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Mariendistel zur Leber-Erholung unklar

Mariendistel (Silybum marianum) - Hoffnung bei Leber-Erkrankungen?

Mariendistel (Silybum marianum) – Hoffnung bei Leber-Erkrankungen?

Angeblich sollen Stoffe aus der Mariendistel die Leber schützen und entgiften. Dass sie bei Erkrankungen der Leber helfen können, ist jedoch unbewiesen.

Frage:Ist Mariendistelextrakt bei Erkrankungen der Leber eine wirksame Behandlung?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Bisherige Studien dazu sind mangelhaft durchgeführt und daher nicht aussagekräftig genug. Ob die Mariendistel eine Lebererkrankung aufgrund von Alkoholmissbrauch oder Hepatitis B oder C bessern kann, ist unklar.

Alkohol und kalorienreiches, fettes Essen sind für viele Menschen wichtige Zutaten für ein zünftiges Festmahl. Spielen alkoholische Getränke oder üppige Speisen jedoch auch im Alltag eine große Rolle, kann das auf Dauer die Leber beeinträchtigen.

Dass hoher Alkoholkonsum mit der Zeit die Leber schädigt, ist kein medizinisches Geheimnis. Doch auch wenn kaum oder gar kein Alkohol im Spiel ist, kann es zu einer Fettleber oder gar Leberentzündung kommen. Als Ursachen dafür werden verschiedene Gründe vermutet, etwa Übergewicht und eine ungesunde Ernährung, Typ2-Diabetes, eine Fettstoffwechselstörung oder die Veranlagung. Auch eine Vergiftung oder Viruserkrankungen wie Hepatitis B oder C können die Leber dauerhaft schädigen.

Als angebliche Hilfe bewerben zahlreiche Seiten im Internet Wirkstoffe aus der Mariendistel. Ein Extrakt aus dieser Pflanze – auch unter der Bezeichnung Silymarin bekannt – soll die Leber schützen, entgiften und das Eindringen weiterer Schadstoffe in die Leberzellen verhindern.

Nutzen von Mariendistel unklar

Ob die Mariendistel dieses Versprechen halten kann, können Fachleute bisher nicht sicher beantworten. Zwar haben einzelne Studien die Wirksamkeit von Mariendistel auf die Wahrscheinlichkeit untersucht, an einer Lebererkrankung zu sterben. Die Teilnehmenden in diesen Studien waren entweder alkoholkrank oder hatten sich mit Hepatitis-Viren infiziert, bei manchen traf auch beides zu. Ob der Distelextrakt sie vor einem frühzeitigen Tod bewahren konnte, geht aus den Ergebnissen aber nicht klar hervor [1,2]. Weitere Studien dazu konnten wir auch in einer umfangreichen Suche in medizinischen Studiendatenbanken keine finden.

Bei Lebererkrankungen, die vermutlich durch Übergewicht bedingt sind, ist die Wirkung ebenfalls unklar. Ein britisches Wissenschaftsteam konnte dazu nur eine einzige Studie finden, welche die Auswirkung auf die Entwicklung einer Leberzirrhose untersucht hat. Die Studie ist jedoch so mangelhaft durchgeführt, dass das Ergebnis offen bleibt [3].

Ebenfalls mangelhaft durchgeführt sind eine Reihe von Studien, welche untersucht haben, ob Mariendistel bestimmte Leberwerte im Blut von Hepatitisviren-Infizierten und anderen Lebererkrankten verbessert [4-6]. Ob die Mariendistel hier helfen kann, können daher nur zukünftige Studien zeigen. Diese sollten nach strengen, wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt werden und möglichst viele Teilnehmende untersuchen.

Eine Behandlung mit dem Distelextrakt kann auch Nebenwirkungen haben. Möglich sind etwa Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall, schwerwiegende Nebenwirkungen sind jedoch bisher nicht bekannt.

Wirksamkeit bei Pilzvergiftungen unbelegt

Extrakte der im Mittelmeerraum heimischen Mariendistel wurden bereits im antiken Griechenland zu medizinischen Zwecken eingesetzt. In Tierversuchen scheinen die Wirkstoffe aus Silymarin Labortiere vor Leberschäden durch verschiedene Giftstoffe zu schützen [1]. Was bei Tieren möglicherweise wirkt, muss jedoch nicht auch beim Menschen helfen. Schließlich unterscheiden sich Stoffwechsel, Organfunktion und Körperbau von Menschen wesentlich von Labortieren wie Mäusen und Ratten.

Die Mariendistel wird auch bei Vergiftungen durch Knollenblätterpilze häufig eingesetzt. Das Gift in diesen Pilzen – Amatoxin – kann unter anderem die Leber schädigen und zum völligen Versagen der Leber führen. Ob die Wirkstoffe aus der Distel tatsächlich helfen können, ist allerdings nur unzureichend untersucht [7]. Da es aber auch sonst keine Behandlung mit gesicherter Wirksamkeit gibt, setzen etliche Ärzte und Medizinerinnen dennoch auf die Disteltherapie [8].

Alkohol: Verzicht hilft

Die Hauptursache für Erkrankungen der Leber ist jedoch keine Pilzvergiftung, sondern neben Hepatitis-Viren der Gruppe B und C vor allem Alkohol [1]. Auch wenn die Wirksamkeit bei einer alkoholbedingten Lebererkrankung unklar ist, ist der Extrakt der Mariendistel zur Behandlung beliebt [1].

Die Folgen von langjährigem, regelmäßigem Alkoholkonsums reichen von einer Fettleber über eine mögliche Leberentzündung bis hin zur Leberzirrhose mit anschließendem Leberversagen. Das macht im schlimmsten Fall sogar eine Lebertransplantation notwendig. Ein belegtermaßen wirksames Medikament zur Behandlung dieser Erkrankungen existiert jedoch nicht [2] [9].

In einer Sache stimmen jedoch Ärzte und Wissenschaftlerinnen überein: Liegt bereits eine Erkrankung der Leber vor, ist Alkoholverzicht die wichtigste aller Maßnahmen. Mit dem Trinken aufzuhören kann das Fortschreiten der Lebererkrankung deutlich bremsen [9].

 

Die Studien im Detail

Ob Wirkstoffe aus der Mariendistel das Risiko senken können, an einer Lebererkrankung zu versterben, wollte ein Team des Wissenschaftsnetzwerks Cochrane im Jahr 2005 wissen. Dazu suchten die Teammitglieder nach allen bis dahin veröffentlichten Studien, welche das Sterberisiko bei Personen mit alkoholbedingter oder durch Hepatitis B oder C verursachten Leberschäden untersucht hatten. Viele der gefunden Studien waren schlecht durchgeführt und somit wenig aussagekräftig. Doch selbst drei streng nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Studien können weder belegen noch ausschließen, dass Mariendistel-Extrakt das Sterberisiko verringert – zu groß ist die Schwankungsbreite ihrer Ergebnisse [1].

Im Jahr 2017 veröffentlichten zwei weitere Cochrane-Teams je eine systematische Übersichtsarbeit zu medikamentöser Behandlung von Lebererkrankungen. In der ersten Arbeit [2] wurden Studien zu Leberschäden analysiert, die durch Alkohol verursacht wurden. Neue Studien zu Mariendistel fand das Team dabei nicht. In der zweiten Arbeit [3] waren die Ursachen für die Leberprobleme nicht Alkohol, sondern Gründe wie Übergewicht und ungesunde Ernährung, Typ2-Diabetes, eine Fettstoffwechselstörung oder die Veranlagung. Die Autoren fanden zwar eine neue Studie, die die Auswirkung von Mariendistel-Extrakt auf das Leberzirrhose-Risiko untersucht hatte, diese Studie war jedoch von schlechter Qualität und nicht aussagekräftig.

In unseren eigenen Recherchen in zwei Forschungsdatenbanken konnten wir keine weiteren Studien finden, die die Auswirkung von Mariendistel auf das Sterberisiko untersucht haben. Allerdings können wir nicht ausschließen, dass wir eventuell eine doch vorhandene Studie übersehen haben könnten.

Drei weitere Forschungsteams haben nach Studien gesucht, die die Wirkung von Mariendistel auf Leberwerte im Blut untersucht haben [4-6]. Die Studien dazu sind allerdings schlecht durchgeführt und nicht aussagekräftig.

[Aktualisert am 27. 10. 2017, ursprünglich veröffentlicht am 14. 1. 2013. Neuere Studien ändern unsere Einschätzung nicht wesentlich.]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Rambaldi u.a. (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 13 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 915 Patienten mit Lebererkrankungen aufgrund von Alkohol und/oder Hepatitis B/C
Fragestellung: Ist Mariendistel bei Patienten mit Lebererkrankungen aufgrund von Alkoholmissbrauch oder Heptatitis B/C wirksam?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C. Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C virus liver diseases“. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD003620. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Buzzetti u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: u.a. 2 randomisiert-kontrollierte Studien zu Silymarin
Teilnehmer insgesamt: 316 Personen mit alkoholbdingten Lebererkrankungen
Fragestellung: Kann Silymarin (neben anderen pharmakologischen Behandlungen) bei alkoholbedingten Lebererkrankungen helfen oder das Risiko für einen frühzeitigen Tod verringern?
Interessenskonflikte: Die Finanzierung erfolgte durch das unabhängige National Institute for Health Research in Großbritannien. Einige der Autoren haben jedoch in der Vergangenheit Gelder von pharmazeutischen Unternehmen erhalten.

Buzzetti E, Kalafateli M, Thorburn D, Davidson BR, Thiele M, Gluud LL, Del Giovane C, Askgaard G, Krag A, Tsochatzis E, Gurusamy KS. Pharmacological interventions for alcoholic liver disease (alcohol-related liver disease). Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 3. Art. No.: CD011646. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Lombardi u.a. (2017)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: u.a. 1 randomisiert-kontrollierte Studie zu Silymarin
Teilnehmer insgesamt: 64 Personen mit nicht-alkoholischer Fettleber
Fragestellung: Kann (neben anderen pharmakologischen Behandlungen) ein Extrakt aus der Mariendistel bei einer Nicht-alkoholische Fettleber helfen?
Interessenskonflikte: Die Finanzierung erfolgte durch das unabhängige National Institute for Health Research in Großbritannien. Einige der Autoren haben jedoch in der Vergangenheit Gelder von pharmazeutischen Unternehmen erhalten.

Lombardi R, Onali S, Thorburn D, Davidson BR, Gurusamy KS, Tsochatzis E. Pharmacological interventions for non-alcohol related fatty liver disease (NAFLD). Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 3. Art. No.: CD011640. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Yang u.a (2014)
Yang Z, Zhuang L, Lu Y, Xu Q, Chen X. Effects and tolerance of silymarin (milk thistle) in chronic hepatitis C virus infection patients: a meta-analysis of randomized controlled trials. Biomed Res Int. 2014;2014:941085. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] De Avelar u.a. (2017)
de Avelar CR, Pereira EM, de Farias Costa PR, de Jesus RP, de Oliveira LPM. Effect of silymarin on biochemical indicators in patients with liver disease: Systematic review with meta-analysis. World J Gastroenterol. 2017 Jul 21;23(27):5004-5017. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[6] Wei u.a. (2013)
Wei F, Liu SK, Liu XY, Li ZJ, Li B, Zhou YL, Zhang HY, Li YW. Meta-analysis: silymarin and its combination therapy for the treatment of chronic hepatitis B. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2013 May;32(5):657-69. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Lacombe u.a. (2016)
Lacombe G, St-Onge M. Towards evidence-based emergency medicine: best BETs from the Manchester Royal Infirmary. BET 1: Silibinin in suspected amatoxin-containing mushroom poisoning. Emerg Med J. 2016 Jan;33(1):76-7. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] UpToDate (2017)
Peredy TR (2017) Amatoxin-containing mushroom poisoning (eg, Amanita phalloides): Clinical manifestations, diagnosis, and treatment. In Wiley JF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 24. 10. 2017 unter https://www.uptodate.com/contents/amatoxin-containing-mushroom-poisoning-eg-amanita-phalloides-clinical-manifestations-diagnosis-and-treatment

[9] UpToDate (2017)
Friedman SL (2012). Prognosis and treatment of alcoholic liver disease and alcoholic hepatitis. In Robson KM (ed.). UpToDate. Abgerufen unter https://www.uptodate.com/contents/prognosis-and-management-of-alcoholic-fatty-liver-disease-and-alcoholic-cirrhosis am 24. 10. 2017