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Selten, aber tödlich: Gehirnentzündungen als Spätfolgen von Masern

Vor der ersten Impfung sind Babys am stärksten durch Masern gefährdet

Vor der ersten Impfung sind Babys am stärksten durch Masern gefährdet

Masern können gravierende Spätfolgen haben, darunter die Gehirnentzündung SSPE. Die tödliche Erkrankung gilt als selten. Aber wie selten ist sie wirklich?

Frage:Ist das Risiko für die Gehirnentzündung SSPE als Folge einer Masernerkrankung größer als lange Zeit angenommen? Das heißt: Entwickelt von 100.000 Maserninfizierten mehr als eine Person im späteren Leben eine SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis)?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Das Risiko für die tödlich Gehirnentzündung SSPE scheint in Deutschland, Großbritannien und den USA deutlich über der Einschätzung von einem SSPE-Fall pro 100.000 Masernfällen zu liegen. Um das Risiko genauer zu berechnen, bräuchte es eine verlässlichere Langzeit-Erfassung von Maserninfektionen und SSPE-Erkrankungen.

Früher machten fast alle Kinder die Masern durch – eine hoch ansteckende und nicht ungefährliche Krankheit. Etwa zwei Millionen Tote weltweit forderten Masern-Epidemien jedes Jahr vor der Einführung von Masernimpfungen [8].

In Vergessenheit geraten: Masern-Komplikationen

Heute halten viele Masern für eine harmlose Kinderkrankheit. Das mag daran liegen, dass seit den 1960er Jahren eine gut wirksame und sichere Impfung zur Verfügung steht. Zumindest den Menschen in wohlhabenden Ländern [8].

Durch die Impfung ist die Anzahl der Masernfälle weltweit stark zurückgegangen. Heute kennt, zumindest im westlichen Europa, kaum jemand noch die möglichen schwerwiegenden Folgen von Masern aus dem eigenen Familien- und Freundeskreis.

Gehirnentzündung – Spätfolgen ohne Heilung

Bei einer seltenen und besonders schweren Masern-Komplikation breitet sich die Erkrankung auf das Gehirn aus. Dabei greifen Masernviren ungefähr fünf bis zehn Jahre nach den vermeintlich überstandenen Masern Nervenzellen im Gehirn an. „Subakute sklerosierende Panenzephalitis“ heißt diese Erkrankung, kurz SSPE [8].

SSPE ist nicht heilbar. Als Spätfolgen der Masern löst die Krankheit u.a. geistigen Abbau (typisch sind Schulschwierigkeiten), Verhaltensveränderungen, Bewegungsstörungen, Krampfanfälle und Demenz aus. SSPE führt schließlich zum Koma und immer zum Tod [9,10].

SSPE in Österreich

Bei der letzten großen Masernepidemie in Österreich Mitte der 1990er Jahre kam es zu etwa 28.000 bis 30.000 Infektionen. In der Folge erkrankten 16 Kinder an der tödlich verlaufenden Gehirnentzündung [5].

Wie groß ist das Risiko?

Eine erschreckend hohe Zahl. Bisher war man davon ausgegangen, dass von 100.000 Masernerkrankten „nur“ etwa eine Person im späteren Leben SSPE entwickelt [4]. Doch Studien aus den letzten Jahren deuten darauf hin, dass das Risiko vermutlich unterschätzt worden ist [1-3,10].

Neueren Schätzungen zufolge bekommen von 10.000 Masernerkrankten nach einer überstandenen Infektion offenbar ein bis zwei Personen im späteren Leben SSPE [7,8]. Eventuell noch häufiger könnten Kinder betroffen sein, die im Alter von weniger als 2 Jahren die Masern durchmachen.

Risikoeinschätzung für Spätfolgen offenbar überholt

Unser Fazit zum Thema nach der Auswertung von bisherigen Studien mit Daten aus Deutschland, Großbritannien und den USA [1-3]: Masern können schwere Komplikationen haben; darunter Spätfolgen wie die seltene, letztlich tödlich verlaufende Gehirnentzündung SSPE.

Auch wenn die derzeitige Studienlage keine ganz exakte Auskunft geben kann, so dürfte die frühere Risikoeinschätzung (1 SSPE-Fall pro 100.000 Masernerkrankungen) veraltet sein. Das tatsächliche SSPE-Risiko erscheint deutlich höher, vor allem für an Masern erkrankte Babys und Kleinkinder. Die höchste Einschätzung geht sogar von 164 SSPE-Betroffenen pro  100.000 Babys aus – das entspricht einem SSPE-Fall unter 609 Masernerkrankten [7].

Für eine bessere Risikobewertung bräuchte es verlässliche Fallzahlen (Anzahl der Masernerkrankungen und der SSPE-Erkrankungen), zum Beispiel aus umfassenden nationalen Registern. Diese Zahlen liegen aber oft nicht vollständig oder für längere Zeiträume vor. Denn nicht alle Krankheitsfälle werden erkannt oder verpflichtend in zentralen Verzeichnissen gesammelt.

Impfung verhindert Millionen Tote

Impfen gegen Masern ist wirksam. Dies zeigt sich etwa daran, dass 2016 das erste Jahr war, in dem es weltweit weniger als 100.000 Todesfälle durch Masern gab. Schätzungen zufolge hat die Masernimpfung allein im Zeitraum 2000 bis 2016 etwa 20,4 Millionen Todesfälle verhindert [11].

In Ländern, wo das Pro-Kopf-Einkommen niedrig und die Gesundheits-Infrastruktur schlecht ist, zählen die Masern nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern. Zu einem besonderen Problem werden die Masern während humanitären Katastrophen, etwa in Flüchtlingscamps, wo bis zu 30 Prozent der Erkrankten sterben [8,11].

Masern noch immer in Europa

Die WHO hatte eigentlich zum Ziel gesetzt, dass die Masern – wie es bereits in anderen Regionen der Erde gelungen ist – in Europa bis 2015 ausgerottet sein sollten. Dies ist gescheitert; und Fachleute sind besorgt über die zu geringe Durchimpfung (mit 2 Teilimpfungen pro Person) in Europa [9]. Folglich kommt es, auch in Österreich, immer wieder zu kleineren und größeren Ausbrüchen der Infektionskrankheit [4].

Konkrete Fallzahlen anzugeben ist nicht ganz einfach, da die Überwachungssysteme je nach Land unterschiedlich gut arbeiten. Masernerkrankungen bzw. deren Komplikationen werden vermutlich nicht immer zur Gänze erfasst [9].

Symptome und Komplikationen

Masernviren verbreiten sich durch Tröpfchen (Husten, Niesen) von Mensch zu Mensch. Typische Symptome sind Fieber, Hautausschlag, Husten, Schnupfen und Bindehautentzündungen. Es gibt keine wirksame Behandlung direkt gegen die Masernviren, nur unterstützende Therapien.

Eine Maserninfektion kann zu ernsthaften Komplikationen führen, vor allem bei Kindern unter 5 und Erwachsenen über 30. Dazu zählen starker Durchfall samt Austrocknung, Erblindung, Mittelohrentzündungen und Lungenentzündungen [11].

Schutz ab 10 Monaten

Eine Impfung verhindert eine Masernerkrankung in 19 von 20 Fällen [12]. In Österreich ist die erste Teilimpfung gegen Masern für Kinder mit 10 bis 11 Monaten empfohlen. Die zweite Teilimpfung sollte drei Monate danach erfolgen. Eltern, die dies versäumen, mögen laut Empfehlung die kostenlose Impfung vor dem Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen (Kindergarten, Schule) nachholen [5].

Herdenschutz für die Kleinsten

Natürlich können sich Babys schon vor der ersten Impfung mit den Masern anstecken. Die Kleinsten sind durch Komplikationen am stärksten gefährdet. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben an SSPE zu erkranken, umso höher, je früher sich ein Kind mit Masern infiziert [4,11].

Umso wichtiger ist es also, dass Menschen in der Umgebung von ungeimpften Babys und Kleinkindern (z. B. medizinisches Personal, Eltern, Geschwister, Betreuungspersonen) geimpft sind und somit mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Masern übertragen. Dann können die Kleinsten vom so genannten „Herdenschutz“ profitieren.

Kombinierter Schutz

Zur Impfung gegen Masern gibt es in Österreich Kombinationsimpfstoffe. Diese schützen auch noch gegen Röteln und Mumps (MMR-Impfung) sowie Windpocken (MMRV-Impfung) [5].

Die MMR-Impfung kann bei 5 bis 15 von 100 Geimpften Fieber verursachen. Bei etwa 5 von 100 löst sie einen vorübergehenden Hautausschlag aus, das sind die nicht ansteckenden „Impfmasern“. Möglich sind auch Blutplättchenarmut (Thrombozytopenie) sowie in seltenen Fällen Fieberkrämpfe [6].

Vorteile überwiegen

Auch wenn es Nebenwirkungen gibt: In Summe überwiegen die Vorteile der Impfung deutlich, wie eine systematische Übersichtsarbeit der wissenschaftlichen Nonprofit-Organisation Cochrane gezeigt hat [12].

Die Autorinnen und Autoren dieser Übersichtsarbeit untersuchten einen möglichen Zusammenhang der MMR-Impfung mit Autismus, Asthma, Leukämie, Pollenallergie, Diabetes, Gangstörungen, Morbus Crohn, Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose sowie bakteriellen oder viralen Infektionen. Für keine dieser Krankheiten konnten sie ein erhöhtes Risiko feststellen.

 

Die Studien im Detail

Kalifornien

Ein amerikanisches Forschungsteam [3] ist den SSPE-Fällen in Kalifornien nachgegangen. Sie durchsuchten Register, in denen Patientendaten, Todesfälle und Todesursachen verzeichnet waren. Für den Zeitraum 1998 bis 2015 identifizierten sie 17 sichere SSPE-Diagnosen. Auf dieser Basis schätzten sie, dass 1 von 609 Babys (unter 12 Monaten) mit Masern später SSPE entwickeln wird. Das ist das wohl höchste bisher in der wissenschaftlichen Literatur angegebene Risiko.

Bei älteren Kindern sieht es laut Autorenteam ein wenig besser aus: die Daten aus Kalifornien legen nahe, dass eines von 1367 Kindern, die bei ihrer Maserninfektion unter 5 sind, später SSPE bekommen wird. Eine konservativere Schätzung lautet 1:1200 bzw. 1:2700.

Von den an SSPE erkrankten Kindern aus der kalifornischen Studie hatten 14 keine Masernimpfung erhalten, bei den anderen drei Kindern war der Impfstatus unklar. Bei fünf Kindern war nicht sicher belegt (aber auch nicht auszuschließen), dass sie eine Maserinfektionen durchgemacht hatten. Die anderen zwölf Kinder mit SSPE waren im Alter von 1,5 Monaten bis 14 Monaten an den Maser erkrankt oder sie hatten zumindest eine fiebrige Erkrankung samt Ausschlag durchgemacht – vermutlich Masern.

Angesteckt hatten sie sich mit den Masern u.a. in Deutschland, Indien und Mexiko und in den USA während der Masernepidemie um das Jahr 1990 mit über 55.000 Erkrankten. Bei der SSPE-Diagnose war der jüngste Patient drei, der älteste 35 Jahre alt; die Masernerkrankung lag zu diesem Zeitpunkt zwischen 2,5 bis 34 Jahre zurück. Schon vor der Diagnose waren bei den meisten Betroffenen Probleme in der geistigen Entwicklung und beim Bewegungsverhalten festgestellt worden.

Deutschland

Die Autorinnen und Autoren einer Studie [1] haben SSPE-Erkrankungen in Deutschland aus den Jahren 2003 bis 2009 ausgewertet. Die Fälle wurden durch die Erhebungseinheit für Seltene Pädiatrische Erkrankungen (ESPED) und das Institut für Virologie und Immunologie in Würzburg gesammelt. Die Forscherinnen und Forscher kamen auf insgesamt 31 an SSPE erkrankte Kinder (bis 16 Jahre) und glichen diese mit der Zahl der (meldepflichtigen) Masererkrankungen ab.

Demzufolge bekam etwa eines von 1700 (1:1700) bis zu einem von 3300 (1:3300) der an Masern erkrankten Kinder unter 5 später SSPE. Im Durchschnitt trat SSPE acht Jahre nach der Maserninfektion auf, die die betroffenen Kinder meist im Alter von einem Jahr bekommen hatten. Zum Zeitpunkt der Masernerkrankung war keines der später von SSPE betroffenen Kinder geimpft, soweit das Forschungsteam dies rückverfolgen konnte.

England und USA

Die Analyse von SSPE-Fällen aus England und einer Masern-Epidemie in den USA Anfang der 1990er deutet darauf hin, dass eine von 9000 bis 25.000 Masernerkrankung zu SSPE führen könnte. Bei Säuglingen unter einem Jahr wäre es sogar ein SSPE-Fall pro 5500 Maserninfizierten [2].

Alle Studien geben ein höheres Risiko an als die wohl veraltete Schätzung von 1:100.000 [3]. Die Risikoeinschätzung ist aber von Studie zu Studie unterschiedlich.

Es ist schwierig zu sagen, welche Schätzungen die besten sind und welche am ehesten die Situation in Österreich widerspiegeln. Es ist anzunehmen, dass die Basisdaten für die Schätzungen nicht ganz exakt sind, weil beispielsweise nicht alle Masernfälle erfasst worden sind. Es könnte auch sein, dass nicht alle SSPE-Erkrankungen erkannt und registriert wurden. Für die Forscherinnen und Forscher war es wohl oft nicht einfach, die Geschichte der einzelnen Erkrankungen und die Biografie der Patientinnen und Patienten im Nachhinein zu rekonstruieren – waren die Kinder geimpft? Wann und wo haben sie sich angesteckt?

[Aktualisiert am 8. 2. 2018, erstmals veröffentlicht am 1. 8. 2013.]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Schönberger u.a. (2013)
Studientyp: epidemiologische Studie
Analysierte Fälle: SSPE-Fälle in Deutschland von 2003 bis 2009 sowie Maserninfektionen von 1994 bis 2001
Fragestellung: Abschätzung des Risikos für Subakute Sclerosierende Panencephalitis nach einer Maserninfektion
Interessenskonflikte: keine angegeben

Schönberger K, Ludwig MS, Wildner M, Weissbrich B. Epidemiology of Subacute Sclerosing Panencephalitis (SSPE) in Germany from 2003 to 2009: A Risk Estimation. PLoS One. 2013 Jul 9;8(7):e68909. (Studie in voller Länge)

[2] Campbell u.a. (2007)
Studientyp: nicht-systematische Übersichtsarbeit und epidemiologische Studie
Analysierte Studien: 132 Studien und Fallberichte, sowie vorhandene Daten aus nationalen Datenbanken zu SSPE-Fällen
Fragestellung: Beeinflussen Masernimpfungen das Auftreten von SSPE-Fällen?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Campbell H, Andrews N, Brown KE, Miller E. Review of the effect of measles vaccination on the epidemiology of SSPE. Int J Epidemiol. 2007 Dec;36(6):1334-48. Epub 2007 Nov 23. (Studie in voller Länge)

[3] Wendorf u.a. (2017)
Studientyp: epidemiologische Studie
Fragestellung: Ist SSPE häufiger als bisher angenommen?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Wendorf KA, Winter K, Zipprich J, Schechter R, Hacker JK, Preas C, Cherry JD, Glaser C, Harriman K. Subacute Sclerosing Panencephalitis: The Devastating Measles Complication That Might Be More Common Than Previously Estimated. Clin Infect Dis. 2017 Jul 15;65(2):226-232. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] UpToDate (2017a)
Epidemiology and transmission of measles. Abgerufen am 24.1.2018 unter www.uptodate.com/contents/epidemiology-and-transmission-of-measles (Zugang kostenpflichtig)

[5] Bundesministerium für Gesundheit (2018)
Impfplan des Gesundheitsministeriums. Abgerufen am 2.2.2018 unter www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/3/3/1/CH1100/CMS1515753153756/tabelle_impfplan_oesterreich_2018.pdf

[6] European Medicines Agency (2011)
ProQuad – Annex I Summary of Product Characteristics. Abgerufen am 7. 2. 2018 unter www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/EPAR_-_Product_Information/human/000622/WC500044070.pdf

[7] Moss (2017)
Measles. Lancet. 2017 Dec 2;390(10111):2490-2502. (Zusammenfassung)

[8] Rota u.a. (2016)
Rota PA, Moss WJ, Takeda M, de Swart RL, Thompson KM, Goodson JL. Measles. Nat Rev Dis Primers. 2016 Jul 14;2:16049. (Zusammenfassung)

[9] UpToDate (2017b)
Measles: Clinical manifestations, diagnosis, treatment, and prevention. Abgerufen am 24.1.2018 unter www.uptodate.com/contents/measles-clinical-manifestations-diagnosis-treatment-and-prevention (Zugang kostenpflichtig)

[10] Dynamed (2017)
Measles. Abgerufen am 24.1.2018 unter https://health.ebsco.com/dynamed-content/measles (Zugang kostenpflichtig)

[11] WHO (2018)
World Health Organisation. Measles (Media centre, fact sheet). Abgerufen am 31.1.2018 unter www.who.int/mediacentre/factsheets/fs286/en/

[12] Demicheli u.a. (2012)
Demicheli V, Rivetti A, Debalini MG, Di Pietrantonj C. Vaccines for measles, mumps and rubella in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 2. Art. No.: CD004407.1 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)