Neuro-Socks: Wirksamkeit weder glaubhaft noch bewiesen

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2020
Sind herkömmliche Socken nicht gut genug?
Socken, die Schmerzen lindern und Stabilität und Balance fördern? Derartige Behauptungen rund um die „Neuro-Socks“ sind wissenschaftlich weder belegt noch plausibel.
Frage:
Können Neuro-Socks Schmerzen lindern oder Gleichgewicht und Stabilität verbessern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise auf eine solche Wirkung.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Ob Schmerzen im Fuß, im Rücken oder in den Muskeln – angeblich reicht das richtige Paar Socken, und schon gehen die Beschwerden merklich zurück.

Das behauptet zumindest die Firma Voxxlife über ihr Produkt „Neuro-Socks“. Und nicht nur das: Die Neuro-Socks sollen auch für mehr Kraft, Stabilität, Balance und generelles Wohlbefinden sorgen.

Sockenmuster als Erklärung

Wie das funktionieren soll, verrät Voxxlife jedoch nicht. Auf den Webseiten von Neuro-Socks und Voxxlife haben wir nur ansatzweise Erklärungsversuche gefunden. Dennoch behauptet die Herstellerfirma der Neuro-Socks, in ihrem Produkt würden 45 Jahre wissenschaftlicher Forschungsarbeit stecken.

Demnach soll ein in die Socken gewebtes Muster empfindliche Punkte auf der Fußsohle durch Berührungsreize anregen. Über Nervenbahnen werden diese Reize angeblich zum Gehirn weitergeleitet. Dort entfalten sie vermeintlich die behaupteten Wirkungen.

Zwei unserer Leser haben uns kontaktiert und wollten wissen, wie wir die aktuelle Studienlage zum Thema einschätzen.

Studien nur auf Herstellerseite

Also haben wir nach entsprechenden wissenschaftlichen Studien gesucht. In drei internationalen Forschungsdatenbanken konnten wir trotz umfangreicher Suche keine Studien finden, die in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Wie die Neuro-Socks durch Berührungsreize auf der Fußsohle Schmerzen lindern oder Stabilität und Kraft fördern sollen, war für uns auf dem üblichen Rechercheweg also nicht nachvollziehbar.

Darüber hinaus sind auf der Webseite von Voxxlife drei Studien [1,2] angeführt. Diese sollen offenbar die Wirksamkeit der Neuro-Socks belegen.

Laut dieser Studien konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Tragen der Neuro-Socks höher und schneller springen, sie hatten angeblich beim Stehen ein besseres Gleichgewicht und weniger Diabetes-Schmerzen im Fuß – anders als beim Tragen von gewöhnlichen Socken.

Beim genaueren Hinsehen wird aus unserer Sicht jedoch schnell klar, dass diese Studien keinerlei Aussagekraft besitzen. Denn ob sie sauber durchgeführt wurden, lässt sich nicht nachvollziehen – dazu fehlen zu viele Informationen.

Außerdem kann bereits die Erwartung einer positiven Wirkung zu übertrieben positiven Ergebnissen geführt haben. In der Fachsprache heißt das Placebo-Effekt. Dieser Effekt lässt sich vermeiden, wenn die Teilnehmenden nicht wissen, ob sie gerade Neuro-Socks oder gewöhnliche Socken tragen. Das war in den von Voxxlife angeführten Studien offenbar nicht der Fall.

Begutachtung durch unabhängige Außenstehende fehlt

Eine unabhängige Überprüfung durch andere Forscherinnen und Forscher gab es offenbar nicht. Dieser kritische und öffentlich dargelegte Gegencheck ist aber ein aufwändiges Verfahren in der Wissenschaft, um die Qualität von veröffentlichten Studien möglichst hoch zu halten. Dieser so genannte „Peer Review“ wird durch Gutachterinnen und Gutachter mit entsprechender Fachexpertise durchgeführt.

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Die Studien im Detail

Die einzigen Untersuchungen, die wir zu Neuro-Socks finden konnten, hat die Herstellerfirma Vioxxlife auf ihrer Webseite veröffentlicht [1-3].

Die Studien haben verschiedene Auswirkungen der Neuro-Socks auf ihre Trägerinnen und Träger untersucht und zwar im Vergleich zu herkömmlichen Socken.

In einer dieser Studien wurden mittels EEG (Elektroenzephalogramm) nur die Hirnwellen der Sockenträgerinnen und -träger gemessen. Ein Rückschluss auf die Gesundheit ist daraus nicht möglich.

Die übrigen drei Studien haben die Auswirkung auf Diabetes-bedingte Fußschmerzen [2], auf Schnelligkeit und Kraft beim Springen [1] und auf das Gleichgewicht beim Stehen [1] untersucht.

Die ideale Studie

Um die behaupteten Wirkungen der Neuro-Socks beweisen zu können, müsste eine Studie so aussehen:

  • Eine große Anzahl an Personen wird nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugelost. Eine Gruppe trägt Neuro-Socks, die andere zieht herkömmliche Socken an. Die streng zufällige Zuteilung stellt sicher, dass sich die beiden Gruppen zu Beginn in wichtigen Merkmalen wie Gesundheitszustand, sportliche Fitness, Alter oder Geschlecht ähnlich sind. Nur so ist ein Vergleich der Endergebnisse sinnvoll.
  • Wer welche Socken zugelost bekommt, bleibt bis zum Ende der Studie geheim; die Studie ist also „verblindet“. Deswegen müssen Aussehen und Tragegefühl der beiden Sockenarten weitgehend gleich sein. Denn schon die Erwartung einer positiven Wirkung kann schmerzlindernd wirken oder Kraft, Schnelligkeit und das Gleichgewicht fördern.
  • Am Ende der Studie wird das Geheimnis um die Gruppenzuteilung gelüftet. Die Messwerte der beiden Sockengruppen werden verglichen. Gibt es einen Unterschied? Wenn ja: Ist dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dem Zufall geschuldet? Dann ist der Wirknachweis gelungen.

In der Fachsprache wird eine solche Untersuchung randomisiert-kontrollierte Studie genannt. Randomisiert bedeutet „per Zufall zugeteilt“. Kontrolliert besagt, dass zwecks Vergleich auch herkömmliche Socken untersucht werden, für die kein spezieller Effekt erwartet wird.

Grobe Mängel und Lücken bei allen Studien

Die drei Studien [1-3] auf der Hersteller-Webseite erfüllen diese wesentlichen Voraussetzungen nicht. Die Zuteilung zu den Gruppen erfolgte nicht nach dem Zufallsprinzip.

Vielleicht haben sich daher die beiden Gruppen in wesentlichen Merkmalen unterschieden. Beispielsweise könnte es sein, dass in der Studie zur Sprungkraft die Neuro-Socks-Gruppe von Beginn an sportlich fitter war als die Kontrollgruppe. Informationen darüber, wie solch wichtige Merkmale zwischen den Gruppen verteilt waren, finden sich in keiner der Studien.

Auch die Verblindung fehlte in allen Studien. Daher ist es etwa möglich, dass die Neuro-Socks-Gruppe in der Sprung-Studie unter anderem deshalb besser abschnitt, weil sie mehr Zuversicht in ihre Sprungkraft hatte.

Sprungkraft-Studie

An der Studie zur Sprungkraft [1] nahmen 30 Sportlerinnen und Sportler teil. Für eine aussagekräftige Studie sind das deutlich zu wenig Personen.

20 Teilnehmende trugen „Voxx Performance Socks“. 10 weitere hatten Socken mit der Bezeichnung „New Balance“ ohne eingewebtes Muster. Für eine faire Beurteilung sollte die Kontrollgruppe jedoch so groß sein wie die Neuro-Socks-Gruppe.

Das Studienpersonal erhob, wie kräftig und schnell die Teilnehmenden aus der Hocke hochspringen konnten. Die Auswertung ist jedoch lückenhaft und erlaubt keine Schlüsse. Denn die Messergebnisse der beiden Gruppen wurden nicht statistisch miteinander verglichen.

Alles in allem hat diese Studie keine Aussagekraft.

Studie zu Balance und Stabilität

Für die Messung ihrer Balance beim Stehen hielten sich 69 Personen ein Smartphone an die Brust. Das Gerät registrierte mit Hilfe einer speziellen Software das Ausmaß des Hin- und Herschwankens.

Ob die Teilnehmenden in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, oder jede Person beide Sockenarten nacheinander trug, ist nicht erklärt. Unklar ist auch, ob es sich um Personen handelte, die an Schwindel oder Gleichgewichtsproblemen litten.

Laut Studienteam schwankte die Neuro-Socks-Gruppe weniger hin und her als die Gruppe mit herkömmlichen Socken. Da wesentliche Informationen zum Ablauf der Studie fehlen, ist auch dieses Ergebnis weder nachvollziehbar noch vertrauenswürdig.

Schmerz-Studie

An der Studie zur angeblich schmerzstillenden Wirkung [2] nahmen 1000 Diabeteskranke mit nervenbedingten Fußschmerzen teil – eine durchaus aussagekräftige Anzahl von Probandinnen und Probanden. Doch auch hier haben wir aufgrund zahlreicher grober Mängel starke Zweifel an der Aussagekraft. Denn die Studie ist nur lückenhaft beschrieben.

Unklar ist etwa, ob die Teilnehmenden in zwei Gruppen aufgeteilt wurden oder ob sie zuerst die Neuro-Socks, danach herkömmliche Socken trugen. In der Studie steht nur, dass die Teilnehmenden die Neuro-Socks eine Woche lang tragen und das Ausmaß ihrer Schmerzen auf einer 10-Punkte-Skala beurteilen sollten. Ob sie die Schmerzen einmal oder mehrmals in dieser Woche beurteilten und ob das zu festgesetzten Zeitpunkten passierte, ist nicht beschrieben.

Am Ende will die verantwortliche Forschungsgruppe festgestellt haben, dass die Schmerzen mit den Neuro-Socks deutlich geringer waren als mit herkömmlichen Socken. Da wird dies nicht nachvollziehen können, können wir auch hier kein Urteil fällen.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Dhaliwal & Henson
Dhaliwal MS, Henson D, EFFECT OF A DERMATOME NEUROPOINT ACTIVATING SOCKS ON OVERALL BALANCE AND STABILITY USING THE SWAY MEDICAL APPLICATION. Abgerufen am 7.5.2020 unter www.voxxlife.com

[2] Taylor & Devos
Taylor S, Devos J. EFFECT OF A DERMATOME NEUROPOINT ACTIVATING SOCKS ON PAINFUL DIABETIC NEUROPATHY PAIN IN FEET. Abgerufen am 7.5.2020 unter www.voxxlife.com

[3] Thatcher u.a.
Thatcher RW, DeBrincat M, North DM, Dhaliwal J. Effects of foot stimulation on the human electroencephalogram. Abgerufen am 7.5.2020 unter www.voxxlife.com