Mesotherapie-Impfung gegen Corona: nicht erforscht

AutorIn:
Review: 

Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 29. November 2021
Bei der sogenannten Mesotherapie werden Wirkstoffe direkt in die Haut gespritzt.
Impfstoff statt in den Muskel direkt unter die Haut spritzen, und zwar in minimaler Dosis? Ob diese sogenannte Mesotherapie-Impfung vor Corona schützt, ist nicht erforscht und birgt Gefahren.
Frage:
Schützt das Spritzen von niedrigdosierten Corona-Impfstoffen in die Haut (Mesotherapie-Impfung, Mikrovakzination) gleich gut vor Covid-19 wie die erprobte Impfung der vollen Dosis in den Muskel?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Manche Ärztinnen und Ärzte bieten die Corona-Impfung nach der sogenannten mesotherapeutischen Methode an. Geimpft wird dabei in die Haut anstatt in den Oberarmmuskel, mit einem Bruchteil der erprobten und zugelassenen Dosis. Solche Anwendungen sind für die Corona-Impfstoffe nicht erforscht. Ein wirksamer Schutz vor Covid-19 ist nicht gesichert.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Uns erreichte die Anfrage, was es mit der Corona-Impfung mittels sogenannter Mesotherapie auf sich habe. Bei der Mesotherapie werden Substanzen knapp unter die Hautoberfläche gespritzt – in diesem Fall also der Corona-Impfstoff. Dafür soll nur ein Bruchteil der erprobten Menge an Impfstoff notwendig sein. Manche Anbieterinnen und Anbieter nennen diese Art der Impfung daher auch Mikrovakzination.

Zugelassen sind die Covid-Impfstoffe jedoch nur zur Verabreichung in den Muskel, nicht in die Haut. Denn die Europäischen Arzneimittelbehörde EMA und die Hersteller haben die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe nur für die Spritze in den Muskel überprüft.

Dennoch bieten einige Ärztinnen und Ärzte in Österreich eine Mesotherapie-Impfung in die Haut an – mit deutlich weniger Impfstoff als der zugelassenen Menge. Das Versprechen: Gleich hoher Impfschutz, aber weniger Nebenwirkungen.

Doch stimmt das? Schützt die Corona-Impfung mittels Mesotherapie wirksam vor Covid-19? Wir haben uns auf die Suche nach Fakten und Studien gemacht, zur Corona-Impfung, die unter die Haut geht.

Fehlende Belege für eine Wirksamkeit

Trotz umfangreicher Recherche haben wir keine Studien gefunden, die das belegen können. Ob die Mesotherapie-Impfung gegen das Coronavirus vor einer Covid-19-Erkrankung schützt, ist nicht erforscht.

Gefunden haben wir lediglich eine wenig aussagekräftige Studie [1], die die Menge an Antikörpern nach der Injektion untersucht hat.

Die insgesamt 30 Teilnehmenden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Hälfte erhielt den Corona-Impfstoff von Moderna wie üblich in den Oberarmmuskel – jedoch nur mit einem Fünftel der empfohlenen und zugelassenen Dosis. Der anderen Hälfte wurde eine gleich niedrige Dosis des Impfstoffs mit einer feinen Nadel knapp unter die Haut gespritzt.

Nach der zweimaligen Impfung maßen die Forscherinnen und Forscher die Menge der gebildeten Antikörper im Blut. Dabei zeigte sich, dass es egal war, ob die niedrige Dosis in die Haut oder den Muskel geimpft worden war: Die Anzahl der Antikörper war in beiden Fällen gleich hoch.

Ein aussagekräftiger Vergleich mit der vollen Dosis fehlt allerdings. Ob die Mesotherapie-Impfung mit niedriger Dosis gleich gut schützt wie die empfohlene Dosis, ist somit unklar.

Antikörper-Anzahl: Wirklich aussagekräftig?

Wie viele und welche Antikörper notwendig sind, um vor Covid-19 geschützt zu sein, ist noch nicht vollständig geklärt [5]. Um die Schutzwirkung einer Impfung nachzuweisen, sind daher Beobachtungen aus dem „echten Leben“ notwendig: Wie viele Geimpfte erkranken oder versterben an Covid-19 im Vergleich zu Ungeimpften? Solche Studien gibt es zur Corona-Impfung in die Haut nicht.

Zu klein, um aussagekräftig zu sein

Die Studie, die wir gefunden haben, hat einige Mängel. Inwieweit die Ergebnisse auf die gesamte Bevölkerung zutreffen bleibt ebenso unklar. Teilgenommen haben nämlich nur junge, gesunde Erwachsene von 18 bis 30 Jahren. Ungewiss ist auch, wie lange der Schutz nach der jeweiligen Impfung anhält. Die Teilnehmenden wurden nur rund sechs Wochen lang beobachtet.

Rötung, Schwellung und Schmerzen häufiger

Auch unerwünschten Nebenwirkungen nach der Impfung sollten die Teilnehmenden der Studie angeben. Jene Personen, die in die Haut geimpft wurden, bemerkten häufiger Rötungen, Schwellung, Schmerzen und Jucken an der Einstichstelle als in den Muskel Geimpfte. Fieber, Kopfweh und Abgeschlagenheit waren in beiden Gruppen etwa gleich häufig.

Gefährlicher als Nebenwirkungen können jedoch die Folgen einer nicht erforschten und potenziell wirkungslosen Impf-Methode sein: Etwa, wenn Personen sich geschützt fühlen und auf weitere Vorsichtsmaßnahmen verzichten.

Minimale Impfdosis: Wirksamkeit nicht erforscht

Einzelne Ärztinnen und Ärzte bieten die Mesotherapie-Corona-Impfung mit einem Hundertstel der herkömmlichen Impfstoff-Menge an. Ob eine so geringe Menge überhaupt eine Schutzwirkung hat, ist fraglich. Das wurde nie erforscht.

Die Wirksamkeit und Sicherheit der zugelassenen Corona-Impfstoffe sind mit großen, aussagekräftigen Studien belegt. Alle Informationen dazu haben wir auf unserer Corona-Übersichtsseite zusammengefasst.

Impfung in die Haut: die Dosis macht’s

Die Impfung in die Haut wurde bereits bei Impfstoffen gegen andere Erkrankungen untersucht, zum Beispiel gegen Grippe (Influenza), Tollwut oder Hepatitis B [2,3]. Der Gedanke dahinter: In der Haut befinden sich besonders viele Abwehrzellen des Immunsystems. Deshalb ist die Vermutung plausibel, dass dort weniger Impfstoff zur Aktivierung des Immunsystems notwendig ist. So könnte eine Impfstoffdosis auf mehrere Menschen aufgeteilt werden, was besonders in ärmeren Ländern mit Impfstoff-Mangel vorteilhaft wäre [2].

Grippe-, Tollwut- und Hepatitis-Impfung könnten in der Haut ähnlich gut wirken wie im Muskel, darauf deuten zumindest die verfügbaren Studien hin [3]. In diesen Studien wurde ein Fünftel bis zwei Drittel der üblichen Menge in die Haut injiziert.

Mesotherapie – ein schwammiger Begriff

Der Begriff Mesotherapie fasst unterschiedliche Behandlungen zusammen, bei denen verschiedene Substanzen in geringen Dosen in die Haut gespritzt werden [4]. Meist sind das Schmerzmittel, aber auch Vitamin- oder Mineralstoff-Mischungen oder homöopathische Mittel. Medikamente kommen dabei meist „off-label“ – also ohne Zulassung – zum Einsatz. Die injizierten Substanzen sowie die Menge unterscheiden sich stark, gespritzt wird oft – ohne wissenschaftliche Basis – den Lehren der Akupunktur folgend. Der Begriff Mesotherapie meint also lediglich die Art der Verabreichung und sagt nichts über die Art oder die Menge eines verwendeten Wirkstoffs aus.

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Wir fanden eine randomisierte kontrollierte Studie aus Dänemark, die die Wirksamkeit der Corona-Impfung direkt unter die Haut untersucht hat [1]. An der Studie nahmen 30 gesunde Personen zwischen 18 und 30 Jahren teil, die bisher keine Corona-Impfung erhalten hatten und auch nie mit SARS-CoV-2 infiziert waren.

Diese wurden per Zufall in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen wurden im Abstand von vier Wochen zweimal mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna geimpft. Die eine Gruppe erhielt 20 Mikrogramm des Impfstoffes mittels einer feinen Nadel knapp unter die Haut. Den Teilnehmenden der anderen Gruppe wurde die gleiche Dosis in den Muskel des Oberarms verabreicht. Üblicherweise werden bei der Impfung mit dem Moderna-Impfstoff jeweils 100 Mikrogramm pro Teil-Impfung in den Oberarmmuskel gespritzt.

Das Studienteam befragte alle Teilnehmenden ab der ersten Teilimpfung sechs Wochen lang zu möglichen Nebenwirkungen. Außerdem wurde ihr Blut nach vier, fünf und sechs Wochen auf die Anzahl von Antikörpern gegen das Coronavirus untersucht. Das Ergebnis: Beide Gruppen hatten ähnlich viele Antikörper, egal ob sie den Impfstoff unter die Haut oder in den Muskel erhalten hatten.

Das Studienteam verglich diese Ergebnisse zusätzlich mit bereits vorhandenen Daten von 20 Personen, die mit der vollständigen Dosis in den Oberarmmuskel geimpft worden waren. Auch bei ihnen war eine ähnliche Anzahl von Antikörpern gemessen wie bei den Teilnehmenden der Studie. Es ist jedoch vollkommen unklar wie diese Personen ausgewählt wurden. Wir halten diesen Vergleich deshalb nicht für aussagekräftig.

Wenig aussagekräftige Ergebnisse

Diese Ergebnisse sind aus mehreren Gründen nicht verlässlich. Zum einen haben nur sehr wenige Personen teilgenommen. Zum anderen waren die Versuchspersonen junge gesunde Erwachsene – eine Personengruppe, die nicht unbedingt repräsentativ für die gesamte Bevölkerung ist. Außerdem ist es nicht nachvollziehbar, ob die Zuteilung zu den beiden Behandlungs-Gruppen wirklich zufällig erfolgte.

Auch ein Manko: Die Studie dauerte nur sechs Wochen. Wie lange der Effekt der Impfung anhält hat sie nicht untersucht. Zudem ist nach wie vor unklar, wie viele und welche Antikörper nötig sind, um tatsächlich vor Covid-19 geschützt zu sein.

Ob die Corona-Impfung mittels Mesotherapie wirksamen Schutz vor Covid-19 bietet, bleibt unklar. Eine wirksame und sichere Alternative zur derzeit zugelassenen Corona-Impfung ist sie also nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Roozen u.a. (2021)
Studienart: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 30 Erwachsene
Fragestellung: Löst eine intradermale Injektion des SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna die gleiche Immunantwort aus wie eine intramuskuläre Injektion mit gleicher oder höherer Dosis?
Interessenskonflikte: Nicht angegeben.

Roozen, G. V., Prins, M. L., van Binnendijk, R. S., den Hartog, G., Kuiper, V. P., Prins, C., … & Roukens, A. (2021). Tolerability, safety and immunogenicity of intradermal delivery of a fractional dose mRNA-1273 SARS-CoV-2 vaccine in healthy adults as a dose sparing strategy. (Studie in voller Länge)

[2] Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Hickling, J. K., Jones, K. R., Friede, M., Zehrung, D., Chen, D., & Kristensen, D. (2011). Intradermal delivery of vaccines: potential benefits and current challenges. Bulletin of the World Health Organization, 89, 221-226.(Link zum Dokument)

[3] Schnyder, J. L., De Pijper, C. A., Garrido, H. M. G., Daams, J. G., Goorhuis, A., Stijnis, C., … & Grobusch, M. P. (2020). Fractional dose of intradermal compared to intramuscular and subcutaneous vaccination-A systematic review and meta-analysis. Travel medicine and infectious disease, 101868. (Link zur Studie)

[4] Migliore, A., Gigliucci, G., Di Marzo, R., Russo, D., & Mammucari, M. (2021). Intradermal Vaccination: A Potential Tool in the Battle Against the COVID-19 Pandemic?. Risk Management and Healthcare Policy, 14, 2079 (Link zur Studie)

[5] Robert-Koch-Institut: Fragen und Antworten zum Impfen
Abgerufen am 25.11.2021 unter www.rki.de