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Migräne: Ist das Wetter ein Auslöser?

Gewitter, Hitze, Wetterumschwung: lösen Wetterereignisse Migräneanfälle aus?

Gewitter, Hitze, Wetterumschwung: lösen Wetterereignisse Migräneanfälle aus?

Bestimmte Faktoren scheinen bei Migräne-Betroffenen Anfälle auslösen zu können. Ob das auch für das Wetter gilt, können bisherige Studien nicht sicher beantworten.


Frage:Sind Wetterphänomene und Wetterwechsel Auslöser („Trigger“) von Migräneanfällen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:In Summe ist das Thema noch zu wenig gut erforscht. Dies könnte an der schwierigen Beweisführung für ein möglicherweise sehr individuelles Phänomen liegen.

Manche Migränepatientinnen und -patienten bezeichnen sich als „wandelndes Barometer“. Sie sind überzeugt davon, dass verschiedene Wetterphänomene bei ihnen Migräneanfälle auslösen.

Fachleute sind sich nicht einig, ob Wetterphänomene wie Schwüle, Hitze, Sturm oder Wetterwechsel tatsächlich „Trigger” sind, also zu Migräneanfälle führen.

Widersprüchliche Ergebnisse

Wir wollten diesen Fragen nachgehen und haben in wissenschaftlichen Datenbanken nach Studien gesucht. Wir konnten zwar etliche Untersuchungen aus Europa, Asien und Nordamerika zum Thema Wetter und Migräne finden. Allerdings mangelte es hier u.a. an Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Ergebnisse.

Migräne-Tagebücher aus Wien

Die aus unserer Sicht interessanteste Studie [1] stammt aus Wien. Hier sollten 238 Erwachsene 3 Monate lang spezielle Migräne-Tagebücher führen. Die Einträge zu den Migräneattacken wurden mit Wetterdaten abgeglichen, zum Beispiel Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Temperatur und Niederschlag.

Laut Forschungsteam fanden sich keine auffälligen Zusammenhänge. Das heißt, demnach sollen das Wetter bzw. Wetterwechsel keine oder nur eher kleine Auswirkung darauf haben, ob Migräne auftritt und wie lange die Attacken andauern. Vielmehr seien laut Studie die ersten Tage der Menstruation sowie psychische Anspannung Risikofaktoren für das Auftreten von Migräne.

Mehr Forschung notwendig

Die Studie liefert aus unserer Sicht durchaus interessante Hinweise. Besonders positiv finden wir, dass neben dem Wetter auch viele andere mögliche Risikofaktoren in die Analyse eingeflossen sind.

Doch die Studie hat auch einige Schwächen, die ihre Aussagekraft etwas herabsetzen: Es haben nur recht wenige Personen teilgenommen, und es unklar, inwiefern ihre Ergebnisse übertragbar sind auf die Allgemeinheit der Migräne-Betroffenen. Die Tagebuch-Methode setzt voraus, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Migräneattacken einerseits korrekt erkennen und andererseits auch diszipliniert ohne Erinnerungslücken dokumentieren. Dabei könnten sich Fehler eingeschlichen haben. Die Datensammlung erfolgt im Herbst und Winter – Aussagen für die anderen Jahreszeiten sind nicht verlässlich abzuleiten.

Insgesamt sind die Ergebnisse aus dieser einzelnen Studie zu wenig, um ein verlässliches Fazit zu ziehen. Auf Basis der aktuellen Studienlage können wir also nicht sagen, ob und wie das Wetter sich auf Migräne auswirkt.

Zusammenhänge kritisch hinterfragen

Doch warum sind viele Menschen von einem Zusammenhang zwischen Wetter und Migräne überzeugt? Es könnte teilweise an einem selektiven Erinnerungsvermögen liegen.

Das heißt: Bemerkt man beispielsweise, dass auf eine Nacht mit Gewitter und Sturm ein Migräneanfall folgt, bleibt das auffällige Wetter gut im Gedächtnis. Wenn an einem andere Tag die Migräne ohne besondere „Begleiterscheinungen“ auftritt, prägt sich keine Erinnerung ein. Das kann dazu führen, dass rein zufällig parallel auftretende Ereignisse als zusammenhängend interpretiert werden. Auch die Erwartungshaltung („Oh je, der Wetterbericht sagt ein Gewitter an. Sicher bekomme ich gleich Migräne.“) könnte eine Rolle beim Auftreten von Attacken spielen.

Es ist auch denkbar, dass Wetterphänomene nur bei bestimmten Menschen Migräne auslösen können und die Reizschwellen dafür unterschiedlich hoch liegen. Vielleicht führen bestimmte Wetterlagen auch zu Verhaltensweisen (Mahlzeiten, Bewegung) oder Emotionen (Stress, Anpassung), die Migräneattacken begünstigen. Ein solch komplexes und möglicherweise individuelles Geschehen in Studien gut nachvollziehbar zu machen, ist schwierig.

Krankheit mit hohem Preis

Migräneschmerzen zählen zu den stärksten bekannten Schmerzen. Sie sind oft pulsierend und treten typischerweise nur auf einer Seite des Kopfes auf. Die Anfälle dauern etwa 4 bis 72 Stunden. Die Schmerzen sind manchmal so schlimm, dass die Betroffenen Hilfe in der Notaufnahme suchen.

Migräneanfälle können neben Schmerzen auch Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit mit sich bringen. Verständlich, dass sich viele Patientinnen und Patienten bei einem Anfall nur noch in einem ruhigen, kühlen, dunklen Raum zurückziehen möchten. Anfälle können sich durch eine so genannte „Aura“ ankündigen: etwa mit dem Sehen von Lichtblitzen, Sprachstörungen, Kribbeln in den Gliedmaßen [3].

Mehr zum Thema Migräne auf den Seiten von Gesundheitsinformation.de.

Zum Zerspringen

Etwa 14 von 100 Frauen und 7 von 100 Männern haben wiederkehrende Migräne-Anfälle [3]. Es gibt verschiedene Medikamente, um bereits bestehende Schmerzen zu lindern. Manchmal werden Medikamente schon vorbeugend eingenommen, damit sich die Anfälle gar nicht erst entwickeln.

Bei stark betroffenen Patientinnen und Patienten kann die Lebensqualität sehr stark eingeschränkt sein, etwa wenn Arbeit, Ausbildung und Privatleben in Mitleidenschaft gezogen sind. Migräne ist ein bedeutsames Gesundheitsproblem, das hohe Kosten für Betroffene, Gesundheitssysteme und die Gesellschaft verursacht [3].

Höchst verdächtig: Trigger aller Art

Neben Wetterphänomenen stehen viele andere Reize [2,3] zumindest unter Verdacht, Migräne-Auslöser („Trigger“) zu sein. Dazu zählen:

  • Hunger, unregelmäßige Mahlzeiten, Durst
  • Stress, Sorgen
  • Änderungen im Tagesablauf wie ein veränderter Schlafrhythmus am Wochenende
  • bestimmte Speisen und Getränke, zum Beispiel Rotwein, Käse, Zusatzstoffe in Lebensmitteln
  • hormonelle Veränderungen bei Frauen: vor der Periode, durch die Verwendung von Hormonen zur Verhütung („Pille”)
  • flackernde Lichter, Computerbildschirme
  • körperliche Anstrengung
  • intensive Gerüche

Es ist teilweise strittig, ob diese Faktoren selbst Attacken auslösen oder ob sie in der Phase vor einer Attacke stärker wahrgenommen bzw. besser erinnert werden. Zum Beispiel: Schokolade galt lange als Auslöser für Migräne. Andererseits könnte der Heißhunger auf Schokolade auch ein Anzeichen für einen herannahenden Anfall sein [4].

Die biologischen Mechanismen, also die Abläufe im Körper, die ein Trigger womöglich in Gang setzen kann, sind nicht im Detail aufgeklärt. Auch dies erschwert es, dem Phänomen auf die Schliche zu kommen. Einige Fachleute meinen, dass das Nervensystem von Betroffenen besonders empfindlich auf eine „normale” Reizbelastung reagiert [5].

Liebes Tagebuch!

Um ihre Trigger zu erkennen, werden Patientinnen und Patienten oft angehalten, ein Migräne-Tagebuch zu führen. Das gibt es in klassischer Papierform oder mittlerweile per App für das Smartphone[6,7]:

In diesem Tagebuch notieren die Betroffenen einerseits Uhrzeit, Dauer und Intensität ihrer Anfälle. Andererseits werden auch Besonderheiten festgehalten, die mit der Attacke in Zusammenhang stehen könnten: etwa eine vergessene Mahlzeit, intensive Gerüche, gleißendes Sonnenlicht oder hohe körperliche Belastung.

Falls sich tatsächlich ein Zusammenhang herauskristallisiert, können die Betroffenen – je nach Trigger – ihr Verhalten ändern, den Trigger meiden oder vorbeugende Medikamente einnehmen.

 

Die Studien im Detail

Auch bei der Studie aus Wien [1] wurden spezielle Migräne-Tagebücher ausgewertet; 238 Erwachsene (209 Frauen, 29 Männer) stellten diese zur Verfügung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammten aus einer Gruppen von Migräne-Betroffenen, die sich nach Zeitungsaufrufen gemeldet hatten.

Es ist möglich, dass diese Freiwilligen sich von Migränepatientinnen und -patienten aus der Allgemeinbevölkerung unterschieden bzw. von Personen, die ursprünglich zwar Tagebücher erhalten hatten, die dann aber nicht zur Verfügung standen.

Die Testpersonen waren im Durchschnitt 42 Jahre alt, hatten seit etwa 20 Jahren Migräne. Sie .sollten in ihren Tagebüchern drei Monate lang vor dem Schlafengehen u.a. ausfüllen, wie oft und wie lange sie Migräne hatten. An ca. 17 von 100 Tagen gab es Migräneattacken, die im Durchschnitt etwa 8 Stunden lang dauerten.

Die Einträge wurden mit einer ganzen Reihe von Wetter-Situationen abgeglichen, zum Beispiel Windgeschwindigkeit, Niederschlag, Sonnenscheindauer und Luftdruck. Auch viele Nicht-Wetter-Einflussfaktoren sind in die Auswertung eingeflossen, zum Beispiel Alter, Geschlecht, andere Erkrankungen, Schlaf, Stress, Rauchen, Alkohol.

Einen deutlichen Zusammenhang mit den unterschiedlichen Wetterereignissen konnten die Forscherinnen und Forscher nicht orten. Vielmehr seien die ersten Tage der Menstruation sowie psychische Anspannung Risikofaktoren für das Auftreten von Migräne.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Zebenholzer u.a. (2011)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmende: 238 Erwachsene mit wiederkehrender Migräne
Beobachtunszeitraum: 3 Monate
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migräne und verschiedenen Wetterphänomenen?
Interessenskonflikte: Einige Autoren haben in der Vergangenheit Zahlungen von verschiedenen Pharmaunternehmen erhalten

Zebenholzer K, Rudel E, Frantal S, Brannath W, Schmidt K, Wöber-Bingöl C, Wöber C. Migraine and weather: a prospective diary-based analysis. Cephalalgia. 2011 Mar;31(4):391-400. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[2] UpToDate (2018)
Patient education: Migraine headaches in adults (Beyond the Basics). Abgerunfen am 5.3.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/migraines-in-adults-beyond-the-basics

[3] IQWIG (2012)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Migräne. Abgerufen am 5.3.2018 unter
https://www.gesundheitsinformation.de/migraene.2228.de.html

[4] Hoffmann u.a. (2013)
Hoffmann, J. and A. Recober, Migraine and triggers: post hoc ergo propter hoc? Curr Pain Headache Rep, 2013. 17(10): p. 370. (Artikel in voller Länge)

[5] Pellegrino u.a. (2017)
Pellegrino, A.B.W., et al., Perceived triggers of primary headache disorders: A meta-analysis. Cephalalgia, 2017: p. 333102417727535. (Zusammenfassung des Artikels)

[6] Park u.a. (2016)
Park, J.W., et al., Analysis of Trigger Factors in Episodic Migraineurs Using a Smartphone Headache Diary Applications. PLoS One, 2016. 11(2): p. e0149577. (Artikel in voller Länge)

[7] Scheidt u.a. (2013)
Scheidt, J., et al., Influence of temperature changes on migraine occurrence in Germany. Int J Biometeorol, 2013. 57(4): p. 649-54. (Zusammenfassung des Artikels)