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Mit Mannose gegen Blasenentzündung?

Bei Blasenentzündung greifen Betroffene gerne zu einer Wärmeflasche

Bei Blasenentzündung greifen Betroffene gerne zu einer Wärmeflasche

Ist Mannose zur Vorbeugung von Blasenentzündungen eine gute Alternative zu Antibiotika? Das interessiert viele Frauen, ist aber nur unzureichend untersucht.

Frage:Ist Mannose zur Vorbeugung von wiederkehrenden Blasenentzündungen so gut oder besser geeignet wie Antibiotika?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:In zwei Studien kam es mit Mannose zwar ähnlich häufig oder sogar seltener zu Blasenentzündungen als mit einem Antibiotikum. Allerdings sind die Studien so schlecht gemacht, dass die Ergebnisse nicht vertrauenswürdig sind.

Wenn frau häufig zur Toilette muss und es beim Wasserlassen brennt, ist es wohl eine Blasenentzündung – mal wieder. Für einige Betroffene ist ein Harnwegsinfekt keine einmalige Angelegenheit, sondern sie leiden manchmal mehrmals im Jahr darunter. Fachleute schätzen, dass mehr als die Hälfte der Frauen mindestens einmal im Leben an einer Blasenentzündung erkranken. Und jede zweite von ihnen bekommt im Laufe eines Jahres erneut einen Harnwegsinfekt [1].

Mannose: Zucker gegen Entzündung

Abhilfe ist oft schwierig, wenn man nicht monatelang Antibiotika einnehmen möchte. Umso interessanter ist ein Präparat mit Mannose, das zur Vorbeugung von Blasenentzündungen beworben wird.

Mannose ist eine Zuckerart und kommt natürlich in Pflanzen vor. In Laboruntersuchungen haben Forscher festgestellt, dass der Zucker Bakterien binden kann. Könnte Mannose sich dann nicht auch an Bakterien in den Harnwegen „klammern“ und so verhindern, dass eine Blasenentzündung entsteht? Soweit die Idee. Wie alle theoretischen Überlegungen muss sich aber auch diese erst im praktischen Experiment, sprich Studien an Menschen, bewähren.

Wenig aussagekräftig

Tatsächlich haben wir zwei Studien [1,2] gefunden, die den Effekt von Mannose bei Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen untersucht haben. Dabei verglichen die Forscher die Wirksamkeit des Zuckers mit der von verschiedenen Antibiotika.

Die gute Nachricht: Mannose schnitt in den Untersuchungen verblüffend gut ab. Die nicht so gute Nachricht: Die Studien sind schlecht gemacht, sodass diese Ergebnisse wenig vertrauenswürdig sind.

Das gilt auch für die angeblich gute Verträglichkeit von Mannose – denn Nebenwirkungen wurden in den Studien nur unzureichend untersucht. Insgesamt lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt also keine sichere Aussage darüber treffen, ob Mannose tatsächlich wirksam und sicher ist, wenn es darum geht, Blasenentzündungen vorzubeugen.

Brennendes Problem

Blasenentzündungen betreffen vor allem Frauen. Bei ihnen ist die Harnröhre kürzer als bei Männern. Deswegen können Bakterien leichter in die Harnblase gelangen und dort eine Entzündung auslösen. Typische Symptome sind häufiger Harndrang und Brennen beim Wasserlassen.

Auch wenn frau sonst gesund ist, können bestimmte Umstände eine Blasenentzündung begünstigen: Das gilt etwa für die Zeit nach den Wechseljahren und während der Schwangerschaft. Andere Frauen erkranken häufig nach dem Sex, weil dadurch Bakterien in die Harnröhre gelangen können.

Weiters haben Menschen mit anatomischen Veränderungen im Harntrakt oder Erkrankungen wie Diabetes oder Multiple Sklerose ein höheres Risiko für Blasenentzündungen [3].

Wiedersehen macht keine Freude

Blasenentzündungen werden üblicherweise mit Antibiotika behandelt und klingen dann schnell wieder ab. Einige Frauen bekommen aber mehrmals im Jahr eine Blasenentzündung. Warum das so ist, weiß man noch nicht genau. Eventuell spielen genetische Faktoren eine Rolle.

Zur Vorbeugung wird häufig empfohlen, direkt nach dem Sex die Blase zu entleeren und generell viel zu trinken. Ob das tatsächlich hilft, ist zwar nicht gut untersucht, aber einen Versuch wert, weil dadurch vermutlich kein Schaden entsteht [4].

Wenn solche Verhaltensmaßnahmen nicht ausreichend sind, können die betroffenen Frauen mit dem Arzt besprechen, ob für sie eine vorbeugende Einnahme von Antibiotika, in der Regel über sechs oder zwölf Monate, sinnvoll ist. Antibiotika senken das Risiko für eine erneute Blasenentzündung deutlich, bringen aber auch häufig Nebenwirkungen wie Durchfall oder Pilzinfektionen in der Scheide mit sich. Für andere Mittel zur Vorbeugung von Blasenentzündungen, etwa Cranberry, gibt es bisher keine überzeugenden Wirksamkeitsbelege [4].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche haben wir zwei Studien gefunden, die den Einsatz von Mannose bei Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen untersucht haben und die Wirkung mit Antibiotika verglichen haben [1,2].

Lückenhafter Report

In die erste Studie [1] wurden nur Teilnehmerinnen aufgenommen, die keine besonderen Risikofaktoren hatten und bei denen eine unkomplizierte Blasenentzündung gerade ausgeheilt war. Die Wissenschaftler teilten die rund 300 Frauen, von denen etwa die Hälfte die Wechseljahre bereits hinter sich hatte, einer von drei Therapieoptionen zu: Die erste Gruppe nahm täglich zwei Gramm Mannose ein, die zweite Gruppe jeden Tag 50 Milligramm des Antibiotikums Nitrofurantoin, die dritte Gruppe bekam keine Behandlung.

Nach sechs Monaten berechneten die Forscher in jeder Gruppe den Anteil der Teilnehmerinnen, bei denen mindestens eine Blasenentzündung aufgetreten war: Mit Mannose waren es etwa 15 Prozent, mit dem Antibiotikum rund 20 Prozent und ohne Behandlung rund 60 Prozent. Den rechnerischen Unterschied zwischen Mannose und dem Antibiotikum werteten die Wissenschaftler als zufällige Abweichung.

Wichtige Details fehlen

Allerdings hat die Studie zahlreiche methodische Schwächen: So ist die gewählte Methode für die zufällige Zuteilung der Teilnehmerinnen auf die Gruppen manipulationsanfällig. Verstärkt wird dieses Problem noch dadurch, dass sowohl Ärzte als auch Teilnehmerinnen wussten, zu welcher Gruppe sie gehörten. In der Veröffentlichung der Studie fehlen einige wichtige Details, etwa nach welchen Kriterien sich die Frauen bei Verdacht auf eine Blasenentzündung in der Klinik vorstellen sollten.

Da Mannose und das Antibiotikum nicht mit einem Scheinmedikament verglichen wurden, ist auch unklar, welcher Anteil der beobachteten Effekte auf die Wirkstoffe zurückzuführen ist und zu welchem Teil es eine Rolle spielte, ob die Frauen überhaupt behandelt wurden. Da die Anzahl der Teilnehmerinnen in den Gruppen relativ niedrig war, lässt sich nicht sicher sagen, ob Mannose und das Antibiotikum tatsächlich gleichwertig waren oder ob durch zufällige Streuung ein vorhandener Unterschied nicht erkannt werden konnte.

Berichterstattung zu Nebenwirkungen mangelhaft

Auch die Auswertung der Nebenwirkungen wirft viele Fragen auf: So litten nach den Angaben in der Studienpublikation acht Prozent der Frauen mit Mannose-Einnahme unter Nebenwirkungen, in der Gruppe mit dem Antibiotikum aber 27 Prozent. Die Forscher berichten, dass die Frauen unter Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit, Kopfschmerzen, Hautausschlag und Brennen in der Scheide litten. Das sind ziemlich unspezifische Symptome, die auch im normalen Alltag ohne Einnahme von Medikamenten auftreten können.

Es fehlen Angaben dazu, wie die Nebenwirkungen in der Studie erhoben wurden. Dass die Frauen wussten, welches Medikament sie einnahmen, könnte ihre Wahrnehmung und ihre Protokollführung beeinflusst haben. Angaben zu denselben Symptomen fehlen für die Gruppe der Frauen ohne Behandlung. Ob diese Frauen überhaupt zu entsprechenden Beschwerden befragt wurden, ist unklar. Das wäre aber wichtig zu wissen, um glaubwürdige Angaben zur Häufigkeit der Nebenwirkungen mit den untersuchten Mitteln zu erhalten. Deshalb ist es nicht sicher, ob Mannose tatsächlich besser verträglich ist als ein Antibiotikum.

Der Zufall bestimmt: Antibiotikum oder Mannose

Die zweite Studie [2] lief ebenfalls mit Frauen, die in der Vergangenheit häufig unter Harnwegsinfekten gelitten hatten und nun zum wiederholten Male betroffen waren. Wie groß der Anteil der Teilnehmerinnen war, die bereits die Wechseljahre hinter sich hatten, wird nicht angegeben.

Die Forscher teilten die 60 Frauen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Die erste Gruppe nahm fünf Tage lang zwei Mal täglich ein Antibiotikum ein, danach schloss sich für die folgenden 23 Wochen eine Intervallbehandlung an: Eine Woche lang nahmen die Frauen ein Mal täglich das Antibiotikum zur Vorbeugung ein, danach folgten drei Wochen ohne Behandlung.

Die zweite Gruppe nahm zwei Wochen lang drei Mal am Tag ein Gramm Mannose ein, in den folgenden 22 Wochen zweimal täglich. Zusätzlich bekamen die Frauen auch noch ein Mittel, um den Säuregehalt des Urins zu senken. Das soll die Behandlung mit Mannose verbessern. Nach 24 Wochen tauschten die beiden Gruppen, es schloss sich eine gleich lange Behandlung mit der jeweils anderen Therapieoption an.

Spektakulär – aber nicht vertrauenswürdig

Nach einem Jahr werteten die Forscher aus, wie viele Frauen in der jeweiligen Behandlungsphase erneut mindestens eine Blasenentzündung bekommen hatten. Während der Behandlung mit dem Antibiotikum waren es 92 Prozent, während der Behandlung mit Mannose 20 Prozent. Diese Zahlen muten spektakulär an, sind aber aus mehreren Gründen mit Vorsicht zu betrachten: So lässt sich wegen fehlender Details in der Veröffentlichung nicht beurteilen, ob die Ausgangsbedingungen in den beiden Gruppen tatsächlich gleich waren.

Die Forscher geben auch nicht an, ob die Blasenentzündungen jeweils während der ersten oder der zweiten Behandlungsphase aufgetreten sind. Das ist auch deshalb wichtig, weil die beiden Therapien unmittelbar hintereinander erfolgten. So lässt sich nicht sicher beurteilen, welchem der beiden Mittel ein Erfolg oder ein Versagen zuzurechnen ist.

Fehlende Diskussion des Antibiotika-Versagens

Ebenso diskutieren die Forscher nicht, warum in ihrer Studie die Frauen während der Antibiotika-Behandlung so häufig erneute Blasenentzündungen bekommen haben – so liegt der Anteil etwa deutlich höher als in der ersten Studie [1].

Denkbar wäre etwa, dass die Bakterien nicht richtig auf das verwendete Antibiotikum angesprochen haben, also gegen das Antibiotikum zumindest teilweise resistent waren. Dann ist aber auch ein Vergleich mit Mannose nicht aussagekräftig. Nebenwirkungen wurden in der Studie nicht untersucht bzw. in der Publikation dokumentiert, sodass sich auch keine Aussagen zur Verträglichkeit machen lassen.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kranjcec u.a. (2014)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 308 Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten
Fragestellung: Welchen Nutzen hat die Einnahme von Mannose über einen Zeitraum von 6 Monaten im Vergleich zu Nitrofurantoin oder keiner Behandlung bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten?
Interessenkonflikte: Autoren geben an, dass keine bestehen.

Kranjcec B u.a. (2014) D-mannose powder for prophylaxis of recurrent urinary tract infections in women: a randomized clinical trial. World J Urol. , 32:79-84 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Porru u.a. (2014)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie (cross-over)
Teilnehmende: 60 Frauen zwischen 22 und 54 Jahren mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten
Fragestellung: Ist Mannose im Vergleich zu einem Antibiotikum eine wirksame und sichere Behandlungsoption für die Behandlung und Vorbeugung von Harnwegsinfekten?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Porru D u.a. (2014) Oral D-mannose in recurrent urinary tract infections in women: a pilot study. Journal of Clinical Urology, 7, 208–21 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2016)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2016) Blasenentzündung. www.gesundheitsinformation.de/blasenentzuendung.2258.de.html Zugriff am 23.11.2017

[4] UpToDate (2017)
Recurrent urinary tract infection in women (Stand November 2016, letzte Literaturrecherche Oktober 2017). www.uptodate.com/contents/recurrent-urinary-tract-infection-in-women Zugriff am 17.11.2017