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Lungenkrebs: Früherkennungs-Untersuchungen mit Risiken

Rauchen ist Hauptursache für Lungenkrebs

Rauchen ist Hauptursache für Lungenkrebs

Früherkennung durch Niedrigdosis-Computertomografie soll die Zahl der Lungenkrebs-Todesfälle deutlich verringern, so ein Bericht im Radiosender Ö3. Nicht erwähnt wird in der beschönigten Darstellung allerdings die damit einhergehende hohe Rate an fälschlich diagnostizierten Krebsfällen und die darauf folgenden unnötigen Behandlungen und Ängste.
 
 

 

Medienbericht: Bericht im „Ö3-Wecker“ über Lungenkrebs-Früherkennung durch Niedrigdosis-Computertomografie (26. 1. 2012, 06:50) (Tonmitschnitt liegt der Medizin-Transparent-Redaktion vor)
Frage:Können Lungenkrebs-Früherkennungs-Untersuchungen mittels Niedrigdosis-Computertomografie die Anzahl an Lungenkrebs-bedingten Todesfällen senken?
Antwort:In einer einzelnen großen Studie konnte gezeigt werden, dass Lungenkrebs-Früherkennungsuntersuchungen mit Niedrigdosis-Computertomografie die Anzahl der Todesfälle bei starken Rauchern verringern kann. Die Kehrseite hingegen ist eine hohe Anzahl an fälschlich diagnostizierten Krebsfällen, die in vielen Fällen unnötige Behandlungen und Operationen mit sich bringen. Eine Entscheidung für eine solche Früherkennungs-Untersuchung sollte nur nach umfassender Information der Patienten erfolgen.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

In Österreich zählt Lungenkrebs bei Männern zu den häufigsten krebsbedingten Todesursachen – bei Frauen immerhin die zweithäufigste Todesursache nach Brustkrebs. Jährlich sterben rund 3500 Österreicher/innen an dieser Krebsart. Dabei wären dies leicht vermeidbare Todesfälle, denn 9 von 10 Lungenkrebsfälle gehen auf das Rauchen zurück – Todesfälle durch Passivrauchen noch gar nicht mitgezählt.

Lungenkrebs entwickelt sich meist sehr langsam und unauffällig. Oft bleibt er über 20 Jahre unentdeckt und wird erst in einem Stadium gefunden, in dem drei Viertel der Betroffenen trotz moderner Behandlungsmethoden nicht mehr geheilt werden können. Daher werden große Hoffnungen in eine gezielte Früherkennungs-Methode für Risikopatienten gesetzt, die das rechtzeitige Auffinden von Krebs in einem früheren, noch besser behandelbaren Stadium ermöglicht.

Bisherige Früherkennungsmethoden umstritten

Eine Auswertung von 6 Studien über rund 250 000 Teilnehmer [1] zeigte keinen Vorteil bisheriger Früherkennungsmethoden. So führte die Kombination aus Lungenröntgen und der Untersuchung von abgehustetem Auswurf (Sputum) – verglichen mit bloßem Lungenröntgen – nicht zu einer Verringerung der Lungenkrebs-Todesfälle. Im Gegenteil, häufige Lungenröntgen-Untersuchungen schienen die Anzahl der Todesfälle durch Lungenkrebs sogar um ein Zehntel zu erhöhen.

Geringere Strahlenbelastung bei Niedrigdosis-Computertomografie

Ein Computertomografie-Gerät nimmt Röntgenbilder im dreidimensionalen Raum auf und ermöglicht so eine genauere Untersuchung des abgebildeten Körperteils. Auch die Computertomografie (CT) arbeitet allerdings mit radioaktiver Röntgenstrahlung.

Einem Bericht im Radiosender Ö3 am 26. 1. 2012 zufolge sollen bestimmte neue Computertomografen die radioaktive Strahlenbelastung durch Röntgenstrahlung auf ein Zehntel der bisherigen Werte reduzieren, wodurch die Untersuchung „nicht mehr schädlich“ sei. Einer Studie zufolge [2] seien mit der neuen Methode um „ein Viertel weniger Tote“ möglich. Nötig wären dazu jedoch jährliche CT-Untersuchungen.

Bei den beschriebenen Geräten handelt es sich um sogenannte Niedrigdosis-Computertomografen. Diese kommen statt der herkömmlichen Strahlenbelastung für eine Lungen-CT-Aufnahme von rund 8 Milli-Sievert (mSv) mit nur etwa 1,5 mSv pro Lungen-CT-Aufnahme aus – allerdings immer noch ein Vielfaches der Belastung durch ein einfaches Lungenröntgen. Im Ö3-Bericht wurde allerdings übertrieben, die Reduktion der Strahlenbelastung beträgt nur ein Fünftel, und nicht wie behauptet ein Zehntel.

Zum Vergleich: die Belastung durch natürlicherweise auftretende radioaktive Strahlung (aus dem Weltall sowie durch das Edelgas Radon) beträgt im Durchschnitt über ein ganzes Jahr gerechnet 2,9 mSv. Die als unbedenklich geltende Strahlendosis im europäischen Raum beträgt ein zusätzliches mSv pro Jahr – allerdings sind hier medizinische Anwendungen ausgenommen. Für Personen, die beruflich mit radioaktiver Strahlung zu tun haben, gilt ein Maximalwert von 20 mSv pro Jahr.

Verringerung der Lungenkrebs-Sterblichkeit mit Kehrseite

Einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse [3] zufolge lassen sich mit Niedrigdosis-CT tatsächlich um bis zu 4 mal mehr bösartige Zellwucherungen der Lunge im Anfangsstadium entdecken als ohne Früherkennungsuntersuchungen (Screening). Allerdings zu einem Preis: Zwar werden bei 1000 gescreenten Risiko-Personen durch Niedrigdosis-CT 9 Krebsherde im Anfangsstadium entdeckt. Bei weiteren 235 dieser 1000 Personen kam es jedoch zu einer fälschlichen Diagnose eines solchen Krebsherdes, der sich in weiterer Folge als falscher Alarm erwies. Bei 4 dieser Personen wurde aufgrund des falschen Alarms sogar eine Operation durchgeführt, die sich im Nachhinein als unnötig herausstellte.

Mittlerweile sind die Ergebnisse einer großen randomisiert-kontrollierten Studie an über 50.000 starken Rauchern veröffentlicht [2]. Diese zeigt, dass die CT-Untersuchungen etwa ein Fünftel (und nicht ein Viertel wie im Ö3-Bericht behauptet) der Todesfälle durch frühzeitige Lungenkrebs-Entdeckung verhindern könnte. In der Studie entsprach das bei 10.000 starken Rauchern über einen Zeitraum von 6,5 Jahren statt 166 etwa nur 133 Toten.

Was die Rate der falschen Alarme betrifft, weist die Untersuchung allerdings ähnliche Zahlen wie in der oben genannten Übersichtsarbeit auf: Von 1000 schweren Rauchern könnten zwar etwa 3 Leben durch Niedrigdosis-CT-Untersuchungen gerettet werden, gleichzeitig würden aber 231 Personen fälschlicherweise mit Krebs diagnostiziert. 22 Personen würden unnötigerweise operiert werden, und 6 würden durch den Eingriff Komplikationen erleiden, obwohl sie gar nicht Krebs haben.

Nicht beachtet wurde das zusätzliche Risiko der vermehrten Strahlenbelastung, wenn zur Abklärung eines möglichen Krebsbefundes eine weitere CT-Untersuchung vorgenommen werden müsste. Zudem lösen solch falsche Alarme bei Patienten nicht selten große Ängste aus.

Patienten sollen über Vor- und Nachteile informiert werden

Zur Zeit laufen mehrere randomisiert-kontrollierte Studien zur Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT, deren Ergebnisse für eine endgültige Nutzen-Bewertung abgewartet werden sollten. Eine erste Studie [2] zeigte zwar einen deutlichen Vorteil dieser Methode durch eine Verringerung der Sterblichkeit, dieser steht aber ein erheblicher Nachteil durch eine hohe Rate an falschen Krebsdiagnosen gegenüber.
Zusätzlich gelten diese Ergebnisse nur für starke Raucher, die die umgerechnete Menge von mindestens einer täglichen Packung Zigaretten über 30 Jahre geraucht hatten. Bei Personen mit geringerem Risiko überwiegt der mögliche Schaden durch solche Überdiagnosen eventuell stark.
Insgesamt ist es wichtig, Personen, die ein solches Lungenkrebs-Screening in Betracht ziehen, umfassend über Vor- und Nachteile dieser Früherkennungsmethode aufzuklären.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Manser (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Teilnehmer: 245 610
Anzahl eingeschlossener Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien sowie eine nicht-randomisierte aber kontrollierte Studie
Vergleich: Lungenkrebs-bedingte Sterberate bei häufigen vs. weniger häufigen Röntgenuntersuchungen der Lunge, sowie Sputum-Untersuchungen in Kombination mit Lungenröntgen vs. Lungenröntgen-Screenings alleine.

Titel: „Screening for lung cancer“. Cochrane Database of Systematic Reviews DOI: 10.1002/14651858.CD001991.pub2 (Zusammenfassung der Studie)

[2] National Lung Screening Trial Research Team (2011)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte klinische Studie
Teilnehmer: 53 434 Raucher mit hohem Risiko an Lungenkrebs zu erkranken
Dauer: durchschnittlich 6,5 Jahre
Vergleich: Allgemeine und Lungenkrebs-bedingte Sterberate nach jährlichem low-dose CT screening oder nach Bruströntgen
Titel: „Reduced lung-cancer mortality with low-dose computed tomographic screening“. N
Engl J Med. 2011 Aug 4;365(5):395-409. Epub 2011 Jun 29. (Studie im Volltext)

[3] Gopal u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: 14 055 Raucher mit hohem Risiko an Lungenkrebs zu erkranken
Vergleich: Rate an Lungenkrebs-Detektionen sowie falsch positiven Ergebnissen nach low-dose CT screening oder nach Bruströntgen bzw. keinem Screening

Titel: „Screening for lung cancer with low-dose computed tomography: a systematic review and meta-analysis of the baseline findings of randomized controlled trials.“ Journal of Thoracic Oncology 1233-1239 (Zusammenfassung der Studie)