Artemisia-Tee: Ein Heilmittel gegen Malaria?

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Julia Harlfinger, Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 11. August 2021
Kurzfristig dürfte Artemisia-Tee die Beschwerden bei Malaria lindern. Doch das ist für eine nachhaltige Heilung nicht genug.
Ist Tee aus der Pflanze Artemisia annua ein verlässliches Heilmittel gegen Malaria? Studien sprechen eher dagegen.
Frage:
Kann Artemisia-Tee als Therapie so gut heilen wie Medikamente gegen Malaria?
möglicherweise nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Zwei etwas ältere Studien haben den Heilungserfolg von Artemisia-Tee mit zwei Malaria-Medikamenten verglichen. Dabei deutete sich an, dass der Tee aus Artemisia annua wohl eher schlechter heilt als die Medikamente. Vor allem wurden die Malaria-Erreger vermutlich nicht nachhaltig abgetötet. Unsere Einschätzung ist jedoch relativ unsicher.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

An Malaria erkranken rund 200 Millionen Menschen pro Jahr, vor allem in Afrika. Die Infektionskrankheit ist prinzipiell heilbar, wenn die richtige Behandlung rasch genug erfolgt. Das verhindert auch schwere Verläufe.

Dennoch sterben jährlich weltweit immer noch über 400.000 Menschen an Malaria. Denn viel zu viele Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Vorbeugungsmaßnahmen, zu frühzeitiger Diagnose und zur Behandlung mit wirksamen Malaria-Medikamenten [5].

Günstiger und gerechter mit Artemisia?

Als eine neuartige Strategie für die Behandlung von Malaria in Afrika steht immer wieder die Pflanze Artemisia annua (Einjähriger Beifuß) zur Debatte. Die getrockneten Artemisia-Pflanzenteile sollen ein leistbares und leicht zugängliches Hausmittel gegen Malaria sein, zubereitet meist als Tee, insbesondere in Weltregionen, wo es an Medikamenten mangelt. Die Idee einer lokalen, kostengünstigen und selbstbestimmten Medizin in Form von Pflanzen vom eigenen Feld oder aus dem Hausgarten ist durchaus attraktiv.

Und die Annahme, dass Hausmittel aus Artemisia bei Malaria helfen könnten, erscheint auf den ersten Blick nicht ganz abwegig. Denn immerhin enthält Artemisia annua die Substanz Artemisinin, die eine gewisse Wirkung gegen Malaria hat.

Abgewandelte künstliche Formen (Derivate) von Artemisinin sind eine Säule der standardmäßig bei Malaria tropica eingesetzten Kombinationstherapie. Das Ziel dieser modernen Therapie mit mehreren Wirkstoffen ist ein zuverlässiges Abtöten des Malariaerregers Plasmodium falciparum, damit es auch längerfristig nicht wieder zu einem Rückfall kommt.

Sorge wegen Resistenzen

Allerdings hat bereits theoretisch der Traum von heilsamen Artemisia-Hausmitteln Schwachpunkte: Artemisinin alleine und auch einzelne Artemisinin-Derivate sollen laut Weltgesundheitsorganisation WHO [3] nicht mehr zu Einsatz kommen. Auch vor der Einnahme pflanzlicher Artemisia-Präparate warnt die WHO.

Denn Fachleute befürchten, dass die alleinige Einnahme von Artemisinin oder seinen Abwandlungen, sozusagen als „Nebenwirkung“, die Ausbildung von gefährlichen Resistenzen fördert. Das heißt, dass die Erreger unempfindlich werden und es häufiger zu einem so genannten Therapieversagen kommt. Erste Hinweise darauf gibt es bereits aus Asien. Bei Chinin und Chloroquin ist das schon der Fall – beides einst gut wirksame Medikamente, jetzt aufgrund der weit verbreiteten Resistenzen zahnlos.

Und selbst wenn es die Probleme mit der Resistenzen nicht gäbe – es ist fraglich, ob Artemisia-Mittel aus dem nicht-professionellen Eigenanbau mit der standardisierten Qualität von Artemisinin-Medikamenten verlässlich mithalten könnten. Unterschiede etwa bei Anbau, Ernte, Lagerung und Zubereitung von Artemisia annua lassen dies aus unserer Sicht durchaus zweifelhaft erscheinen. Es dürfte auch nicht praktikabel sein, durch Teetrinken auf die notwendige Dosis zu kommen.

Wie verlässlich heilt Artemisia aus dem Eigenanbau?

Doch genug der Theorie. Wir haben nach einer Leseranfrage recherchiert, was zur Wirksamkeit von Mitteln aus selbst angebauter Artemisia annua zur Heilung von Malaria bekannt ist.

Insgesamt konnten wir uns für unsere Fragestellung auf nur zwei Studien mit rund 150 erwachsenen Malariapatientinnen und -patienten stützen: eine Studie aus der Demokratischen Republik Kongo [1], die andere aus Tansania [2]. Sie verglichen, was besser heilte: Artemisia-Tee oder zwei herkömmliche (ältere) Malaria-Mittel, also Chininsulfat oder eine Kombination aus Sulfadoxin und Pyrimethamin.

Insgesamt deuten die Ergebnisse vorsichtig darauf hin, dass Artemisia-Tee eher nicht nachhaltig gegen Malaria hilft. Direkte Nebenwirkungen des Artemisia-Tees sind in den Studien nicht aufgefallen, was vorab für auf ihre Sicherheit hindeutet.

Symptome verschwinden…

In beiden Studien verschwanden zwar die Malaria-Symptome wie Fieber mit dem Artemisia-Tee genauso schnell wie mit den Malaria-Medikamenten. Das klingt aufs erste äußerst erfreulich. Es ist aber ein trügerischer Erfolg.

…aber nicht die Krankheitserreger

Denn in der Artemisia-Gruppe waren nach einer Woche deutlich mehr Malariaerreger nachweisbar. Offenbar kann der Artemisia-Tee die Erreger im Vergleich zu den Medikamenten weniger nachhaltig abtöten, wie eine Blutuntersuchung nach 28 Tagen zeigte.

Und genau das ist der Maßstab für den nachhaltigen Heilungserfolg bei Malaria, damit sich die Parasiten nach einem vermeintlichen anfänglichen Behandlungserfolg nicht wieder vermehren und einen Rückfall auslösen. Die Symptomlinderung alleine reicht also nicht, um eine Person als geheilt zu erklären.

Die Studien sind schon etwas älter, und die eingesetzten Medikamente entsprechen nicht mehr dem heutigen Standard. Neuere Medikamente sind vermutlich deutlich wirksamer. Daher dürfte, so vermuten wir, der Artemisia-Tee bei einem Vergleich mit der aktuellen Standardtherapie in punkto Heilungserfolg eher noch mehr hinterherhinken als in den von uns analysierten Studien [1,2].

Wichtige Einschränkungen

Unsere Einschätzung, die Artemisia ein schlechteres Zeugnis ausstellt als älteren Medikamenten, ist mit einiger Unsicherheit behaftet.

  • Eingeschränkt ist die Aussagekraft der Studien dadurch, dass insgesamt nur rund 150 Menschen teilnahmen.
  • In der größeren Studie wussten alle Beteiligten, wer welches Mittel bekam. Das hat die Auswertung der Blutproben möglicherweise verzerrt.
  • An beiden Untersuchungen [1,2] nahmen nur Menschen mit einer unkomplizierten Malaria teil, ausgelöst durch den Erreger Plasmodium falciparum. Ob sich die Ergebnisse auch auf schwere Verläufe und Infektionen mit anderen Malaria-Erregern übertragen lassen, ist unklar.
  • In den Veröffentlichungen der Studien fehlen einige Details. Deshalb können wir die Verlässlichkeit der Untersuchungen nicht abschließend beurteilen.

Komplexes Fazit

Bisher ist der Nutzen von Artemisia-Tee zur nachhaltigen Malaria-Behandlung mit geringer Rückfallwahrscheinlichkeit also nicht belegt. Normalerweise würden wir an dieser Stelle auf weitere Studien hoffen, die solide gemacht sind und ein genaueres Bild von der Effektgröße zeichnen. Angesichts der wenig erfolgreichen Studien bisher und der Gefahr der Resistenzentwicklung halten wir das Abraten der WHO [3] aber für nachvollziehbar und weitere Untersuchungen für wenig aussichtsreich.

Aus unserer Sicht ist bei diesen Überlegungen wesentlich, dass es bereits gut wirksame Malariamedikamente gibt. Deren mangelnde Verfügbarkeit bzw. ungerechte Verteilung sollte prinzipiell kein Argument für Therapien mit unklaren und in Sachen Resistenzentwicklung sogar möglicherweise schädlichen Effekten sein.

Im Sinne der bestmöglichen Gesundheitsversorgung ist ein umfassender Zugang zu erwiesenermaßen wirksamen Malariatherapien notwendig – für alle und überall dort, wo er vonnöten ist.

WHO: Kritisch gegenüber Artemisia-Tee

Bei unserer Recherche sind wir auf eine aktuelle Empfehlung der WHO gestoßen [3]: Sie sieht die Anwendung von Tee oder anderen Zubereitungen aus der Artemisia-Pflanze sehr kritisch und spricht sich auch gegen eine experimentelle Anwendung aus. Dafür führt die Weltgesundheitsorganisation eine Reihe von Gründen an:

  • Artemisinin hat zwar grundsätzlich eine gewisse Wirksamkeit gegen Malaria. Allerdings wird es relativ schlecht vom Körper aufgenommen und schnell wieder abgebaut. Künstliche Wirkstoffe wie Artesunat oder Artemether (Derivate), die aus Artemisinin entwickelt wurden, sind besser wirksam als der ursprüngliche natürliche Wirkstoff aus der Pflanze [7].
  • Inzwischen hat sich herausgestellt, dass selbst diese künstlichen aus Artemisinin entwickelten Wirkstoffe als alleinige Therapie nicht ausreichen. Deshalb sind in der modernen Malaria-Therapie mehrere Medikamente kombiniert, die länger wirksam sind. Die „Artemisinin-basierte Kombinationstherapie“ (ACT) gilt in vielen Regionen der Welt bei unkomplizierter Malaria als Therapiestandard für Kinder und die meisten Erwachsenen. Ausgenommen sind Schwangere [4,8]. Bei schwerer Malaria werden aus Artemisinin entwickelte Wirkstoffe auch als Spritzen eingesetzt [4,9].
  • Der Artemisinin-Gehalt von Pflanzen kann stark variieren, weil er unter anderem von Witterungsverhältnissen und Anbaubedingungen abhängt. Das ließe sich durch professionellen Anbau möglicherweise in den Griff bekommen. Im Eigenanbau ist das aber schwierig.
  • Bei Tees ist der Artemisinin-Gehalt in der Regel viel zu niedrig. Das beeinträchtigt die Wirksamkeit. Vor allem ist es schwierig, die Malaria-Erreger nachhaltig abzutöten. Dadurch steigt auch das Risiko, dass diese Resistenzen entwickeln. Das heißt, dass die Erreger durch die allzu „sanfte“ Behandlung unempfindlich gegenüber Medikamenten werden.

Alltägliche Gefahr

Es liegt erst wenige Jahrzehnte zurück, dass die Malaria in Europa ausgerottet wurde. Für viele, die im globalen Süden leben, ist die Infektionskrankheit jedoch eine alltägliche Gefahr, gerade für kleine Kinder und Schwangere.

Dank vieler Präventions- und Behandlungsstrategien sind in den letzten Jahrzehnten sowohl die Infektionsraten als auch die Malaria-bedingten Todesfälle insgesamt deutlich zurückgegangen [5].

Tropenerkrankung mit Fieber

Auslöser der Malaria sind Protozoen, also einzellige Krankheitserreger, die zur Gattung Plasmodium gehören. In den Menschen übertragen werden diese Plasmodien durch weibliche Anopheles-Mücken.

Für etwa zwei Drittel der weltweiten Malaria-Erkrankungen ist Plasmodium falciparum verantwortlich. Das ist der gefährlichste Malaria-Erreger, er kommt vor allem in Subsahara-Afrika und in der Karibik vor [4]. Er löst die so genannte „Malaria tropica“ aus. Typische, aber unspezifische Krankheitszeichen sind Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen und bei einigen Betroffenen auch Durchfälle [10].

In den Ländern, in denen Malaria verbreitet ist, spielen als Strategien zur Prävention zum Beispiel Insektennetze und Raumsprays mit Insektiziden eine wichtige Rolle. Je nach Verbreitung und Bevölkerungsgruppe wird in manchen Fällen auch die vorbeugende Einnahme von Malaria-Mitteln für eine gewisse Zeit empfohlen [4,6]. Eine Impfung gegen Malaria gibt es nicht.

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Die Studien im Detail

Nur wenige Studien zur Wirksamkeit

Wir haben uns bei der Literaturrecherche auf Untersuchungen konzentriert, die für die Bewertung von Therapieeffekten die höchste Aussagekraft haben: randomisierte kontrollierte Studien. Dabei werden mindestens zwei Behandlungen miteinander verglichen, und die Teilnehmenden sind nach dem Zufallsprinzip auf die Behandlungsgruppen aufgeteilt. Berücksichtigt haben wir Studien zur Wirksamkeit von Artemisia-basierten Mitteln, zum Beispiel Tee, Kapseln und Tabletten aus Teilen dieser Pflanze.

Außer unserer eigenen Suche in Literaturdatenbanken haben wir zusätzlich eine Analyse der WHO [3] berücksichtigt. Unser Rechercheergebnis entsprach genau den Studien, die auch die WHO für ihre Einschätzung zur Heilwirkung herangezogen hat. Neuere Studien haben wir nicht finden können.

Nicht brauchbar

Eine Untersuchung mit sehr positiven Resultaten, die die WHO als nicht plausibel eingestuft hat, ist inzwischen wegen ethischer Bedenken und fraglicher Verlässlichkeit der Daten zurückgezogen worden [11]. Wir haben sie deshalb nicht in unsere Analyse einbezogen.

In einem Studienregister haben wir eine Studie gefunden, die in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt werden sollte. Geplant war ein Vergleich der ACT-Standardtherapie mit Tabletten aus getrockneten und gepressten Artemisia-Blättern [12]. Wie uns die Studienleiterin per E-Mail mitteilte, wurde die Studie aus verschiedenen schwerwiegenden Gründen nie zu Ende geführt [13].

Zwei verwertbare Studien

Unsere Rechercheausbeute waren letztlich zwei Studien [1,2]. Sie haben Artemisia-Tee getestet. Beide Untersuchungen hat dieselbe Institution initiiert. Teilgenommen haben 132 Personen in der Demokratischen Republik Kongo [1] und 23 Personen in Tansania [2].

Alle Teilnehmenden hatten die Diagnose: unkomplizierte Malaria, ausgelöst durch den Erreger Plasmodium falciparum. Zwei Gruppen erhielten eine Woche lang pro Tag jeweils einen Liter Tee in zwei unterschiedlichen Konzentrationen, eine dritte Vergleichsgruppe bekam ein Standardmedikament.

Tee so gut wie Medikamente?

Grundlage für den Tee war eine spezielle Züchtung von Artemisia annua mit einem besonders hohen Gehalt an Artemisinin. Allerdings enthielt 1 Liter des Tees selbst unter Studienbedingungen in der höchsten Konzentration nur rund 20 Prozent der Artemisinin-Menge, die üblicherweise für Erwachsene als wirksam im Sinne eines Heilungserfolges angesehen wird. Der Tee lässt sich wohl nicht höher konzentrieren, auch weil er dann noch bitterer schmeckt. Eine Trinkmenge von 5 Litern pro Tag erscheint im Alltagsleben nicht realistisch.

Zum Vergleich kamen Standardmedikamente mit bereits bekannter Wirkung zum Einsatz: Chininsulfat (Tagesdosis 1500 Milligramm über eine Woche) [1] oder eine Kombination von Sulfadoxin und Pyrimethamin (gewichtsabhängige Dosierung als Einmaldosis) [2].

Wie schon erwähnt, sind die Untersuchungen bereits etwas älter. Die darin verwendeten Standardmedikamente entsprachen damals dem Stand der Wissenschaft, sind aber heute als alleinige Mittel überholt. Wir nehmen an, dass die heutigen Standardmedikamente deutlich wirksamer sind und einen höhere Heilungswahrscheinlichkeit haben.

Keine Symptome, aber noch immer Erreger

In beiden Studien werteten die Forschungsteams aus, ob nach 7 Tagen noch Erreger im Blut nachweisbar waren. Denn diese „Erregerfreiheit“ ist ausschlaggebend für den Heilungserfolg bzw. für das Therapieversagen.

Zusätzlich prüften die Forscherinnen und Forscher auch an Tag 28 nach Behandlungsstart, ob sich noch Plasmodien im Blut finden ließen, um den nachhaltigen Heilungserfolg zu testen. Denn in manchen Fällen können Plasmodien in so geringer Zahl überleben, dass sie an Tag 7 unter dem Mikroskop nicht mehr zu entdecken sind, sich aber später wieder vermehren.

Außerdem haben die Forschungsteams protokolliert, wie sich die Beschwerden der Teilnehmenden veränderten. Die Symptome gingen in beiden Studien in allen Gruppen ähnlich schnell zurück, etwa Fieber, Schüttelfrost, Müdigkeit und Schwindel.

Allerdings waren mit den Standardmedikamenten nach sieben Tagen mehr Teilnehmende frei von Malaria-Erregern als mit dem Artemisia-Tee. In den Artemisia-Gruppen 80 Prozent bzw. 74 Prozent, in der Medikamentengruppe (Chininsulfat) waren es 92 Prozent.

Und es gab Hinweise darauf, dass mit dem Artemisia-Tee die Parasiten wohl nicht nachhaltig abgetötet werden und deshalb bei mehr Teilnehmenden als mit den Standardmedikamenten nach 28 Tagen wieder nachweisbar waren. So waren an Tag 28 in den Artemisia-Gruppen die Heilungsraten (in [1]) 58 Prozent bzw. 51 Prozent. Mit Chininsulfat (Medikamentengruppe) waren es immerhin 94 Prozent. In der anderen, sehr kleinen Studie [1] gab es eine ähnliche Tendenz.

Diese Zahlen haben wir anhand der Angaben in der Studie selbst berechnet. Dafür haben wir die Annahme getroffen, dass alle Personen, die die Studie vorzeitig abgebrochen haben, geheilt wurden. Wäre das nicht der Fall, lägen die Zahlen entsprechend niedriger. In beiden Szenarien schneidet das herkömmliche Malaria-Medikament aber besser ab als der Artemisia-Tee.

Viel Unsicherheit

Allerdings schätzen wir die Ergebnisse der beiden Studien als wenig verlässlich ein; und die derzeitige Einschätzung könnte sich noch ändern. Es gibt nämlich etliche Schwachpunkte.

So fehlen in einer der Publikationen [1] ausreichend Details, um die zufällige Zuteilung in den Gruppen bewerten zu können. In der anderen Veröffentlichung [2] gibt es ein paar Unklarheiten zu den Ausgangsbedingungen.

Keine Verblindung

Als wesentlich gravierender schätzen wir allerdings ein, dass in der ersten Untersuchung [1] alle Beteiligten wussten, wer welches Mittel erhielt. Das ist vor allem für die Bewertung des Therapieerfolgs durch das Studienpersonal wichtig, bei der in einer Blutprobe unter dem Mikroskop nach Erregern gesucht wurde. Bei einem grenzwertigen oder unklaren Bild könnte das Wissen des Studienpersonals um die Gruppenzugehörigkeit den Erregernachweis verzerrt haben.

Hinzu kommt, dass die Anzahl der Teilnehmenden in den beiden Studien insgesamt nicht besonders hoch war.

Keine Auffälligkeiten bei Nebenwirkungen

Wie Nebenwirkungen erhoben wurden, ist in beiden Publikationen nicht ausführlich beschrieben. Beide Studien berichten, dass die meisten beobachteten unerwünschten Effekte auch auf die Malaria-Erkrankung selbst zurückzuführen sein könnten, etwa Erbrechen.

Wissenschaftliche Quellen


Information zu den wissenschaftlichen Studien

 

[1] Müller (2004)

Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 132 Erwachsene mit Malaria in der Demokratischen Republik Kongo
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Chinin?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Müller M u.a. Randomized controlled trial of a traditional preparation of Artemisia annua L. (Annual Wormwood) in the treatment of malaria. Trans R Soc Trop Med Hyg 2004; 98: 318-321 Zusammenfassung

 

[2] Blanke (2008)

Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 23 Erwachsene mit unkomplizierter Malaria
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Sulfadoxin-Pyrimethamin?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Blanke C u.a. Herba Artemisiae annuae tea preparation compared to sulfadoxine-pyrimethamine in the treatment of uncomplicated falciparum malaria in adults: a randomized double-blind clinical trial. Trop Doct 2008; 38:113-6 Zusammenfassung

 

Weitere wissenschaftliche Quellen


[3] WHO (2019)
The use of nonpharmaceutical forms of Artemisia. Abgerufen am 05.07.2021

 

[4] WHO (2021) Guidelines for malaria. Abgerufen am 05.07.2021

 

[5] WHO (2020) World malaria report. Abgerufen am 06.07.2021

 

[6] UpToDate (2021) Malaria: Epidemiology, prevention, and control. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

 

[7] UpToDate (2021) Antimalarial drugs: An overview. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

 

[8] UpToDate (2021) Treatment of uncomplicated falciparum malaria in nonpregnant adults and children. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

 

[9] UpToDate (2021) Treatment of severe malaria. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

 

[10] Robert-Koch-Institut (2015) Ratgeber Malaria. Abgerufen am 06.07.2021

 

Andere Quellen

[11] Munyangi J u.a. Artemisia annua and Artemisia afra tea infusions vs. artesunate-amodiaquine (ASAQ) in treating Plasmodium falciparum malaria in a large scale, double blind, randomized clinical trial. Phytomedicine 2019, 57: 49-56. Diese Studie wurde wegen ethischer Bedenken und fraglicher Verlässlichkeit der Daten zurückgezogen.

 

[12] Dried Leaf Artemisia (DLA) Compared to Artemisinin Combination Therapy (ACT) vs Malaria. Abgerufen am 06.07.2021

 

[13] E-Mail von Pamela Weathers an die Autorin dieses Beitrags, Worcester Polytechnic Institute (USA) am 29.06.2021