Musiktherapie bei Parkinson: heilsamer Rhythmus?

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 4. August 2020
Musik sorgt für gute Laune. Sorgt sie auch für gute Beweglichkeit bei Parkinson?
Menschen mit Parkinson haben Schwierigkeiten bei Bewegungsabläufen. Durch rhythmische Musiktherapie könnte sich das Gehen ein bisschen verbessern.
Frage:
Ist Musiktherapie mit rhythmischem Training hilfreich für Parkinson-Betroffene, die Probleme beim Gehen haben?
möglicherweise ein bisschen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Musiktherapie mit rhythmischem Training könnte Parkinson-Erkrankten dabei helfen, ein bisschen schneller und sicherer zu gehen. Der Effekt dürfte allerdings nicht sehr groß sein.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, sagte Friedrich Nietzsche. Musik ist Teil jeder Kultur. Schon in grauer Vorzeit sangen die Menschen und spielten auf Instrumenten.

Musik dient jedoch bis heute keineswegs bloß der Unterhaltung. In der Musiktherapie sind die harmonisch-rhythmischen Weisen eine Art „Medikament“ für Körper, Geist und Seele. Musik soll also die Gesundheit erhalten, fördern oder wiederherstellen.

Bewegung außer Kontrolle

Gezielt eingesetzt wird Musik zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit der Parkinson-Krankheit. Diese Personen haben eine unheilbare Erkrankung des Gehirns.

Neben dem typischen Zittern der Hände haben sie Schwierigkeiten bei Bewegungsabläufen, die für Gesunde ganz selbstverständlich scheinen. Die Bewegungen werden langsamer, die Schritte zögerlicher, und alltägliche Handgriffe werden zunehmend mühsamer [2].

Betroffenen fällt es oft schwer, eine Bewegung in Gang zu setzen. Beim Losgehen ist es etwa, als würden die Füße am Boden „kleben“ bleiben.

Um die Beschwerden zu lindern, wird mitunter Musiktherapie als Zusatzbehandlung eingesetzt. Doch kann diese auch wirklich helfen?

Rhythmisches Gehtraining: Eventuell kleine Verbesserung

Es gibt viele Formen von Musiktherapie. Manche setzen auf das Spielen von Instrumenten, andere auf das Hören von Musik oder auf Singen.

Am besten untersucht sind Gehtrainings, bei denen rhythmische Musik oder das Ticken eines Metronoms als Taktgeber dient. Nur für diese Methode der Musiktherapie fanden wir eine Übersichtsarbeit [1], die die gesamte Studienlage zusammenfassend analysiert hat.

Sie deutet darauf hin, dass rhythmisches Training die Gehgeschwindigkeit geringfügig erhöhen könnte. Auch die Schritte werden möglicherweise ein bisschen größer.

Der durchschnittliche Effekt scheint jedoch nicht besonders groß zu sein:

  • Ohne rhythmisches Training gingen die Teilnehmenden rund 56,5 Meter pro Minute
  • Mit rhythmischem Training gingen die Teilnehmenden rund 60 Meter pro Minute

Die Probandinnen und Probanden legten nach dem Training also rund 3,5 Meter mehr pro Minute zurück [1].

Vieles ungeklärt

Die Aussagekraft der Studien ist jedoch eingeschränkt. Zudem ist unklar, wie häufig und wie lange die Trainings stattfinden sollen. In den Studien wurde das rhythmische Gehtraining 1 bis 3 Mal pro Woche angeboten und dauerte zwischen 3 und 13 Wochen. Wie lange die Verbesserungen anhalten, ist ebenfalls offen.

Manche Studien haben auch andere Bewegungsabläufe untersucht – etwa wie lange es braucht, sich beim Gehen umzudrehen [1]. Die Aussagekraft dieser Studien ist aber zu gering, um hier eine Wirksamkeit von rhythmischer Musiktherapie zu belegen.

Ebenfalls nicht beantworten können wir anhand der Studienergebnisse, ob sich andere Probleme bessern, etwa:

  • das Zittern der Hände
  • das zögerliche Beginnen einer Bewegung (also beispielsweise ohne Verzögerung loszugehen)
  • die Lebenszufriedenheit im Alltag
  • Muskelsteife
  • Depression

Theoretisch möglich sind auch negative Folgen des Gehtrainings, beispielsweise eine höhere Verletzungsgefahr durch Stürze als im Alltag. Diese und andere eventuell mögliche Folgen werden in den Studien zu rhythmischen Gehtrainings jedoch nicht angesprochen.

Symphonie der Anwendungen

Neben Gehtrainings wird Musik auch auf andere Weise bei Parkinson eingesetzt – beispielsweise in Form von Tanz-Therapie. Wir haben dazu bereits einen Beitrag veröffentlicht.

Parkinson ist nicht die einzige Krankheit, bei der Musiktherapie eingesetzt wird. Angewendet wird sie beispielsweise auch bei anderen Erkrankungen, bei denen das Gehirn betroffen ist.

Dass Musiktherapie nach Schlaganfällen zu helfen scheint, haben wir bereits beschrieben (siehe Schlaganfall: Musiktherapie zur Rehabilitation) Ob sie auch nach einer schweren Hirnschädigung durch einen Unfall Besserung bringt, ist hingegen nur unzureichend erforscht (siehe Musiktherapie nach schweren Kopfverletzungen).

Töne, Melodien und Rhythmen sollen auch bei anderen Erkrankungen zu einem gesteigerten Wohlbefinden bzw. einer Verbesserung der Krankheitszeichen beitragen. Zum Einsatz kommen sie etwa bei Personen mit Demenz, Schizophrenie oder mit Depressionen.

Schleichendes Fortschreiten

Parkinson ist eine langsam fortschreitende Krankheit, für die es bislang keine Heilung gibt. Ursache ist das Absterben von Nervenzellen im Gehirn, die bei Gesunden den Botenstoff Dopamin in ausreichender Menge produzieren. Bei Parkinson können Medikamente das fehlende Dopamin ersetzen – zumindest wenn die Erkrankung nicht stark fortgeschritten ist.

Wissenschaftlich gesicherte Informationen rund um die Parkinson-Krankheit finden sich auf der unabhängigen Seite Gesundheitsinformation.de.

Die Studien im Detail

Um die Wirksamkeit einer Therapie nachzuweisen, sind randomisiert-kontrollierte Studien am aussagekräftigsten. Dabei werden die Teilnehmenden per Zufall (randomisiert) entweder der Therapie-Gruppe oder der Kontroll-Gruppe zugelost.

In unserem Fall bedeutet das: Die Therapie-Gruppe nimmt regelmäßig an Musiktherapie-Stunden teil – und zwar zusätzlich zu einer eventuellen Behandlung mit Medikamenten. Die Kontroll-Gruppe bekommt keine zusätzliche Musiktherapie.

Da es sehr unterschiedliche Arten von Musiktherapie gibt, lassen sich einzelne Studien nicht immer gut miteinander vergleichen. Bei unserer umfangreichen Recherche haben wir uns daher nicht auf einzelne Studien konzentriert. Stattdessen haben wir nach systematischen Übersichtsarbeiten gesucht, die alle bisherigen aussagekräftigen Studien zu einzelnen Musiktherapie-Formen zusammenfassen.

Rhythmus-Training

Gefunden haben wir eine systematische Übersichtsarbeit zu rhythmischem Gehtraining [1]. Eine Forschungsgruppe aus Deutschland hat es sich darin zur Aufgabe gemacht, alle bis Mai 2017 veröffentlichten Studien zu rhythmischen Gehtrainings zu finden, zu analysieren und die Ergebnisse zusammenzufassen.

Dabei kam sie zum Schluss, dass sich die Schrittgeschwindigkeit nach dem Training geringfügig um 3,5 Meter pro Minute erhöht hat. Die durchschnittliche Schrittlänge war um 6,7 Zentimeter größer. Auch wenn es rechnerisch eine Verbesserung ist – der Effekt für die Betroffenen ist eher bescheiden (und wir können auf Basis der Übersichtsarbeit nicht genau nachvollziehen, wie groß das Bedürfnis der Betroffenen nach schnellerem Gehen und größeren Schritten tatsächlich ist).

Die analysierten Studien erfüllten nur einen Teil der Anforderungen an aussagekräftige Forschungsarbeiten. Daher ist unser Vertrauen in die Ergebnisse eingeschränkt.

Ein wichtiger Kritikpunkt ist, dass Erwartungshaltungen die Ergebnisse verzerrt haben könnten. Das ließe sich nur vermeiden, wenn weder Studienleitung noch Teilnehmende wissen, wer welcher Gruppe zugelost ist. Für die Teilnehmenden ist diese so genannte Verblindung kaum möglich – wohl aber für jene Forscherinnen und Forscher, die die Daten auswerten. Auch das ist allerdings überwiegend nicht passiert.

Ein weiteres Problem ist, dass die einzelnen Untersuchungen auf sehr unterschiedliche Art durchgeführt worden sind. Das macht das Zusammenfassen der Einzelergebnisse schwierig.

Nicht nur die Einzelstudien haben Schwachpunkte. Die Schritte bei der Erstellung der Übersichtsarbeit [1] – etwa bei der Studienauswahl oder der zusammenfassenden Analyse – können wir nicht immer genau nachvollziehen.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Ghai u.a. (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: u.a. 6 randomisiert-kontrollierte Studien zur Schrittgeschwindigkeit
Teilnehmende: 501 Personen in diesen 6 Studien
Fragestellung: Helfen rhythmische Taktgeber Parkinson-Erkrankten bei Problemen mit dem Gehen?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Ghai S, Ghai I, Schmitz G, Effenberg AO. Effect of rhythmic auditory cueing on parkinsonian gait: A systematic review and meta-analysis. Sci Rep. 2018;8(1):506. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] IQWIG (2012)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), gesundheitsinformation.de: Parkinson. Abgerufen am 20.7.2020 unter www.gesundheitsinformation.de