Artemisia-Tee: Ein Heilmittel gegen Malaria?

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Julia Harlfinger, Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 4. Oktober 2021
Kurzfristig dürfte Artemisia-Tee die Beschwerden bei Malaria lindern. Doch das ist für eine nachhaltige Heilung nicht genug.
Ist Tee aus der Pflanze Artemisia annua ein verlässliches Heilmittel gegen Malaria? Wir haben darauf keine Antwort gefunden: Studien dazu sind rar und kommen zu widersprüchlichen Schlüssen.
Frage:
Kann Artemisia-Tee Malaria so gut heilen wie Medikamente?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Vier Studien mit insgesamt relativ wenigen Teilnehmenden kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Da alle Untersuchungen Probleme aufweisen, können wir keine aussagekräftigen Schlussfolgerungen zum Heilungserfolg ziehen – also eine positive nachhaltige Wirkung weder bestätigen noch ausschließen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

An Malaria erkranken rund 200 Millionen Menschen pro Jahr, vor allem in Afrika. Die Infektionskrankheit ist prinzipiell heilbar, wenn die richtige Behandlung rasch genug erfolgt. Das verhindert auch schwere Verläufe.

Dennoch sterben jährlich weltweit immer noch über 400.000 Menschen an Malaria. Denn viel zu viele Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Vorbeugungsmaßnahmen, zu frühzeitiger Diagnose und zur Behandlung mit wirksamen Malariamedikamenten [7].

Günstiger und gerechter mit Artemisia?

Als eine neuartige Strategie für die Behandlung von Malaria in Afrika steht immer wieder die Pflanze Artemisia annua (Einjähriger Beifuß) zur Debatte. Die getrockneten Artemisia-Pflanzenteile, zubereitet etwa als Tee, sollen ein leistbares und leicht zugängliches Hausmittel gegen Malaria sein, insbesondere in Weltregionen, wo es an Medikamenten mangelt.

Die Idee einer lokalen, kostengünstigen und selbstbestimmten Medizin in Form von Pflanzen vom eigenen Feld oder aus dem Hausgarten ist durchaus attraktiv. Und die Annahme, dass Hausmittel aus Artemisia bei Malaria helfen könnten, erscheint auf den ersten Blick nicht ganz abwegig.

Denn immerhin enthält Artemisia annua die Substanz Artemisinin, die eine gewisse Wirkung gegen Malaria hat. Abgewandelte künstliche Formen (Derivate) von Artemisinin sind Säulen der standardmäßig bei Malaria tropica eingesetzten Kombinationstherapie aus mehreren Wirkstoffen.

Sorge wegen Resistenzen

Allerdings hat bereits theoretisch die Vision von heilsamen Artemisia-Hausmitteln Schwachpunkte: Artemisinin alleine sowie Artemisinin-Derivate sollen einzeln laut Weltgesundheitsorganisation WHO [5] nicht mehr zu Einsatz kommen. Auch vor der Einnahme pflanzlicher Artemisia-Präparate warnt die WHO.

Denn Fachleute befürchten eine fatale Nebenwirkung: also dass die alleinige Einnahme von Artemisinin oder seinen Abwandlungen das Entstehen von gefährlichen Resistenzen fördert. Das heißt, dass die Malariaerreger unempfindlich werden und es häufiger zu einem so genannten Therapieversagen kommt. Erste Hinweise darauf gibt es bereits aus Asien. Bei Chinin und Chloroquin ist das schon der Fall – beides einst gut wirksame Medikamente, jetzt aufgrund der weit verbreiteten Resistenzen zahnlos.

Und selbst wenn es die Probleme mit den Resistenzen nicht gäbe – es ist fraglich, ob Artemisia-Mittel aus dem nicht-professionellen Eigenanbau mit der standardisierten Qualität von Artemisinin-Medikamenten verlässlich mithalten könnten. Unterschiede etwa bei Anbau, Ernte, Lagerung und Zubereitung von Artemisia annua lassen dies aus unserer Sicht durchaus zweifelhaft erscheinen. Es dürfte auch nicht praktikabel sein, durch Teetrinken auf die notwendige Dosis zu kommen.

Wie verlässlich heilt Artemisia aus dem Eigenanbau?

Doch genug der Theorie. Wir haben nach einer Leseranfrage recherchiert, was zur Wirksamkeit von Mitteln aus selbst angebauter Artemisia annua bekannt ist. Können sie Malaria so gut heilen wie Medikamente?

Insgesamt konnten wir uns für unsere Fragestellung auf vier Studien mit rund 370 Malariapatientinnen und -patienten stützen: eine Studie aus der Demokratischen Republik Kongo [1], eine aus Tansania [2] und zwei aus Kamerun [3,4].

Alle Studien verglichen, was besser heilte: Artemisia-Tee oder herkömmliche Malariamittel. Das heißt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen entweder den Tee oder, zwecks Vergleich, ein herkömmliches Medikament.

Anhand der uns vorliegenden Studien können wir den Nutzen von Artemisia-Tee zur nachhaltigen Malariabehandlung mit geringer Rückfallwahrscheinlichkeit weder eindeutig belegen noch komplett ausschließen.

Erregerfreiheit ist ausschlaggebend

Und so haben wir die aktuelle Studienlage beurteilt: Um eine Heilung von Malaria festzustellen, empfiehlt die WHO einen Bluttest 28 Tage nach Behandlungsbeginn. Hier soll sich zeigen, ob die Malariaerreger auch wirklich verschwunden sind und der Heilungserfolg nachhaltig ist, ohne deutliches Rückfallsrisiko. Alleine auf eine Besserung der Symptome zu achten, wäre trügerisch.

Bluttest-Ergebnisse von Tag 28 liegen für drei der Studien [1,2,3] vor. Und sie kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen: Zwei Mal [1,2] schnitten die Standardmedikamente besser ab, ein Mal [3] der Tee. Dieser Widerspruch macht es schwierig, eine realistische Einschätzung der Wirksamkeit von Artemisia-Tee zu Treffen.

Außerdem war insgesamt die Teilnehmeranzahl recht gering. Das ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor.

Hinzukommt, dass wir einige Qualitätsmängel in den Studien gefunden haben.

Sie haben möglicherweise dazu geführt, dass die Studien nur ein mehr oder weniger stark verzerrtes Bild der Realität abgeben. So wussten etwa in zwei Studien alle Beteiligten, wer welches Mittel bekam (fehlende Verblindung); in einer Endauswertung fehlten die Daten von etlichen Teilnehmenden.

Zusätzlich waren beispielsweise nicht immer sicher, ob die Gruppen wirklich ähnlich genug, also vergleichbar waren.

An allen Untersuchungen nahmen nur Menschen mit einer unkomplizierten Malaria teil, ausgelöst durch den Erreger Plasmodium falciparum. Ob sich die Ergebnisse auch auf schwere Verläufe und Infektionen mit anderen Malariaerregern übertragen lassen, ist unklar.

Komplexes Fazit

Normalerweise würden wir an dieser Stelle auf weitere Studien hoffen, die solide gemacht sind und ein genaueres Bild zeichnen. Angesichts der wenig erfolgreichen Studien bisher und der möglichen Resistenzentwicklung halten wir das Abraten der WHO [5] aber für nachvollziehbar.

Aus unserer Sicht ist bei Überlegungen zum Einsatz von Artemisia-Tee aus dem Eigenanbau auch wesentlich, dass es bereits gut wirksame Malariamedikamente gibt. Deren mangelnde Verfügbarkeit bzw. ungerechte Verteilung sollte prinzipiell kein Argument für Therapien mit unklaren und in Sachen Resistenzentwicklung sogar möglicherweise schädlichen Effekten sein.

Im Sinne der bestmöglichen Gesundheitsversorgung ist ein umfassender Zugang zu erwiesenermaßen wirksamen Malariatherapien notwendig – für alle, jederzeit und überall dort, wo er vonnöten ist.

WHO: Kritisch gegenüber Artemisia-Tee

Bei unserer Recherche sind wir auf eine aktuelle Empfehlung der WHO gestoßen [5]: Sie sieht die Anwendung von Tee oder anderen Zubereitungen aus der Artemisia-Pflanze sehr kritisch und spricht sich gegen eine weitere Testung im Rahmen von Studien aus. Dafür führt die Weltgesundheitsorganisation eine Reihe von Gründen an:

  • Artemisinin hat zwar grundsätzlich eine gewisse Wirksamkeit gegen Malaria. Allerdings wird es relativ schlecht vom Körper aufgenommen und schnell wieder abgebaut. Künstliche Wirkstoffe wie Artesunat oder Artemether (Derivate), die aus Artemisinin entwickelt wurden, sind besser wirksam als der ursprüngliche natürliche Wirkstoff aus der Pflanze [9].
  • Inzwischen hat sich herausgestellt, dass selbst diese künstlichen aus Artemisinin entwickelten Wirkstoffe als alleinige Therapie nicht ausreichen. Deshalb sind in der modernen Malariatherapie mehrere Medikamente kombiniert, die länger wirksam sind. Die „Artemisinin-basierte Kombinationstherapie“ (ACT) gilt in vielen Regionen der Welt bei unkomplizierter Malaria als Therapiestandard für Kinder und die meisten Erwachsenen. Ausgenommen sind Schwangere [6,10]. Bei schwerer Malaria werden aus Artemisinin entwickelte Wirkstoffe auch als Spritzen eingesetzt [6,11].
  • Der Artemisinin-Gehalt von Pflanzen kann stark variieren, weil er unter anderem von Witterungsverhältnissen und Anbaubedingungen abhängt. Das ließe sich durch professionellen Anbau möglicherweise in den Griff bekommen. Im Eigenanbau ist das aber schwierig.
  • Bei Tees ist der Artemisinin-Gehalt in der Regel niedrig. Das beeinträchtigt die Wirksamkeit. Vor allem ist es schwierig, die Malariaerreger nachhaltig abzutöten. Dadurch steigt auch das Risiko, dass sich Resistenzen entwickeln. Das heißt, dass die Erreger durch die allzu „sanfte“ Behandlung unempfindlich gegenüber Medikamenten werden.

Alltägliche Gefahr

Es liegt erst wenige Jahrzehnte zurück, dass die Malaria in Europa ausgerottet wurde. Für viele, die im globalen Süden leben, ist die Infektionskrankheit jedoch nach wie vor eine alltägliche Gefahr, gerade für kleine Kinder und Schwangere.

Dank vieler Präventions- und Behandlungsstrategien sind in den letzten Jahrzehnten sowohl die Infektionsraten als auch die Malaria-bedingten Todesfälle insgesamt deutlich zurückgegangen [7].

Tropenerkrankung mit Fieber

Auslöser der Malaria sind Protozoen, also einzellige Krankheitserreger, die zur Gattung Plasmodium gehören. In den Menschen übertragen werden diese Plasmodien durch weibliche Anopheles-Mücken.

Für etwa zwei Drittel der weltweiten Malariaerkrankungen ist Plasmodium falciparum verantwortlich. Das ist der gefährlichste Malariaerreger, er kommt vor allem in Subsahara-Afrika und in der Karibik vor [6]. Er löst die so genannte Malaria tropica aus. Typische, aber unspezifische Krankheitszeichen sind Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen und bei einigen Betroffenen auch Durchfälle [12].

In Ländern, wo Malaria verbreitet ist, spielen zur Prävention zum Beispiel Insektennetze und Raumsprays mit Insektiziden eine wichtige Rolle. Je nach Verbreitung und Bevölkerungsgruppe wird in manchen Fällen auch die vorbeugende Einnahme von Malariamitteln für eine gewisse Zeit empfohlen [6,8]. Eine Impfung gegen Malaria gibt es nicht.

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Die Studien im Detail

Nur wenige Studien zur Wirksamkeit

Wir haben uns bei der Literaturrecherche auf Untersuchungen konzentriert, die für die Bewertung von Therapieeffekten die höchste Aussagekraft haben: randomisierte kontrollierte Studien. Dabei werden mindestens zwei Behandlungen miteinander verglichen, und die Teilnehmenden sind nach dem Zufallsprinzip auf die Behandlungsgruppen aufgeteilt. Berücksichtigt haben wir Studien zur Wirksamkeit von Artemisia-basierten Mitteln, zum Beispiel Tee, Kapseln und Tabletten aus Teilen dieser Pflanze.

Außer unserer eigenen Suche in Literaturdatenbanken haben wir zusätzlich eine Analyse der WHO [5] berücksichtigt. Unser Rechercheergebnis entsprach genau den Studien, die auch die WHO für ihre Einschätzung zur Heilwirkung herangezogen hat.

Nicht brauchbar

Eine Untersuchung mit sehr positiven Resultaten, die die WHO als nicht plausibel eingestuft hat, ist inzwischen wegen ethischer Bedenken und fraglicher Verlässlichkeit der Daten zurückgezogen worden [13]. Wir haben sie deshalb nicht in unsere Analyse einbezogen.

In einem Studienregister haben wir eine Studie gefunden, die in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt werden sollte. Geplant war ein Vergleich der ACT-Standardtherapie mit Tabletten aus getrockneten und gepressten Artemisia-Blättern [14]. Wie uns die Studienleiterin per E-Mail mitteilte, wurde die Studie aus verschiedenen schwerwiegenden Gründen nie zu Ende geführt [15].

Vier verwertbare Studien

Nach der Erstveröffentlichung dieses Beitrags (11.8.2021) erhielten wir von Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen afrikanischen Ländern weitere Untersuchungen zugesandt, die in den von uns durchsuchten Registern nicht enthalten waren. Davon entsprachen zwei Studien [3, 4] unseren vorab definierten Einschlusskriterien. Wir haben unseren Beitrag um diese beiden Studien ergänzt.

Unsere Rechercheausbeute waren also insgesamt vier Studien [1-4]. Sie haben alle Artemisia-Tee getestet. Zwei der Untersuchungen [1,2] hat dieselbe Institution initiiert. Daran nahmen nur Erwachsene teil, 132 Personen in der Demokratischen Republik Kongo [1] und 23 Personen in Tansania [2]. Hinzu kommen zwei Studien aus Kamerun mit 142 [3] und 72 Teilnehmenden [4], hauptsächlich Kinder.

Alle Teilnehmenden hatten die Diagnose: unkomplizierte Malaria, ausgelöst durch den Erreger Plasmodium falciparum. Ob sich die Ergebnisse auch auf schwere Verläufe und Infektionen mit anderen Malariaerregern übertragen lassen, ist unklar.

Verschiedene Dosierungen

Pro Studie erhielt mindestens eine Gruppe Artemisia-Tee für 5 bis 7 Tage: die Erwachsenen tranken 1 Liter täglich, meist mit 5 Gramm Artemisia, aufgeteilt auf mehrere Portionen. Kinder bekamen eine vom Körpergewicht abhängige Dosis [3,4].

In zwei Studien [1,2] haben Erwachsene auch einen höher dosierten Tee (9 Gramm pro Liter) von einer speziellen Artemisia-Züchtung getestet. Allerdings enthielt 1 Liter des hoch konzentrierten Tees nur rund 20 Prozent der Artemisinin-Menge, die üblicherweise als wirksam im Sinne eines Heilungserfolges angesehen wird.

Der Tee lässt sich wohl nicht höher konzentrieren, auch weil er dann noch bitterer schmeckt. Eine Trinkmenge von 5 Litern pro Tag erscheint im Alltagsleben nicht realistisch.

Unterschiedliche Vergleiche

Die Personen, die nicht mit Tee behandelt wurden, erhielten Medikamente:

  • Chininsulfat (Tagesdosis 1500 Milligramm über eine Woche) [1],
  • eine Kombination von Sulfadoxin und Pyrimethamin (gewichtsabhängige Dosierung als Einmaldosis) [2],
  • eine Kombination aus Artemether und Lumefantrin (gewichtsabhängige Dosierung über drei Tage) [3],
  • Artesunat (altersabhängige Dosis über fünf Tage) [4] oder
  • eine Kombination aus Artesunat und Amodiaquin ((gewichtsabhängige Dosierung über drei Tage) [4].

Nicht alle Vergleichsbehandlungen sind heute noch aktuell. Lediglich die dreitägigen Kombinationstherapien mit Artemether-Lumefantrin oder Artesunat-Amodiaquin entsprechen noch dem heutigen Stand der Wissenschaft. Auf diese Vergleiche konzentrieren wir uns im Folgenden.

Keine Symptome, aber noch immer Erreger

In allen Studien haben die Forschungsteams protokolliert, wie sich die Beschwerden der Teilnehmenden veränderten, zum Beispiel Fieber, Schüttelfrost oder Müdigkeit.

Für die Heilung einer Malaria ist es aber entscheidend, ob noch Erreger im Blut nachweisbar sind. Das wird üblicherweise während der mehrtägigen Behandlung, aber auch noch darüber hinaus untersucht. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine abschließende Untersuchung an Tag 28 nach Behandlungsstart. Denn in manchen Fällen können Plasmodien lange in kleiner Zahl überleben, sich später wieder vermehren und einen Rückfall auslösen.

Die WHO-Empfehlung wurde nur in drei der Studien [1,2,3] umgesetzt.

In zwei Studien [1,2] gab es Hinweise darauf, dass der Artemisia-Tee die Parasiten wohl nicht nachhaltig abtötet. Im Vergleich zur Medikamentengruppe waren hier bei mehr Teilnehmenden die Parasiten an Tag 28 nachweisbar.

  • So galten an Tag 28 in den Artemisia-Gruppen (in [1]) 58 Prozent bzw. 51 Prozent als Parasiten-frei. Mit dem Medikament Chininsulfat (Medikamentengruppe) waren es immerhin 94 Prozent.
  • In der anderen, sehr kleinen Studie [2] gab es eine ähnliche Tendenz.

Diese Zahlen haben wir anhand der Angaben in der Studie selbst berechnet. Dafür haben wir die optimistische Annahme getroffen, dass alle Personen, die die Studie vorzeitig abgebrochen haben (und deren Daten uns nicht zur Verfügung stehen), geheilt wurden. Wäre das nicht der Fall, lägen die Zahlen entsprechend niedriger. In beiden Szenarien schneidet das herkömmliche Malaria-Medikament besser ab als der Artemisia-Tee.

Zum einem anderen Ergebnis kommt die dritte Studie [3], die als unveröffentlichte Doktorarbeit vorliegt. Demnach kann der Tee 89 Prozent der Teilnehmenden heilen, das Standardmedikament nur 72 Prozent.

Die vierte Studie [4] testete lediglich an Tag 14. Daraus lassen sich für einen nachhaltigen Behandlungserfolg also keine Rückschlüsse ziehen.

Viel Unsicherheit

Unser Fazit: Die Aussagekraft der Studien insgesamt so eingeschränkt, dass wir keine klaren Schlüsse ableiten können. Neben der begrenzten Teilnehmerzahl und den widersprüchlichen Ergebnissen spielen dafür vor allem Qualitätsmängel eine Rolle. Sie haben möglicherweise dazu geführt, dass Studien ein stark verzerrtes Bild der Realität abgeben.

Keine der Untersuchungen hat getestet, wie von der WHO empfohlen, ob die Plasmodien Tag 28 die gleichen waren wie zu Beginn der Infektion. Nur so lässt sich ein Therapieversagen von einer Neuinfektion unterscheiden. Die Auswertungen stehen also insgesamt auf eher wackligen Füßen.

Außerdem fehlen in einer der Publikationen [1] ausreichend Details, um die zufällige Zuteilung in den Gruppen bewerten zu können. In einer anderen Studie [2] ist es unklar, ob die Ausgangsbedingungen tatsächlich vergleichbar sind.

In der dritten Untersuchung [3] könnte die Zuteilung auf die Gruppen nicht rein zufällig sein, und die Gruppen unterscheiden sich deutlich in ihrer Altersstruktur. In dieser Studie sind auch sehr viele Teilnehmende vorzeitig ausgeschieden, das Forschungsteam hat diese Daten nicht ausgewertet.

Keine Verblindung

Und wir haben weitere Kritikpunkte: In zwei Untersuchungen [1,3] wussten alle Beteiligten, wer welches Mittel erhielt (fehlende Verblindung). Das ist vor allem für die Bewertung des Therapieerfolgs durch das Studienpersonal wichtig, das Blutproben unter dem Mikroskop auf Erreger durchsucht. Bei einem grenzwertigen oder unklaren Bild könnte das Wissen des Studienpersonals um die Gruppenzugehörigkeit den Erregernachweis verzerrt haben.

In einer Studie [3] war nicht festgelegt, welche Medikamente die Teilnehmenden, abgesehen von der Studienmediakation, sonst noch nehmen konnten. Das hat vielleicht dazu geführt, dass die Teilnehmenden weitere Medikamente eingenommen haben, wenn sie mit ihrer Behandlung in der Studie unzufrieden waren.

Keine Auffälligkeiten bei Nebenwirkungen

Wie Nebenwirkungen der Behandlung erhoben wurden, ist in den Publikationen nicht ausführlich beschrieben. Zwei Studien [1,2] berichten, dass die meisten beobachteten unerwünschten Effekte auch auf die Malariaerkrankung selbst zurückzuführen sein könnten, etwa Erbrechen.

Eine der Studien [3] hat zusätzlich Leber- und Nierenwerte erhoben; es gab aber keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen (Tee bzw. Medikamenten).

Insgesamt haben sich in den Studien keine schwerwiegenden Nebenwirkungen von Artemisia-Tee gezeigt.

[Versionengeschichte: Wir haben die erste Version am 11. August 2021 veröffentlicht. Danach haben wir zwei weitere Studien zugeschickt [3,4] bekommen, die in die neuere Version eingeflossen sind. Unsere Gesamteinschätzung hat sich dadurch leicht verändert.]

Wissenschaftliche Quellen


[1] Müller (2004)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 132 Erwachsene mit unkomplizierter Malaria in der Demokratischen Republik Kongo
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Chinin?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Müller M u.a. Randomized controlled trial of a traditional preparation of Artemisia annua L. (Annual Wormwood) in the treatment of malaria. Trans R Soc Trop Med Hyg 2004; 98: 318-321

[2] Blanke (2008)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 23 Erwachsene mit unkomplizierter Malaria in Tansania
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Sulfadoxin-Pyrimethamin?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Blanke C u.a. Herba Artemisiae annuae tea preparation compared to sulfadoxine-pyrimethamine in the treatment of uncomplicated falciparum malaria in adults: a randomized double-blind clinical trial. Trop Doct 2008; 38:113-6

[3] Martial (2017)
Studiendesign: Randomisierte kontrollierte Studie
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Artemether-Lumefantrin?
Teilnehmende: 142 Kinder und Erwachsene mit unkomplizierter Malaria in Kamerun
Interessenkonflikte: keine Angaben

Nyamsi Nguenda Guy Martial (2017-2018). Etude comparative de l’efficacité antipaludique de la tisane à base d’Artemisia annua et de l’association Artéméther – Luméfantrine vis-à-vis. Doktorarbeit an der Université de Montagnes, Institut Supérieur des Sciences de la Santé, Kamerun

[4] Chougouo-Kengne (2012)
Studiendesign: Randomisierte kontrollierte Studie
Fragestellung: Welche Wirksamkeit gegen Malaria hat Artemisia-Tee im Vergleich zu einer Behandlung mit Artesunat beziehungsweise Artesunat-Amodiaquin?
Teilnehmende: 73 Kinder und Erwachsene mit unkomplizierter Malaria in Kamerun
Interessenkonflikte: keine Angaben

Chougouo-Kengne R u.a. Etude comparative de l’efficacité therapeutique de l’artesunate seule ou en association avec l’amodiaquine et de la tisane de Artemisia annua cultivée à l’ouest du Caméroun. Annales de Pharmacie 2012, 4, 127-148
(Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] WHO (2019) The use of nonpharmaceutical forms of Artemisia. Abgerufen am 05.07.2021

[6] WHO (2021) Guidelines for malaria. Abgerufen am 05.07.2021

[7] WHO (2020) World malaria report. Abgerufen am 06.07.2021

[8] UpToDate (2021) Malaria: Epidemiology, prevention, and control. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

[9] UpToDate (2021) Antimalarial drugs: An overview. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

[10] UpToDate (2021) Treatment of uncomplicated falciparum malaria in nonpregnant adults and children. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

[11] UpToDate (2021) Treatment of severe malaria. Abgerufen am 01.07.2021 (kostenpflichtig)

[12] Robert-Koch-Institut (2015) Ratgeber Malaria. Abgerufen am 06.07.2021

Andere Quellen

[13] Munyangi J u.a. (2019) Artemisia annua and Artemisia afra tea infusions vs. artesunate-amodiaquine (ASAQ) in treating Plasmodium falciparum malaria in a large scale, double blind, randomized clinical trial. Phytomedicine, 57: 49-56. Diese Studie wurde wegen ethischer Bedenken und fraglicher Verlässlichkeit der Daten zurückgezogen.

[14] Dried Leaf Artemisia (DLA) Compared to Artemisinin Combination Therapy (ACT) vs Malaria. Abgerufen am 06.07.2021

[15] E-Mail von Pamela Weathers an die Autorin dieses Beitrags, Worcester Polytechnic Institute (USA) am 29.06.2021