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Marillenkerne: gefährlich und kein Mittel gegen Krebs

Marillen sind gesund - das Innere ihrer Kerne nicht

Marillen sind gesund – das Innere ihrer Kerne nicht

Marillenkerne (Aprikosenkerne) enthalten giftiges Amygdalin. Ein medizinischer Nutzen gegen Krebs ist nicht belegt, trotzdem werden sie als „pflanzliche Chemotherapie“ beworben.

Frage:Hilft Amygdalin, das Gift aus den Kernen von Marillen (Aprikosen) und anderen Steinfrüchten, gegen Krebs?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Es ist ein Mythos, dass der Verzehr von bitteren Marillenkernen Krebs heilen oder vorbeugen kann. Stattdessen ist belegt, dass das darin enthaltene Amygdalin giftig ist. Durch den Verzehr von bitteren Marillenkernen kann es zu schweren Vergiftungen kommen, die mitunter tödlich enden.

Obwohl sie giftiges Amygdalin enthalten, werden geschälte bittere Marillenkerne (Aprikosenkerne) immer wieder als Snack verkauft. Schon die Menge, die in wenigen Kernen enthalten ist, kann gesundheitsschädlich sein. Im November 2018 musste die österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) ein solches Produkt wegen Vergiftungsgefahr zurückrufen [3].

Doch Marillenkerne erfreuen sich nicht nur als Knabberei einer gewissen Beliebtheit. Im Internet kursiert der Mythos, dass Marillenkerne Krebs bekämpfen könnten. Immer wieder gibt es Menschen, die auf die vermeintlich heilende Anti-Krebs-Wirkung vertrauen und mit einer Vergiftung im Krankenhaus behandelt werden müssen [4].

Unwissenschaftlicher Mythos

Tatsächlich gibt es keine Hinweise auf eine krebsheilende oder vorbeugende Wirkung. Uns ist keine aussagekräftige Studie bekannt, in der die Anti-Krebs-Wirkung von Marillenkernen oder dem darin enthaltene Amygdalin untersucht worden ist [1]. Das gilt auch für die im Labor hergestellte Form Lätril (englisch: laetrile).

Es gibt lediglich Berichte über Einzelfälle [2]. Vereinzelt beschreiben diese zwar auch eine Besserung der Krebserkrankung, die scheinbar auf die Marillenkern-Wirkung zurückzuführen sind. Das Problem bei solchen Fallberichten ist der fehlende Vergleich mit weiteren Betroffenen, die weder Marillenkerne, Amygdalin oder Lätril erhalten haben. Dass sich die Erkrankung auch ohne diese Mittel gebessert hätte, lässt sich somit nicht ausschließen.

Berichte über einzelne Schicksale sind auch deshalb nicht aussagekräftig, weil sich von ihnen nicht auf andere Betroffene schließen lässt. Es gibt also keine Belege für eine Wirkung gegen Krebs. Doch wie kommen Befürworterinnen und Befürworter dieser „Behandlungsmethode“ überhaupt auf diese Idee?

Warum ist Amygdalin gefährlich?

Amygdalin kommt in natürlicher Form nicht nur in Marillenkernen vor, sondern auch in den Kernen anderer Steinfrüchte wie Pfirsiche oder Zwetschken (Pflaumen). Auch in rohen Bittermandeln ist die Substanz in hoher Konzentration enthalten.

Giftig ist Amygdalin, weil während ihrer Verdauung Blausäure entsteht. Blausäure hindert die Körperzellen daran, Sauerstoff zu verwerten. Bekommen menschliche Zellen „keine Luft mehr“, können sie in Folge absterben.

Je nach Schwere der Vergiftung reichen die Beschwerden von Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen über Atemnot bis hin zu Koma und Tod [2,4].

Die gleichzeitige Einnahme von Vitamin C könnte das Risiko für eine Vergiftung erhöhen. Bei einem Vitamin-B-12-Mangel, wie er besonders bei einer veganen Ernährung vorkommen kann, ist dieses Risiko ebenfalls groß [1].

Krebszellen sind nicht empfindlicher

Anhängerinnen und Anhänger des Mythos glauben, dass die entstehende Blausäure Krebszellen bevorzugt schädigt. Diese seien empfindlicher als gesunde Körperzellen. In Laborexperimenten lässt sich diese Theorie jedoch nicht bestätigen [5].

Angebliches „Vitamin B17“

Einer weiteren haltlosen Theorie zufolge ist Krebs eine Stoffwechselkrankheit, die angeblich durch einen Mangel des in der Wissenschaft unbekannten „Vitamin B17“ verursacht wird. Diese irreführende Bezeichnung verwenden Marillenkern-Fans oft für Amygdalin. Tatsächlich gibt es ein Vitamin mit diesem Namen nicht.

Vitamine sind Stoffe, die der Körper zum Überleben benötigt. Amygdalin ist jedoch für den Stoffwechsel in keiner Weise notwendig und darf daher auch nicht als Vitamin bezeichnet werden. Es existieren lediglich acht B-Vitamine mit den Bezeichnungen: B1, B2, B3, B5, B6, B7, B9, B12.

Süße und bittere Marillenkerne

Bittere Marillenkerne mit ihrer hohen Amygdalin-Konzentration stammen aus der säuerlichen Wildmarille.

Im Handel findet man auch süße Marillenkerne. Sie stammen aus herkömmlichen Marillen, schmecken süß und enthalten meist geringere Mengen Amygdalin [6]. Allerdings können auch in süßen Marillenkernen gesundheitsschädliche Konzentrationen des Giftstoffs stecken [7].

Nur zwei Kerne am Tag unbedenklich

Geringe Mengen Amygdalin kann der menschliche Körper selbst abbauen. Die gerade noch unbedenkliche Dosis des Gifts erreichen Erwachsene laut Bundesinstitut für Risikobewertung bereits mit zwei bitteren Marillenkernen pro Tag. Die für Kinder unbedenkliche Menge ist deutlich geringer. Daher empfehlen die Fachleute des Instituts, dass Kinder, Schwangere und Stillende gänzlich auf solche Kerne verzichten [4].

 

Die Studien im Detail

Im Juli 2018 hat eine deutsch-britische Forschungsgruppe des Cochrane-Netzwerks nach aussagekräftigen Studien zur Wirkung von Amygdalin beziehungsweise Lätril auf Krebs gesucht. Trotz intensiver Suche in mehreren wissenschaftlichen Datenbanken konnte die Gruppe keine solchen Studien finden [1].

Damit eine Studie aussagekräftig ist, müssten die teilnehmenden Personen in zwei Gruppen geteilt werden. Eine Gruppe erhält Amygdalin oder Lätril, die andere ein ähnlich aussehendes und schmeckendes Scheinpräparat (Placebo) ohne diese Inhaltsstoffe. Idealerweise sollten alle Beteiligten darüber im Unklaren bleiben, wer welches Präparat erhält.

Erst wenn sich nach längerer Behandlung herausstellt, dass in der Amygdalin/Lätril-Gruppe mehr Personen von Krebs geheilt werden als in der Placebo-Gruppe, wäre dies ein Beweis für die Wirksamkeit. Solche Studien sind jedoch nie durchgeführt worden.

(AutorIn: B. Bernitt, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Milazzo u.a. (2018)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: keine randomisiert-kontrollierten Studien gefunden (letzte Aktualisierung 2018)
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Milazzo S, Horneber M. Laetrile treatment for cancer. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Apr 28;(4):CD005476. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Milazzo u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 36 Fallberichte oder Fallserien
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Milazzo S, Lejeune S, Ernst E. Laetrile for cancer: a systematic review of the clinical evidence. Support Care Cancer. 2007 Jun;15(6):583-595. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[3] AGES (2018)
Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Abgerufen am 12. 12. 2018 unter https://www.ages.at/produktwarnungen/produktwarnung/bio-bittere-aprikosenkerne/

[4] BfR (2015)
Bundesinstitut für Risikobewertung. Zwei bittere Aprikosenkerne pro Tag sind für Erwachsene das Limit – Kinder sollten darauf verzichten. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 009/2015 des BfR vom 7. April 2015. Abgerufen am 10. 12. 2018 unter https://www.bfr.bund.de/cm/343/zwei-bittere-aprikosenkerne-pro-tag-sind-fuer-erwachsene-das-limit-kinder-sollten-darauf-verzichten.pdf

[5] Blaheta u.a. (2016)
Blaheta RA, Nelson K, Haferkamp A, Juengel E. Amygdalin, quackery or cure? Phytomedicine. 2016 Apr 15;23(4):367-76. (Zusammenfassung)

[6] Vereine für Unabhängige Gesundheitsberatung (2011)
Schützen Aprikosenkerne vor Krebs?. Abgerufen am 11. 12. 2018 unter https://www.ugb.de/exklusiv/fragen-service/schuetzen-aprikosenkerne-vor-krebs/?aprikosenkerne-krebs

[7] Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
Vorsicht beim Verzehr von bitteren Mandeln und bitteren Aprikosenkernen – Gefahr durch Blausäure. Abgerufen am 11. 12. 2018 unter
http://www.laves.niedersachsen.de/lebensmittel/aktuell/vorsicht-beim-verzehr-von-bitteren- mandeln-und-bitteren-aprikosenkernen–gefahr-durch-blausaeure-73476.html