Multiple Sklerose: Hilft hochdosiertes Vitamin D?

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 22. März 2022
Wenn's nur so einfach wäre: MS mit Vitamin D bremsen?
Laut bisherigen Studien kann hoch dosiertes Vitamin D den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose nicht positiv beeinflussen. Diese Einschätzung ist allerdings sehr unsicher.
Frage:
Bremst hoch dosiertes Vitamin D den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose (MS)?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Wir können weder eindeutig ausschließen noch bestätigen, dass es einen Effekt gibt. In insgesamt 15 Studien ließ sich für hoch dosiertes Vitamin D bei Erwachsenen mit multipler Sklerose kein Nutzen nachweisen. Weil die Studien viele Schwächen hatten, können wir daraus keine Schlussfolgerungen zu positiven oder negativen Effekten ziehen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

In Österreich leben etwa 12.500 Menschen mit der Diagnose Multiple Sklerose, kurz MS. Wie die chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems verläuft und wie schnell sie voranschreitet, ist individuell sehr verschieden [10].

Medikamente sollen Schübe, also plötzliche starke Verschlechterungen, verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Bei manchen Betroffenen gelingt das gut, bei anderen weniger. Hinzu kommen teils erhebliche Nebenwirkungen durch die Medikamente, die die Lebensqualität einschränken können. Eine Heilung von MS ist derzeit nicht möglich [9].

Welche Rolle spielt Vitamin D?

Uns erreichte die Anfrage eines Lesers: Er wollte wissen, ob zur Behandlung von Multipler Sklerose sehr hoch dosiertes Vitamin D sinnvoll ist, wie es etwa unter der Bezeichnung „Coimbra-Protokoll“ angepriesen wird.

Ein positiver Einfluss von Vitamin D auf den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose steht seit vielen Jahren zur Debatte: So gibt es etwa Hinweise darauf, dass Menschen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel vielleicht häufiger an MS erkranken oder dass bei Betroffenen mit höheren Vitamin-D-Spiegeln die Krankheit eventuell weniger rasch voranschreitet [1,7].

Solche Beobachtungen allein reichen aber nicht aus, um tatsächlich den Nutzen von hoch dosiertem Vitamin D bei MS zu belegen.

Studien zu Vitamin D bei MS

Wir haben uns deshalb auf die Suche nach aussagekräftigen Studien zur Hochdosis-Behandlung mit Vitamin D bei Multipler Sklerose gemacht. Tatsächlich konnten wir auch 15 solcher Studien finden [1-4].

In diesen Untersuchungen waren die Teilnehmende nach dem Zufallsprinzip auf verschiedene Gruppen aufgeteilt: Sie erhielten entweder Vitamin D in hoher Dosierung. Oder sie bekamen – zwecks Vergleich – Vitamin D in niedriger Dosierung bzw. ein Scheinmedikament (Placebo). Ihre ansonsten üblichen Medikamente nahmen alle weiterhin ein.

Die Testphase dauerte, je nach Studie, drei Monate bis zwei Jahre. Dann prüften die Forschungsteams: Traten mit hoch dosiertem Vitamin D Schübe seltener auf? Schritt die Erkrankung langsamer fort, waren die Teilnehmenden im Alltag weniger eingeschränkt?

Das Ergebnis der Studien : Zusammengefasst hatte Vitamin D in hoher Dosis keinen anderen Effekt als niedrig dosiertes Vitamin D oder Placebo.

Aussagekraft stark eingeschränkt

Bei hoher Studienqualität könnten wir jetzt schließen, dass die Hochdosis-Therapie wahrscheinlich wirkungslos ist. Allerdings sind die Resultate mit sehr viel Vorsicht zu betrachten, und wir schenken ihnen kein wirkliches Vertrauen.

  • Die meisten Studien waren nicht besonders zuverlässig. So fehlten etwa in manchen Auswertungen die Daten von einigen Teilnehmenden. Erhoben wurden teilweise subjektive Einschätzungen, etwa zu Alltagseinschränkungen, während die Beteiligten wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte – sie waren also nicht „verblindet“. In anderen Publikationen fehlten wichtige Details, um die Zuverlässigkeit bewerten zu können.
  • Insgesamt nahmen zwar mehr als 1000 Personen an den Studien teil. Weil die Studien teilweise unterschiedliche Fragestellungen zu verschiedenen Zeitpunkten untersuchten, reicht diese Teilnehmerzahl dennoch nicht aus, um aus den Ergebnissen statistisch belastbare Schlussfolgerungen zu ziehen.

Derzeit können wir also nicht sicher sagen, ob hoch dosiertes Vitamin D bei MS tatsächlich Vorteile bringt. Die bisherigen Daten sprechen allerdings dafür, dass eine Wirkung, falls überhaupt vorhanden, eher klein wäre.

Sind hohe Dosen Vitamin D sicher?

Die Studien berichteten, dass mit Vitamin D in hoher Dosis ähnlich viele Nebenwirkungen aufgetreten sind wie mit Vitamin D in niedriger Dosis oder mit Placebo. Das würde für die Sicherheit sprechen. Allerdings ist auch hier die Aussagekraft der Studien so stark eingeschränkt; oft fehlen genaue Informationen, wie die Nebenwirkungen erfasst wurden.

Als sichere Tagesdosis für gesunde Erwachsene gelten maximal 4000 Internationale Einheiten Vitamin D. Bei sehr hohen Dosierungen kann es zu Vergiftungen kommen – kurzfristig oder auch schleichend. Mögliche Folgen sind Störungen des Calcium-Stoffwechsels und in schweren Fällen auch Nierenschäden [5,6]. Fachleute empfehlen, Vitamin D in hoher Dosis jedenfalls nicht auf eigene Faust, sondern nur mit ärztlicher Überwachung einzunehmen [6].

Multiple Sklerose: Verschiedene Formen

Warum MS entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich sind „autoimmune Prozesse“ beteiligt, also Angriffe des Immunsystem auf Gewebe des eigenen Körpers. Im Fall von MS richten sich die Attacken offenbar gegen Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark, wodurch sich Entzündungen entwickeln. Diese wiederum beeinträchtigen die Funktion der Nerven. Dadurch treten zum Beispiel Probleme bei der Steuerung der Muskeln auf [7].

Bei einer Multiplen Sklerose gibt es unterschiedliche Verlaufsformen: Am häufigsten ist die schubförmige remittierende MS (RRMS). Dabei treten die Symptome während eines Schubs auf, gehen danach wieder (vollständig oder unvollständig) zurück. Zwischen zwei Schüben verschlechtert sich der Gesundheitszustand nicht.

Daraus kann sich im weiteren Krankheitsverlauf die so genannte sekundär progrediente MS (SPMS) entwickeln. Dabei nimmt die Beeinträchtigung auch zwischen den Schüben immer weiter zu.

Im Gegensatz dazu fehlt bei der primär progredienten MS (PPMS) der schubförmige Verlauf. Die Beeinträchtigung steigt bereits ab Beginn der Erkrankung zunehmend an [8].

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Die Studien im Detail

Zu unserer Fragestellung haben wir eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018 [1] gefunden. Hier sind die Ergebnisse von zwölf Einzelstudien zusammengefasst. Zusätzlich haben wir nach neueren Studien gesucht und sind auf drei weitere gestoßen [2-4]. Insgesamt können wir unsere Auswertung damit auf 15 Studien stützen. Sechs davon wurden in Europa durchgeführt, die restlichen im Iran, in Nordamerika, in Israel und Australien.

Insgesamt haben die Forschungsteams Daten von 1144 Teilnehmenden ausgewertet. Allerdings waren die Studien unterschiedlich groß: An ihnen nahmen zwischen 23 und 232 Personen teil.

Die Teilnehmenden waren ausschließlich Erwachsene, meist zwischen 30 und 50 Jahren alt, und überwiegend Frauen, die häufiger als Männer von Multipler Sklerose betroffen sind. Die meisten waren an einer schubförmig remittierenden MS (RRMS) erkrankt. In einigen wenigen Studien konnten auch Personen teilnehmen, die bereits einen ersten Schub der Erkrankung erlebt hatten, aber die Kriterien für eine MS-Diagnose noch nicht vollständig erfüllten (klinisch isoliertes Syndrom).

Viele der Teilnehmenden hatten zu Beginn der Studien einen Vitamin-D-Spiegel von mindestens 20 Nanogramm pro Milliliter beziehungsweise 50 Nanomol pro Liter. Das sehen Fachleute meist als ausreichend hoch an [5]. Ein Vitamin-D-Mangel bestand also nur bei relativ wenigen Teilnehmenden.

Vitamin D: Hohe oder niedrige Dosis

Die an MS Erkrankten wurden nach dem Zufallsprinzip auf mindestens zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine nahm eine hohe Dosis Vitamin D ein, meist in Form von Cholecalciferol (Vitamin D3), die andere eine niedrige Dosis oder ein Scheinmedikament. In ein paar Studien wurden auch mehrere Vitamin-D-Dosierungen parallel untersucht.  Die Teilnehmenden nahmen Vitamin D in Form von Tabletten oder Öl ein, in einer Studie wurde Vitamin D als Spritze verabreicht.

Was als hohe Dosis galt, war sehr unterschiedlich und variierte von knapp 3000 bis zu über 14.000 Internationalen Einheiten pro Tag. In den Kontrollgruppen waren Dosierungen zwischen 400 und 4000 Internationalen Einheiten erlaubt.

Die allermeisten Teilnehmenden erhielten zusätzlich zu der Studienmedikation ihre üblichen Medikamente zur Dämpfung des Immunsystems, die weitere MS-Schübe verhindern sollen.

Studiendaten wenig aussagekräftig

Der Beobachtungszeitrum reichte von drei Monaten bis knapp zwei Jahren. Die Forschenden untersuchten dabei teils sehr unterschiedliche Aspekte: etwa die Anzahl der MS-Schübe, das Fortschreiten der Einschränkungen im Alltag oder die Lebensqualität. Weil diese Aspekte zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten und teils mit unterschiedlichen Methoden erfasst wurden, lassen sich jeweils nur wenige Studien zusammenfassen. Deshalb sind die errechneten Effekte statistisch wenig belastbar.

Nicht nur beim Zusammenfassen der Daten gab es wegen der fehlenden Vergleichbarkeit Probleme. Zusätzlich hatten einige Einzelstudien Schwächen bei der Durchführung: So wussten etwa Teilnehmende, zu welcher Gruppe sie gehörten. Teilweise war das auch denjenigen bekannt, die die Ergebnisse auswerteten, es gab also keine doppelte Verblindung.

Oder in der Auswertung fehlten die Daten einiger Teilnehmenden. Das schränkt ihre Aussagekraft empfindlich ein. Oft enthielten die Veröffentlichungen auch zu wenig Details, um die Verlässlichkeit der Studien bewerten zu können.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Jagannath (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 12 randomisierte kontrollierte Studien mit 933 Teilnehmenden
Fragestellung: Bremst die Einnahme von Vitamin D den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Jagannath V u.a. (2018) Vitamin D for the management of multiple sclerosis. Cochrane Database Syst Rev, CD008422.
Zusammenfassung
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[2] O’Connell (2017)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 29 Erwachsene mit klinisch isoliertem Syndrom
Fragestellung: Verhindert Vitamin D bei einer Frühform der multiplen Sklerose das Fortschreiten der Erkrankung?
Interessenkonflikte: Ein Anbieter von Vitamin D hat die Studie finanziell unterstützt.

Zusammenfassung
Freier Volltext

[3] Camu (2019)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 129 Erwachsene mit Multipler Sklerose
Fragestellung: Bremst die Einnahme von Vitamin D den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch eine Firma finanziert, die ein MS-Medikament und Vitamin D herstellt. Das Autorenteam gibt zahlreiche finanzielle Verbindungen mit pharmazeutischen Firmen an.

Camu W u.a. (2019) Cholecalciferol in relapsing-remitting MS: A randomized clinical trial (CHOLINE). Clinical Trial Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm, 6(5):e597.
Zusammenfassung
Freier Volltext

[4] Dörr (2020)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 53 Erwachsene mit einem klinisch isolierten Syndrom oder manifester Multipler Sklerose
Fragestellung: Bremst die Einnahme von Vitamin D den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose?
Interessenkonflikte: Einige Mitglieder des Forschungsteams haben finanzielle Verbindungen zu einem pharmazeutischen Hersteller eines MS-Medikaments, der auch die Studie teilweise finanziert hat.

Zusammenfassung
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Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] RKI (2019) Antworten des Robert Koch-Instituts auf häufig gestellte Fragen zu Vitamin D. Abgerufen am 15.03.2022

[6] UpToDate (2022) Overview of vitamin D. Abgerufen am 15.03.2022 unter

[7] UpToDate (2022) Pathogenesis and epidemiology of multiple sclerosis. Abgerufen am 15.03.2022

[8] UpToDate (2022) Clinical presentation, course, and prognosis of multiple sclerosis in adults. Abgerufen am 15.03.2022

[9] UpToDate (2022) Initial disease-modifying therapy for relapsing-remitting multiple sclerosis in adults. Abgerufen am 15.03.2022

[10] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2018) Multiple Sklerose. Abgerufen am 15.03.2022