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Neue „Pille“: tatsächlich besser?

Verhütungspille

Verhütungspille

Eine neue Antibabypille mit „natürlichem Östrogen“ soll viele Vorteile gegenüber älteren Präparaten haben, schreiben Krone und Kleine Zeitung. Die Behauptung, sie hätte weniger Nebenwirkungen als andere Pillen, lässt sich wissenschaftlich allerdings nicht belegen.

 

Zeitungsartikel: Neu: „Verhütungspille“ mit natürlichem Östrogen (20. 5. 2012, Krone (Sonntagsbeilage) S. 77)
Neue „Pille“ mit natürlichem Östrogen (11. 5. 2012, Kleine Zeitung)
Frage:Hat eine neu zugelassene Verhütungspille mit der Wirkstoffkombination Nomegestrol-Acetat und 17ß-Östradiol weniger unerwünschte Nebenwirkungen als andere Antibabypillen?
Antwort:Im Vergleich zu zwei anderen in Apotheken erhältlichen Antibabypillen treten bei der neu zugelassenen Pille Nebenwirkungen wie Akne, Gewichtszunahme oder Kopfweh gleich oft oder sogar häufiger auf. Auch wenn manche Blutwerte etwas günstiger sind, ist unklar, ob das bei Antibabypillen allgemein leicht erhöhte Thrombose-Risiko bei dem neuen Präparat tatsächlich niedriger ist.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür KEIN günstigeres Nebenwirkungsprofil

Die „Pille“ zählt einer Umfrage zufolge in Österreich zu den beliebtesten Verhütungsmitteln, mehr als ein Viertel aller Frauen verwendet sie regelmäßig. Eine neue Antibabypille mit der Wirkstoffkombination Östradiol und Nomegestrol-Acetat (NOMAC), die im Jahr 2011 in Europa zugelassen wurde [5], soll Berichten in Krone und Kleiner Zeitung zufolge zahlreiche Vorteile, wie beispielsweise weniger Nebenwirkungen im Vergleich mit anderen Präparaten, aufweisen. Betont wird vor allem, dass in der neuen Verhütungspille das natürlich auch im Körper vorkommende Östradiol statt eines künstlichen Hormons zur Anwendung kommt.

Wie eine Antibabypille funktioniert

Bei Antibabypillen handelt es sich gewöhnlicherweise um sogenannte Kombinationspillen, die ein Östrogen sowie ein Gestagen – zwei unterschiedliche Arten weiblicher Geschlechtshormone – beinhalten. Beim Östrogen handelt es sich in den meisten Fällen um das synthetische Ethinyl-Östradiol, welches ähnlich wirkt wie das natürlich im Körper vorkommende Östradiol. Als Gestagen-Komponente kommen je nach Präparat verschiedene synthetische Stoffe zum Einsatz, die die Wirkung des natürlich vorkommenden Hormons Progesteron nachahmen.

Die beiden in der Pille enthaltenen Hormone unterbinden die Reifung einer neuen Eizelle und verhindern einen neuen Eisprung. Zusätzlich bewirkt das Gestagen, dass sich eine eventuell befruchtete Eizelle nicht mehr in der Gebärmutter einnisten kann. Auch das Vordringen von Spermien in die Gebärmutter wird durch eine Verdickung des Schleimpropfens am Gebärmuttereingang erschwert.

Eine regelmäßige Einnahme vorausgesetzt, gewährt die Pille Untersuchungen zufolge eine relativ hohe Sicherheit vor Schwangerschaft, unter 1000 Frauen kommt es dabei zu nur durchschnittlich 3 Schwangerschaften pro Jahr [6]. Realistischerweise beträgt die Schwangerschaftsrate allerdings etwa 80 von 1000 Frauen im ersten Jahr der Anwendung, hauptsächlich aufgrund der vergessenen Einnahme einzelner Pillen.

Die neue Pille: Nebenwirkungen und Schutzwirkung

Die neuzugelassene Östradiol-NOMAC-Pille soll weniger Nebenwirkungen aufweisen als ähnliche hormonelle Verhütungspräparate. Im Vergleich mit einer häufig verschriebenen Antibabypille zeigt sich in zwei großen klinischen Studien [1, 2] sowie zwei weiteren, kleineren Untersuchungen [3, 4] allerdings kein solcher Vorteil.

Häufig auftretende Nebenwirkungen, über die mehr als 5 von 100 Anwenderinnen berichteten, waren Akne, Kopfschmerzen, leichte Gewichtszunahme oder Unregelmäßigkeit der Monatsblutungen. Vorhandene Akne verbesserte sich zwar meist sowohl bei der neuen Pille wie auch beim Vergleichspräparat, allerdings zeigte sich das neue Präparat dabei weit weniger effektiv, und es kam auch häufiger zu neu auftretender Akne. Auch in punkto leichte Gewichtszunahme oder der Auftretenswahrscheinlichkeit von Kopfschmerzen unterschied sich das Östradiol-NOMAC-Präparat entweder nicht von der Vergleichspille, oder zeigte sogar eine etwas erhöhte Gewichtszunahme (um 1kg verglichen mit durchschnittlich 0,2 kg mehr in der Vergleichsgruppe).

Deutlich erhöht war die Wahrscheinlichkeit für unregelmäßige Blutungen bei der Östradiol-NOMAC-Pille. Die Monatsblutungen waren deutlich kürzer und blieben häufiger gänzlich aus. Dies mag von manchen Frauen erwünscht sein, könnte möglicherweise aber auch zu Verunsicherung über eine möglicherweise eingetretene Schwangerschaft führen.

Die Schwangerschaftsrate erschien in beiden Studien etwas niedriger als in der Vergleichsgruppe, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass diese geringere Schwangerschafts-Häufigkeit nur durch Zufall bedingt ist. In der ersten Studie [1] wurden bei korrekter Anwendung in einem Jahr etwa 4 von 1000 Frauen unter 35 schwanger, in der zweiten Studie [2] waren es 13 von 1000 Teilnehmerinnen.

Thrombose-Risiko des neuen Präparats nicht einschätzbar

Seit langem bekannt ist, dass die Einnahme von Antibabypillen mit einem etwas erhöhten Risiko für Blutgerinnsel in den Venen einhergeht. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher Venen-Thrombosen genannten Gerinnsel ist allerdings weit geringer als in der Anfangszeit der Pille vor mehreren Jahrzehnten, da damals die beinhalteten Hormone viel höher dosiert waren. Schätzungsweise treten sie bei 1 von 4000 Jugendlichen auf, während das Risiko ab 40 Jahren auf etwa 1 von 1000 Fällen ansteigt [7].

Auch das Risiko für andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall ist im Vergleich zu Frauen, die die Pille nicht nehmen, etwas erhöht. Allerdings sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in dieser Altersgruppe generell sehr selten, sodass das Risiko für Komplikationen durch eine ungewollte Schwangerschaft als höher eingeschätzt wird. Dies gilt jedoch nur für Nichtraucherinnen, denn besonders bei älteren rauchenden Frauen erhöht die Einnahme der Pille dieses Risiko deutlich [7].

Wie groß das Risiko für Thrombosen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei der Östradiol-NOMAC-Pille ist, lässt sich zur Zeit nicht einschätzen. In zwei Studien [3, 4] wurden zwar Blutwerte gefunden, die möglicherweise auf ein solches verringertes Risiko im Vergleich zu anderen Verhütungspillen hinweisen, die Aussagekraft solcher Blutwerte ist allerdings wissenschaftlich umstritten. Um das Risiko klar einschätzen zu können, bedarf es großer Studien, in denen statt Blutwerten die tatsächlich aufgetretene Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht wird.

Schlussfolgerung

Auch wenn in beiden Zeitungsartikeln die Vorteile der neuen Pille nur vorsichtig erwähnt werden, gibt es keine wissenschaftlichen Fakten, die auf weniger Nebenwirkungen, eine geringere Belastung für die Leber oder ein verringertes Thromboserisiko hindeuten. Auch dass die Verwendung von natürlichem Östradiol als Östrogen-Hormon anstelle von sonst üblichem Ethinyl-Östradiol signifikante Vorteile mit sich bringt, lässt sich anhand der Studiendaten nicht beweisen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Mansour u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 2152 gesunde Frauen zwischen 18 und 50 Jahren
Studiendauer: 364 Tage (13 Zyklen)
Fragestellung: Wirksamkeit und Toleranz/Nebenwirkungen einer Antibabypille mit Nomegestrol Acetat und 17ß-Estradiol (NOMAC/E2) im Vergleich zu einer Pille mit Drospirenon (3mg) und Ethinyl-Estradiol (30µg)

Titel: “Efficacy and tolerability of a monophasic combined oral contraceptive containing nomegestrol acetate and 17ß-oestradiol in a 24/4 regimen, in comparison to an oral contraceptive containing ethinylestradiol and drospirenone in a 21/7 regimen. Eur J Contracept Reprod Health Care. 2011Dec;16(6):430-43. (Studie im Volltext)

[2] Westhoff u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 2281 gesunde Frauen zwischen 18 und 50 Jahren
Studiendauer: 364 Tage (13 Zyklen)
Fragestellung: Wirksamkeit und Toleranz/Nebenwirkungen einer Antibabypille mit Nomegestrol Acetat und 17ß-Estradiol (NOMAC/E2) im Vergleich zu einer Pille mit Drospirenon (3mg) und Ethinyl-Estradiol (30µg)

Titel: “Efficacy, safety, and tolerability of a monophasic oral contraceptive containing nomegestrol acetate and 17ß-estradiol: a randomized controlled trial”. Obstet Gynecol. 2012 May;119(5):989-99. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Gaussem u.a. 2011
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 90 gesunde Frauen zwischen 18 und 38 Jahren
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Wie beeinflusst eine Antibabypille mit Nomegestrol Acetat und 17ß-Estradiol (NOMAC/E2) das Blutbild im Vergleich zur Einnahme einer Antibabypille mit Levonorgestrel und Ethinylestradiol (EE)?

Titel: Haemostatic effects of a new combined oral contraceptive, nomegestrol acetate/17ß-estradiol, compared with those of levonorgestrel/ethinyl estradiol. A double-blind, randomised study. Thromb Haemost. 2011Mar;105(3):560-7. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Ågren u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 121 gesunde Frauen zwischen 18 und 50 Jahren
Studiendauer: 6 Monate
Fragestellung: Wie beeinflusst eine Antibabypille mit Nomegestrol Acetat und 17ß-Estradiol (NOMAC/E2) das Blutbild im Vergleich zur Einnahme einer Antibabypille mit Levonorgestrel und Ethinylestradiol (EE)?

Titel: “Effects of a monophasic combined oral contraceptive containing nomegestrol acetate and 17ß-oestradiol compared with one containing levonorgestrel and ethinylestradiol on haemostasis, lipids and carbohydrate metabolism”. Eur J Contracept Reprod Health Care. 2011 Dec;16(6):444-57. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] European Medicines Agency (2011). Öffentliche Produktinformationen der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zu zwei wirkstoffgleichen Produkten
http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/medicines/human/medicines/001213/human_med_001452.jsp&mid=WC0b01ac058001d124

http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/medicines/human/medicines/002068/human_med_001453.jsp&mid=WC0b01ac058001d124

[6] Trussell J (2007). Contraceptive efficacy. In Hatcher RA, Trussell J, Nelson AL, Cates W, Stewart FH, Kowal D. Contraceptive Technology: Nineteenth Revised Edition. New York NY: Ardent Media. (Tabelle zum Vergleich der Effektivität verschiedener Verhütungsmethoden)

[7] Martin K A, Douglas P S (2012). Risks and side effects associated with estrogen-progestin contraceptives. In Martin K A (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 10. 5. 2012