Gesünder mit LaVita?

AutorIn: Iris Hinneburg
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger, Claudia Christof

zuletzt aktualisiert: 1. Juli 2020
Eine ausgewogene Ernährung mit Obst und Gemüse macht Vitamin-Zusätze überflüssig
„Mehr Leistungsfähigkeit“ und „in 90 Tagen ein neuer Mensch“ – mit Aussagen wie diesen bewirbt die Herstellerfirma ihr Nahrungsergänzungsmittel LaVita. Was ist dran?"
Frage:
Fördert die Einnahme von LaVita die Gesundheit oder die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit? (Leseranfrage)
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Es gibt keine Studien, die diese Frage direkt überprüft haben.

Wie gehen wir vor?

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Der Handel mit Vitaminen, Mineralstoffen und Nahrungszusätzen boomt. Über 2 Milliarden Euro geben die Menschen in Deutschland jedes Jahr dafür aus – in der Hoffnung, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun [18].

Ein deutschsprachiges Preisvergleichsportal listet rund 10.000 verschiedene Nahrungsergänzungsmittel auf. Doch selbst diese Liste enthält nicht alle erhältlichen Produkte.

70 in einer Flasche

Eines dieser Produkte zur Nahrungsergänzung heißt LaVita. Der Webseite des Herstellers zufolge (Lavita.de) handelt es sich bei dem Mittel um ein Konzentrat aus mehr als 70 Lebensmitteln. In LaVita stecke sozusagen die Essenz von diversen Obst- und Gemüsesorten, Kräutern und pflanzlichen Ölen sowie von Aloe Vera und Grünem Tee.

Der Hersteller empfiehlt, täglich ein bis zwei Esslöffel des Konzentrats zu trinken, eingerührt in ein Glas Wasser. Bei Kosten von 50 Euro für einen halben Liter des Produkts eine eher teure Angelegenheit.

Esslöffelweise Gesundheit

„Innere Ruhe und Gelassenheit“, „in 90 Tagen ein neuer Mensch“ und „mehr Energie“ – diese Aussagen auf der Webseite von LaVita klingen durchaus verlockend. Zusätzlich finden sich im Online-Auftritt des Herstellers Artikel über Leistungsfähigkeit im Sport, Unterstützung von Konzentration und Gedächtnis und andere Beiträge rund um das Thema Gesundheit.

Dies dürfte bei vielen Leserinnen und Lesern den Eindruck erwecken, das Nahrungsergänzungsmittel erhöhe beispielsweise die Konzentration, verbessere sportliche Leistungen oder bekämpfe Müdigkeit und Energielosigkeit – auch wenn das Unternehmen dies nicht wortwörtlich behauptet.

Studien zu LaVita nicht aussagekräftig

Um den Nutzen von LaVita zu belegen, führt die Herstellerfirma auf ihrer Webseite drei Studien an. Lediglich von einer einzigen wurden Ergebnisse veröffentlicht [1-5].

Weitere Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen zu LaVita konnten wir keine finden, selbst bei einer umfangreichen Suche in drei medizinischen Studiendatenbanken. Diese nutzen wir auch sonst standardmäßig.

Also haben wir uns die Ergebnisse dieser einzigen veröffentlichten Studie angesehen: Sie sind leider nicht aussagekräftig. Untersucht wurden dabei Blut- und Urinproben der Teilnehmenden, nachdem sie LaVita eingenommen hatten. Das Ergebnis: Einige medizinische Laborwerte haben sich – laut Autorenteam – nach sechsmonatiger Einnahme zu Studienende verbessert [1-5].

War LaVita wirklich die Ursache für diese berichteten Veränderungen? Oder stecken vielmehr Umstellungen von Ernährung oder Lebensstil dahinter? Das kann die Studie jedenfalls nicht beantworten.

Zwar ist in den verschiedenen Publikationen angegeben, dass insgesamt 48 verschiedene Parameter berücksichtigt wurden, etwa Eisen, B-Vitamine und Folsäure. Allerdings gab es nur bei 20 Parametern den so wichtigen Gruppenvergleich: also zwischen jenen Teilnehmenden, die LaVita eingenommen haben und jenen, die ein nährstoffarmes Scheinpräparat zu sich nahmen.

Nur für drei von insgesamt 48 Werten gibt der Vergleich von LaVita mit einem Scheinpräparat Hinweise auf eine tatsächliche Verbesserung: Homocystein, Coenzym Q10 und Superoxid-Dismutase.

Das mag vielleicht nach einem positiven Gesundheitseffekt klingen, aber: Haben die Testpersonen mit den veränderten Laborwerten auch spürbar von LaVita profitiert? Waren sie etwa seltener krank, weniger müde oder konzentrierter? Die Antwort darauf bleibt offen, denn in der Studie wurde dies gar nicht untersucht.

Der Mensch ist kein Reagenzglas

Auch die auf der Webseite zusammengefassten Ergebnisse von unveröffentlichten Untersuchungen geben keine Antwort darauf, ob der Konsum von LaVita Gesundheit und Wohlbefinden merklich verbessert. Denn in diesen Arbeiten hat das Forschungsteam von LaVita hauptsächlich die chemischen Eigenschaften des Nahrungsergänzungsmittels im Reagenzglas untersucht [10].

Untersuchungen wie diese können zwar interessante Denkanstöße liefern. Doch daraus lässt sich keine klare Aussage über eine direkte Verbesserung der Gesundheit beim Menschen ableiten. Dasselbe gilt für Untersuchungen zur „antioxidativen Kapazität“ [11] oder der (wissenschaftlich fragwürdigen) „Lebendigkeit“ [10] von LaVita.

Gefahr von Nebenwirkungen gering

Dass Nahrungsergänzungsmittel wie LaVita schaden, ist unwahrscheinlich [9]: Die Mikronährstoffe liegen bei dem empfohlenen Esslöffel am Tag unterhalb der Höchstmengen, wie sie die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festgelegt hat [13].

Nur wer regelmäßig Vitaminpräparate in sehr hoher Dosierung einnimmt, muss Nebenwirkungen befürchten, siehe: Vitamintabletten: gesund oder gefährlich?.

Ausreichend versorgt

Wie in Österreich und Deutschland durchgeführte Untersuchungen zeigen, ist der Großteil der Bevölkerung ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt [6,7]. Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, halten Fachleute in der Regel für unnötig [7-9].

Eine ausgewogene Ernährung, die auch Obst und Gemüse beinhaltet, ist demnach ausreichend.

Lediglich in speziellen Fällen raten sie zu Nahrungsergänzungsmitteln. Zum Beispiel in der Schwangerschaft, bei bestimmten Erkrankungen oder wenn ein Vitaminmangel ärztlich festgestellt wurde [7-9].

Behauptungen nicht immer untermauert

Die Herstellerfirma von LaVita betont, dass einzelne Vitamine und Mineralstoffe für bestimmte Bereiche der Gesundheit wichtig sind. Beispielsweise schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite, dass folgende Bestandteile von LaVita zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung beitragen: Eisen, Folsäure, Magnesium, Niacin, Vitamin C, Vitamin B2, B12 und B6.

Solche Aussagen sind nach der EU-Verordnung zu gesundheitsbezogenen Aussagen (Health-Claims-Verordnung) erlaubt. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA ein entsprechendes Gutachten erstellt und die Gesundheitsbehauptung genehmigt hat. Welche Aussagen für welches Vitamin und welchen Mineralstoff zulässig sind, lässt sich in einer Datenbank nachschlagen [14]. Diese Aussagen sind jedoch nicht immer durch wissenschaftliche Belege untermauert.

So ist etwa die Angabe erlaubt: „Folsäure trägt zur Reduzierung von Müdigkeit und Ermüdung/Erschöpfung bei“. Die Begründung der EFSA ist allerdings eher dünn. So heißt es im Gutachten der Lebensmittelbehörde, dass bei Folsäure-Mangel eine bestimmte Art der Blutarmut entstehen kann, die sich in Symptomen wie Schwäche und Müdigkeit äußert [15]. Das ist zwar prinzipiell richtig. Allerdings muss es nicht an einem Folsäure-Mangel liegen, wenn man sich müde und erschöpft fühlt. Dafür sind noch viele andere Gründe denkbar. Und in diesen Fällen hilft Folsäure natürlich nicht.

[Ursprünglich veröffentlicht am 17.9.2015, aktualisiert am 29.8.2018 und am 14.9.2018. Bei einer neuerlichen Literatursuche konnten wir keine zusätzlichen Studien finden, unsere Einschätzung hat sich daher nicht geändert. Allerdings haben wir den Text bei den Aktualisierungen adaptiert. Der Verweis auf den Inhaltsstoff Stutenmilch wurde gestrichen, da sich die Zusammensetzung des Produkts nach Angaben der Herstellerfirma geändert hat.]

Die Studien im Detail

Auf ihrer Webseite führt die Herstellerfirma als Wirksamkeitsbelege drei Untersuchungen [1-5,10,11] an. Nur eine dieser Studien wurde – aufgeteilt auf fünf Artikel – in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht [1-5]. Wir haben sie uns näher angesehen.

Insgesamt nahmen an der Studie, durchgeführt an der Medizinischen Universität Wien, 159 gesunde Frauen und Männer teil. Den Autoren zufolge wurden die Probandinnen und Probanden per Zufall zwei verschieden großen Gruppen zugeteilt.

  • Die Interventions-Gruppe war deutlich größer. Die 116 Teilnehmenden nahmen zweimal täglich zehn Milliliter LaVita, eingerührt in Wasser, ein.
  • Die Kontroll-Gruppe umfasste nur 43 Teilnehmende. Sie bekamen ein gleich aussehendes und schmeckendes Scheinpräparat (Placebo) mit Saft aus Äpfeln, Orangen, Roten Rüben (Rote Bete) sowie Fruchtzucker und Wasser.
  • Unklar ist, ob sich die beiden Gruppen hinsichtlich ihrer Charakteristika (zum Beispiel Lebensstil, Ernährung, Vorerkrankungen) bereits zu Studienbeginn deutlich voneinander unterschieden haben.

Zu Beginn der Studie sowie nach drei und sechs Monaten wurden 48 verschiedene Parameter erhoben, darunter Mikronährstoffe im Blut sowie diverse Biomarker wie Cholesterin oder Homocystein. Ob das Präparat von LaVita auch eine direkte und spürbare Wirkung auf die Gesundheit oder die geistige beziehungsweise körperliche Leistungsfähigkeit hatte, wurde in der Studie nicht untersucht.

Nach sechs Monaten haben sich laut Studienveröffentlichung die Werte einiger Mikronährstoffe und Biomarker bei der LaVita-Gruppe verbessert. Dass dies auf die Einnahme von LaVita zurückzuführen ist, kann die Studie jedoch nicht belegen. Denn für viele dieser verbesserten Werte fehlt ein Vergleich mit der Placebo-Gruppe. Haben sich im Laufe der Studie eventuell die entsprechenden Werte in der Placebo-Gruppe ebenfalls positiv geändert? Das ist unklar.

Lediglich für 3 verbesserte Parameter gibt es einen rechnerischen Vergleich. Dieser zeigt, dass die LaVita-Gruppe deutlich günstiger abschneidet als die Placebo-Gruppe. Ob es sich dabei um tatsächliche Unterschiede oder zufällige Effekte handelt, ist angesichts der methodischen Mängel und einer fragwürdigen statistischen Auswertungsmethode jedoch unklar. Zudem scheinen nicht alle erhobenen Messwerte in den Ergebnissen angeführt zu sein.

Etwas kurios finden wir die Messung zur „Lebendigkeit und die Wertigkeit“ des Nahrungsergänzungsmittels [10]. Zum Einsatz kam dabei die wissenschaftlich nicht anerkannte „Bio-Elektronische Terrain-Analyse nach Vincent“, kurz BEV. Nach Angabe eines Herstellers entsprechender Messgeräte [16] werden dabei physikalische und chemische Parameter von Blut, Urin oder Speichel bestimmt. Verlässliche Aussagen zum gesundheitlichen Nutzen im menschlichen Organismus lassen sich damit nicht machen [17].

Wissenschaftliche Quellen


[1] Muss u. a. (2015)
Studienart: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 159 gesunde Freiwillige (57 Männer und 102 Frauen)
Fragestellung: Wie verändern sich durch die regelmäßige Einnahme von LaVita die Blutspiegel an bestimmten Mikronährstoffen und Biomarkern?
Interessenkonflikte: finanziert durch LaVita

Muss C, Mosgoeller W, Endler T. Neuroprotective impact of a vitamin trace element composition – a randomized, double blind, placebo controlled clinical trial with healthy volunteers. Neuro Endocrinol Lett. 2015;36(1):31-40. (Studie in voller Länge)

[2] Muss u.a. (2015a)
Teilauswertung derselben Studie wie [1]
Muss C, Mosgoeller W, Endler T. Bioavailabilty of a liquid Vitamin Trace Element Composition in healthy volunteers. Neuro Endocrinol Lett. 2015;36(4):337-47. (Studie in voller Länge)

[3] Muss u.a. (2016a)
Teilauswertung derselben Studie wie [1]
Muss C, Mosgoeller W, Endler T. Mood improving Potential of a Vitamin Trace Element Composition–A randomized, double blind, placebo controlled clinical study with healthy volunteers. Neuro Endocrinol Lett. 2016;37(1):18-28. (Studie in voller Länge)

[4] Muss u.a. 2016b)
Teilauswertung derselben Studie wie [1]
Muss C, Mosgoeller W, Endler T. Prevention of „nitrosative stress“ by a nutritional supplement (LaVita®) – a randomized placebo controlled double blind clinical trial with healthy volunteers. Neuro Endocrinol Lett. 2016
Oct;37(5):345-352. (Studie in voller Länge)

[5] Doerfler u.a. (2019)
Doerfler D, Mosgoeller W, Endler TA, Muss C. Potential of the multivitamin-mineral-trace element composition LaVita® before, during and after pregnancy. Neuro Endocrinol Lett. 2019;39(7):501‐514. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[6] Bundesministerium für Gesundheit (2012)
Ernährungsbericht Österreich 2012. Abgerufen am 30. 6. 2020 unter ernaehrungsbericht.univie.ac.at

[7] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2012)
Bechthold A, Albrecht V, Leschik-Bonnet E, Heseker H. Beurteilung der Vitaminversorgung
in Deutschland. Teil 1: Daten zur Vitaminzufuhr. Ernährungs Umschau 59 (2012)
324-336. Abgerufen am 30.6.2020 unter www.ernaehrungs-umschau.de

[8] Österreichische Gesellschaft für Ernährung
Nahrungsergänzungsmittel.
Abgerufen am 30. 6. 2020 unter www.oege.at

[9] UpToDate (2020)
Fairfield KM. Vitamin supplementation in disease prevention. In JA Melin (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30.6.2020 unter www.uptodate.com

[10] LaVita
BEV-Analyse.
Abgerufen am 30.6.2020 unter https://www.lavita.de/mikronaehrstoffkonzentrat/studien/bev-analyse

[11] LaVita
Antioxidative Kapazität von LaVita.
Abgerufen am 30.6.2020 unter https://www.lavita.de/mikronaehrstoffkonzentrat/studien/antioxidative-kapazitaet

[12] Österreichische Gesellschaft für Ernährung (2019)
Zufuhrempfehlungen. Abgerufen am 30. 6. 2020 unter www.oege.at

[13] Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (2006)
Zulässige Zufuhrmengen für Vitamine und Mineralstoffe. Abgerufen am 30. 6. 2020 unter www.efsa.europa.eu

[14] EFSA
Datenbank der EFSA für gesundheitsbezogene Aussagen (Health Claims) für Inhaltsstoffe von Lebensmitteln.
Abgerufen am 30. 6. 2020 unter http://ec.europa.eu/nuhclaims

[15] EFSA (2010)
EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). (2010). Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to folate and contribution to normal psychological functions (ID 81, 85, 86, 88), maintenance of normal vision (ID 83, 87), reduction of tiredness and fatigue (ID 84), cell division (ID 195, 2881) and contribution to normal amino acid synthesis (ID 195, 2881) pursuant to Article 13 (1) of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal, 8(10), 1760. (Dokument in voller Länge)

[16] GM GesundheitsManufaktur GmbH
Abgerufen am 30. 6. 2020 unter www.gesundheitsmanufaktur.de

[17] Psiram
Bio-Elektronische Terrain-Analyse nach Vincent. Psiram.
Abgerufen am 30. 6. 2020 unter www.psiram.com

[18] IQVIA (2019)
Brandt, M. Das Geschäft mit den Nährstoffen brummt. Zugriff am 30. 6. 2020 unter de.statista.com