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Muskelschwund im Alter – hilft Nahrungsergänzung?

Damit Stufen nicht zur Hürde werden: Hilft Nahrungsergänzung gegen Muskelschwund im Alter?

Damit Stufen nicht zur Hürde werden: Hilft Nahrungsergänzung gegen Muskelschwund im Alter?

Gegen schwindende Muskelmasse im Alter sollen Nahrungsergänzungsmittel mit Aminosäuren und Proteinen helfen. Doch die wissenschaftliche Basis dafür fehlt.

Frage:Helfen Nahrungsergänzungsmittel mit Aminosäuren und Proteinen gegen Muskelschwund im Alter (Sarkopenie)?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass die Einnahme von Aminosäuren Menschen mit Sarkopenie helfen kann. Es braucht jedoch mehr gut gemachte Studien. Nur so ist verlässlich einzuschätzen, ob der vermeintliche Effekt tatsächlich existiert, wie groß er ist und wie es um ideale Dosis, optimale Einnahmedauer und mögliche Nebenwirkungen steht.

Ungefähr ab dem 50. Geburtstag beginnen die meisten Menschen langsam Muskelmasse abzubauen. Auch wenn diese Veränderung unliebsam sein mag: In einem gewissen Rahmen gehört sie schlicht zum normalen Alterungsprozesses [1].

Der fortschreitende Muskelschwund im Alter ist unterschiedlich stark. Bei manchen Personen ist der Verlust von Muskelmasse und Kraft ist so groß, dass die Betroffenen im Alltag deutliche Einschränkungen spüren. Dann gilt der Muskelabbau als krankhaft und wird Sarkopenie genannt [5].

Mit den Muskeln schwindet die Selbständigkeit

Bei Menschen mit Sarkopenie „funktioniert“ der Körper nicht mehr so recht. Das Aufstehen aus dem Sitzen fällt schwerer, das Stiegensteigen geht langsamer. Die zurückgelegten Distanzen werden kürzer, und das beherzte Zugreifen gelingt immer schlechter [5].

Das Sturz-Risiko steigt, während die Lebensqualität und die Selbständigkeit sinken. Leider ist bei Sarkopenie-Patienten auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, vorzeitig zu sterben [1].

Abhilfe für ein weit verbreitetes Leiden?

Bei Menschen über 65 ist etwa jeder Zehnte betroffen; bei Personen über 80 ist es sogar jeder Zweite. Auch unter Pflegeheimbewohnern und Spitalspatienten ist die Sarkopenie häufig. Kurz gesagt: Sarkopenie ist ein maßgebliches Problem in unserer alternden Gesellschaft [1].

Was kann man also dagegen tun? Zugelassene Medikamente gegen die Sarkopenie gibt es keine. Um dem Muskelschwund im Alter entgegenzuwirken, wird oft Krafttraining empfohlen. Dessen positive Wirkung gilt als gut abgesichert [4].

Abhilfe aus dem Drogeriemarkt?

Aber auch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel mit Aminosäuren und Proteinen sollen vorbeugend wirken oder sogar Abhilfe bei einer bereits bestehenden Sarkopenie schaffen.

Wir haben recherchiert, wie der aktuelle Wissensstand dazu ist und haben nach gut gemachten Studien gesucht. Dadurch wollten wir mehr erfahren über den möglichen Nutzen und eventuellen Schaden von Nahrungsergänzungsmitteln mit Proteinen oder Aminosäuren.

Wir wollten auch wissen, ob es verlässliche Empfehlungen zu Dosis und Einnahmedauer gibt. Und wir haben uns gefragt: Gibt es vielleicht bestimmte Patientengruppen die mehr profitieren als andere? Da die Sarkopenie als definiertes Krankheitsbild offiziell erst seit kurzem existiert, mussten wir davon ausgehen, dass sich auch die Forschung rund um das Thema noch im Anfangsstadium befindet.

Keine Grundlage für Empfehlungen

Dies haben unsere Nachforschungen ergeben [1-3]:

  • Zu Protein-Nahrungsergänzungsmitteln ist die Studienlage so widersprüchlich, dass wir keine Tendenzen erkennen oder gar klare Aussagen treffen können.
  • Bei Aminosäure-Präparaten gibt es gewisse vorsichtige Hinweise über eine mögliche Wirksamkeit. Der Effekt – so es ihn überhaupt gibt – dürfte jedenfalls nicht sonderlich groß sein. Die bisher veröffentlichen Studien lassen leider keine konkreten Schlüsse zu, zum Beispiel weil nur wenige Probanden untersucht wurden oder die Laufzeit zu kurz war.
  • Möglicherweise ist es sinnvoll, zusätzlich zum Krafttraining Aminosäure-Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Vielleicht verstärkt sich dadurch der Kräftigungseffekt. Allerdings ist auch dieses Szenario kaum untersucht.
  • Wir wissen nicht, ob Präparate zur Nahrungsergänzung mit Aminosäuren und Proteinen den Ausbruch einer Sarkopenie verhindern oder deutlich verzögern können.
  • Außerdem können wir nicht sagen, ob diese frei erhältlichen Mittel eventuell einen spürbaren positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen.
  • Auch über mögliche Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen haben wir keine fundierten Informationen.

Unser Fazit: Alles in allem können wir keine klare Einschätzung zur Wirksamkeit und Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln mit Aminosäuren oder Proteinen für Sarkopeniepatienten machen.

Aufgaben für die Forschung

Gegen Sarkopenie gibt es keine Medikamente; viele Menschen sind davon betroffen. Daher erscheint es wichtig zu klären, was den Muskelschwund im Alter generell verhindern, stoppen oder zumindest verlangsamen kann. Offenbar fördern neben etlichen Faktoren auch Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und Gewichtsverlust, wie sie im Alter typischerweise vorkommen, die Entwicklung einer Sarkopenie

Künftige Studien sollten zum Beispiel ausreichend viele Probanden über einen angemessenen Zeitraum beobachten. Es wäre wichtig, nicht nur Muskelmasse und Muskelkraft (bzw. deren Veränderungen im Laufe der Zeit) zu messen. Für die Betroffenen spielt eine wesentliche Rolle, ob sie ihren Alltag länger selbständig meistern können, seltener stürzen und sich verletzen.

 

Die Studien im Detail

In den letzten Jahren sind drei solide Übersichtsarbeiten entstanden, die wir als Basis für unsere Einschätzung herangezogen haben:

In einer systematischen Übersichtsarbeit [2] samt Metaanalyse von 16 Studien mit 999 Teilnehmern beleuchteten Forscher von der Universität Wien mögliche Effekte der essentiellen Aminosäure Leucin u.a. auf die Muskelkraft von älteren Menschen. Die Autoren nahmen sehr vorsichtig an, dass sich Leucin als Nahrungsergänzungsmittel möglicherweise günstig auswirkt – indem sich vielleicht Körpergewicht und Muskelmasse der Sarkopenie-Patienten steigern. Allerdings halten die Autoren ihre Ergebnisse nicht für sonderlich belastbar und empfehlen weitere Studien, in denen etwa die ideale Dosis und Einnahmedauer erforscht werden sollen.

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit samt Metaanalyse [3] wertete 15 Studien mit insgesamt 917 Teilnehmern (Durchschnittsalter 77,4 Jahre) aus. Die Autoren berichteten u.a. von einer gut gemachten Studie mit älteren Sarkopenie-Patienten: Eine Gruppe trieb Sport zur Muskelkräftigung und nahm zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel mit Proteinen und Aminosäuren ein. Die andere Gruppe machte dasselbe Krafttraining, verzichtete aber auf die Ergänzungsmittel. Ob Sarkopeniepatienten von Nahrungsergänzungsmitteln erheblich profitieren können, mussten die Autoren aufgrund fehlender Datenbasis offen lassen.

In einer dritten Übersichtsarbeit [1] deutet sich ebenfalls zart an, dass Sarkopeniepatienten von Nahrungsergänzung mit essentiellen Aminosäuren (z. B. Leucin) und der Buttersäure HMB profitieren könnten. Vielleicht gibt es positive Effekte auf die Muskelmasse und die Muskelfunktion. Allerdings kommentieren die Autoren ihre eigenen Ergebnisse durchaus kritisch. Sie geben zu bedenken, dass die ihren Berechnungen zugrunde liegenden Studien eher klein und unterschiedlich sind. Dies erschwert den Vergleich der Ergebnisse, um letztlich Empfehlungen abgeben zu können.

[Zuletzt aktualisiert am 16. 11. 2017, ursprünglich veröffentlicht am 27. 9. 2011]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cruz-Jentoft u.a. 2015
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 12 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: Erwachsene über 50, selbständig lebend oder in Pflegeinstitutionen
Vergleich: Sarkopeniepatienten, die keine Nahrungsergänzungsmittel erhalten
Fragestellung: Profitieren Sarkopeniepatienten von der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (Proteine, Aminosäuren, Hydroxymethyl-Buttersäure, Fettsäuren)?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Cruz-Jentoft, A. J., F. Landi, et al. 2014. ‚Prevalence of and interventions for sarcopenia in ageing adults: a systematic review. Report of the International Sarcopenia Initiative (EWGSOP and IWGS)‘ Age Ageing, 43: 748-59. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Komar u.a. 2015
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: randomisiert-kontrollierte Studien, Crossover-Studien
Teilnehmer: u.a. Sarkopeniepatienten, die Proteine oder Aminosäuren (in Form von Ricottakäse oder Ergänzungsmitteln) einnahmen
Fragestellung: Profitieren ältere Menschen von Nahrungsergänzungsmitteln mit Leucin?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Komar, B., L. Schwingshackl, and G. Hoffmann. 2015. ‚Effects of leucine-rich protein supplements on anthropometric parameter and muscle strength in the elderly: a systematic review and meta-analysis‘ J Nutr Health Aging, 19: 437-46. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Thomas u.a. 2016

Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 15
Teilnehmer: ingesamt 917 Teilnehmer (gesund, gebrechlich oder mit Sarkopenie)
Vergleich: u.a. Sarkopeniepatienten, die nur Sport treiben, aber keine Nahrungsergänzungsmittel erhalten
Fragestellung: Können ältere Menschen die positiven Effekte des Krafttrainings durch Nahrungsergänzungsmittel steigern?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Thomas, D. K., M. A. Quinn, D. H. Saunders, and C. A. Greig. 2016. ‚Protein Supplementation Does Not Significantly Augment the Effects of Resistance Exercise Training in Older Adults: A Systematic Review‘ J Am Med Dir Assoc, 17: 959 e1-9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Liu u.a. (2009)
Liu, C. J., and N. K. Latham. 2009. ‚Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults‘ Cochrane Database Syst Rev: CD002759. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Morley u.a. (2014)
Morley, J. E., S. D. Anker, and S. von Haehling. 2014. ‚Prevalence, incidence, and clinical impact of sarcopenia: facts, numbers, and epidemiology-update 2014‘ J Cachexia Sarcopenia Muscle, 5: 253-9. (Zusammenfassung)