Unerwünschte Nebenwirkungen wurden zwar in der ersten Studie [1] in der Orthokin-Gruppe keine berichtet, in der zweiten Studie [2] war es aber bei 2 von 80 Patienten zu schweren Kniegelenks-Entzündungen gekommen.

Andere Behandlungsmethoden effektiver

Einer systematischen Übersichtsarbeit zufolge [3] können Bewegungsübungen und Physiotherapie vielversprechende Methoden zu einer langfristigen Schmerzlinderung und Verbesserung der Beweglichkeit sein. Schmerzmittel führen wahrscheinlich nur zu einer kurzfristigen Besserung der Schmerzen, haben aber mitunter ernste Nebenwirkungen. Die Injektion von Hyaluronsäure oder Corticosteroiden in das betroffene Kniegelenk könnte hilfreich sein, die Wirksamkeit ist jedoch unsicher.

Das Tapen des betroffenen Gelenks kann ebenfalls eine Linderung der Symptome herbeiführen. Sehr effektiv ist der Austausch eines arthrotischen Kniegelenks durch eine Prothese, dabei ist aber zu bedenken, dass solche Operationen ernste Komplikationen mit sich bringen können.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Baltzer u.a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 376 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Kniegelenksarthrose
Studiendauer: 6 Monate + Nachfolgeuntersuchung nach 2 Jahren
Fragestellung: Ist die Behandlung von Kniegelenksarthrose durch die Injektion von autolog konditioniertem Serum (Orthokin) wirksamer als die Injektion von Hyaluronan oder Salzlösung?
Mögliche Interessenskonflikte: Ein Autor hatte von der Herstellerfirma (Orthogen AG, Düsseldorf) vor Studienbeginn ein Beratungshonorar erhalten.

Titel: „Autologous conditioned serum (Orthokine) is an effective treatment for knee osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. 2009 Feb;17(2):152-60. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Yang u.a. (2008)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 182 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Kniegelenksarthrose
Studiendauer: 12 Monate
Fragestellung: Ist die Behandlung von Kniegelenksarthrose durch die Injektion von autolog konditioniertem Serum (Orthokin) wirksamer als die Injektion von Kochsalzlösung?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Autologous interleukin-1 receptor antagonist improves function and symptoms in osteoarthritis when compared to placebo in a prospective randomized controlled trial“. Osteoarthritis Cartilage. 2008 Apr;16(4):498-505. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Scott D, Kowalczyk A. Osteoarthritis of the knee. Clin Evid (Online). 2007 Sep 1;2007. pii: 1121. (Übersichtsarbeit im Volltext)