Long Covid: Impfung scheint Risiko zu senken

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Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 4. April 2022
Erschöpfung und Müdigkeit sind ein häufiges Symptom bei Long Covid
Wie häufig Long Covid auftritt, lässt sich bisher nur grob schätzen. Zwei Impfungen könnten das Risiko dafür jedoch um bis zur Hälfte verringern, wenn man trotzdem erkrankt.
Frage:
Verringert die Covid-Impfung die Wahrscheinlichkeit, im Fall einer Corona-Infektion langanhaltende Beschwerden (Long Covid) zu bekommen?
möglicherweise
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Infizieren sich zweifach Geimpfte, ist ihr Risiko später von Long Covid betroffen zu sein möglicherweise nur halb so groß wie das von Nicht-Geimpften. Da es keine klare Definition von Long Covid gibt, lässt sich der Schutzeffekt nicht genau beziffern.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Manche Menschen haben selbst Monate nach Beginn ihrer Corona-Infektion noch gesundheitliche Probleme. Die geläufige Bezeichnung für solche Langzeitfolgen ist Long Covid.

Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein, klare Diagnosekriterien gibt es nicht. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge handelt es sich nur dann um Long Covid, wenn selbst drei Monate oder mehr nach einer Covid-Erkrankung noch immer Beschwerden bestehen.

Viele Betroffene fühlen sich müde und sind rasch erschöpft. Long Covid kann sich aber auch durch Probleme mit dem Gedächtnis und der Konzentration oder durch Kurzatmigkeit äußern. Die Beschwerden können so groß sein, dass sie den Alltag erschweren und das Arbeits- und Sozialleben beeinträchtigen.

Bisher ist nicht gut erforscht, wie groß das Risiko für Long Covid ist, und welche Beschwerden dabei wie häufig sind. Zwischen knapp 1 und 19 Prozent der Infizierten dürften betroffen sein – mehr dazu weiter unten im Text.

Die Impfung schützt davor, wegen einer Covid-19-Erkrankung ins Spital zu müssen. (Wie gut die Impfstoffe wirken, haben wir bereits ausführlich recherchiert). Geimpfte können sich dennoch mit dem Coronavirus infizieren und erkranken.

Schützt die Impfung in diesem Fall wenigstens vor Long Covid als Langzeitfolge?

Long-Covid-Risiko mit Impfung geringer

Zwei Studien [1,2] deuten darauf hin, dass das Long-Covid-Risiko geringer sein dürfte, wenn man zweimal geimpft ist:

In einer dieser Studien mit Corona-Infizierten [1] gaben zweifach Geimpfte im Vergleich zu Nicht-Geimpften um 40 bis 50 Prozent seltener an, von Long Covid betroffen zu sein. Die Befragung fand drei Monate nach Erkrankungsbeginn statt. Die Art es Covid-Impfstoffs machte dabei keinen wesentlichen Unterschied.

Eine andere Studie [2] untersuchte anhaltende Beschwerden einen Monat nach der Ansteckung. Halb so viele zweifach Geimpfte wie Nicht-Geimpfte schätzten sich dabei als Long-Covid-Betroffene ein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht allerdings erst nach drei Monaten von Long Covid.

Unklare Häufigkeit

Wir wollten außerdem wissen, wie häufig Long Covid vorkommt – unabhängig von der Impfung. Dazu haben wir mehrere Studiendatenbanken durchforstet. Doch klare Antworten haben wir nicht gefunden. Je nach Studie unterscheiden sich die Angaben stark.

Drei Monate nach der Coronainfektion waren folgende Beschwerden häufiger als bei nicht-infizierten Gesunden [3,4]:

  • Mindestens ein anhaltendes Gesundheitsproblem: bei durchschnittlich 1% bis 3,5% der Corona-Infizierten
  • Müdigkeit und körperliche Schwäche: 0,24% derjenigen, die sich zuhause auskuriert hatten bis 19% bei Spitalspatientinnen und -patienten
  • Kurzatmigkeit oder Atemnot: 0,06% (zuhause auskuriert) bis 4% (nach Spitalsaufenthalt)
  • Brustschmerzen: 0,13% derjenigen, die sich zuhause auskuriert hatten
  • Verminderter Geruchssinn: 0,03% (zuhause auskuriert) bis 0,4% (nach Spitalsaufenthalt)

Unklar ist, wie schwer die Long-Covid-Symptome der Studienteilnehmenden waren. Die niedrigeren Häufigkeitsangaben stammen von Hausärztinnen und Hausärzten. Berücksichtigt sind nur jene Beschwerden, die ihnen ihre Patientinnen und Patienten mitgeteilt haben [4]. Das war vermutlich eher der Fall, wenn die Symptome belastend waren.

Die höheren Zahlen stammen aus einer Studie, für die Erkrankte direkt nach ihren Symptomen befragt wurden – hier wurden wahrscheinlich auch leichte Beschwerden berücksichtigt [3].

Unabhängig davon deuten Studiendaten [4] darauf hin, dass Long Covid bei manchen Menschen generell häufiger vorkommt, etwa bei:

  • Frauen
  • Personen mit Vorerkrankungen
  • Raucherinnen und Rauchern
  • stark Übergewichtigen
  • gesellschaftlich benachteiligten Menschen (etwa bei Angehörigen einer Minderheit oder Menschen mit geringem Einkommen)

Long Covid bei Kindern

Auch Kinder und Jugendliche können Long Covid bekommen. Je jünger die Kinder sind, umso geringer scheint jedoch das Risiko dafür zu sein. Eine aktuelle Übersichtsarbeit [5] fasst die bisher durchgeführten Studien zusammen.

Ein bis drei Monate nach Beginn der Coronainfektion waren folgende Symptome bei infizierten Kindern und Jugendlichen häufiger als bei Nicht-Infizierten:

  • Verminderter Geruchssinn: bei 8%
  • Kopfschmerzen: bei 5%
  • Verminderte geistige Leistungsfähigkeit: bei 3%
  • Halsschmerzen: bei 2%
  • gereizte Augen: bei 2%

Andere, für Erwachsene typische Long-Covid-Symptome schienen bei Kindern und Jugendlichen nicht gehäuft aufzutreten. Die Ergebnisse sind – wie jene der Erwachsenen auch – mit Vorsicht zu genießen, da sich die einzelnen Studien stark voneinander unterscheiden.

Noch viele Fragen offen

Bei Long Covid ist noch viel unerforscht. Je nachdem, wie man Long Covid definiert, könnten weniger als 1 Prozent oder bis zu 19 Prozent betroffen sein. Ob das auch auf die aktuell verbreitete Omikron-Variante des Coronavirus zutrifft, ist unklar. Zum Long-Covid-Risiko nach einer Infektion mit der Omikron-Variante konnten wir keine Studien finden.

Eine zweifache Impfung könnte bis zur Hälfte der Long-Covid-Fälle verhindern. Diese Ergebnisse sind jedoch mit Unsicherheit behaftet. Wie gut eine dreimalige Impfung vor Long Covid schützt, können wir nicht sagen. Auch das wurde bisher offenbar nicht untersucht.

Weitere Informationen zu Long Covid und einer möglichen Behandlung finden sich auf der unabhängigen Portalseite Gesund.bund.de.

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Die Studien im Detail

Wir haben zwei Fragestellungen untersucht:

  1. Kann die Covid-Impfung das Risiko verringern, im Fall einer SARS-Cov-2-Infektion Langzeitbeschwerden (Long-Covid) zu bekommen?
  2. Wie hoch ist das Long-Covid-Risiko unabhängig von der Impfung?

Dazu haben wir die Forschungsdatenbanken Epistemonikos LOVE sowie die Covid-19-Datenbank der WHO nach aussagekräftigen Studien durchsucht. Berücksichtigt haben wir nur Impf-Studien, die die Häufigkeit von Long-Covid-Beschwerden von Geimpften und Nicht-Geimpften verglichen haben. Um die Häufigkeit von Long Covid unabhängig von der Impfung einzuschätzen, haben wir nur Studien berücksichtigt, die die Häufigkeit von Long-Covid-Symptomen mit denen bei Nicht-Corona-Infizierten verglichen haben. So lässt sich die Wahrscheinlichkeit deutlich verringern, dass hinter den Beschwerden andere Ursachen als eine kürzliche Corona-Infektion stehen.

Zum Einfluss der Impfung auf das Long-Covid-Risiko haben wir zwei einigermaßen aussagekräftige Studien gefunden [1,2]. Zum allgemeinen Risiko für Long Covid bei Erwachsenen haben wir eine Übersichtsarbeit [3] und eine neuere Studie [4] gefunden. Bei Kindern sind wir auf eine aktuelle Übersichtsarbeit gestoßen, die die derzeitige Studienlage abdeckt [5].

[1] Ayoubkhani (2022)

Studienart: Kohortenstudie
Teilnehmende: 3090 SARS-CoV-2-infizierte Personen, die mindestens 14 Tage vor der Infektion zweifach geimpft worden waren (74% mit AstraZeneca, 25.5% mit Pfizer/Biontech), sowie 3090 Nicht-Geimpfte aus England.
Befragungszeitpunkt: 12 Wochen nach Infektion
Was wurde untersucht: Vergleich der Long-Covid-Selbsteinschätzung Geimpfter und Nicht-Geimpfter
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam (Studienfinanzierung durch öffentliche Gesundheitseinrichtungen in Großbritannien)

Aussagekraft der Studie: mittelmäßig
Erhoben wurde, ob die Teilnehmenden sich selbst als Long-Covid-Betroffene einschätzten, also nach 12 Wochen noch immer Symptome hatten, die sie sich nicht anders erklären konnten. Eine klare Definition für Long Covid fehlte jedoch. Zudem waren die meisten Geimpften mit der Delta-Variante infiziert, während der Großteil der Nicht-Geimpften sich mit früheren Virusvarianten angesteckt hatte. Das mindert die Aussagekraft der Studie.

Ergebnisse
Zweifach Geimpfte gaben nur etwa halb so häufig an, von Long-Covid-Symptomen betroffen zu sein wie Nicht-Geimpfte. Das gilt sowohl für leichte als auch für schwere, den Alltag beeinträchtigende Beschwerden.

[2] Antonelli (2021)

Studienart: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmende: 906 SARS-CoV-2-infizierte Personen, die mindestens 14 Tage vor der Infektion zweifach geimpft worden waren, sowie 906 Nicht-Geimpfte aus Großbritannien. Alle Teilnehmenden benutzten eine Covid-Symptom-App auf ihrem Mobiltelefon.
Befragungszeitpunkt: 4 Wochen nach Infektion
Was wurde untersucht: Vergleich der Long-Covid-Selbsteinschätzung Geimpfter und Nicht-Geimpfter
Interessenskonflikte: Studienfinanzierung durch das Unternehmen ZOE, welches die App herstellte, sowie durch öffentliche Gesundheitseinrichtungen

Aussagekraft der Studie:
gering
4 Wochen nach der haben die Teilnehmenden anhaltende Symptome über eine Mobiltelefon-App gemeldet. Angaben zu Beschwerden nach 12 Wochen laut WHO-Definition von Long Covid wurden nicht erhoben.

Ergebnisse
Zweifach Geimpfte gaben nur etwa halb so häufig an, von Long-Covid-Symptomen betroffen zu sein wie Nicht-Geimpfte.

[3] Evidenzbasiertes Informationszentrum für ÄrztInnen (2021)

Studienart: Übersichtsarbeit (Rapid Review), welche die Studienlage bis 24. August 2021 zusammenfasst.
Analysierte Studien: 6 Kohortenstudien mit Daten von insgesamt 228 547 Erwachsenen
Was wurde untersucht: Die Häufigkeit von länger anhaltenden Symptomen bei Personen nach COVID-19-Erkrankung verglichen mit jenen bei Nicht-Erkrankten
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Aussagekraft der Übersichtsarbeit: mittelmäßig
Fünf der sechs analysierten Studien waren methodisch einigermaßen gut durchgeführt. Die Aussagekraft war bei einer hoch und bei vieren unklar.

Ergebnisse
Nach 12 Wochen zeigten sich deutlich mehr Long-Covid-Symptomen bei Infizierten als bei Nicht-Infizierten – allerdings nicht in allen Studien

[4] Nirantharakumar (2022)

Studienart: Retrospektive Kohortenstudie
Teilnehmende: 486 149 Covid-19-Erkrankte, die sich zuhause auskurierten, und 1 944 580 nicht-infizierte Erwachsene aus England
Erhebungszeitpunkt: 12 Wochen nach Infektion
Was wurde untersucht: Aufzeichnungen von Hausärztinnen und -ärzten über die Häufigkeit von Beschwerden bei Covid-19-Erkrankten 12 Wochen nach Infektion verglichen mit jenen bei Nicht-Infizierten
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam (Studienfinanzierung durch öffentliche Gesundheitseinrichtungen in Großbritannien)

Aussagekraft der Studie: hoch
Die Häufigkeiten wurden vermutlich unterschätzt, da vermutlich nicht alle Betroffenen ihre Langzeit-Beschwerden bei Hausärztinnen und -ärzten melden.

Ergebnisse
Nach 12 Wochen zeigten sich deutlich mehr Long-Covid-Symptomen bei Infizierten als bei Nicht-Infizierten.

[5] Behnood (2022)

Studienart: Systematische Übersichtsarbeit, welche die Studienlage bis 31. Juli 2021 zusammenfasst.
Analysierte Studien: 5 Beobachtungsstudien mit Daten von 5568 infizierten und 8471 nicht-infizierten Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren. Mädchen und Buben waren zu etwa gleichen Anteilen beteiligt. In 4 Studien kurierten sich die Erkrankten zuhause aus, in der fünften Studie nahmen teilweise auch Kinder und Jugendliche teil, die im Krankenhaus behandelt werden mussten.
Was wurde untersucht: Die Häufigkeit von länger anhaltenden Symptomen bei Personen nach COVID-19-Erkrankung verglichen mit jenen bei Nicht-Erkrankten; 1 bis 3 Monate nach Infektionsbeginn.
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Aussagekraft der Übersichtsarbeit: mittelmäßig
Die Qualität der Studien stuften die Autorinnen und Autoren bei vier als gut und bei einer als mittelmäßig ein. Allerdings ist unklar, ob in den Studien versucht wurde, mögliche Einflussfaktoren herauszurechnen, die die Ergebnisse verzerren können. Bis auf diesen Mangel fasst die Übersichtsarbeit die Studienlage einigermaßen transparent und vollständig zusammen.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Ayoubkhani (2022)
Ayoubkhani, D., Bosworth, M. L., King, S., Pouwels, K. B., Glickman, M., Nafilyan, V., … & Walker, A. S. (2022). Risk of Long Covid in people infected with SARS-CoV-2 after two doses of a COVID-19 vaccine: community-based, matched cohort study. medRxiv. (nicht begutachtete Studie in voller Länge)

[2] Antonelli (2022)
Antonelli M, Penfold RS, Merino J, et al. Risk factors and disease profile of post-vaccination SARS-CoV-2 infection in UK users of the COVID Symptom Study app: a prospective, community-based, nested, case-control study. Lancet Infect Dis. 2022 Jan;22(1):43-55. (Studie in voller Länge)

[3] Evidenzbasiertes Informationszentrum für ÄrztInnen (2021)
Glechner A., Persad E., Wagner G., Klerings I., Wie häufig sind „Long COVID“-Symptome im Vergleich zu Personen ohne COVID-19? Rapid Review. EbM Ärzteinformationszentrum; Oktober 2021. Abgerufen am 28.3.2022 unter www.ebminfo.at

[4] Nirantharakumar (2022)
Nirantharakumar, K., Subramanian, A., Hughes, S., Myles, P., Williams, T., Gokhale, K., … & Haroon, S. (2022). Assessment of 115 symptoms for Long COVID (post-COVID-19 condition) and their risk factors in non-hospitalised individuals: a retrospective matched cohort study in UK primary care. (nicht begutachtete Studie in voller Länge)

[5] Behnood (2022)
Behnood SA, Shafran R, Bennett SD, Zhang AXD, O’Mahoney LL, Stephenson TJ, Ladhani SN, De Stavola BL, Viner RM, Swann OV. Persistent symptoms following SARS-CoV-2 infection amongst children and young people: A meta-analysis of controlled and uncontrolled studies. J Infect. 2022 Feb;84(2):158-170. (Studie in voller Länge)