Mikroimmuntherapie: Fragwürdige Hilfe bei zahlreichen Beschwerden

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Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2022
Homöopathische Kügelchen sollen das Immunsystem beeinflussen
In der Mikroimmuntherapie sollen homöopathische Kügelchen mit Botenstoffen das Immunsystem regulieren und so bei zahlreichen Erkrankungen helfen. Belegt ist nichts davon.
Frage:
Verbessert die Mikroimmuntherapie Beschwerden bei Allergien, Krebs, Gelenksentzündungen, Autoimmunkrankheiten, Demenz oder verschiedenen Virus-Infektionen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Studien scheint es bisher nur zu Mikroimmuntherapie gegen Heuschnupfen und Krebs zu geben. Ihre Aussagekraft ist viel zu gering, um auf eine Wirksamkeit der Therapie schließen zu können. Zu anderen Gesundheitsproblemen fanden wir keine Studien. Einen belegten Nutzen der Mikroimmuntherapie gibt es also für keine einzige Erkrankung.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Unser Immunsystem schützt uns vor Krankheitserregern, wehrt Fremdstoffe ab und bekämpft Krebszellen. Damit das funktioniert, müssen die verschiedenen Arten von Immunzellen im Körper gut zusammenarbeiten. Dazu kommunizieren sie miteinander über verschiedene Botenstoffe und produzieren Antikörper.

Mikroimmuntherapie: eine gegen alle Erkrankungen?

Eine Methode namens Mikroimmuntherapie will das Zusammenspiel dieser Botenstoffe beeinflussen und so bei unterschiedlichsten Beschwerden helfen. Mikroimmuntherapie-Präparate sind homöopathische Mittel, die als Zuckerkügelchen (Globuli) unter die Zunge gelegt werden und sich dort auflösen. Sie enthalten stark verdünnte Mengen an Immun-Botenstoffen oder nicht näher beschriebene Stücke der Erbsubstanz DNA. Wie in der Homöopathie üblich, sind diese Stoffe sind so stark verdünnt, dass sie im Präparat kaum oder nicht mehr nachweisbar sind.

Mit mehr als 40 verschiedenen Präparaten soll die Mikroimmuntherapie bei den unterschiedlichsten Erkrankungen helfen, darunter Allergien, Krebs, rheumatischen Entzündungen und anderen Autoimmunkrankheiten, unterschiedlichsten Virus-Infektionen und verschiedenen Formen von Demenz [13]. Die Präparate sollen auch deutlich weniger Nebenwirkungen haben als herkömmliche Medikamente. Wir wollten wissen, was an der Mikroimmuntherapie dran ist.

Belege fehlen

Um einen Nutzen für erkrankte Personen nachweisen zu können, ist ein Vergleich mit einem Scheinpräparat – einem Placebo – notwendig. Studien mit einem solchen Vergleich scheinen jedoch rar – wir konnten nur zwei mit Pollenallergie-Betroffenen [1,2] und eine mit Krebs-Erkrankten [3] finden.

Aussagekräftig ist keine dieser Studien – denn sie sind mangelhaft durchgeführt und die veröffentlichten Daten sind unvollständig. Hinweise auf einen Nutzen der Mikroimmuntherapie können sie keine geben. Im Abschnitt „Die Studien im Detail“ weiter unten gehen wir näher darauf ein.

Zu anderen Erkrankungen fanden wir keine derartigen Vergleichs-Studien. Die Herstellerfirma kündigt zwar welche zu Herpes [4,5], Warzen [6] sowie Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus- [7] und HPV [8] an. Ergebnisse wurden jedoch bisher nicht veröffentlicht.

Berechtigte Zweifel

Da Mikroimmuntherapie-Präparate alshomöopathische Mittel sehr stark verdünnt sind, haben wir grundlegende Zweifel an der Methode. Denn die Studienlage zu homöopathischen Mitteln deutet klar in Richtung Wirkungslosigkeit.

Dass die Mittel zur Mikroimmuntherapie direkt schaden, erscheint durch die hohe Verdünnung unwahrscheinlich. Gravierende Nebenwirkungen sind in den bisherigen Studien nicht berichtet. Gefährlich kann es allerdings sein, wenn Personen mit einer schweren Erkrankung wie Krebs auf eine erwiesenermaßen wirksame Behandlung verzichten, und stattdessen nur auf Mikroimmuntherapie-Präparate vertrauen.

Achtung Verwechslungsgefahr!

Obwohl sie ähnlich klingen, hat die Mikroimmuntherapie nichts mit sogenannten Immuntherapien zu tun. Immuntherapien sind nachgewiesenermaßen wirksame Medikamente und Behandlungsmethoden – etwa bei Krebs [9] oder rheumatischen Erkrankungen [10].

Sie wirken, indem sie gezielt Botenstoffe des Immunsystems beeinflussen oder bestimmte Antikörper nutzen. Auch bei einer Allergie – etwa gegen Pollen oder Hausstaubmilben – kann eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) helfen. Sie unterstützt das Immunsystem, sich an die Allergie-Auslöser zu gewöhnen und so die Beschwerden zu lindern [11,12]. Im Gegensatz zur ähnlich klingenden Mikroimmuntherapie sind solche Immuntherapien gut untersucht, auch wenn manche erhebliche Nebenwirkungen haben.

Die Studien im Detail

Nach welchen Studien haben wir gesucht?

Ob Mikroimmuntherapie-Präparate bei unterschiedlichen Gesundheitsproblemen helfen können, lässt sich am aussagekräftigsten in randomisiert-kontrollierten Studien untersuchen. Dabei werden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) auf zwei Gruppen aufgeteilt. Die Behandlungsgruppe nimmt ein Mikroimmuntherapie-Präparat ein, während die Kontrollgruppe stattdessen ein gleich aussehendes Placebo-Präparat ohne den zu überprüfenden Wirkstoff bekommt.

Um solche Studien zu finden, haben wir drei Forschungsdatenbanken durchsucht. Wir haben auch alle Studien unter die Lupe genommen, die auf der Webseite des Vereins „Medizinische Gesellschaft für Mikroimmuntherapie“ angeführt sind.

Gefunden haben wir lediglich drei randomisiert-kontrollierte Studien: zwei mit Pollenallergie-Betroffenen [1,2] und eine mit Krebs-Erkrankten [3].

Wie aussagekräftig sind die Studien?

Die beiden Studien zu Pollenallergie wurden auf ähnliche Weise durchgeführt. Eine Studie [1] deutet auf den ersten Blick eine Wirksamkeit der Mikroimmuntherapie an, die zweite [2] nicht. Die Aussagekraft der Studien ist jedoch sehr gering, beide haben ähnliche Mängel:

  • Untersuchungszeitraum mit Unklarheiten: In einer Studie [1] berücksichtigten die Forschenden nur Ergebnisse eines 11-tägigen Zeitraums, obwohl die Teilnehmenden die Präparate über mehrere Monate während der Frühjahrs-Pollensaison einnahmen. Diese Eingrenzung ist nicht nachvollziehbar und kann die Ergebnisse stark verzerrt haben. Für die andere Studie [2] ist überhaupt unklar, wann und wie lange sie durchgeführt worden ist.
  • Verzerrung durch Allergie-Medikamente: In den Studien nahmen viele Teilnehmende zusätzlich zu den untersuchten Präparaten auch ihre bisherigen Allergie-Medikamente ein. Da die Forschenden das nur unzureichend berücksichtigten, könnte das die Ergebnisse stark verzerrt haben.
  • Gruppen nicht vergleichbar: Behandlungs- und Kontrollgruppe unterschieden sich in Alter und Geschlechterverteilung, daher ist kein fairer Vergleich der beiden Gruppen möglich
  • Finanzierung durch Herstellerfirma: Das Unternehmen Labo’Life stellt Mikroimmuntherapie-Präparate her und finanzierte die Studien.

Besonders wenig aussagekräftig ist die Studie an Krebspatientinnen und -patienten [3] – auch wenn ihr Autorenteam behauptet, dass Mikroimmuntherapie in Kombination mit Chemotherapie die Lebenserwartung im Vergleich zu alleiniger Chemotherapie verlängern kann:

  • Vergleichbarkeit fraglich: Es fehlen Angaben dazu, wie weit fortgeschritten die Krebserkrankung bei den einzelnen Teilnehmenden war und wie hoch ihre Lebenserwartung noch war. Daher besteht die Möglichkeit, dass die Teilnehmenden der Mikroimmuntherapie-Gruppe auch ohne Mikroimmuntherapie länger gelebt hätten als die Kontrollgruppe.
  • Fehlende Analyse: Das Autorenteam hat nicht rechnerisch überprüft, ob sich die Lebenserwartung der beiden Gruppen tatsächlich unterscheidet – und nicht bloß durch Zufall bedingt ist.
  • Einnahmedauer unklar: Wie lange die Teilnehmenden die Studienpräparate eingenommen haben, ist nicht angegeben. So ist nicht nachvollziehbar, ob der Vergleich der beiden Gruppen fair war.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Van der Brempt (2011)
Van der Brempt X u.a. Efficacité clinique du 2L®ALERG, un nouveau traitement de type immunomodulateur par voie sublinguale dans le rhume des foins : une étude en double insu contre placebo. Revue Française d’Allergologie 2011; 51: 430–436 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Labo’Life (2016)
Labo’Life 2016. Efficacy of 2LALERG (Homeopathic Drug) in allergic rhinitis related to grass pollen (LLB-2016–01). NCT02690935. Abgerufen am 23. 5. 2022 unter www.ClinicalTrials.gov

[3] Santi (2002)
Santi C u.a. Microimmunoterapia aspecifica e ascorbato di potassio. Risultato di un trattamento complementare in pazienti con metastasi epatiche (Spezifische Mikroimmuntherapie und Kaliumaskorbat: Ergebnisse einer Komplementärbehandlung bei Patienten mit Lebermetastasen). La Medicina Biologica 2002 (Januar – März): 11-14 (Studie in voller Länge auf Italienisch)

[4] Labo’Life (2019a)

Randomized, Placebo-controlled, Double-blind Study of 2LHERP® in Orofacial Herpes Infections. (HEARTH-OF). NCT04065971. Abgerufen am 23. 5. 2022 unter www.ClinicalTrials.gov

[5] Labo’Life (2020b)

Study of 2LHERP® in Genital Herpes Infections (HEARTH-GEN). NCT04235322. Abgerufen am 23. 5. 2022 unter www.clinicaltrials.gov

[6] Labo’Life (2019b)
Randomized, Placebo-controlled, Double Blind Study to Evaluate the Efficacy of 2LVERU®JUNIOR and 2LVERU® on the Treatment of Warts (EVAsION). NCT03977753. Abgerufen am 23. 5. 2022 unter www.ClinicalTrials.gov

[7] Labo’Life (2020a)
Study to Evaluate the Efficacy of 2LEBV® and 2LXFS® on Asthenia in Patients With an Epstein-Barr Virus Infection (EBVAST). NCT04308278. Abgerufen am 23. 5. 2022 unter www.ClinicalTrials.gov

[8] Labo’Life (2020c)
Study of 2LPAPI® on the Clearance of Genital HR-HPV Infections. (PAPION). NCT04232917. Abgerufen a, 23. 5. 2022 unter www.clinicaltrials.gov

[9] Krebsinformationsdienst.de (2017)
Immuntherapie gegen Krebs: Impfungen, Antikörper, neue Wirkstoffe. Abgerufen am 24. 5. 2022 unter www.krebsinformationsdienst.de

[10] IQWIG (2020)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Rheumatoide Arthritis. Abgerufen am 24. 5. 2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[11] IQWIG (2020)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) bei Heuschnupfen. Abgerufen am 24. 5. 2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[12] IQWIG (2020)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) bei Hausstauballergie. Abgerufen am 24. 5. 2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[13] Megemit (2022)
Medizinische Gesellschaft für Mikroimmuntherapie. Abgerufen am 24. 5. 2022 unter https://megemit.org