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Misteltherapie bei Krebs fragwürdig

Misteltherapie bei Krebs fragwürdig

Misteltherapie: Wundermittel bei Krebs?

Bei Asterix sind Misteln eine Zutat für den Zaubertrank. Angeblich bekämpft eine Misteltherapie auch Krebs und die Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Belege fehlen.

Frage:Hilft die Misteltherapie gegen Krebs oder kann sie die Lebensqualität von Krebskranken während einer Chemotherapie verbessern?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Die Qualität der vorhandenen Studien ist zu gering, um die Wirksamkeit der Misteltherapie zu belegen.
Zudem besteht der vorsichtige Verdacht, dass manche Mistelpräparate das Tumorwachstum sogar anregen könnten.

Im Kampf gegen Krebs setzen viele Erkrankte auf die Hilfe von naturheilkundlichen Verfahren. Mitunter empfehlen Onkologinnen und Ärzte zusätzlich zu herkömmlichen Behandlungen eine Misteltherapie. Der Extrakt der Baum-Schmarotzer soll das Immunsystem stärken, Nebenwirkungen einer Chemotherapie verringern und so die Lebensqualität der Betroffenen steigern können.

Effekte der Misteltherapie unklar

Bei einer Misteltherapie werden unterschiedliche Extrakte aus der europäischen Mistel unter die Haut gespritzt. Die Therapieform ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, und es gibt zahlreiche positiv klingende Studien [1]. Das Problem dabei ist: Die Studien sind kaum aussagekräftig.

Einige positiv anmutende Studien aus dem Labor und an Tieren liefern zwar Hinweise auf eine Wirksamkeit bei Krebs [5] [9–12]. Allerdings können deren Ergebnisse nicht kurzerhand auf den Menschen übertragen werden.

Mehrere Studien an Menschen deuten an, dass sich Patientinnen und Patienten, die Mistelextrakte spritzen, allgemein besser fühlen und ihre Lebensqualität während einer Chemotherapie weniger leiden könnte [1–3]. Allerdings sind die Arbeiten meist von schlechter bis sehr schlechter Qualität und liefern auch widersprüchliche Ergebnisse, ob die Pflanze nun wirkt oder nicht.

In einer gut gemachten Zusammenfassung von 21 Mistelstudien waren zum Beispiel nur vier Arbeiten in Peer-Review-Journalen erschienen, waren also vor der Veröffentlichung von Fachleuten aus dem gleichen Fachgebiet geprüft worden. Das garantiert gewisse Mindeststandards.

Insgesamt können wir nicht sagen, ob Mistelextrakte Krebs bekämpfen oder unangenehme Begleiterscheinungen einer Chemotherapie mindern können.

Misteltherapie: nicht für alle geeignet

Während Nachweise einer Wirksamkeit trotz langjähriger Forschung fehlen, gaben manche Laborversuche Hinweise darauf, dass Mistelpräparate möglicherweise sogar unerwünschte Effekte wie ein verstärktes Tumorwachstum haben könnten.

Aus Sicherheitsgründen warnen die Verfasserinnen und Verfasser zweier wissenschaftlich fundierter Krebs-Behandlungsempfehlungen deshalb vor einer Misteltherapie bei Krebs – die Leitlinie zu Hautkrebs und zum Hodgkin-Lymphom [7, 8]: Schon der leiseste Verdacht, die Misteltherapie könnte unerwünschte Folgen haben, reiche bei gleichzeitig fehlendem Wirksamkeitsnachweis aus, um Patientinnen und Patienten von der Misteltherapie eindeutig abzuraten [7].

Da unklar ist, wie sich Mistelpräparate bei schwangeren und stillenden Frauen oder bei Kindern auswirken, empfiehlt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) diesen Personengruppen, von einer Einnahme Abstand zu nehmen [6].

Ansonsten scheinen Mistelpräparate, die fast immer unter die Haut gespritzt werden, grundsätzlich gut verträglich zu sein. Am häufigsten klagen Patientinnen und Patienten über Beschwerden an der Einstichstelle. Gelegentlich kann es auch zu milden, grippeähnlichen Symptomen wie Kopfschmerzen oder Fieber kommen [1, 2]. Auch allergische Reaktionen sind möglich.

Machen viele schlechte Studien eine gute?

In der Misteltherapie gibt es keine einheitlichen Standards, weder in der Zusammensetzung der Präparate noch in der Dosierung. Deshalb können die Ergebnisse der Studien nicht zusammengefasst werden, was die Aussagekraft erhöhen würde.

Wenn nun aber viele kleine Einzelstudien alle in eine Richtung weisen, also alle einen positiven Effekt zeigen – ist das dann nicht ein ausreichender Hinweis auf eine Wirksamkeit?

Leider nein, wenn die Qualität der Einzelstudien sehr schlecht ist. Können zum Beispiel die Methoden oder Daten einer Studie nicht überprüft werden, geht die Aussagekraft einer solchen Studie gegen Null.

Anthroposophische Herkunft

Die Misteltherapie wurde ursprünglich von Rudolf Steiner als Krebstherapie eingesetzt, dem Gründer der Anthroposophie und Mitbegründer der Anthroposophischen Medizin.

Der als Halbschmarotzer auf Bäumen wachsende immergrüne Mistelstrauch soll Inhaltsstoffe enthalten, die Tumorzellen abtöten und das Immunsystem stimulieren. Als traditionelles Arzneimittel wird ihm auch eine blutdrucksenkende Wirkung nachgesagt [6].

Die Misteltherapie ist im deutschsprachigen Raum das am meisten verschriebene Mittel der Alternativ- bzw. Komplementärmedizin bei Krebs, obwohl sie in den deutschen Leitlinien zur wissenschaftlich fundierten Krebsbehandlung nicht empfohlen bzw. sogar davon abgeraten wird [4] [7, 8].

[Die letzte Version dieses Artikels erschien am 1.7.2014. Eine Suche nach neuen Studien brachte geringfügige inhaltliche Ergänzungen; an unserer Einschätzung hat sich nichts geändert.]

 

Die Studien im Detail

In einer systematischen Übersichtsarbeit der unabhängigen Cochrane-Vereinigung zeigt die Misteltherapie zwar in 14 von 16 Studien positive Effekte auf die Lebensqualität von Krebskranken, aber nur zwei dieser Studien sind von guter Qualität [1].

In diesen beiden Arbeiten erhielten Brustkrebspatientinnen zusätzlich zu einer Chemotherapie Mistelextrakt in niedriger, mittlerer und hoher Dosis. Nach 15 Wochen bewerteten die Patientinnen ihre Lebensqualität höher. Allerdings sind die Ergebnisse der unterschiedlichen Dosierungen widersprüchlich.

Ob eine Mistelbehandlung die negativen psychischen Auswirkungen einer Chemotherapie verringern kann, bleibt unklar.

Die Übersichtsarbeit geht zudem den Fragen nach, ob eine Misteltherapie die Überlebenschancen verbessert und ob die Extrakte das Tumorwachstum beeinflussen können. Auch hier erlaubt die Studienlage keine eindeutige Einschätzung [1].

Ein weiteres Problem sind fehlende Standards etwa bei der Dosierung oder der Zusammensetzung der Präparate. Deshalb konnten die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit die Daten der eingeschlossenen Studien nicht gemeinsam in einer Meta-Analyse auswerten.

Auf Basis der bisherigen Studien kommen sie zu dem Schluss, dass es „nicht genug Hinweise gibt, um klare Aussagen über irgendwelche Effekte einer Misteltherapie zu treffen“ [1].

Gewünschte Effekte oder gewünschte Antworten?

Eine andere systematische Übersichtsarbeit analysierte alle bisher veröffentlichten Studien zur Auswirkung der Misteltherapie auf die Lebensqualität von Krebskranken [2].

Auch hier sind die Ergebnisse skeptisch zu betrachten. Die eingeschlossenen Studien haben ebenfalls deutliche Schwächen. Unter anderem wurde die Verbesserung der Lebensqualität sehr unterschiedlich gemessen. Oft kamen Fragebögen zum Einsatz, bei denen immer die Gefahr besteht, dass die Befragten „erwünschte“ Antworten geben. Dieses Risiko ist besonders groß, wenn die Patientinnen oder Patienten wissen, ob sie das Medikament oder ein Scheinmedikament bekommen haben; das war bei vielen der eingeschlossenen Studien der Fall.

Eine andere systematische Übersichtsarbeit fand ausschließlich kaum aussagekräftige Studien [3].

Die Autorinnen und Autoren der beiden letztgenannten Arbeiten waren bei der Interpretation der Ergebnisse auch nicht frei von Interessenkonflikten [2, 3].

In Summe konnte damit keine Studie klare Hinweise auf eine Wirksamkeit der Misteltherapie geben.

(Autor: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Horneber u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 21 randomisiert kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 3484
Fragestellung: Ist die Misteltherapie in der Krebsbehandlung wirksam, gut verträglich und sicher?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 2. Art (Volltext der Übersichtsarbeit)

[2] Kienle u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 26 randomisiert kontrollierte Studien
Fragestellung: Verbessert die europäische Mistel die Lebensqualität von Menschen mit Krebs?
Mögliche Interessenkonflikte: Das Institut der AutorInnen hat für andere Projekte Geld von Weleda, Abnoba und Helixor (Hersteller von Mistelextrakten) erhalten. Die Studie wurde von der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr und der Software-AG-Stiftung finanziert.

Influence of Viscum album L (European mistletoe) extracts on quality of life in cancer patients: a systematic review of controlled clinical studies. Integr Cancer Ther. 2010 Jun;9(2):142-57 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Büssing u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 13
Fragestellung: Wirkt ein bestimmter Mistelextrakt (Iscador) auf die Lebensqualität von Krebspatientinnen und -patienten?
Mögliche Interessenkonflikte: Die AutorInnen erhielten finanzielle Unterstützung von Hiscia—Verein für Krebsforschung, einem Hersteller von Mistelextrakt.

Quality of life and related dimensions in cancer patients treated with mistletoe extract (iscador): a meta-analysis. Evid Based Complement Alternat Med. 2012;2012:219402 (Volltext der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Deutscher Krebsinformationsdienst
Misteltherapie gegen Krebs. Abgerufen am 6.6.2017 unter http://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/mistel.php

[5] UpToDate (2016)
Edzard Ernst: Complementary and alternative therapies for cancer. Abgerufen am 2.6.2017 unter www.uptodate.com/contents/complementary-and-alternative-therapies-for-cancer

[6] EMA (2012)
Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): Assessment report on Viscum album L., herba. Abgerufen am 2.6.2017 unter
www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-HMPC_assessment_report/2013/08/WC500147021.pdf

[7] AWMF (2016)
AWMF, Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms. Register-Nummer: 032/024OL. Abgerufen am 6.6.2017 unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-024OLl_S3_Melanom_2016-08.pdf

[8] AWMF (2013)
AWMF, Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Hodgkin Lymphoms bei erwachsenen Patienten. Registernummer: 018/029OL. Abgerufen am 6.6.2017 unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/018-029l_S3_Hodgkin_Lymphom_Diagnostik_Therapie_Nachsorge_bei_Erwachsenen_2015-01.pdf

[9] Hamprecht u.a. (1987)
Mediation of human NK activity by components in extracts of Viscum album. Int. J. Immunopharmacol., vol. 9, no. 2, pp. 199209, Jan. 1987 (Zusammenfassung der Studie)

[10] Mueller u.a. (1990)
Chemical specificity of effector cell/tumor cell bridging by a Viscum album rhamnogalacturonan enhancing cytotoxicity of human NK cells. Immunopharmacology, vol. 19, no. 1, pp. 6977, 1990 (Zusammenfassung der Studie)

[11] Braedel-Ruoff u.a. (2010)
Immunomodulatory effects of Viscum album extractson natural killer cells: review of clinical trials. Forsch. Komplementmed., vol. 17, no. 2, pp. 6373, Apr. 2010 (Zusammenfassung der Studie)

[12] Kelter u.a. (2007)
Cytotoxic activity and absence of tumor growth stimulation of standardized mistletoe extracts in human tumor models in vitro. Anticancer Res.2007, vol. 27, no. 1A, pp. 223-33 (Volltext der Studie)