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Lungenkrebs: Hundenasen-Diagnose genauer als Arzt?

beeindruckender Geruchssinn

beeindruckender Geruchssinn

Speziell ausgebildete Hunde sollen in der Lage sein, Lungenkrebs bereits zu erschnüffeln, bevor er in bildgebenden Verfahren sichtbar ist, schreibt Der Standard. Faszinierend genug, dass die Schnüffeldiagnose in vielen Fällen tatsächlich funktioniert. Genauer als herkömmliche Verfahren oder mit diesen vergleichbar ist sie aber keinesfalls, dazu irrt die Hundenase zu oft. (aktualisiert 14.4.2014)
 

Zeitungsartikel: Krebs riechen? Das geht – Vor allem Hunde können in der Atemluft Moleküle von Lungenkrebs erkennen (28. 2. 2010, Der Standard)
Frage:Ist die Früherkennung von Lungenkrebs durch spezielle Krebsspürhunde ähnlich genau oder genauer als herkömmliche medizinische (bildgebende) Verfahren? (Leser-Anfrage)
Antwort:Speziell ausgebildete Hunde können zwar oft Lungenkrebs am Atem von Patienten erschnüffeln, mit  rund 3 von 10 übersehenen Krebsfällen  irren sie aber häufiger als etwa Computertomografie (CT). Auch CT führt bereits sehr häufig zu falschem Krebsverdacht.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die ungenauere Diagnose

[Aktualisierte Version vom 14.4.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Speziell ausgebildete Hunde, die an der Atemluft von Patienten erkennen können, ob eine Person Lungenkrebs hat – das klingt wahrlich faszinierend. Will man erfahren, ob sich Krebszellen in der eigenen Lunge breitgemacht haben, bläst man einfach in ein Röhrchen und schickt dieses dann ein. Ein spezielles Material im Inneren des Proberöhrchens bindet alle flüchtigen Duftstoffe und gibt sie beim Öffnen wieder ab. Erschnüffelt ein eigens trainierter Krebsspürhund schließlich an dem Probebehälter den – offenbar für Lungenkrebs typischen – Geruch, zeigt er seine „Diagnose“ an, indem er sich vor der Probe hinlegt oder -setzt.

Doch damit nicht genug: Angeblich könnten Hunde einem Experten zufolge Lungenkrebs bereits riechen, lange bevor er mit bildgebenden Verfahren festgestellt werden könnte, schreibt der Standard in seiner Ausgabe vom 28. 2. 2010.

Lungenkrebs-Vorsorgeuntersuchungen bisher umstritten

Unter den Krebserkrankungen stellt Lungenkrebs bei österreichischen Männern die häufigste Todesursache dar, bei Frauen immerhin die zweithäufigste. So sterben jedes Jahr rund 3500 Österreicher/innen an dieser Krebsform. Dass Lungenkrebs dabei in den meisten Fällen mit Rauchen in Zusammenhang steht, ist weithin bekannt.

Studien zum Erfolg von Vorsorge-Untersuchungen zeigten bislang ernüchternde Ergebnisse. Selbst die Kombinations-Untersuchung von Lungenröntgen und abgehustetem Auswurf (Sputum) ist wenig zielführend, um Lungenkrebs frühzeitig genug zu erkennen [1]. Daher wird eine eigene Lungenkrebs-Vorsorge-Untersuchung in nationalen Richtlinien bisher nicht empfohlen.

Eine kürzlich veröffentlichte große Untersuchung an über 50 000 Hochrisikopatienten (starken Rauchern) [2] zeigte allerdings, dass jährliche Computertomografie (CT)-Untersuchungen die Lungenkrebs-bedingten Todesfälle teilweise verhindern können. Zu einem hohen Preis allerdings, denn von 416 untersuchten Rauchern ergab das CT-Screening bei 100 einen verdächtigen Befund, der sich aber in Folge nur bei 4 Patienten bewahrheitete. Bei 96 von 100 Untersuchten stellte sich der Verdacht nach Folgeuntersuchungen als falscher Alarm heraus.

Zu einer derart hohen Rate an falschen Alarmen kommt es deshalb, weil im CT-Bild der Lunge viele scheinbare Veränderungen verdächtig erscheinen, obwohl es sich um keinen Krebs handelt. Ein solcher Verdacht kann bei Betroffenen bis zur – oft langwierigen – Abklärung natürlich Ängste auslösen. Dass eine solche Abklärung auch operative Eingriffe zur Entnahme von Lungengewebe nach sich ziehen kann, rückt die Vorteile von Vorsorge-Untersuchungen überhaupt in ein anderes Licht.

Den Ergebnissen dieser Studie [2] zufolge müssten etwa 320 Personen jährlich mittels CT untersucht werden, damit einer das Leben gerettet werden kann. Allerdings sind zurzeit noch weitere Studien im Laufen, deren Ergebnisse noch nicht bekannt sind.

Hunde erschnüffeln Krebs mit hoher Fehlerrate

2 kleine klinische Studien [3, 4] zeigen, dass Hunde nach einem speziellen Training tatsächlich in der Lage sind, an der Atemluft von Patienten Lungenkrebs zu erkennen. Dazu wurden den Hunden neben der Atemluftprobe eines Lungenkrebs-Patienten auch 4 Proben von gesunden Personen vorgelegt, und die Hunde mussten erkennen, welche der Proben die des Krebspatienten war. Bei beiden Studien wurde darauf geachtet, dass keine der anwesenden Personen wusste, welche die Krebs-Probe war, und so die Hunde in ihrer Entscheidung nicht beeinflussen konnte.

In der ersten Studie [3], in der 5 Hunde 3 Wochen trainiert wurden, Atemproben von gesunden Menschen von denen mit Lungenkrebsdiagnose zu unterscheiden, erkannten die Tiere tatsächlich 99 von 100 bestätigten Lungenkrebs-Proben richtig. In 99 von 100 Fällen konnten sie außerdem korrekt die Atemproben von Gesunden als Nicht-Krebs-Proben identifizieren. Das heißt, dass die Hunde nur in 1 von 100 Fällen einen falschen Alarm auslösten, also die Atemprobe eines Gesunden irrtümlich zur Krebs-Probe erklärten.

Allerdings wurden zur Kontrolle nur Gesunde eingesetzt, und nicht etwa auch Personen mit Bronchitis oder anderen Erkrankungen, die eventuell schwerer von Lungenkrebs unterscheidbar sein könnten. Zudem war die Gruppe der gesunden Kontroll-Personen nur sehr klein und daher weniger aussagekräftig.

In einer später durchgeführten, größeren Studie [4] wurden 4 Hunde 6 Monate lang trainiert. Danach mussten sie die Atemluftproben von Lungenkrebs-Patienten nicht nur von gesunden Personen unterscheiden, sondern auch von solchen, die an COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung, englisch Chronic Obstructive Pulmonary Disease) litten. Diese Krankheit ist ein Sammelbegriff von Krankheiten der Lunge, die durch Husten, vermehrten Auswurf und Atemnot gekennzeichnet sind – ein Symptombild, das gehäuft bei Rauchern auftritt. In dieser Studie war die Anzahl der Kontroll-Proben viel größer als in der zuvor erwähnten Studie [3].

Obwohl das Training der Hunde rund achtmal so lange dauerte, und der Verdacht auf Lungenkrebs erst ausgesprochen wurde, nachdem zumindest drei Tiere zur selben Entscheidung gekommen waren, sind die Ergebnisse ernüchternd. Nur in 71 von 100 Fällen erkannten die Hunde vorhandenen Lungenkrebs auch tatsächlich. Zudem schlugen sie in 7 von 100 Fällen falschen Alarm, zeigten also bei 7 Proben von 100 gesunden oder COPD-Patienten fälschlicherweise Lungenkrebs an.

Fazit: Beeindruckend, aber zu ungenau

Die beiden Hunde-Studien zeigen eines klar auf: es scheint tatsächlich so etwas wie einen typischen „Lungenkrebs-Geruch“ im Atem von Patienten zu geben, den Hunde in vielen Fällen auch erkennen können. Während die Tiere von 100 bestätigten Krebsfällen nur 71 erkannten, entdeckte ein CT-Screening in der zuvor beschriebenen Studie an Rauchern [2] immerhin 94 von 100 Krebserkrankungen richtig.

Auch wenn daherdie Rate an falschen Alarmen mit 7 von 100 Fällen weit unter den 96 falschen Krebsverdachtsfällen liegt, die sich bei CT-Untersuchungen irrtümlich unter 100 gesunden Personen finden, ist die Methode nicht zur Früherkennung von Lungenkrebs geeignet.

Interessant wäre allerdings, zu wissen, welche Geruchsstoffe typischerweise im Atem von Patienten mit Lungenkrebs vorkommen, denn dies könnte eines Tages tatsächlich bei der Diagnose helfen. Doch bisher konnten solche Stoffe noch nicht erfolgreich identifiziert werden. Und „leider können Hunde die biochemische Zusammensetzung des Krebsgeruchs nicht mitteilen“, wie die Autoren der zweiten Studie [4] am Ende enttäuscht anmerken.

In einem Punkt aber sind sich alle Forscher einig: mit dem Rauchen aufzuhören ist im Vergleich zu jeglicher Früherkennung die weitaus effektivste Methode, um Lungenkrebs zu bekämpfen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[2] National Lung Screening Trial Research Team (2011)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 53 434 Raucher mit hohem Risiko an Lungenkrebs zu erkranken
Dauer: durchschnittlich 6,5 Jahre
Vergleich: Allgemeine und Lungenkrebs-bedingte Sterberate nach jährlichem low-dose CT screening oder nach Bruströntgen

Titel: „Reduced lung-cancer mortality with low-dose computed tomographic screening“. N
Engl J Med. 2011 Aug 4;365(5):395-409. Epub 2011 Jun 29. (Studie im Volltext)

[3] McCulloch u.a. (2006)
Studientyp: Kontrollierte Studie
Teilnehmer: 28 Lungenkrebs-Patienten sowie 17 gesunde Kontrollpersonen
Fragestellung: Können Hunde Atemproben von Lungenkrebspatienten sicher von denen gesunder Personen unterscheiden?

Titel: „Diagnostic accuracy of canine scent detection in early- and late-stage lung and breast cancers“. Integr Cancer Ther. 2006 Mar;5(1):30-9. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Ehmann (2011)
Studientyp: Kontrollierte Studie
Teilnehmer: 125 (davon 25 mit Lungenkrebs, 50 mit COPD und 50 Gesunde)
Fragestellung: Können Hunde Atemproben von Lungenkrebspatienten sicher von denen gesunder Personen oder jenen mit COPD unterscheiden?

Titel: „Canine scent detection in the diagnosis of lung cancer: Revisiting a puzzling phenomenon“. Eur Respir J. 2011 Aug 18. [Epub ahead of print] PubMed PMID:
21852337. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Wissenschaftliche Quellen

[1] Humphrey LL, Teutsch S, Johnson M; U.S. Preventive Services Task Force. Lung cancer screening with sputum cytologic examination, chest radiography, and computed tomography: an update for the U.S. Preventive Services Task Force. Ann Intern Med. 2004 May 4;140(9):740-53. (Empfehlung im Volltext)