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Menstruationstasse: keine Nachteile durch Infektionen

Menstruationstassen sind eine Alternative zu Tampons und Binden

Menstruationstassen sind eine Alternative zu Tampons und Binden

Die Menstruationstasse ist eine wenig bekannte Form der Monatshygiene. Verglichen mit Einweg-Binden und Stoffeinlagen erhöht sie das Infektionsrisiko wahrscheinlich nicht.

Frage:Ist bei Nutzung von Menstruationstassen bzw. Binden das Risiko für eine Bakterien- oder Pilz-Infektion vergleichbar?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Unsere Aussage basiert auf einer soliden Einzelstudie. Noch mehr Klarheit können weitere zukünftige Studien bringen.

Sie ist eine Alternative zu Tampons und Binden: die Menstruationstasse. Etwa acht Prozent [3] der Mädchen und Frauen in Österreich verwenden sie, so eine Umfrage aus dem Jahr 2017.

Kein Nischenprodukt mehr

Vor kurzem noch waren Menstruationstassen nur per Internetversand oder in Reformhäusern erhältlich. Doch mittlerweile sind Modelle verschiedener Hersteller in den Regalen von Drogeriemärkten angekommen.

Bei der Menstruationstasse handelt es sich um einen weichen glocken- oder schalenförmigen Becher, hergestellt in verschiedenen Größen aus Silikon, Latex oder Kunststoff. Ähnlich einem Tampon wird die Menstruationstasse in die Scheide geschoben, um dort das Menstruationsblut aufzufangen.

Müll vermeiden, Geld sparen

Die Nutzerinnen können die Menstruationstasse immer wieder ausleeren und waschen – und somit jahrelang verwenden. Im Vergleich zu den gängigen Einwegprodukten, also Tampons und Binden, lässt sich mit einer Menstruationstasse Müll vermeiden und Geld sparen. Soweit die Vorteile.

Doch wie sieht es mit den Nachteilen aus? Gibt es gesundheitliche Nebenwirkungen durch ein erhöhtes Infektionsrisiko? Eine Forschungsgruppe wollte unter anderem dieser Frage auf den Grund gehen. Dazu wertete sie die besten bisher veröffentlichten Studien aus [1]. Auch Datenbanken mit Meldungen zu Nebenwirkungen hat sie berücksichtigt.

Grundbedürfnisse oft nicht gedeckt

Hintergrund der Studie: In einkommensschwachen Ländern fehlt oft das Geld für teure Einweg-Produkte. Viele Frauen müssen sich daher etwa mit Stoffresten behelfen – oft ohne sanitäre Einrichtungen mit sauberem Wasser, geeignete Entsorgungsmöglichkeiten und entsprechende Privatsphäre. Dies führt zu vielen weitreichenden Einschränkungen im Leben dieser Frauen.

Wie enorm Ungerechtigkeit und Not sind, lässt sich in Mitteleuropa kaum fassen: Einige Teenager in Kenia sind im Austausch für Monatshygiene zu Sex gezwungen [1]. Ein sicheres, erschwingliches und verlässliches Hygieneprodukt ist also von großer Bedeutung. Auch deswegen brauchen staatliche Programme solide Informationen, bevor sie die Menstruationstasse in Aufklärungsprogramme aufnehmen oder verteilen.

Keine Hinweise auf erhöhtes Infektionsrisiko

Das Autorenteam der Übersichtsarbeit [1] wollte also wissen, ob Menstruationstassen auch in diesen Settings eine geeignete Alternative sind und wie es unter anderem um das Infektionsrisiko steht. Zum Thema Infektionen des Fortpflanzungstrakts fand sich eine hochwertige Studie.

Die Analyse der solide gemachten Studie mit 766 Schulmädchen aus Westkenia im Alter von 14 bis 16 Jahren zeigte: Es gibt – wenn gewisse hygienische Standards wie Händewaschen und Sauberhalten der Tasse eingehalten werden – offenbar keine ernsten gesundheitlichen Nachteile durch Infektionen.

Zu Scheideninfektionen durch Bakterien oder Pilze kam es während der Studie mit einer Menstruationstasse nicht häufiger als mit herkömmlichen Einweg-Binden oder auch behelfsmäßigen Stoffeinlagen. Unabhängig von der Monatshygiene hatten etwa 8 bis 25 Prozent der Teilnehmerinnen zu Studienende eine Infektion mit Bakterien oder Pilzen.

Diese Erkenntnis gilt als recht gut abgesichert und wurde von weiteren Studien bekräftigt, deren Aussagekraft allerdings schwächer ist [1].

Häufige Scheideninfektionen

Von einer Scheideninfektion mit Bakterien (Vaginose) sind zwischen 5 und 30 von 100 Frauen betroffen [4,5]. Eine Infektion mit einem Scheidenpilz bekommen fast alle Frauen zumindest einmal in ihrem Leben [6].

Gut gesicherte Hinweise, dass die Wahl der Monatshygiene sich prinzipiell auf das Infektionsrisiko auswirkt, gibt es nicht [7].

Es ist allerdings plausibel, dass Mädchen und Frauen aus einkommensschwachen Ländern ein gesteigertes Infektionsrisiko haben. Denn ihnen fehlt häufig die Möglichkeit, ihre Menstruationshygiene optimal zu gestalten, zum Beispiel weil es an ausreichend sauberen Hygieneartikeln und Sanitäreinrichtungen fehlt.

Auf der unabhängigen Webseite Gesundheitsinformation.de finden Sie weitere wissenschaftlich gesicherte Informationen zur bakteriellen Scheideninfektion und zu Scheidenpilz.

Schwere Nebenwirkungen – nicht gut untersucht

Bei Verwendung von Menstruationstassen kann es zum Toxischen Schock-Syndrom (TSS) kommen. Das ist eine schwere, durch Staphylokokkus-Bakterien ausgelöste Erkrankung. Im Rahmen der Literatursuche wurden fünf TSS-Fälle im Zusammenhang mit der Menstruationstasse erfasst – was darauf hinweist, dass es sich hier um eine sehr seltene Nebenwirkung handeln dürfte [1].

TSS ist hauptsächlich als Nebenwirkung von Tampons bekannt – zum Beispiel bei der Verwendung von stark saugfähigen Tampons oder wenn Tampons zu lange in der Scheide bleiben. TSS kann lebensbedrohlich sein. Schätzungen zufolge tritt ein Toxisches Schock-Syndrom bei 1 bis 3 von 100.000 Frauen in Verbindung mit der Periode auf [8].

Löst sich die Spirale?

Unklar ist, ob eine Menstruationstasse das Risiko vergleichsweise erhöht, dass sich ein in die Gebärmutter eingesetztes Verhütungsmittel wie die Spirale löst. Bisher gibt es acht dokumentierte Fälle, in denen das passiert ist. Es gibt allerdings keine Hinweise, dass dies mit Tasse häufiger vorkommt als mit Tampons oder Binden [1].

Probleme beim Tragen

Befragungen legen nahe, dass Mädchen und Frauen oft einige Monate benötigen, um sich an die Menstruationstasse zu gewöhnen. Zu Beginn kommt es häufig zu Schmerzen beim Einsetzen, Herausnehmen und Tragen der Menstruationstasse. Das gibt sich mit der Zeit meistens [1].

Richtige Verwendung

Zu Beginn jeder Periode sollte die Menstruationstasse desinfiziert werden – etwa indem man sie einige Minuten in kochendes Wasser legt. Vor dem Einsetzen bzw. Herausnehmen sollten die Hände mit Seife gewaschen werden.

Die Tasse lässt sich am leichtesten einführen, wenn sie gefaltet ist. Im Inneren der Scheide entfaltet sie sich und hält dort normalerweise durch den Unterdruck von alleine.

Eine Menstruationstasse kann mehr Flüssigkeit aufnehmen als ein Tampon. Nach vier bis zwölf Stunden muss sie ausgeleert werden. Das ist abhängig von der Größe der Tasse und der Blutungsstärke [1].

Um die Menstruationstasse herauszunehmen, löst man mit dem Finger den Unterdruck. Vor dem Wiedereinsetzen reicht es, sie mit kaltem Wasser auszuspülen oder mit Papier auszuwischen.

Dass die Menstruationstasse ausläuft, passiert wohl nicht öfter oder in größerem Ausmaß n als mit anderen Hygieneartikeln. Tassen, Tampons und Binden dürften also in punkto Auslaufsicherheit eher gleichwertig sein. Diese Frage haben zwei randomisiert-kontrollierte Studien mit 220 Frauen aus Südafrika und Kanada geklärt [1].

 

Die Studien im Detail

In einer systematischen Übersichtsarbeit [1] hat eine britisch-indische Forschungsgruppe die Studienlage zu verschiedenen Fragen rund um die Menstruationstassen zusammengefasst und analysiert. Dabei sind sie sorgfältig vorgegangen.

Um möglichst alle relevanten Studien zu finden, hat die Forschungsgruppe zehn verschiedene Datenbanken durchforstet. Insgesamt fanden sie 43 Studien mit 3319 Teilnehmerinnen zu Menstruationstassen. Die Arbeiten hatten sich mit Verbreitung, Akzeptanz, Auslaufsicherheit, Nebenwirkungen und Verfügbarkeit beschäftigt.

Wir haben uns für das Infektionsrisiko interessiert, also Infektionen der Scheide mit Bakterien oder Pilzen; ausgenommen waren Infektionen mit sexuell übertragbaren Erregern.

Infektionen in Kenia

Das Risiko von Scheideninfektionen durch Bakterien und Pilze hat lediglich eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 766 Schulmädchen untersucht. Die Teilnehmerinnen stammten aus Westkenia (Siaya Province) [2]; das ist eine ländliche Region mit mangelhafter Wasserversorgung und schlechten sanitären Bedingungen.

Den Mädchen im Alter von 14 bis 16 wurde eine Form der Monatshygiene zugelost: entweder eine Menstruationstasse aus Silikon (Modell „Mooncup“) oder Einweg-Binden oder der gewohnte Hygieneartikel. Letzteres waren beispielsweise Stoffstücke, Watte, Toilettenpapier oder Einweg-Binden.

Alle Mädchen erhielten ein Training zu Themen rund um Pubertät und Hygiene, jene aus der Tassen-Gruppe bzw. Binden-Gruppe noch eine zusätzliche Aufklärung zur Nutzung der Artikel. Alle Mädchen wurden mit Seife, Kalendern und Stiften ausgestattet, die Schulen bekamen Seifen-Zuteilungen.

Nach rund 11 Monaten zeigte sich, dass Infektionen mit Bakterien oder Pilzen bei keiner Gruppe deutlich gehäuft auftraten. Je nach Gruppe lagen die Infektionen zwischen 15 und 21 Prozent (bakterielle Scheideninfektion, Vaginose) bzw. zwischen 8 und 10 Prozent (Infektion mit dem Pilz Candida albicans) [1].

Die Studie wurde prinzipiell sorgfältig durchgeführt, auch die Anzahl der Teilnehmerinnen war ausreichend für aussagekräftige Ergebnisse.

Die Monatshygiene-Artikel wurden nicht einzelnen Teilnehmerinnen zugeteilt, sondern jede der 30 teilnehmenden Schulen bekam insgesamt jeweils eine zufällige Zuteilung. Dies hatte praktische Gründe, schwächt die Aussagekraft des Ergebnisses allerdings etwas.

Die auswertenden Personen waren verblindet. Die Verblindung der Mädchen selbst war wie in den anderen Studien nicht möglich.

Die Ergebnisse sind nur bedingt verallgemeinerbar: Zum einen waren die Studienteilnehmerinnen im Alter von 14 bis 16 ziemlich jung und vielleicht nicht gut mit Frauen anderer Altersgruppen vergleichbar. Außerdem lebten die Teilnehmerinnen in einer Region, wo die Versorgung mit sauberem Wasser und Seife keine Selbstverständlichkeit sind, wo es an sanitären Einrichtungen, Abfallentsorgung und Privatsphäre mangelt.

Wie drastisch sich die Lebensbedingungen dieser jungen Frauen unterschieden und wie wenig selbstverständlich die Verfügbarkeit von Monatshygiene ist, lässt ein weiterer Befund aus der Studie vermuten. Bei jenen Mädchen, die in der Studie Monatshygiene-Artikel zur Verfügung gestellt bekommen hatten, wurden auch weniger sexuell übertragbare Krankheiten festgestellt. Das Studienteam schloss daraus, dass die Mädchen nicht so häufig zu „transactional sex“ gezwungen sein dürften, also Sex im Austausch für entsprechende Geldbeträge, sodass Monats-Hygiene gekauft werden kann. Dies wiederum erhöht ihr Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten, HIV, eine Schwangerschaft und folglich Schulabbruch.

Andere Nebenwirkungen

Für andere Nebenwirkungen haben die Autorinnen und Autoren der systematischen Übersichtsarbeit Beobachtungsstudien gefunden; diese sind besser geeignet, um seltenen Nebenwirkungen auf den Grund zu gehen.

Im Gegensatz zu randomisiert-kontrollierten Studien haben dabei die Teilnehmerinnen selbst bestimmt, welchen Hygieneartikel sie verwendeten. Die Ergebnisse solcher Studien sind allerdings anfällig für Verzerrungen. Denn die Gruppen können sich in wesentlichen Punkten voneinander unterscheiden und die Ergebnisse somit nicht gut vergleichbar sein.

Obwohl die Studien teilweise sehr unterschiedlich durchgeführt wurden, hat die Autorengruppe ihre Ergebnisse in Meta-Analysen rechnerisch zusammengefasst. Die in Folge genannten Zahlen sind daher nur grobe Schätzungen:

Demnach fanden etwa 33 von 100 Studienteilnehmerinnen die Tasse beim ersten Mal unangenehm zu tragen. In späteren Monaten waren es nur noch rund 8 von 100, die dieses Problem hatten [1].

In einer Vergleichsstudie hatten 9 von 100 Mädchen in den ersten drei Monaten Schmerzen beim Einführen der Tasse, keines jedoch bei den bisher verwendeten Hygieneartikeln [1].

Durchschnittlich 3 von 100 Studienteilnehmerinnen hatten Probleme beim Einführen der Menstruationstasse, 10 von 100 berichteten von Schwierigkeiten beim Herausnehmen [1].

Die Angaben zu schwerwiegenden Nebenwirkungen wie dem Toxischen Schock-Syndrom (TSS) beruhen auf Fallberichten; es wurden fünf Fälle berichtet. Bei ihnen fehlt ein direkter Vergleich mit anderen Hygieneartikeln.

(AutorIn: B. Kerschner, J. Harlfinger, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] van Eijk u.a. (2019)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien, 21 Beobachtungsstudien (überwiegend Kohortenstudien, 2 qualitative Studien, 10 Fallberichte)
Teilnehmerinnen: 3319 Mädchen und Frauen, davon 2145 in randomisiert-kontrollierten Studien
Fragestellung: Wie effektiv und sicher sind Menstruationstassen im Vergleich zu anderen Monatshygiene-Artikeln?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autor

van Eijk AM, Zulaika G, Lenchner M, et al. Menstrual cup use, leakage, acceptability, safety, and availability: a systematic review and meta-analysis. Lancet Public Health. 2019 Jul 16. pii: S2468-2667(19)30111-2. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Phillips-Howard u.a. (2016)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmerinnen: 766 Schulmädchen im durchschnittlichen Alter von 14,6 Jahren
Untersuchungsdauer: 11 Monate
Fragestellung: Gibt es u.a. einen Unterschied bei Scheideninfektionen zwischen Menstruationstassen und anderen Monatshygiene-Artikeln?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Phillips-Howard PA, Nyothach E, Ter Kuile FO, et al. Menstrual cups and sanitary pads to reduce school attrition, and sexually transmitted and reproductive tract infections: a cluster randomised controlled feasibility study in rural Western Kenya. BMJ Open 2016; 6: e013229. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[3] Gynial (2017)
Gynial. (27. Februar, 2017). Welche der folgenden Produkte für die Monatshygiene verwenden Sie? In Statista. Zugriff am 2. August 2019, von de.statista.com (Zugang beschränkt)

[4] IQWIG (2018)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Bakterielle Scheideninfektion. Abgerufen am 7.8.2019 unter www.gesundheitsinformation.de

[5] UpToDate (2019)
Sobel JD. Bacterial vaginosis: Clinical manifestations and Diagnosis. In Eckler K (ed.). UpToDate. Abgerufen am 12.8.2019 unter www.uptodate.com (Zugang kostenpflichtig)

[6] IQWIG (2019)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Pilzinfektion der Scheide (Scheidenpilz). Abgerufen am 7.8.2019 unter www.gesundheitsinformation.de

[7] UpToDate (2019)
Sobel JD. Candida vulvovaginitis: Clinical manifestations and diagnosis. In Eckler K (ed.). UpToDate. Abgerufen am 12.8.2019 unter www.uptodate.com (Zugang kostenpflichtig)

[8] UpToDate (2019)
Chu VH. Staphylococcal toxic shock syndrome. In Baron EL (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2.8.2019 unter www.uptodate.com (Zugang kostenpflichtig)